4’616 Hirsche: Was die Bündner Jagdplanung offenlegt und was sie nicht beweist
Der Kanton Graubünden plant 2026 die Tötung von 4'616 Rothirschen. Eine Prüfung der kantonalen Planung, der Jagdvorschriften und der Bestandsdaten zeigt: Hinter der Zahl stehen ein dauerhaftes Zweistufensystem, offene Fragen zur Wirksamkeit der Hobby-Jagd und eine Debatte über Tierleid, Beutegreifer und Waldschutz.
«Wiegenlied für die Ungezählten»
Der Kanton Graubünden plant 2026 die Tötung von 4’616 Rothirschen.
Darunter sind 2’514 weibliche Tiere. Der geschätzte Frühlingsbestand wird mit 13’485 Rothirschen angegeben, nach 13’585 im Vorjahr. Die Zahlen sind öffentlich: Das Amt für Jagd und Fischerei publiziert seine Planung, die Bestandsannahmen und die jagdrechtlichen Grundlagen.
Doch aus einer publizierten Abschusszahl wird noch kein Nachweis dafür, dass die Tötung von 4’616 Wildtieren ökologisch notwendig, wirksam oder ethisch vertretbar ist. Hinter der nüchternen Zahl steht ein System aus Hochjagd, Sonderjagd, Abschussquoten und staatlich organisierter Hobby-Jagd. Dieses System macht aus fühlenden Tieren «Stücke», aus Muttertieren und Kälbern «Kategorien» und aus einer Gewaltpraxis eine Frage der Planerfüllung.
Eine kritische Prüfung der kantonalen Planung, der Jagdvorschriften und der Jagdergebnisse zeigt: Die Bündner Jagdverwaltung legt viel offen. Was fehlt, ist der unabhängige Beweis, dass gerade diese Jagdform die behaupteten Ziele erreicht und es keine wildtiergerechteren Alternativen gibt.
Die Sonderjagd ist kein Ausrutscher
Die Bündner Hochjagd findet im September statt. Danach entscheidet das zuständige Departement aufgrund der Hochjagdstrecke, ob und wo eine Sonderjagd angeordnet wird. Für 2026 ist sie je nach Region zwischen dem 31. Oktober und dem 20. Dezember möglich; pro Gebiet sind maximal zehn halbe Jagdtage vorgesehen.
Rechtlich ist die Sonderjagd also eine separat anzuordnende zweite Jagdphase. Sie findet nicht automatisch statt. Politisch und organisatorisch ist sie aber kein fremder Ausnahmezustand, sondern ein fest vorgesehenes Instrument des Bündner Jagdsystems. Die Frage ist deshalb nicht, ob der Kanton ihre rechtliche Grundlage publiziert. Das tut er. Die Frage lautet: Weshalb reicht die reguläre Hochjagd so oft nicht aus, um die von der Behörde selbst gesetzten Ziele zu erreichen?
Das Jagdjahr 2023 zeigt, wie gross die Bedeutung dieser zweiten Phase sein kann. Der kantonale Abschussplan sah 5’278 Rothirsche vor. Für die sogenannte qualitative Planerfüllung sollten mindestens 3’050 weibliche Hirsche erlegt werden. Nach Ende der Hochjagd erklärte der Kanton, dass während der Sonderjagd noch 2’218 weibliche Hirsche und deren Kälber getötet werden müssten, damit der jagdliche Auftrag erfüllt werde.
Am Ende kamen laut detaillierter kantonaler Auswertung 4’928 Rothirsche zur Strecke. Die quantitative Zielerfüllung lag bei 93,4 Prozent. Von den vorgesehenen 3’050 weiblichen Tieren wurden 2’463 erlegt. Die für die Regulierung besonders relevante qualitative Zielerfüllung lag damit bei 80,8 Prozent. Die kantonale Medienmitteilung nannte mit 4’909 Hirschen ein fast gleiches Gesamtergebnis.
Das beweist nicht, dass die Sonderjagd jedes Jahr zwingend sei. Es zeigt jedoch, dass die zweite Jagdphase eine erhebliche Rolle spielt, sobald die Hochjagd die gewünschte Zahl weiblicher Tiere nicht liefert. Der Kanton bezeichnet sie als Instrument der Regulation. Aus Sicht des Tierschutzes stellt sich eine andere Frage: Weshalb wird nicht zuerst ernsthaft geprüft, ob Jagdzeiten, Ruhegebiete, Störungsreduktion oder die Organisation der Hochjagd so verändert werden könnten, dass die spätere Jagd auf weibliche Hirsche und Kälber überflüssig wird?
