«Bio Bio Plus» und andere Legenden: Was das Bündner Jagd-Interview verschweigt
Der Bündner Hobby-Jägerpräsident und ein Kulturanthropologe zeichnen in der «Südostschweiz» ein versöhnliches Bild der Hochjagd. Ein Faktencheck zu Wildfleisch, Regulierung und Wolf.
«Was ich nicht weitergebe»
Zur Hochjagd 2026 inszeniert sich die Bündner Hobby-Jagd betont versöhnlich.
Der neue Präsident des Patentjägerverbandes und ein Kulturanthropologe zeichnen in der «Südostschweiz» das Bild einer nachdenklichen, dialogbereiten Hobby-Jagd. Zeitgleich lanciert der Verband einen Verhaltenskodex, der zu Zurückhaltung mahnt. Ein Faktencheck zeigt: Zwischen Rhetorik und Praxis klafft eine Lücke, die kein noch so freundliches Interview schliesst.
Es ist die Zeit des Jahres, in der die Bündner Hobby-Jagd um ihr Bild ringt. Im September öffnet die Hochjagd, und mit ihr beginnt die alljährliche Kommunikationsoffensive. In der «Südostschweiz» sprechen Benjamin Hefti, seit Mai Präsident des Bündner Kantonalen Patentjägerverbandes, und der Kulturanthropologe Nikolaus Heinzer über Leidenschaft, Kultur und die Frage, was das Töten von Wildtieren legitimiert. Der Ton ist nachdenklich, die Kritik wird eingeladen und gleich wieder eingehegt. Fast zeitgleich veröffentlicht der Verband einen Jagd-Kodex, der Respekt, Weidgerechtigkeit und einen sorgsamen Umgang mit Bildern beschwört.
Beides gehört zusammen. Es ist dieselbe Botschaft in zwei Formaten: Die Hobby-Jagd sei moderne Naturpflege, getragen von Verantwortung und Selbstkritik. Wer genauer hinsieht, erkennt jedoch, dass die zentralen Behauptungen dieser Erzählung einer nüchternen Prüfung nicht standhalten. Wir nehmen fünf davon auseinander.
Erste Legende: Der Schuss als Moment höchster Verantwortung
Die eindrücklichste Passage des Interviews gehört dem Schuss. Hefti beschreibt den Tunnelblick, die Konzentration, die Erleichterung nach einem guten Treffer und die Verantwortung, die man in diesen Sekunden trage, vor, während und nach dem Abdrücken. Es ist eine ehrliche Schilderung des Anspruchs. Wie oft dieser Anspruch im Alltag verfehlt wird, zeigen Nachsuchen, Verlustwild und Verstösse gegen die Jagdvorschriften.
Eine Auswertung von Nachsuchen im Kanton Graubünden ergab, dass nur rund 57 Prozent der Nachsuchen auf verletztes Wild mit dem Auffinden und Erlegen des Tieres enden. Bei einem grossen Teil bleibt damit offen, ob und wie lange verletzte Tiere weiterleben oder unauffindbar verenden. Ein Jagdalltag ohne Verletzungen und Nachsuchen ist jedenfalls nicht die Realität. Schon bei der Ansitzjagd, der auf der Bündner Hochjagd üblichen Methode, zieht nach Erfahrungswerten rund jeder zehnte Schuss eine Nachsuche nach sich. Der «sitzende» Schuss, den der Hobby-Jäger Hefti beschwört, ist das erklärte Ziel, nicht der garantierte Normalfall.
Noch deutlicher wird das Bild beim Blick auf die Legalität. Nach Zahlen des Bündner Amts für Jagd und Fischerei fallen im Kanton Jahr für Jahr über tausend Anzeigen und Bussen gegen Hobby-Jäger an, mit einem Spitzenwert von 1384 im Jahr 2017. Diese hohe Zahl dokumentierter Verfahren und Sanktionen wirft Fragen nach Kontrolle, Regelbefolgung und Vollzug auf. Wie systematisch die Strafverfolgung bei Jagddelikten zugleich versagt, dokumentiert unser Dossier zu Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz.
