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Jagd im Faktencheck: Auswirkungen auf Wildtiere, Ökologie und Gesellschaft

Die Hobby-Jagd wird kontrovers diskutiert. Dieses Dossier zeigt, was Studien über ihre Folgen für Wildtiere, Ökosysteme und Gesellschaft aussagen und wo die Forschung Grenzen hat.

Redaktion Wild beim Wild — 15. September 2026

Stand: 3. Oktober 2026. Zuletzt ergänzt: Räude und Antikörper beim Fuchs.

In der Debatte über die Hobby-Jagd treffen ökologische, ökonomische, tierschutzrechtliche und gesellschaftliche Interessen aufeinander. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen Traditionen, Behauptungen und dem zu unterscheiden, was wissenschaftliche Studien, amtliche Daten und fachliche Übersichtsarbeiten tatsächlich zeigen.

Dieses Dossier fasst Forschungsergebnisse zu den direkten und indirekten Folgen der Jagd zusammen. Im Mittelpunkt stehen Auswirkungen auf Wildtiere: Stress, verändertes Raum- und Aktivitätsverhalten, Fortpflanzung, Sozialstrukturen, Verwundungen, selektive Evolution und Belastungen durch Bleimunition. Daneben behandelt die Seite die Wirksamkeit jagdlicher Bestands- und Schadenskontrolle, mögliche nicht-tödliche Alternativen sowie weiterführende Fragen zu Jagdwaffen, Gewaltprävention und Jagdmotivation.

Die Befundlage ist nicht in allen Bereichen gleich stark und lässt sich nicht immer von einer Art, Region oder Jagdmethode auf andere übertragen. Deshalb ordnet dieses Dossier die Studien jeweils nach Möglichkeit ein: Was genau wurde untersucht? Für welche Tiere und unter welchen Bedingungen gilt ein Ergebnis? Und wo fehlen insbesondere für die Schweiz noch belastbare Daten?

Die Seite vertritt eine kritische Haltung gegenüber der Hobby-Jagd. Ihr Anspruch ist jedoch, diese Kritik anhand nachvollziehbarer Quellen zu begründen und wissenschaftliche Unsicherheiten offenzulegen. Neben der Jagd beeinflussen unter anderem Lebensraumqualität, Nahrungsangebot, Klima, Krankheiten, natürliche Prädatoren und menschliche Störungen die Entwicklung von Wildtierpopulationen.

Die wichtigsten Befunde auf einen Blick: Jagdliche Störung kann bei Wildtieren weit über den einzelnen Abschuss hinauswirken. Studien dokumentieren je nach Art und Jagdmethode Veränderungen von Stressreaktionen, Aktivitätszeiten, Raumnutzung, Fortpflanzung und Sozialstrukturen. Zugleich zeigen Untersuchungen, dass hohe Abschusszahlen nicht automatisch zu kleineren Beständen, weniger Schäden oder besserer Seuchenprävention führen.

Effekt 1: Tiere unter Dauerstress

In Anwesenheit von Hobby-Jägern schalten Wildtiere in einen permanent wachsameren Verhaltensmodus. Wildbiologen haben dies beispielsweise bei Elchen in Kanada beobachtet. «Menschen werden als Gefahr gesehen», erklärt Prof. Ilse Storch, Leiterin des Lehrstuhls Wildtierökologie und Wildtiermanagement an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

In der Wissenschaft spricht man von einer «Landscape of Fear», einer Landschaft der Angst, in der selbst Tiere an der Spitze der Nahrungskette wie Rothirsche, Wildschweine oder Füchse leben. «Wildtiere entscheiden sich eher zu hungern, als sich aktiv in eine Gefahr zu begeben», sagt Dr. Konstantin Börner vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Das heisst: Sie bleiben lieber in Deckung, als im offenen Feld nach Nahrung zu suchen.

Die physiologischen Folgen sind messbar. Eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Güldenpfennig et al. 2021, Scientific Reports) mass bei Wildschweinen auf Drückjagden erhöhte Cortisolwerte in allen Proben. Santos et al. (2018) zeigten bei Rothirschen in Südwesteuropa, dass Faktoren des Jagdmanagements die Haupttreiber der Stresshormon-Variation waren, noch vor Umweltbedingungen und individuellen Merkmalen. Pedersen et al. (2024, Wildlife Biology) wiesen nach, dass Schneehasen, die mit Hunden bejagt wurden, einen 6,5-fach höheren Cortisolspiegel aufwiesen als solche, die ohne Hunde erlegt wurden.

Dabei spielt die Jagdmethode eine entscheidende Rolle. Tajchman et al. (2024, BMC Veterinary Research) fanden bei Mouflons, Rothirschen und Wildschweinen, die durch ruhige Pirschjagd ohne Treiber oder Hunde bejagt wurden, keine signifikant erhöhten Langzeitstresswerte in Haarproben. Die Autoren schliessen daraus, dass Pirschjagden das Wohlbefinden von Schalenwild weniger belasten als intensive Treibjagden. Das unterstreicht die Befunde zu Drückjagden und Hundehetze: Je invasiver die Methode, desto gravierender die physiologische Reaktion.

Neue Messwerte bestätigen dieses Gefälle. Kelava Ugarković et al. (2025, European Journal of Wildlife Research) bestimmten bei 407 erlegten Wildschweinen das Stresshormon Cortisol im Blutserum: Nach Drückjagden lag der Mittelwert bei 431 nmol/l, nach Jagd im Gatter bei 325 nmol/l und nach Einzeljagd vom Hochsitz bei 119 nmol/l. Fleisch aus Drück- und Gatterjagd wies zudem erhöhte pH-Werte und veränderte Farbwerte auf, was die Autoren als stressbedingte Stoffwechseleffekte deuten.