Der «hohe Bestand» braucht Kontext
Die kantonale Planung schätzt den Frühlingsbestand 2026 auf 13’485 Rothirsche. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Rückgang um 100 Tiere. Der Kanton ordnet den aktuellen Wert in seine Strategie «Lebensraum Wald-Wild» ein und bewertet ihn als Teil einer seit 2020 angestrebten Bestandsreduktion.
Doch Bestandszahlen sind keine direkten Kopfzählungen. Sie beruhen auf Taxationen, Jagdstrecken, Fallwild, regionalen Beobachtungen und rechnerischen Annahmen. Sie sind für die Planung wichtig, aber sie besitzen nicht die Genauigkeit, die politische Debatten oft suggerieren. Eine Schätzung von 13’485 Tieren bedeutet nicht, dass genau 13’485 Rothirsche im Kanton leben und dass die Tötung von exakt 4’616 Tieren daraus zwangsläufig folgt.
Auch die historische Entwicklung spricht gegen eine einfache Alarmrhetorik. Der Rothirschbestand in Graubünden verlief nie linear. Die BAFU-Zeitreihe zeigt über Jahrzehnte Phasen des Anstiegs und Rückgangs: von knapp 10’000 Tieren Ende der 1960er-Jahre auf rund 15’000 Tiere in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren, danach wieder deutlich tiefer, später erneut auf ein Hoch von rund 16’600 Tieren in den Jahren 2017 bis 2019. Seither ist der Bestand nach kantonalen Schätzungen zurückgegangen.
Der aktuelle Wert liegt damit deutlich unter dem jüngsten Höchststand und innerhalb einer langfristig sichtbaren Schwankungsbreite. Daraus folgt nicht, dass es keine lokalen Probleme geben kann. Aber die Behauptung eines ausserordentlichen, zwingend durch die Hobby-Jagd zu lösenden «Überbestands» ist mit einer einzelnen Gesamtzahl nicht belegt.
Noch deutlicher wird das beim Blick auf die Jagdstrecke. Während in den 1930er- und 1940er-Jahren meist nur einige Hundert Rothirsche pro Jahr erlegt wurden, liegen die Abschüsse heute regelmässig bei mehreren Tausend Tieren. Um 2018 erreichten sie rund 6’500 Tiere. Die steigende Jagdstrecke beweist jedoch nicht automatisch einen entsprechend steigenden Bestand. Sie zeigt zunächst, wie stark die staatlich organisierte Entnahme tierquälerisch ausgeweitet wurde.
Jagd ist kein neutraler Regler
Die Jagdbehörde behandelt die Hobby-Jagd als Mittel zur Bestandsregulierung. Auch die BAFU-Vollzugshilfe beschreibt die Regulierung von Rothirschen über mehrere Kriterien: Geschlechterverhältnis, Anteil der Jungtiere und eine Entnahme, die je nach Zielsetzung über dem jährlichen Zuwachs liegen muss.
Doch eine Abschusszahl ist nicht gleichbedeutend mit einer einfachen Bestandsreduktion. Wildtierpopulationen reagieren auf starke Eingriffe. Wenn weniger Tiere um Nahrung konkurrieren, können die Überlebenden besseren Zugang zu Futter haben, in besserer körperlicher Verfassung durch den Winter kommen und sich früher oder erfolgreicher fortpflanzen. Solche kompensatorischen Reaktionen sind aus der Populationsbiologie bekannt.
Das bedeutet nicht, dass jeder Abschuss wirkungslos wäre oder Jagd zwingend zu steigenden Beständen führt. Wie stark solche Effekte ausfallen, hängt von Dichte, Altersstruktur, Geschlechterverhältnis, Nahrungsangebot, Klima, Lebensraum, Wanderungen und Beutegreifern ab. Für Graubünden kann diese Frage nur mit regionalen Langzeitdaten beantwortet werden.