Und die Verantwortung endet nicht beim Wild. Die Hobby-Jagd ist der Umgang mit tödlichen Waffen in einer dicht genutzten Landschaft. Rein rechnerisch passiert in der Schweiz alle 29 Stunden ein Jagdunfall, und ausgerechnet Graubünden ist der unfallträchtigste Kanton. Wie viele Menschen die Hobby-Jagd tatsächlich gefährdet, zeigt unsere Statistik tödlicher Jagdunfälle.
Zwischen dem feierlichen Selbstbild des verantwortungsvollen Schützen und einer Realität aus Fehlschüssen, Verlustwild und tausend jährlichen Verfahren klafft eine Lücke, die kein Interview überbrückt.
Zweite Legende: Wildfleisch als «Bio Bio Plus»
Benjamin Hefti bringt im Interview ein Argument, das in Jägerkreisen zum festen Repertoire gehört: Wildfleisch sei «Bio Bio Plus», nachhaltiger gehe es nicht. Das klingt bestechend und ist doch irreführend.
Hinzu kommt ein Punkt, den das Wort «Bio» verschleiert. «Bio» ist keine Gefühlsbeschreibung für naturnahes Fleisch, sondern steht im Lebensmittelhandel für kontrollierte Produktionsstandards. Wildbret aus freier Hobby-Jagd ist kein automatisch nach Schweizer Bio-Standard zertifiziertes Lebensmittel. Die Formel «Bio Bio Plus» ist deshalb kein Qualitätsnachweis, sondern Jagdmarketing: Sie suggeriert eine kontrollierte ökologische Qualität, die sie nicht belegt.
Dazu passt die Wirklichkeit im Feld. Wildbret hat ein eigenes Hygienerisiko: Zwischen Schuss, oft langer Nachsuche, Bergung, Aufbrechen, Kühlung und allfälliger amtlicher Untersuchung können erhebliche Zeitspannen liegen, in denen im Tierkörper Blutgerinnung und Keimvermehrung einsetzen. Entscheidend wären deshalb eine dokumentierte Kühlkette, fachgerechtes Aufbrechen und eine transparente Deklaration. Von der lückenlosen Kontrolle, der jedes Stück Fleisch aus dem Schlachthof unterliegt, ist die Abgabe von Wild aus der Hobby-Jagd weit entfernt.
Wer Wild als besonders gesundes Naturprodukt verkauft, verschweigt zudem, dass verarbeitetes Fleisch, also auch Wildwurst, Trockenfleisch oder geräucherter Hirschschinken, von der WHO-Krebsforschungsagentur IARC als Gruppe-1-Karzinogen eingestuft ist, in derselben Beweiskategorie wie Tabak und Asbest. Das bedeutet nicht, dass eine Scheibe Wildwurst so gefährlich ist wie Asbest, denn die Einstufung beschreibt die Stärke des wissenschaftlichen Nachweises, nicht die Höhe des Risikos. Es bedeutet aber, dass der Zusammenhang zwischen verarbeitetem Fleisch und Darmkrebs wissenschaftlich gesichert ist. Das steht im offenen Widerspruch zur Werbeformel «Bio Bio Plus».
Ein Produkt, von dessen Konsum eine Bundesbehörde abrät, als «Bio Bio Plus» zu verkaufen, ist mehr als geschöntes Marketing. Denn das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen empfiehlt, mit Bleimunition erlegtes Wild nur selten zu essen; Kinder bis sieben Jahre, Schwangere, Stillende und Frauen mit Kinderwunsch sollen vorsorglich ganz darauf verzichten. Zwar schiessen die Bündner Jäger beim Schalenwild inzwischen überwiegend bleifrei, und seit Februar 2025 ist bleihaltige Kugelmunition auf Paarhufer grundsätzlich verboten. Doch der Materialwechsel löst das Grundproblem nicht. Jeder Schuss trägt Metall in Tier und Landschaft. Beim Blei ist das Fleisch selbst betroffen, weil das Geschoss zersplittert und feinste, kaum sichtbare Partikel weit ins Gewebe eindringen. Kupfergeschosse zersplittern zwar weniger, doch eine Studie der TU München zeigt, dass bleifreie Schrote aus Kupfer und Zink für Gewässerorganismen sogar giftiger sein können als Blei. Ob im Fleisch oder in Boden und Wasser: Die Jagd verteilt Schwermetalle, sie kann das Problem verschieben, nicht auflösen. Von einem rückstandsfreien Naturprodukt ist Wildbret damit weit entfernt.