Durch die Hobby-Jagd sind viele Wildtiere scheuer und ängstlicher geworden, als sie es in unbejagten Gebieten wären, berichtet auch Wildtierökologin Storch. Eine systematische Übersichtsarbeit zu «Human-induced fear in wildlife» (Grigsby et al. 2023, Biological Conservation) wertete 81 Studien aus und dokumentierte: Menscheninduzierte Angst verändert Aktivitätsmuster, Physiologie, Fitness und Habitatnutzung bei Wildtieren grundlegend.

Darimont et al. (2009, PNAS) zeigten in einer Meta-Analyse, dass menschliche Hobby-Jäger Wildtierpopulationen schneller verändern als jeder andere Evolutionsfaktor, der je bei Wildtieren beobachtet wurde.

Mehr dazu: Jagd und Tierschutz: Was die Hobby-Jagd mit Wildtieren macht

Effekt 2: Lebensraumverlust durch erzwungene Verhaltensänderung

Aus Angst vor Hobby-Jägern haben viele Wildtiere ihren natürlichen Lebensraum dauerhaft verlassen. «Sie meiden freie Felder und leben verstärkt im Schutz des Waldes», sagt Biologe Börner. Dabei können sie einschätzen, wann es besonders gefährlich wird. Bei einer Rehpopulation in Europa haben Forschende beobachtet, dass sich der Rückzug in den Wald während der Jagdsaison verstärkt. «Auf freien Feldern verschieben sich die Aktivitätsphasen insbesondere beim Hirsch dann in die störungsarme Nacht», berichtet Börner.

Eine umfangreiche Meta-Analyse von 76 Studien (Gaynor et al. 2018) kommt zu dem Ergebnis, dass Wildtiere unter dem Einfluss von Menschen ihre Nachtaktivität signifikant erhöhen. Das Ergebnis war über Kontinente, Lebensräume, Arten und menschliche Aktivitäten hinweg konsistent. Eine Folgestudie (Gaynor et al. 2025, Proceedings of the Royal Society B) wertete Raumnutzungsdaten aus Schutzgebieten vor und während der COVID-19-Schliessungen aus und belegt kausal, dass Wildtiere wie Wölfe und Bergziegen menschliche Infrastruktur konsistent meiden und dass dieser Rückzug reversibel ist, wenn der menschliche Druck nachlässt.

Corlatti & Ciuti (2026, Wildlife Biology) halten im Editorial eines Themenhefts zu den indirekten Effekten der Hobby-Jagd fest, dass die Reaktionen von Wildtieren auf Menschen entlang eines Kontinuums von Vermeidung über Toleranz bis Anziehung verlaufen. Wo der Mensch als Prädator auftritt, also durch die Hobby-Jagd, verschieben sich die Reaktionen in Richtung Vermeidung. Bei Alpenmurmeltieren (Zenth et al. 2025, Wildlife Biology) beeinflusste ausschliesslich die Hobby-Jagd, nicht die Freizeitnutzung, die Verhaltenstoleranz gegenüber menschlicher Störung. Beim Alpenschneehuhn stiegen die Fluchtdistanzen in bejagten Gebieten während der Jagdsaison signifikant an und fielen danach auf den Ausgangswert zurück, in jagdfreien Gebieten blieben sie konstant (Sooth et al. 2026, Wildlife Biology).

Wie weit dieser Effekt reicht, zeigt eine Fotofallen-Studie aus dem Nationalpark Bayerischer Wald (Peters et al. 2025, Global Ecology and Conservation). An 61 Kamerapaaren, je eine auf dem Weg und eine im angrenzenden Wald, mieden Rothirsch, Reh, Wildschwein, Rotfuchs und Luchs die Erholungssuchenden umso stärker, je höher der Jagddruck war, auch Arten, die dort gar nicht bejagt werden. Die Autoren empfehlen, Freizeitnutzung zu lenken und den Jagddruck zu begrenzen.

Auch nicht bejagte Arten tragen die Folgen. In Südostspanien werteten Martínez et al. (2026, European Journal of Wildlife Research) 14 Jahre Daten zu brütenden Habichtsadlern aus, in deren Revieren Rothühner mit lebenden Lockvögeln bejagt werden. In weniger als 600 m Entfernung zum Horst unterbrachen die Adler das Brüten, ein Schuss wirkte dabei fast dreimal so stark wie die blosse Anwesenheit eines Hobby-Jägers. Je stärker ein Horst der Hobby-Jagd ausgesetzt war, desto häufiger scheiterte die Brut. Die Autoren schlagen eine Pufferzone von 600 m vor.

Wie stark die Hobby-Jagd den nutzbaren Lebensraum verkleinert, zeigen drei neue Arbeiten zum Rothirsch aus dem Alpenraum. In den Zentralalpen konnten 243 besenderte Rothirsche ihren Lebensraum dort, wo Netzwerke von Jagdbanngebieten bestehen, weitgehend unabhängig vom menschlichen Einfluss wählen (Rempfler et al. 2025, Ecology and Evolution). Im Nationalpark Berchtesgaden wählten Hirschkühe in der Jagdzone deutlich stärker geschlossenen Wald, also Sicherheit vor Nahrung (Eggers et al. 2026, Wildlife Biology). In den östlichen italienischen Alpen prägten Hobby-Jagd und Freizeitnutzung die Aktivitätsmuster des Rothirschs stärker als der Wolf (Boer-Cueva et al. 2026, Ecology and Evolution).

Die Hobby-Jagd trägt also wesentlich dazu bei, dass Wildtiere in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden und ihnen weniger Lebensraum zur Verfügung steht. «Ohne Bewegungsfreiheit und genetischen Austausch wird die Gesundheit der Tiere gefährdet», sagt Börner.