Gerade deshalb ist es problematisch, wenn die Jagd sich selbst mit Abschusszahlen als erfolgreiche Regulierungsinstanz bestätigt. Eine hohe Strecke beweist nicht, dass ein Problem gelöst wurde. Sie beweist zunächst, dass viele Tiere getötet wurden. Entscheidend wären unabhängige Antworten auf andere Fragen: Sinkt der Verbiss in den tatsächlich belasteten Waldflächen? Verändern sich Wilddichte und Raumnutzung? Welche Rolle spielt die Jagdstörung? Und welchen Anteil haben Winter, Lebensraum und Beutegreifer?
Wolf und Luchs gehören dazu
Der Kanton anerkennt selbst, dass Beutegreifer Teil der Bestandsdynamik sind. Die Jagdbetriebsvorschriften halten fest, dass Kälber in Regionen mit Wolfsrudeln in ihren ersten Wochen und Monaten häufig von Wölfen erbeutet werden. In den Regionen Surselva, Mittelbünden und Heinzenberg wurde der weibliche Anteil des Abschussplans deshalb von 60 auf 50 Prozent reduziert.
Das ist mehr als eine technische Anpassung. Es zeigt, dass die Jagd nicht die einzige Kraft ist, welche die Zahl und Struktur einer Hirschpopulation beeinflusst. Wölfe und Luchse verändern die Kälbersterblichkeit, die Raumnutzung und das Verhalten von Huftieren. Winterverluste, Nahrung, Lebensraumqualität und Wanderbewegungen wirken ebenfalls.
Der Rückgang des Rothirschbestands seit dem jüngsten Höchststand kann deshalb nicht einer einzigen Ursache zugeschrieben werden. Die Jagd kann ihn beeinflussen. Beutegreifer können ihn beeinflussen. Auch Wintersterblichkeit, Lebensraum und kantonale Planung wirken gleichzeitig. Es ist daher irreführend, wenn die Hobby-Jagd sinkende Bestandszahlen allein als eigenen Regulierungserfolg verbucht.
Gerade die Präsenz von Wolf und Luchs stellt die alte Jagderzählung infrage, wonach der Mensch als bewaffneter Freizeitjäger unverzichtbar sei, um «das Gleichgewicht» herzustellen. Beutegreifer sind keine Störung eines angeblich natürlichen Jagdsystems. Sie sind ein Teil funktionierender Ökosysteme – und sie erfüllen ihre Rolle ohne Trophäe, Patent und Abschusskontingent.
Der Etikettenschwindel mit dem «Waldschädling»
Um hohe Abschüsse zu rechtfertigen, wird der Rothirsch oft zum Waldschädling erklärt. Er behindere die Verjüngung des Schutzwaldes, verursache Verbiss und gefährde damit Sicherheit und Infrastruktur. Diese Erzählung klingt einfach. Die ökologische Realität ist es nicht.
Wald-Wild-Konflikte entstehen nicht allein aus der Zahl der Tiere. Entscheidend sind auch Waldstruktur, Baumarten, Futterangebot, Ruhe- und Rückzugsräume, touristische Nutzung, Forstarbeiten, Verkehr, Fütterung, Beutegreifer und die Intensität der Hobby-Jagd. Wer den Verbiss allein auf eine vermeintlich zu hohe Zahl Rothirsche reduziert, blendet diese Faktoren aus.
Die Hobby-Jagd kann Wildtiere selbst in problematische Räume drängen. Forschung zeigt, dass Hirsche auf Jagddruck mit Flucht, erhöhter Wachsamkeit und veränderter Aktivität reagieren. Sie verlagern sich in störungsärmere Gebiete, nutzen dichte Deckung und werden stärker nachtaktiv. Es ist deshalb plausibel, dass die Hobby-Jagd beeinflusst, wo und wann Rothirsche fressen – unter Umständen gerade in jenen Waldflächen, deren Verbiss später als Argument für weitere Abschüsse dient.
Das bedeutet nicht, dass die Hobby-Jagd allein den Verbiss verursacht. Aber sie ist Teil des Problems, das sie zu lösen vorgibt. Wer den Schutzwald schützen will, muss Störung, Lebensraumqualität und die räumliche Nutzung der Tiere ebenso ernst nehmen wie Abschussquoten. Eine Politik, die zuerst Unruhe erzeugt und danach die Reaktion der Tiere als Begründung für ihre Tötung verwendet, ist keine neutrale Wildtierpolitik.