Wie tief das Problem reicht und warum Politik und Jagdlobby ein längst bekanntes Gift mit Übergangsfristen am Leben halten, zeigt unser Dossier zu Blei in der Jagd, unsere Analyse zu Wildbret und Gesundheitsrisiken sowie unser Faktencheck zur JagdSchweiz-Broschüre.
Dritte Legende: Die Hobby-Jagd reguliert den Wald ins Gleichgewicht
Das stärkste Argument der Hobby-Jagd ist die Bestandsregulierung. Hefti verweist auf den Dichtestress bei 16’000 bis 17’000 Hirschen, und auch Heinzer räumt ein, dass die Regulierung nach aussen das Hauptargument für die Jagd sei. Der Kanton meldet stolz, der Hirschbestand sei seit 2020 um 17 Prozent gesenkt worden.
Die Zahlen sind korrekt. Der Hirschbestand wurde seit 2020 um 17 Prozent oder 2805 Hirsche reduziert. Doch die Erzählung dahinter ist ein Zirkelschluss. Denn dieselbe Reduktion, die als Erfolg der Jägerschaft verkauft wird, fällt zeitlich genau mit der Rückkehr von Wolf und Luchs zusammen. Das Amt für Jagd und Fischerei räumt selbst ein, dass in Regionen mit Wolfsrudeln die Zuwachsrate der Hirsche sinkt. Wer regulierte hier also wirklich?
Noch verräterischer ist ein anderer Mechanismus: die Sonderjagd. Für die Jagd 2026 sieht der kantonale Abschussplan den Abschuss von 4616 Hirschen vor. Jahr für Jahr werden zwischen 4000 und 5000 Hirsche erlegt, und trotzdem ordnet der Kanton regelmässig Sonderjagden an. Sonderjagden zeigen, dass die Hochjagd allein die kantonalen Bestands- und Strukturziele regelmässig nicht erreicht oder nicht präzise genug erreicht. Über Jahrzehnte hat sie es nicht geschafft, die Bestände eigenständig auf ein waldverträgliches Niveau zu bringen. Mit der Rückkehr von Wolf und Luchs kam ein zusätzlicher natürlicher Regulierungsfaktor hinzu. Das Amt für Jagd und Fischerei räumt selbst ein, dass in Regionen mit Wolfsrudeln die Zuwachsrate der Hirsche sinkt.
Damit wackelt das Hauptargument. Der Rückgang lässt sich nicht pauschal allein der Hobby-Jagd zuschreiben. Natürliche Prädation durch Wolf und Luchs, behördlich verordnete Zusatzabschüsse, Jagddruck, Wanderungen und Reproduktion müssten getrennt ausgewiesen werden, bevor die Jägerschaft den Erfolg für sich reklamiert. Wie sie den Effekt dennoch als Beleg ihrer eigenen Unverzichtbarkeit verkauft, dokumentieren wir in der Analyse Graubünden meldet sinkende Hirschbestände.
Und selbst wenn man das Regulierungsargument beim Hirsch gelten liesse, trägt es den Rest der Jagd nicht. Denn geschossen wird weit mehr als Schalenwild. Auf der Niederjagd und der Passjagd erlegen die Bündner Hobby-Jäger Füchse, Dachse, Marder, Hasen und Vögel, Arten, bei denen von Dichtestress im Wald keine Rede sein kann. Bezeichnenderweise hat ein früherer Präsident des Bündner Patentjägerverbandes, Robert Brunold, die Niederjagd öffentlich als nicht nötig, aber berechtigt bezeichnet. Damit ist das Regulierungsargument für einen erheblichen Teil der Hobby-Jagd vom eigenen Spitzenverband kassiert. Übrig bleibt, was auch Heinzer einräumt: Man jagt, weil man es gern tut.