Effekt 3: Fehlende Wintermortalität durch Fütterung

Das Jagdgesetz, nicht nur in Deutschland, schreibt vor, Wildtiere im Rahmen der Hege «in Notzeiten» zu füttern, weshalb einige Hobby-Jäger im Winter Futter im Wald platzieren. Das Problem: «Durch Futtergaben wird die natürliche Wintermortalität ausgeschaltet», erklärt die Wildtierökologin Ilse Storch.

Die Winterzeit ist für Wildtiere normalerweise ein natürlicher Selektionsprozess. Die Starken überleben, die Schwachen sterben. So wird die Population einmal im Jahr natürlich ausgedünnt. Die Fütterung wirkt diesem Prozess entgegen, wie eine Studie aus Tschechien zur Populationsdynamik bei Wildschweinen zeigt. Fanden Futtergaben von Mais und Abfallgetreide in Kombination mit starkem Eichen- und Buchenwachstum statt, kam es im Folgejahr sogar zu einem deutlichen Anstieg der Wildschweinpopulation.

Das Problem: Je mehr Tiere über den Winter kommen, desto mehr müssen im Folgejahr erlegt werden, um die räumlichen Kapazitäten nicht zu sprengen. Laut Jahresbericht des Wildtier-Informationssystems der Länder Deutschlands (WILD) ist seit den 1990er-Jahren die Zahl der erlegten Tiere beim Rehwild signifikant gestiegen, bei Dam- und Rotwild hat sie sich fast verdoppelt. Neuere DJV-Verbandsdaten bestätigen diesen Trend: Die Wildschweinabschüsse stiegen von rund 120’000 in den 1980er-Jahren auf fast 800’000 Tiere jährlich in den 2020er-Jahren. Ursache dafür ist nicht nur die Winterfütterung, aber sie ist ein wesentlicher Faktor.

Effekt 4: Gestörte Fortpflanzungsprozesse

Die Hobby-Jagd selbst trägt dazu bei, dass sich Wildtiere schneller vermehren. Studien zeigen eindeutig, dass Wildschweine, Hirsche und andere Wildtiere unter Jagddruck ihre Fortpflanzungsrate erhöhen, etwa indem sie sich schon in jüngerem Alter fortpflanzen. Je stärker sie gejagt werden, desto mehr Nachwuchs zeugen sie.

Bei Braunbären konnten schwedische Forscher beobachten, dass sie als Reaktion auf die Bejagung die Betreuungszeit ihrer Jungen verändern. Einige verlängern sie, um länger mit ihren Jungen unter Schutz zu stehen. Andere Bärenmütter verkürzen die Betreuungszeit, um sich schneller wieder fortzupflanzen und so dem Jagddruck entgegenzuwirken, wie Quarks, das Wissenschaftsmagazin des WDR, berichtet.

Gosselin et al. (2015, Proceedings of the Royal Society B) dokumentierten einen weiteren indirekten Effekt: Bei Braunbären in Skandinavien führte die Bejagung zu erhöhtem Männchenwechsel in den Territorien, was sexuell selektiven Infantizid (SSI) auslöste. Neue dominante Männchen töten die Jungtiere ihrer Vorgänger, um die Weibchen schneller wieder paarungsbereit zu machen. 95 Prozent der Jungtiermortalität während der Paarungszeit war auf SSI zurückzuführen.

Effekt 5: Evolutionäre Veränderungen durch selektive Bejagung

Die Hobby-Jagd greift in die Evolution ein. Weil Hobby-Jäger systematisch die grössten, stärksten und auffälligsten Individuen einer Population entnehmen, entsteht ein Selektionsdruck, der den natürlichen Kräften entgegenläuft. Die Konsequenz: Populationen verändern sich genetisch in eine Richtung, die biologisch unerwünscht ist.

Coltman et al. (2003, Nature) wiesen in einer 30-jährigen Studie an Dickhornschafen (Ovis canadensis) nach, dass Körpergewicht und Horngrösse der Widder durch die Trophäen-Hobby-Jagd signifikant abnahmen. Die Hobby-Jäger erschossen bevorzugt Tiere mit den grössten Hörnern und damit die genetisch «wertvollsten» Individuen, bevor diese ihren Fortpflanzungserfolg maximieren konnten. Pigeon et al. (2016) bestätigten diese Befunde in einer Folgestudie.

Darimont et al. (2009, PNAS) zeigten in einer Meta-Analyse: Menschliche Hobby-Jäger verändern Wildtierpopulationen schneller als jeder andere Evolutionsfaktor, der je bei Wildtieren beobachtet wurde. Die phänotypischen Veränderungsraten bei bejagten Populationen waren bis zu 300 Prozent höher als bei natürlicher Selektion.

Leclerc et al. (2019, Nature Communications) wiesen bei skandinavischen Braunbären nach, dass Hobby-Jäger gezielt bestimmte Verhaltensmerkmale selektieren: Mutigere, weniger scheue Bären werden häufiger erlegt. Das Ergebnis: Die Population wird über Generationen scheuer und ängstlicher, was ihr Verhalten und ihre Raumnutzung grundlegend verändert.

Lassis et al. (2023, Evolutionary Applications) modellierten, wie geschützte Gebiete durch die Abwanderung von Tieren in bejagte Populationen einen genetischen Rettungseffekt («genetic rescue») bieten können. Dieser Effekt wird jedoch durch hohe Jagdraten untergraben, weil einwandernde Tiere erschossen werden, bevor sie sich fortpflanzen können.

