«Genusswoche»: Wenn Baselland Aas als Delikatesse verkauft
Die Baselbieter Genusswoche 2026 stellt unter dem Motto «Wald & Wild» die Hobby-Jagd als kulinarisches Erlebnis dar. Ein Blick auf die Herkunft des Fleisches zeigt: Das Bild stimmt nicht.
Die 14. Baselbieter Genusswoche steht vom 10. bis 20. September unter dem Motto «Wald & Wild».
Über 50 Anlässe verteilt auf alle fünf Bezirke sollen den «Genuss» in den Vordergrund stellen, mit Wildgerichten in Restaurants, Lehrgängen und einem Erlebnismobil von Jagd Baselland. Präsident Martin Thommen sieht darin eine willkommene Plattform, um der Öffentlichkeit die «facettenreiche» Hobby-Jagd näherzubringen.
Seit wann aber ist Aas Genuss? Was an der Genusswoche als Delikatesse serviert wird, ist kein Fleisch aus einem sterilen Schlachtbetrieb mit Fachpersonal, sondern das Resultat von Hobby-Jägern, die im Wald ohne Kühlung, ohne Hygienestandards und ohne fachgerechte Schlachtung arbeiten. Wie «Wildfleisch vom Hobby-Jäger ist Aas» festhält, bleiben erlegte Tiere bei Treibjagden oft stundenlang liegen, bevor sie geborgen werden, während Rituale wie Verblasen der Strecke oder Schüsseltreiben zelebriert werden. Das ist keine Lebensmittelproduktion, das ist Aas auf dem Teller.
Unreflektierte Jagd-PR statt Journalismus
Der Artikel von Simon Tschopp in der bz Basel übernimmt die Selbstdarstellung von Jagd Baselland praktisch ungeprüft: «facettenreich», Naturschutz, Kulturlandschaftspflege, im Einsatz «wenn andere schlafen». Keine einzige kritische Rückfrage zu Tierschutz, zu wissenschaftlicher Evidenz oder zu den zahlreichen dokumentierten Vorfällen im gleichen Kanton findet sich im Text. Wie genau dieses Muster funktioniert, zeigt das Dossier «Medien und Jagdthemen: Wie Sprache, Bilder und ‹Experten› die Debatte prägen»: Begriffe wie «Hege», «Regulierung» oder «facettenreich» klingen fürsorglich und fachlich, transportieren aber unbenannt die Weltanschauung der Jagdlobby, sobald Medien sie unkommentiert übernehmen. Wer eine Medienkonferenz von Jagd Baselland eins zu eins in einen Artikel verwandelt, betreibt keinen Journalismus, sondern Verlautbarung.
Bezeichnend ist auch das Bild der Medienkonferenz selbst: Neben Martin Thommen posieren dort Liestals Stadtpräsident Daniel Spinnler, Gastro-Baselland-Präsidentin Fabienne Ballmer, Baselland-Tourismus-Projektleiterin Romona Walter, der Präsident des Bäcker-Confiseure-Verbands Reto Ziegler und Baselland-Tourismus-Geschäftsführer Michael Kumli gemeinsam für die Kamera. Eine Stadtbehörde, der Tourismusverband und die Gastronomiebranche haben sich damit vor den Karren der Jagdlobby spannen lassen und ihr eine offizielle, unpolitische Bühne verschafft, die sie sich selbst kaum je hätte organisieren können.
Das ist kein einmaliger Auftritt, sondern strukturell verankert: Auf der offiziellen Website von Baselland Tourismus figuriert Jagd Baselland unter den «Partnern» der Genusswoche, gleichberechtigt neben der Stadt Laufen, dem Baselbieter Obstverband und dem Energieversorger ebl. Eine Interessenorganisation, die vom Töten von Wildtieren lebt, ist damit offiziell in die touristische Vermarktung des Kantons eingebunden, mit Logo-Platzierung und Legitimation durch öffentliche und halböffentliche Trägerinstitutionen. Wer sich so einbinden lässt, sollte sich nicht wundern, wenn die eigene PR ungeprüft in die Zeitung gelangt.
Wie tief diese Einbindung geht, zeigt das Programm selbst: Der Eröffnungsabend am 10. September wird unter dem Titel «Weidmannsheil!» mit Jagdhornbläsern und «Infos zur Jagd» bestritten. Gleich zwei «Wald- und Wild-Lehrgänge», organisiert direkt von den Jagdgesellschaften Sissach und Therwil, waren bereits Wochen im Voraus ausgebucht. Am Liestaler Trüffelmarkt tritt zudem die Jagdgesellschaft Chutzenkopf mit eigenem Stand auf. Die Genusswoche verschafft der Jagdlobby damit nicht nur eine Bühne, sondern liefert ihr direkten, unkritischen Zugang zu einem Publikum, das eigentlich Bäckereien, Obstbau und regionale Produkte entdecken wollte.