Bei den Beutegreifern trägt das Argument ohnehin nicht. Ihre Bejagung lässt sich nicht mit Waldverbiss begründen, denn Füchse, Marder und Dachse fressen keine Baumtriebe. Ihre ökologischen Funktionen in den Nahrungsnetzen, etwa die Kontrolle von Kleinsäugern und Nagern, werden im Interview vollständig ausgeblendet. Wer sie regelmässig bejagt, greift in genau jene natürliche Regulierung ein, auf die sich die Hobby-Jagd bei anderer Gelegenheit beruft.
Vierte Legende: Der Wolf werde nur «schadstiftend» und massvoll bejagt
Beim Wolf gibt sich Hefti staatsmännisch. Der Wolf habe bis zu einer gewissen Zahl seine Berechtigung, schadstiftende Tiere müsse man aber konsequent bejagen. Was im Interview unerwähnt bleibt: Hefti spricht als SVP-Grossrat und Landwirt, also aus einer Position mit unmittelbarem Eigeninteresse an einer schwachen Wolfspräsenz.
Vor allem aber ist die Formel «schadstiftende Wölfe» eine Nebelkerze. Sie klingt nach gezielter Reaktion auf einzelne Tiere, die trotz wirksamem Herdenschutz wiederholt Nutztiere reissen. Die bewilligte Praxis geht jedoch weiter. Für die Regulationsperiode 2025/26 durften in Graubünden in allen Rudeln mit bestätigtem Nachwuchs bis zu zwei Drittel der Welpen geschossen werden, und zwar proaktiv, bevor erhebliche Schäden eintreten. Die entscheidende Pointe ist nicht, ob ein Jungtier später hypothetisch Schaden anrichten könnte, sondern dass die Regelung gerade vor dem Nachweis erheblicher Schäden ansetzt.
Wie weit das von gezielter Schadensabwehr entfernt ist, zeigt die Auswahl der Rudel. Betroffen war etwa das Muchetta-Rudel, das über Jahre zurückgezogen lebte und keine besonderen Schäden verursachte. Am Ende der Saison zog der Kanton Bilanz: 18 Wölfe während der Jungtierregulation in sieben Rudeln, 14 weitere durch die Entnahme von drei ganzen Rudeln, dazu drei Einzelwölfe, insgesamt 35 getötete Tiere. Und die Praxis läuft weiter. Für die Periode ab September 2026 hält Graubünden ausdrücklich an der proaktiven Regulation fest.
Auch die scheinbar ausgewogene Position des Kulturanthropologen hält hier nicht stand. Nikolaus Heinzer sagt, es gebe nicht die objektive Zahl, wie viele Wölfe es vertrage; das sei eine gesellschaftliche Aushandlung. Das trifft die politische Frage, wie viele Wölfe eine Gesellschaft toleriert. Es verwischt aber die biologische, und die ist sehr wohl erforscht. Wölfe leben in streng abgegrenzten Territorien, in denen ein Rudel ausser dem eigenen Nachwuchs keine fremden Tiere duldet. Junge Wölfe wandern mit rund zwei Jahren ab und suchen sich ein eigenes Revier, oft über weite Distanzen quer durch Europa. Territorialität, Beuteangebot, Abwanderung und soziale Dynamik begrenzen das Wachstum einer Wolfspopulation auf begrenztem Raum. Daraus folgt nicht, dass jede Regulierung wirkungslos wäre, wohl aber, dass ihre Notwendigkeit und Wirkung nachgewiesen werden müssten, statt sie als blosse Meinungsfrage darzustellen.