Hard, Mills und Peek (2006, Wildlife Biology) modellierten für Rotwild, dass eine Bejagung, die das Verhältnis fortpflanzender Männchen zu Weibchen unter etwa 15 zu 100 drückt, die effektive Populationsgrösse so weit senken kann, dass das Anpassungspotenzial gefährdet ist. Dieselbe Arbeit hält allerdings fest, dass die üblichen Jagdformen bei Rotwild über zehn Generationen kaum messbare Veränderungen der Lebensgeschichte erzeugen. Für die Schweiz fehlen Daten zum Geschlechterverhältnis der Bündner Rothirsche nach der Hochjagd, die eine Anwendung des Modells erlauben würden.

Mehr dazu: Hobby-Jagd beeinflusst die Evolution von Braunbären und Studie zum «Super-Jäger»

Effekt 6: Verwundung und «Crippling Loss»

Nicht jeder Schuss tötet. Ein erheblicher Anteil bejagter Tiere wird angeschossen, aber nie gefunden. Diese sogenannte «Crippling Loss» ist ein systematisch unterschätztes Tierschutzproblem.

Kuhlmann et al. (2017, Ecological Indicators) entwickelten den Begriff «Crippling Ratio» als Mass für jagdbedingte Verwundungen und wiesen bei Kurzschnabelgänsen nach, dass pro erlegtem Tier bis zu ein weiteres Tier verwundet, aber nicht geborgen wurde.

Bei der Bogenjagd sind die Verwundungsraten besonders hoch. Ditchkoff et al. (1998, Proceedings of the Southeastern Association of Fish and Wildlife Agencies) dokumentierten in einer kontrollierten Studie am McAlester Army Ammunition Plant in Oklahoma an 80 radiotelemetrierten Weisswedelhirschen, dass 50 Prozent der von Bogenjägern getroffenen Tiere nicht geborgen wurden. Ähnliche Verwundungsraten (31 bis 58 Prozent) wurden in Studien aus Georgia, Indiana, Michigan, New Jersey und Wisconsin bestätigt. Eine Zusammenfassung von 24 nordamerikanischen Studien kommt auf eine durchschnittliche Verwundungsrate von 54 Prozent (Report on Bowhunting).

Die europäische Bogenjagd-Lobby verweist demgegenüber auf eine dänische Datenerhebung (European Bowhunting Association, 2005), die für Rehwild nur eine Verwundungsrate von rund 5 Prozent findet. Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich dabei nicht um eine wissenschaftliche Studie mit unabhängiger Kontrolle, sondern um eine Erhebung auf Basis freiwilliger Selbstmeldungen der Bogenjäger im Rahmen eines «Wildreports». Die US-Zahlen stammen dagegen aus kontrollierten Feldstudien mit besenderten, unabhängig überwachten Tieren, unabhängig davon, ob ein Jäger einen Fehlschuss überhaupt bemerkt oder meldet. Selbstauskünfte von Jägern zu eigenen Fehlschüssen sind methodisch nicht mit unabhängiger Telemetrie vergleichbar. Eine unabhängige europäische oder DACH-Studie zur Bogenjagd-Verwundungsrate, die das methodische Niveau der US-Telemetriestudien erreicht, existiert bislang nicht.

Gentsch et al. (2018, European Journal of Wildlife Research) untersuchten die Cortisolreaktion von Wildhuftieren auf verschiedene Jagdmethoden und stellten fest, dass die Hetze mit Hunden signifikant höhere Stresswerte auslöst als die Ansitzjagd. Auch Ereignisse nach dem Schuss – etwa die Dauer bis zur Nachsuche, die Lage der Verletzung und das Verhalten der Nachsucheteams – beeinflussten die Stressbelastung erheblich.

Verwundete Tiere, die nicht gefunden werden, erleiden oft einen langsamen Tod durch Infektion, Hunger oder Erschöpfung. Diese Tiere tauchen in keiner Abschussstatistik auf. Die tatsächliche Zahl der durch die Hobby-Jagd getöteten Tiere liegt daher systematisch höher als offiziell gemeldet.

Effekt 7: Bleivergiftung durch Jagdmunition

Die Verwendung bleihaltiger Munition durch Hobby-Jäger verursacht eine grossflächige Umweltkontamination, die Wildtiere, Nutztiere und Menschen betrifft. Jährlich werden allein in der EU rund 44’000 Tonnen Blei durch die Hobby-Jagd und den Schiesssport in die Umwelt eingebracht.

Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) schätzt, dass mindestens 135 Millionen Vögel jährlich durch die direkte Aufnahme von Bleischrot gefährdet sind. Weitere 14 Millionen Vögel, darunter Greifvögel und Aasfresser, sind durch die sekundäre Aufnahme von Bleifragmenten in ihren Beutetieren betroffen. Pain et al. (2019, Ambio) dokumentierten in einer umfassenden Übersichtsarbeit, dass Bleivergiftung in Europa jährlich über eine Million Wasservögel tötet und bei weiteren drei Millionen subletale Vergiftungen verursacht. Das internationale Symposium «Lead, a borderless poison» (Gorizia, November 2025) beziffert die jährliche Sterblichkeit aktuell auf 2,3 Millionen Vögel in der EU – eine signifikant höhere Schätzung, die neue Erhebungsmethoden berücksichtigt.

Was das für Greifvögel bedeutet, haben Green, Pain & Krone (2022, Science of the Total Environment) erstmals europaweit berechnet. Auf Basis der Leberwerte von über 3’000 tot gefundenen Greifvögeln aus mehr als einem Dutzend Ländern fehlen bei zehn Arten rund 55’000 adulte Vögel. Der Bestand des Seeadlers ist um 14 Prozent kleiner, als er ohne Bleimunition wäre, jener des Steinadlers um 13 und jener des Gänsegeiers um 12 Prozent. Beim Mäusebussard sind es 1,5 Prozent, was fast 22’000 Altvögeln entspricht. Die Häufigkeit der Vergiftungen korreliert mit der Dichte der Hobby-Jäger. Für die Schweiz hat die Vogelwarte Sempach zusammen mit dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden gezeigt, dass das Blei in den Knochen von Steinadlern nicht aus dem Boden stammt, sondern zur Jagdmunition passt (Schweizerische Vogelwarte).