Wenn Tiere zu Beeren werden
Wie brüchig die Behauptung einer ökologisch notwendigen «Regulation» ist, zeigt die Niederjagd. Sie betrifft Arten wie Feldhase, Fuchs, Dachs, Marder, Birkhahn, Schneehuhn, Ringeltaube, Krähe, Elster, Kormoran, Stockente und weitere Tiere. Die Bündner Jagdvorschriften geben damit nicht nur Huftiere frei, bei denen sich die Hobby-Jagd wenigstens rhetorisch auf Wald- oder Bestandsziele beruft.
Der frühere Präsident des Bündner Patentjäger-Verbands, Robert Brunold, brachte die Haltung 2015 gegenüber SRF auf den Punkt. Die Niederjagd sei nicht nötig, aber berechtigt. Man könne sich ebenso fragen, ob es sinnvoll sei, Beeren und Pilze im Wald zu sammeln. Mit der Niederjagd nutze man ein «Naturprodukt».
Dieser Vergleich offenbart mehr, als er verdecken soll. Beeren und Pilze empfinden keine Angst. Sie fliehen nicht vor Menschen, sie werden nicht angeschossen, sie verbluten nicht, sie versorgen keine Jungen und leben nicht in sozialen Beziehungen. Ein Fuchs ist keine Waldfrucht. Ein Feldhase ist kein Vorrat. Ein Birkhahn ist kein «Produkt», das es zu bewirtschaften braucht.
Brunold sprach ausdrücklich über eine Hobby-Jagd, die er selbst nicht als notwendig bezeichnete. Damit fällt die Schutzbehauptung der Regulierung weg. Was bleibt, ist eine Praxis, in der Tiere getötet werden, weil Menschen das Töten als Tradition, Freizeitbeschäftigung oder erlaubte Aneignung beanspruchen.
Genau darin zeigt sich der Kern der Hobby-Jagd. Sie ist nicht bloss eine technische Massnahme für den Waldschutz. Sie ist eine kulturell und politisch geschützte Gewaltpraxis, die Tiere zu verfügbarer Beute erklärt. Die Niederjagd entlarvt damit die Regulierungserzählung: Wo keine Notwendigkeit behauptet wird, bleibt nur das Vergnügen an der Verfügung über Leben und Tod.
Tierleid mit System
Die Sprache der Jagdplanung ist nüchtern: «Abschussplan», «Freigabe», «Kategorien», «Strecke», «qualitative Zielerfüllung». Sie lässt verschwinden, was diese Worte bedeuten: Tiere werden gehetzt, erschreckt, voneinander getrennt, angeschossen, getötet oder verletzt zurückgelassen.
Während der Hochjagd 2022 wurden in Graubünden knapp 9’200 Hirsche, Gämsen, Rehe und Wildschweine erlegt. Rund 790 davon – nahezu jeder zehnte Abschuss – betraf Tiere, die nach den geltenden Jagdvorschriften nicht jagbar waren. Ein Wildbiologe des Amts für Jagd und Fischerei erklärte gegenüber SRF, dieser Anteil sei «jährlich immer etwa gleich».
Nicht jedes nicht jagbare Tier ist gleichzusetzen mit einem absichtlichen Verstoss. Aber die Zahl zeigt ein strukturelles Problem. Sie umfasst zudem nicht die gesamte Dimension des Tierleids. Anschüsse, Nachsuchen und Tiere, die verletzt entkommen und nicht gefunden werden, sind davon zu unterscheiden. Eine Hobby-Jagd, bei der nach Angaben der Behörden regelmässig ungefähr jeder zehnte Abschuss ein nicht jagbares Tier betrifft, kann sich nicht glaubwürdig als präzise, kontrollierte und «waidgerechte» Praxis darstellen.
Auf der Sonderjagd verschärft sich die ethische Frage. Die Hobby-Jagd richtet sich dort regional und nach Kategorie zusätzlich auf weibliche Hirsche und Kälber. Diese Freigaben gehen über jene Kategorien hinaus, die während der Hochjagd gelten. Das System erhöht den Druck gerade dann, wenn die behördliche Abschussquote nicht erfüllt wurde.