Dass es dabei nicht um akute Schadensabwehr geht, belegt auch die Entwicklung der Risse. Die Wolfsrisse haben nach einem Höchststand 2022 mit 1789 Rissen bereits 2023 gesamtschweizerisch um rund 40 Prozent und in Graubünden um knapp 50 Prozent abgenommen, und dies bevor die präventive Regulierung am 1. Dezember 2023 begann. Der Rückgang begann also vor Beginn der proaktiven Regulation. Die Daten widerlegen damit die Behauptung, allein die Regulierung habe ihn verursacht. Sie folgt einer politischen Erwartungshaltung stärker als einer nachgewiesenen Notwendigkeit.
Wie fehleranfällig dieses System obendrein ist, zeigt ein besonders bitterer Fall: In Graubünden wurden auf der Wolfsjagd drei ebenfalls geschützte Luchse getötet. Die Einordnung liefert unser Dossier zum Wolf in der Schweiz sowie die Analyse zu den proaktiven Wolfsabschüssen in Graubünden.
Fünfte Legende: «Einer der grössten Naturschutzverbände»
Am selbstbewusstesten tritt Hefti auf, wenn er die Hobby-Jagd zum Naturschutz umdeutet: über 25’000 Hegestunden pro Jahr, für Baumpflanzungen, Äsungsflächen, Amphibienförderung. Die Jägerschaft sei einer der grössten Naturschutzverbände im Kanton, es seien eben nicht nur die 21 Tage Jagd im Herbst.
Die Zahl klingt gewaltig, schrumpft bei näherem Hinsehen aber zur Symbolik. Denn die Bündner Patentjagd zählt über 5000 Jäger. 25’000 Stunden auf so viele Köpfe verteilt ergeben rund fünf Stunden pro Person und Jahr. Zum Vergleich: Der Kanton Jura schreibt seinen Hobby-Jägern einen gesetzlichen Hegetag von acht Stunden vor. Ein einziger obligatorischer Arbeitstag im Jura übertrifft also die freiwillige Bündner Jahresleistung pro Kopf deutlich.
Dazu kommt ein struktureller Einwand. Im Jura ist die Pflicht individuell zugeordnet und überprüfbar. In Graubünden fehlt jede vergleichbare Erfassung. Die 25’000 Stunden sind eine Verbandsbehauptung, kein belegter Wert. Und weil die Patentjagd kein Reviersystem kennt, in dem einzelne Hobby-Jäger für eine bestimmte Fläche verantwortlich wären, lässt sich diese Hege weder einer Person noch einem Gebiet zurechnen. Sie ist eine Kennzahl für die Öffentlichkeit, nicht ein nachprüfbarer Naturschutzbeitrag.
Vor allem aber ist Naturpflege kein Verdienst, der der Hobby-Jagd allein gehört. Wie unspektakulär echte, uneigennützige Naturpflege aussieht, zeigt das Bergwaldprojekt, eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz im bündnerischen Trin. Allein 2024 leisteten schweizweit rund 2900 Freiwillige über 14’000 Arbeitstage im Bergwald, in der Grössenordnung von rund 100’000 Arbeitsstunden pro Jahr. Diese Menschen pflanzen, verbauen und pflegen ohne Jagdschein und ohne Gegenleistung. Die Hobby-Jagd hingegen verknüpft ihre Hege untrennbar mit dem eigenen Vergnügen: Wer hegt, erwirbt das Patent und darf im Herbst töten. Das ist kein Frondienst für die Allgemeinheit, sondern Teil eines Tauschgeschäfts, an dessen Ende der eigene Abschuss steht. Wer echte, uneigennützige Naturpflege sehen will, findet sie bei jenen, die dafür nichts zurückverlangen.
Wie sehr sich die Hobby-Jagd über ihr Image statt über ihre Praxis definiert, zeigt gerade der Blick über die Kantonsgrenze in unserer Analyse «Das Image ist das Produkt, nicht die Praxis».
Die Inszenierung der Ausgewogenheit
Der eigentliche Trick des Interviews liegt nicht in einzelnen Aussagen, sondern in seiner Anlage. Es verspricht «unterschiedliche Perspektiven», besetzt die Gegenseite aber mit einem Kulturanthropologen, der selbst sagt: «Wie viel tatsächlich reguliert werden muss, kann ich nicht sagen, ich bin kein Ökologe.» Das ist ehrlich, entlarvt aber die Konstruktion. Denn damit steht der Verbandspräsident, ein Interessenvertreter mit politischem und materiellem Eigeninteresse, einem Kulturanthropologen gegenüber, nicht einer Fachperson, die seine Behauptungen prüfen könnte.