Seit dem 15. Februar 2023 ist die Verwendung von Bleischrot in Feuchtgebieten EU-weit verboten. Im Februar 2025 legte die EU-Kommission einen weitergehenden Verordnungsentwurf zur Beschränkung von Bleimunition in allen Lebensräumen vor (Pain et al. 2025, Ambio). Ende Juni 2026 stimmte der REACH-Ausschuss der Mitgliedstaaten einer stark abgeschwächten Fassung zu: Die Übergangsfrist für Bleischrot wurde von drei auf sieben Jahre verlängert, Büchsengeschosse wurden ganz gestrichen (EU vertagt Bleiverbot bei Jagdmunition auf sieben Jahre). Die ECHA empfiehlt ausserdem, einen EU-Höchstwert für Blei in Wildfleisch einzuführen, vergleichbar dem Grenzwert für Fleisch von Nutztieren (0,1 mg/kg). Sonne et al. (2023, Eco-Environment & Health) fordern einen vollständigen Ausstieg aus Bleimunition im Sinne eines One-Health-Ansatzes: Die fortgesetzte Verwendung von Bleimunition bedroht die Biodiversität, die menschliche Gesundheit und untergräbt Nachhaltigkeitsziele.

Dänemark hat als erstes Land weltweit ein vollständiges Verbot aller Bleimunitionstypen für die Hobby-Jagd beschlossen (ab April 2024). In Grossbritannien ist die Beschränkung seit dem 1. April 2026 geltendes Recht: Verkauf und Verwendung von Bleischrot und grosskalibrigen Bleigeschossen für die Hobby-Jagd enden in England, Schottland und Wales am 1. April 2029. In der Schweiz gibt es bislang kein entsprechendes Verbot.

Dass freiwillige Appelle nicht genügen, zeigt eine Untersuchung aus Schweden (Kautto et al. 2026, Food and Humanity). Je 100 Proben Hackfleisch von Elch und Wildschwein aus zugelassenen Wildbearbeitungsbetrieben wurden 2019 und 2022 auf Blei analysiert. Trotz wiederholter Empfehlungen von Lebensmittelbehörde und Jagdverbänden sank die Belastung nicht: 17 Prozent (2019) beziehungsweise 20 Prozent (2022) der Proben lagen über 100 µg Blei pro Kilogramm, dem EU-Höchstwert für Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch. Die Autoren fordern eine Regelung auf EU-Ebene.

Effekt 8: Verwaiste Jungtiere und zerstörte Sozialstrukturen

Die Hobby-Jagd tötet nicht nur das Zielindividuum. Sie greift in Sozialstrukturen ein und hinterlässt verwaiste Jungtiere. Bei Arten mit starker Mutter-Kind-Bindung – etwa bei Rehen, Hirschen, Bären, Wölfen und Wildschweinen – kann der Verlust eines Elterntieres für abhängige Jungtiere den Tod bedeuten.

Die RSPCA (Knowledgebase) dokumentiert: Wenn Hobby-Jäger die Jungtiere geschossener Weibchen nicht finden und erlösen, sind diese auf sich allein gestellt. Je nach Alter verhungern, verdursten oder erfrieren verwaiste Jungtiere. Der Verlust der Mutter ist bei vielen Arten ein erheblicher Stressfaktor, und selbst wenn verwaiste Individuen die akute Phase überleben, können Veränderungen in Physiologie und Verhalten ihre Entwicklung dauerhaft beeinträchtigen.

Für den Rothirsch liegen dazu Langzeitdaten von der schottischen Insel Rum vor, wo die Population seit 1974 individuell verfolgt wird. Andres et al. (2013, Behavioral Ecology and Sociobiology) zeigten, dass der Verlust der Mutter das Sterberisiko der Kälber sowohl vor als auch nach dem Absetzen erhöht; männliche Waisen bildeten mit 16 Monaten seltener Geweihe, bei weiblichen Tieren hielt der Nutzen der lebenden Mutter lebenslang an. Ruckstuhl, Sosa und Clutton-Brock (2026, Royal Society Open Science) werteten 42 Jahre Daten von 295 Hirschkühen aus 24 Mutterlinien aus: Je stärker die dauerhaften Sozialbindungen einer Kuh, desto höher ihr Überleben und ihr lebenslanger Fortpflanzungserfolg, kontrolliert für Raumnutzung und Liniengrösse. Dass dieses Wissen bei Huftieren nicht vererbt, sondern gelernt wird, belegten Jesmer et al. (2018, Science) an umgesiedelten Dickhornschafen und Elchen: Weniger als neun Prozent der umgesiedelten Tiere wanderten, gegenüber 65 bis 100 Prozent in Herden mit ununterbrochener Tradition. Thurfjell, Ciuti und Boyce (2017, PLOS ONE) zeigten an besenderten Wapiti-Kühen, dass diese mit jeder überlebten Jagdsaison besser lernen, Hobby-Jägern auszuweichen. Das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden bestätigt in seiner Fachbeurteilung vom März 2025, dass verwaiste Hirschkälber sozial verkümmern, keinen Anschluss finden und eine hohe Sterblichkeit aufweisen.

Bei Wölfen haben Cassidy et al. (2023, Frontiers in Ecology and the Environment) anhand langer Datensätze aus mehreren US-Nationalparks gezeigt, dass anthropogene Todesursachen, insbesondere legale Abschüsse, die Rudel-Persistenz und die Reproduktion im Folgejahr deutlich reduzieren. Der Abschuss eines Alpha-Tieres kann ein ganzes Rudel destabilisieren.