Treibjagd bedeutet Todesangst, nicht Qualität
Ein grosser Teil des in der Genusswoche beworbenen Wildfleisches stammt aus Treibjagden, bei denen Tiere über Stunden gehetzt werden, bevor sie erschossen werden. Im Todeskampf schütten die Tiere Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus, die den gesamten Organismus überschwemmen und im Muskelgewebe nachweisbar bleiben. «Treibjagd im Willbrigwald – Angst, Blut und die Täter» beschreibt diesen Vorgang eindrücklich. Fachlich ist das längst dokumentiert: «Wildfleisch: Risiken, Blei und Jagdmythen» hält fest, dass gerade Treib- und Drückjagden das minderwertigste Fleisch überhaupt produzieren, häufig zusätzlich mit Munitionspartikeln belastet.
Auch die Bleibelastung ist keine Randnotiz. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit rät Schwangeren, Kindern und Frauen im gebärfähigen Alter ausdrücklich vom Verzehr bleihaltig geschossenen Wildbrets ab, wie im Dossier «Einstieg in die Jagdkritik» zusammengefasst wird. Wer Aas von einem zu Tode gehetzten, mit Bleisplittern durchsetzten Tier verkauft, verkauft kein Qualitätsprodukt, sondern das Resultat von Tierquälerei und ein Gesundheitsrisiko obendrauf, siehe auch «Achtung: Warnung vor Wildfleisch vom Hobby-Jäger». Wie wenig Kontrolle bei solchen Treibjagden herrscht, zeigt ein Fall aus Muttenz: «Hobby-Jagd Basel-Landschaft: Jagdhunde hetzen Wildschwein» dokumentiert, wie ein Wildschwein-Kind über acht Minuten von Jagdhunden gehetzt und gebissen wurde, während die anwesenden Hobby-Jäger untätig zusahen.
700 Füchse pro Jahr: Regulation ohne Grundlage
Pro Jahr werden im Kanton Baselland rund 1200 Rehe, 1000 Wildschweine und etwa 600 Füchse erlegt. Die offizielle Begründung lautet praktisch immer: Bestandsregulierung. Für den Rotfuchs ist diese Begründung wissenschaftlich widerlegt. Mehr als 30 Jahre wildbiologische Forschung zeigen übereinstimmend keine nachhaltige Regulationswirkung durch die Fuchsjagd, weil Kompensationseffekte wie höhere Geburtenraten und Zuwanderung Abschüsse rasch ausgleichen. Der Kanton Luzern, der als einziger den Gesundheitszustand erlegter Füchse systematisch erfasst, kommt auf über 98 Prozent gesunde Tiere unter den Erlegten, ein Hinweis darauf, dass auch die Seuchenbekämpfung als Argument nicht trägt.
Ausgerechnet Baselland selbst hat diesen Widerspruch bereits offengelegt: Die Behörden ruderten in einer zweiten Stellungnahme zur kantonalen Fuchsjagd-Petition zurück, nachdem eine frühere Antwort ohne einen einzigen wissenschaftlichen Beleg ausgekommen war, «Basel-Landschaft rudert zurück: Erst Regulation, jetzt ‹kein Ziel›». Wer selbst keine klare Zielsetzung mehr formulieren kann, sollte eine Praxis nicht an einer Genusswoche feiern.
Gefährdung geht über den Wald hinaus
Die Bevölkerung ist bereits während der Hobby-Jagd im Wald zusätzlichen Risiken ausgesetzt, und die Genusswoche verschärft dieses Problem, statt es zu thematisieren. Immer wieder werden Unbeteiligte durch Hobby-Jäger verletzt. Solche Fälle sind kein Ausrutscher, sondern ein belegtes Muster: «Die grosse Jagd-Lüge: Wie Hobby-Jäger Europas Unfallzahlen frisieren und ihre Toten verschweigen» zeigt, wie systematisch Verletzungen und Todesfälle im Umfeld der Hobby-Jagd europaweit heruntergespielt werden.
Gefährdet sind dabei nicht nur zufällig Anwesende, sondern auch Menschen, die die Hobby-Jagd kritisch beobachten. In Baselland selbst wurde einer Hunt-Watch-Aktivistin bei einer Treibjagdbeobachtung in Füllinsdorf und Arisdorf von einem Treiber körperliche Gewalt angetan, wie «Gewaltsamer Übergriff auf Aktivistin bei Treibjagd» dokumentiert. Auch der Tierschutz-Aktivist Olivier Bieli wurde in Baselland bereits Ziel von Einschüchterung: «Hobby-Jäger gegen Tierschützer in Basel-Landschaft» schildert, wie ihm bei einer Treibjagd-Beobachtung die Reifen seines Fahrzeugs zerstochen wurden. Wer während der Genusswoche zum Waldspaziergang oder zur Velotour einlädt, während im selben Gebiet geschossen wird und Beobachtende eingeschüchtert werden, nimmt eine reale Gefährdung der Bevölkerung in Kauf, anstatt sie anzusprechen.