Aus Sicht des Tierschutzes ist dies besonders problematisch: Die rechtliche Freigabe verhindert nicht, dass Muttertiere und von ihnen abhängige Kälber betroffen sind. Sie findet zudem in einer Jahreszeit statt, in der Wildtiere Energie sparen und sich auf den Winter vorbereiten müssen. Während die Hobby-Jagd im Herbst «Waidgerechtigkeit» beschwört, weitet sie ihre Eingriffe aus, sobald die Quote nicht stimmt.
Die BAFU-Statistik weist für Graubünden zusätzlich «Spezialabschüsse» aus. In mehreren Jahren, insbesondere zwischen 2007 und 2020, betrafen diese nicht nur Stiere, sondern auch Kühe und Kälber. Die Statistik bildet nicht die gesamte Sonderjagd ab. Sie zeigt aber, dass zusätzliche Eingriffe wiederholt gerade jene Tiergruppen trafen, die für Nachwuchs, soziale Organisation und Fortpflanzung einer Hirschpopulation entscheidend sind.
Warum Freude am Töten kein harmloses Freizeitmotiv ist
Menschen, die Freude daran empfinden, Lebewesen zu töten und dafür zu bezahlen, zeigen aus psychologischer Sicht kein normales Freizeitverhalten. Dieses Verhalten widerspricht grundlegenden Mechanismen von Empathie, Mitgefühl und moralischer Hemmung, wie sie beim Grossteil psychisch gesunder Menschen vorhanden sind. Psychologisch handelt es sich um abweichendes Gewaltverhalten, auch wenn es politisch oder kulturell geduldet wird.
Freude am Töten ist ein klassisches Merkmal lustbasierter Gewalt. Der Gewaltakt selbst wirkt belohnend: nicht das Ergebnis, nicht eine behauptete Notwendigkeit, sondern das Töten. Das ist kein Randphänomen, sondern in der Gewaltpsychologie klar beschrieben.
Nicht jede Person, die jagt, wird den Tötungsakt gleich erleben oder offen als Freude benennen. Doch wer die Hobby-Jagd gerade als Freude am Erlegen, als Adrenalin, Triumph oder persönliche Befriedigung erlebt, zeigt eine psychologisch problematische Gewaltmotivation. Diese steht historisch und strukturell in Nähe zu autoritären und entwertenden Denkweisen, weil sie das getötete Lebewesen zum Mittel eigener Befriedigung macht.
Fazit
Die Zahl 4’616 ist nicht geheim. Graubünden publiziert sie, begründet sie mit eigenen Bestandsannahmen und ordnet sie in seine Wald-Wild-Strategie ein. Das ist besser als eine Politik im Verborgenen. Doch Transparenz über die Zahl ist nicht dasselbe wie ein Nachweis ihrer Notwendigkeit.
Eine behördlich veröffentlichte Abschussplanung zeigt, wie viele Tiere der Kanton töten lassen will. Sie beweist nicht automatisch, dass diese Tötungen die mildeste, wirksamste oder ethisch vertretbare Antwort auf Wald- und Wildtierfragen sind. Sie beweist auch nicht, dass die zweite Jagdphase unverzichtbar ist, dass Jagdstörung den Verbiss nicht mitverursacht oder die Hobby-Jagd ihren eigenen Einfluss auf Populationsdynamik und Raumnutzung ausreichend berücksichtigt.
Der eigentliche Skandal liegt nicht in einer einzelnen Zahl. Er liegt in der politischen Normalisierung eines Systems, das jährlich Tausende fühlende Wildtiere zu Planpositionen macht. Die Sonderjagd ist rechtlich separat anzuordnen, aber als zweites Instrument fest im Jagdsystem vorgesehen. Die Niederjagd zeigt zudem, dass es der Hobby-Jagd nicht nur um behauptete Regulation geht, sondern auch um die gesellschaftlich erlaubte Tötung von Tieren, die selbst ihre Vertreter als nicht notwendig bezeichnen.
Solange sich die Jagdbehörde vor allem an Abschussquoten misst und keine unabhängige, umfassende Bilanz zu Jagdstörung, Waldwirkung, Fehlabschüssen, Anschüssen, Nachsuchen und Tierleid vorliegt, bleibt die 4’616 für uns die Buchhaltung eines sektiererischen Rituals.
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