Bei Braunbären dokumentierten Frank et al. (2018, Journal of Animal Ecology) anhand der skandinavischen Population, dass überlebende Bären die freigewordenen Streifgebiete erschossener Artgenossen teilweise übernehmen. Diese räumliche Reorganisation kann unbeabsichtigte Konsequenzen für die Populationsdynamik haben und den Managementzielen zuwiderlaufen.

Corlatti & Ciuti (2026, Wildlife Biology) fassen im Editorial eines Themenhefts zusammen: Die indirekten Effekte der Hobby-Jagd auf Wildtierpopulationen, von Verhaltensänderungen über Stressphysiologie bis zur Destabilisierung von Sozialstrukturen, sind vielfältig und werden in der Managementpraxis bisher zu wenig berücksichtigt.

Wie lange soziale Eingriffe nachwirken können, zeigen Langzeitstudien an europäischen Dachsen. Nach lokalen Abschüssen vergrösserten überlebende Tiere ihre Streifgebiete, Gruppen überlappten stärker und die Einwanderung in betroffene Gebiete nahm zu. Bestimmte Veränderungen der Sozialstruktur waren noch Jahre später messbar. Bei territorial lebenden Arten kann die Entfernung einzelner Tiere deshalb Folgen auslösen, die über die unmittelbare Bestandsreduktion hinausgehen. Die Ergebnisse sind nicht direkt auf alle Wildarten übertragbar, belegen aber den in der Wildtierökologie gut bekannten Störungseffekt («perturbation effect») von Abschüssen.

Woodroffe, R. et al. (2009). Social perturbation and the epidemiology of bovine tuberculosis in cattle. Proceedings of the Royal Society B 276, 2769–2777.

Riordan, P. et al. (2011). Culling-induced changes in badger behaviour, social organisation and the epidemiology of bovine tuberculosis. PLOS ONE 6(12), e28904.

Mehr dazu: Studie zeigt: Wolfsabschüsse führen oft zu mehr Rissen von Nutztieren und Zehn Jahre alte Studie, immer noch ignoriert: Warum stabile Rudel weniger Nutztiere reissen

Effekt 9: Ökonomische Unwirksamkeit der Schädlings-Bejagung

Die Bejagung sogenannter «Schadarten» ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch ohne Nutzen. Das ist der Befund einer umfassenden Studie von Jiguet et al. (2026, Biological Conservation), die sieben Jahre amtlicher Daten aus 92 französischen Departementen ausgewertet hat.

Zwischen 2015 und 2022 wurden in Frankreich 12’394’885 Füchse, Steinmarder, Baummarder, Iltis, Mauswiesel, Rabenkrähen, Saatkrähen, Elstern, Eichelhäher und Stare als «Schädlinge» getötet. Das sind rund 1,7 Millionen Tiere pro Jahr. Die ökonomische Bilanz fällt vernichtend aus: Die jährlichen Kontrollkosten beziffert das Forschungsteam auf 103 bis 123 Millionen Euro, während die offiziell gemeldeten Schäden nur 8 bis 23 Millionen Euro pro Jahr betragen. Über sieben Jahre summieren sich die Tötungskosten auf 791 Millionen Euro, die gemeldeten Schäden auf 96 Millionen Euro. Selbst in der konservativsten Modellrechnung, in der die Arbeitszeit der Hobby-Jägerschaft nicht entlöhnt und die Fahrtkosten halbiert werden, liegen die Kontrollkosten um den Faktor 1,66 über den Schäden.

Ein statistischer Zusammenhang zwischen Abschussaufwand und Schadensreduktion existiert nicht. Weder führen mehr Abschüsse zu weniger Schäden, noch steigen die Schäden, wenn die Bejagung nachlässt. Bei Eichelhäher und Star korrelierte eine höhere Abschusszahl sogar mit höheren Frühjahrsbeständen, was die Autorinnen und Autoren mit kompensatorischer Reproduktion erklären. Besonders brisant: Allein die 62’278 getöteten Eichelhäher entsprechen einem potenziellen Verlust von 100 bis 454 Millionen Euro an Samenverbreitungsleistung für Eichenwälder. Trotz überwiegend ablehnender Stellungnahmen in der öffentlichen Konsultation und trotz dieser Studie hat die französische Regierung das dreijährliche ESOD-Dekret am 21. August 2026 für die Periode 2026 bis 2029 erneuert; Gerichtsentscheide hatten zuvor den Iltis und zeitweise den Baummarder wegen unzureichender Datenlage von der Liste entfernt, der Baummarder erscheint nun wieder in vierzehn Departementen. Die Schweiz reguliert dieselben Arten nach Art. 5 JSG, ohne je eine vergleichbare Wirkungsprüfung durchgeführt zu haben.

Mehr dazu: Millionenfach getötet – für nichts: Neue Studie entlarvt Jägerlatein

Publikationen nach Tierart

Waschbären

Neben erhöhter Fortpflanzung kann auch kompensatorische Zuwanderung Abschusseffekte aufheben: Werden Reviere lokal frei, können Tiere aus umliegenden, nicht bejagten Gebieten einwandern und die Lücken besetzen. Eine Jagdstrategie, die nur kleine Flächen erfasst, kann daher kurzfristige lokale Effekte erzeugen, ohne die Bestandsdichte auf Ebene der gesamten Landschaft dauerhaft zu senken.