Hobby-Jäger: eine Gruppe mit auffälligem Gewaltpotenzial
Martin Thommen betont, Hobby-Jäger seien im Einsatz, «wenn andere schlafen». Das klingt nach Alleinstellungsmerkmal, ist aber keines: Rettungsdienste, Pflegepersonal und viele weitere Berufsgruppen sind ebenfalls nachts aktiv, ganz ohne Schusswaffe. Die eigentliche Auffälligkeit liegt woanders. Der Zugang zu Feuerwaffen und ein Umfeld, das Töten als Freizeitbeschäftigung normalisiert, korrelieren wiederholt mit schwerer Gewalt. Aktuelle Fälle wie «Wieder Femizid durch Hobby-Jäger: 90-Jähriger tötet Ehefrau» oder «Femizid in Faido, Explosion in Leontica: kein Einzelfall, sondern Muster bei Hobby-Jägern» zeigen ein Muster, das sich nicht mit Einzelfällen wegerklären lässt.
Dass in Baselland jährlich 20 bis 25 neue Hobby-Jägerinnen und -Jäger ausgebildet werden und «kein Nachwuchsproblem» besteht, ist aus Sicht des Wildtierschutzes kein Grund zur Freude, sondern ein Anlass zur Sorge.
Naturschutz braucht keine Feuerwaffen
Wer echten Naturschutz betreiben will, kommt ohne Gewehr aus. Wildblumenstreifen, Hecken und naturnahe Gärten leisten für Biodiversität und Bodenbrüter mehr als jede Treibjagd, ganz ohne ein einziges verendetes Tier. Dass ausgerechnet ein «Genuss»-Anlass die Hobby-Jagd als facettenreiche, sympathische Freizeitbeschäftigung inszeniert und ihr Aas als Delikatesse verkauft, blendet Tierleid, wissenschaftliche Evidenz und ein belegtes Gewaltrisiko gleichermassen aus.
Wie eine wissenschaftlich abgestützte Alternative zur bisherigen Fuchsjagd-Praxis aussehen könnte, zeigt der Kanton Zug, der als einziger Kanton eine unabhängige Studie in Auftrag gegeben hat, (siehe die Übersicht «Schluss mit der Fuchsjagd»). Bis auch Baselland diesen Schritt macht, bleibt die «Genusswoche» ein Marketing-Etikett für eine Praxis, die einer kritischen Prüfung nicht standhält.
Genf zeigt, dass es auch anders geht
Dass eine «Genusswoche» ausgerechnet mit Hobby-Jagd wirbt, ist auch deshalb bemerkenswert, weil es in der Schweiz längst ein funktionierendes Gegenmodell gibt. Der Kanton Genf hat die Hobby-Jagd bereits 1974 per Volksentscheid abgeschafft und setzt seither auf ein professionelles, staatliches Wildtiermanagement mit ausgebildeten Wildhütern statt mit Freizeitschützen. Es gibt dort keine Treibjagden, keine Hochsitze, die das Landschaftsbild verschandeln, und keine „Regulierung» von Arten wie Fuchs oder Dachs nur deshalb, weil gerade Jagdzeit ist. Stattdessen setzt Genf auf Vergrämung, gezielte Prävention und wissenschaftlich begründete Einzelmassnahmen.
Wenn Baselland eine «Genusswoche» dem Thema Wald und Wild widmen will, wäre ein Blick nach Genf naheliegender gewesen als eine Bühne für Jagd Baselland. Dort liesse sich zeigen, wie Wildtiermanagement ohne Tierquälerei, ohne Gefährdung Unbeteiligter und ohne die Verklärung von Aas als Delikatesse aussehen kann.
Sobald ein Wildtier erschossen ist, beginnt sein Körper, sich zu verändern: Das Blut gerinnt, die Kühlung fehlt zunächst, und bei Verzögerungen steigen die hygienischen Risiken. Für Wild beim Wild ist klar: Was nach langem Liegen im Wald als regionale Delikatesse vermarktet wird, ist Aas – nicht Genuss.
Statt dass die Tiere unverzüglich geborgen, aufgebrochen und gekühlt werden, gehört bei Gesellschaftsjagden oft zuerst das «Verblasen der Strecke» zum Ritual: Die erlegten Tiere werden nebeneinander ausgelegt, Jagdhornbläser spielen die Totsignale der jeweiligen Arten, und die Jägerschaft erweist sich selbst die «letzte Ehre». Das Jagdbrauchtum spricht von Respekt vor dem Wild. Aus Sicht des Tierschutzes bleibt es jedoch eine sektierische Inszenierung rund um die getöteten Tiere, während die für die Fleischhygiene entscheidende Versorgung im Hintergrund wartet.
Was sich keine professionelle Metzgerei oder Schlachterei erlauben könnte, wird bei der Hobby-Jagd als Naturromantik verkauft. In einem Schlachtbetrieb muss die Entblutung möglichst rasch nach der Betäubung erfolgen; danach folgen geregelte Hygieneabläufe, Fleischkontrolle und Kühlung.