Wer wirklich fehlt, sind die Stimmen, die zählen würden: unabhängige Wildbiologie zur Frage, ob und wie viel Regulierung nötig ist; Waldökologie zur Rolle von Klimakrise, Forstwirtschaft und Freizeitdruck bei den «Wildschäden»; Tierschutz zur Frage, ob Leidminimierung eine Tötung rechtfertigt; Herdenschutz statt nur Nutztierhaltung und Jagd. So entsteht keine Debatte, sondern eine freundlich moderierte Selbsterklärung der Hobby-Jagd, der niemand widerspricht, der es fachlich könnte.
Der Kodex, der sich selbst entlarvt
Am aufschlussreichsten ist der Verhaltenskodex, den der Verband parallel zum Interview präsentiert und den Hefti selbst anspricht. Er soll «Leitplanken» setzen und zeigen, wie modern und verantwortungsvoll die Hobby-Jagd sei. Tatsächlich sagt er mehr aus, als beabsichtigt.
Denn der Kodex hält fest, dass Sensationsbilder, unnötig inszenierte Darstellungen von erlegtem Wild oder Inhalte, welche Tiere herabwürdigen, den Grundsätzen einer modernen und weidgerechten Jagd widersprechen. Eine solche Mahnung schreibt man nicht ins Leere. Der Kodex ist kein Beweis für einen flächendeckenden Missstand, aber ein Eingeständnis, dass der Verband problematische Selbstdarstellungen und Bilder aus den eigenen Reihen als reales Reputationsrisiko wahrnimmt. Nicht die Existenz von Regeln beweist Verantwortung, sondern ihre Befolgung, Kontrolle und Sanktionierung.
Damit schliesst sich der Kreis. Das Problem dieses Interviews ist nicht, dass ein Hobby-Jäger über Verantwortung, Naturerfahrung oder Zweifel spricht. Solche Erfahrungen können aufrichtig sein. Problematisch ist, dass die Zeitung daraus fast eine Prüfung der Hobby-Jagd macht, ohne die entscheidenden Prüfstellen zu besetzen.
Wer «Bio Bio Plus» sagt, muss über Munition und Lebensmittelsicherheit sprechen. Wer Waldschutz sagt, muss Klimakrise, Forstwirtschaft, Jagddruck und natürliche Beutegreifer mitdenken. Wer «schadstiftende Wölfe» sagt, muss erklären, weshalb Graubünden proaktiv Jungtiere tötet, bevor erhebliche Schäden eintreten. Wer von Weidgerechtigkeit spricht, darf Nachsuchen, Verlustwild und die hohe Zahl dokumentierter Jagdverfahren und Sanktionen nicht ausblenden.
Der Bündner Patentjägerverband will die Hobby-Jagd als moderne Naturpflege präsentieren. Die Fakten zeigen ein widersprüchlicheres Bild: eine Freizeitpraxis mit erheblichem Tötungs- und Leidrisiko, mit politischen Eigeninteressen, mit offenen Umwelt- und Gesundheitsfragen und mit einer Regulierung, deren Notwendigkeit sich nicht durch Selbstbeschreibung beweisen lässt.
Dass es auch anders geht, zeigt der Kanton Genf. Er hat die private Hobby-Jagd 1974 per Volksabstimmung abgeschafft und überträgt die Wildtierregulierung seither ausgebildeten, staatlich angestellten Wildhütern. Seit über fünfzig Jahren funktioniert dort ein Modell, das Regulierung von Freizeitvergnügen, Eigeninteresse und Verbandspolitik trennt.
Dialog auf Augenhöhe beginnt nicht beim besseren Image. Er beginnt dort, wo die Hobby-Jagd ihre Behauptungen unabhängig überprüfen lässt.
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