Goldschakale

Füchse

  • Kistler C et al. Das Management des Fuchses sollte auf wissenschaftlichen Grundlagen anstatt auf Annahmen basieren
  • Baker PJ et al. Effect of British hunting ban on fox numbers
  • Goszczyński J. Population dynamics of the red fox in central Poland
  • Kaphegyi T. Untersuchungen zum Sozialverhalten des Fuchses (Vulpes vulpes L). Dissertationsarbeit
  • Keuling O. et al. (2011) The German Wildlife Information System (WILD): Population densities and den use of red foxes 2003–2007 in Germany. European Journal of Wildlife Research 57: 95–105. ResearchGate. Deutschlandweites Monitoring der Fuchsdichten und Bausnutzung.
  • Kämmerle J.-L. et al. (2019) Restricted-area culls and red fox abundance: Are effects a matter of time and place? Conservation Science and Practice. Lokale Abschüsse senken die Fuchsdichte auf Landschaftsebene nicht.
  • Kämmerle J.-L. et al. (2019) No evidence for spatial variation in predation risk following restricted-area fox culling. BMC Ecology. Experiment mit 273 kameraüberwachten Kunstnestern in deutschen Revieren mit und ohne gezielte Fuchsbejagung: Die prämierte Freizeitbejagung veränderte weder das Fuchsvorkommen noch das Prädationsrisiko.
  • Lieury N. et al. (2015) Compensatory immigration challenges predator control: An experimental evidence-based approach improves management. Journal of Wildlife Management 79: 425–434. Über fünf bis sechs Jahre manipulierter Abschussdruck in fünf Gebieten von je rund 246 km2: Kompensatorische Zuwanderung liess die Fuchsbestände auch hohe Abschussraten ausgleichen.
  • Williams N.F. (2025) Causes and Implications of Fox Population Dynamics in Central England. Dissertation, Bournemouth University. Bestätigt kompensatorische Reproduktionseffekte nach Bejagung: Fuchspopulationen gleichen Verluste durch erhöhte Nachwuchsraten rasch wieder aus.
  • Torres J.A. et al. (2026) Selectivity and efficiency of predator control methods: a case study from a Mediterranean hunting ground. Wildlife Biology: e01705. Gegenbefund, Fallstudie aus einem einzigen spanischen Jagdrevier (9’326 Fallentage, 101 Jagden in drei Jahren): Fuchsschlingen fingen zu 95 beziehungsweise 83 Prozent, Elsterfallen zu 99 Prozent die Zielarten, geschützte Arten nur vereinzelt. Die Autoren halten die Bejagung von Beutegreifern «in bestimmten Kontexten» für wirksam. Gemessen wurden allerdings nur Fangzahlen und Selektivität, weder die Bestandsentwicklung noch eine kompensatorische Zuwanderung, wie sie Lieury et al. (2015) und Kämmerle et al. (2019) belegen; zudem arbeiteten speziell geschulte Hobby-Jäger mit einem Fachmann.
  • Pisano S.R.R. et al. (2019) Spatiotemporal spread of sarcoptic mange in the red fox (Vulpes vulpes) in Switzerland over more than 60 years: lessons learnt from comparative analysis of multiple surveillance tools. Parasites & Vectors. Schweizer Daten zur Ausbreitung der Räude, ohne Zusammenhang zur Bejagungsintensität.
  • Pence D.B. & Ueckermann E. (2002) Sarcoptic mange in wildlife. PubMed. Grundlegende Übersichtsarbeit zur Räude bei Wildtieren.
  • Davidson R.K., Bornstein S. & Handeland K. (2008) Long-term study of Sarcoptes scabiei infection in Norwegian red foxes (Vulpes vulpes) indicating host/parasite adaptation. Veterinary Parasitology 156: 277–283. 363 erlegte Füchse aus zwei Perioden (1994–1995 und 2002–2005): Der Anteil räudekranker Tiere sank von 30,0 auf 6,6 Prozent, der Anteil der Tiere mit Antikörpern nur von 53,3 auf 19,1 Prozent. Immer mehr Füchse trugen Antikörper, ohne krank zu sein. Die Autoren schliessen auf eine Anpassung des Bestands mit milden Verläufen und Genesungen.
  • Bartnik H.-C. (2002) Untersuchungen zum serologischen Nachweis der Sarcoptes-Räude beim Rotfuchs (Vulpes vulpes) in Berlin. Dissertation, Freie Universität Berlin. Refubium. Seren von 1’025 Berliner Füchsen (1996–1999): 19,3 Prozent zeigten klinische Räude, 43,6 Prozent hatten Antikörper gegen die Milbe. Gut doppelt so viele Tiere hatten also Kontakt mit dem Erreger, wie sichtbar erkrankt waren.
  • Constantin E.-M. (2005) Epidemiologische Untersuchung zur Verbreitung der Räude beim Rotfuchs (Vulpes vulpes) in Baden-Württemberg. Dissertation, Freie Universität Berlin. Refubium. 2’481 Seren (2001–2003): 3 Prozent (80 Tiere) hatten Antikörper. Deutliche Symptome einer Räude zeigten nur vier Füchse, alle aus dem bayerischen Kreis Memmingen.
  • Bornstein S., Zakrisson G. & Thebo P. (1995) Clinical picture and antibody response to experimental Sarcoptes scabiei var. vulpes infection in red foxes (Vulpes vulpes). Acta Veterinaria Scandinavica 36: 509–519. Infektionsversuch mit drei Füchsen und einem Kontrolltier: Antikörper waren rund vier Wochen nach der Ansteckung nachweisbar. Zwei Tiere erkrankten schwer, eines starb.
  • Willebrand T. et al. (2022) Declining survival rates of red foxes Vulpes vulpes during the first outbreak of sarcoptic mange in Sweden. Wildlife Biology 2022: e01014. Daten aus der Provinz Gävleborg (51’480 erlegte Füchse, 1970–1994): Der Bestand brach beim ersten Räudeausbruch um fast 90 Prozent ein und erreichte gemäss Abschussstatistik weniger als zehn Jahre später wieder die frühere Dichte. Die Autoren werten das als Hinweis auf eine rasche Resistenzentwicklung.
  • Little S.E. et al. (1998) Responses of red foxes to first and second infection with Sarcoptes scabiei. Journal of Wildlife Diseases 34: 600–611. Gegenbefund zur Immunität des Einzeltiers, kleiner Versuch mit Jungfüchsen: Bereits einmal infizierte Füchse erkrankten bei der zweiten Ansteckung gleich schwer wie erstmals infizierte. Antikörper allein schützen also nicht zuverlässig vor einer erneuten Erkrankung.
  • Soulsbury C.D. et al. (2007) The impact of sarcoptic mange Sarcoptes scabiei on the British fox Vulpes vulpes population. Mammal Review 37: 278–296. Übersichtsarbeit mit eigenen Daten aus Bristol, zur Einordnung: Die Räude liess die Fuchsdichte dort um über 95 Prozent einbrechen, 2004 lag sie erst bei 15 Prozent des Werts von 1994. Die Erholung dauert nach dieser Arbeit 15 bis 20 Jahre, also deutlich länger als bei Willebrand et al. (2022).
  • Prentice J. (2012) The perturbation effect in wildlife systems. Dissertation, University of Leeds. Volltext. Zeigt, warum das Töten territorialer Tiere über erhöhte Zuwanderung die Krankheitsausbreitung eher fördert als bremst.
  • König A. et al. (2019) Effective long-term control of Echinococcus multilocularis in a mixed rural-urban area in Germany. PMC. Entwurmungsköder drängen den Fuchsbandwurm nachhaltig zurück, Bejagung ist dafür kein geeignetes Mittel.
  • Comte S. et al. (2013) Fox baiting against Echinococcus multilocularis: Contrasted achievements among two medium size cities. SWILD. Vergleicht die Wirksamkeit von Beköderungsprogrammen in zwei Städten.
  • Takahashi K. et al. (2013) Efficacy of anthelmintic baiting of foxes against Echinococcus multilocularis in northern Japan. ScienceDirect. Bestätigt ausserhalb Europas: Köderprogramme wirken, Jagd nicht.
  • Knauer F. et al. (2010) A statistical analysis of the relationship between red fox and prey species. Wildlife Biology. Statistischer Zusammenhang zwischen Fuchsdichte und Beutetierbeständen.
  • N.N. (2024) The impact of Agri-Environment Schemes (AES) and red fox (Vulpes vulpes) on the density of European brown hare (Lepus europaeus) populations in Hungary. bioRxiv. Verhältnis von Landschaftsmassnahmen, Fuchsdichte und Feldhasenbestand.
  • Kujawa D. & Łęcki R. Does Red Fox Vulpes vulpes Affect Bird Species Richness and Abundance in an Agricultural Landscape? ResearchGate. Einfluss des Fuchses auf die Vogelvielfalt im Agrarland.
  • Spaar R. et al. (2012) Elemente für Artenförderungsprogramme Vögel Schweiz. Artenförderung Vögel Schweiz (PDF des Fachberichts nicht mehr direkt abrufbar). Fachbericht zu wirksamen Schutzmassnahmen für Schweizer Brutvögel, mit Einordnung des Prädationsfaktors.
  • Korner P., Hohl D. & Horch P. Brood protection is essential but not sufficient for population survival of lapwings Vanellus vanellus in central Switzerland. Wildlife Biology. Habitatqualität als entscheidender Faktor beim Kiebitz, nicht Prädatorenkontrolle.
  • Jiguet F. et al. (2026) Ecological and economic assessments of native vertebrate pest control in France. Biological Conservation. Zwischen 2015 und 2022 wurden in Frankreich durchschnittlich 383’299 Rotfüchse pro Jahr getötet. Die Studie findet keinen statistischen Zusammenhang zwischen dem Abschussaufwand und einer Reduktion der offiziell gemeldeten Schäden. Die Kontrollkosten für alle bejagten Arten zusammen übersteigen die Schäden um das Achtfache.
  • SWILD – Kistler C. & Bontadina F. (2026) Wissenschaftliche Grundlagen zur Fuchsjagd. Fachbericht im Auftrag des Amtes für Wald und Wild des Kantons Zug. Mai 2026.
  • Kurzzusammenfassungen wissenschaftlicher Literatur zum Rotfuchs
  • Mehr dazu: Dossier: Der Fuchs in der Schweiz und Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet

Wildschweine

Elche

Rehe

Eine aktuelle Studie aus den südwestlichen Alpen zeigt, wie stark Jagddruck das Raumverhalten anderer Wildtiere verändern kann. Rehe mieden während der Jagdsaison Gebiete mit hohem Jagdrisiko. Besonders während Drückjagden auf Wildschweine wählten sie häufiger wolfsreiche Gebiete und hielten sich verstärkt in der Nähe von Gebäuden auf. Die Forschenden sprechen von einem Zielkonflikt zwischen verschiedenen Risiken: Um der Jagd auszuweichen, können Tiere in Bereiche ausweichen, in denen andere Gefahren zunehmen. Dies verdeutlicht, dass Jagd die Nutzung von Lebensräumen und Beziehungen zwischen Beute, Prädatoren und Menschen weit über den einzelnen Abschuss hinaus beeinflusst.

Rothirsche

  • Rempfler T. et al. (2025) Contrasting Daytime Habitat Selection in Wild Red Deer Within and Outside Hunting Ban Areas Emphasises Importance of Small-Scale Refuges From Humans. Ecology and Evolution 15(8): e71407. Schweizer Daten: 243 GPS-besenderte Rothirsche aus sechs Gebieten der Zentralalpen, Vergleich zwischen Schweizerischem Nationalpark, kleineren Jagdbanngebieten und ungeschützten Flächen. Netzwerke von Jagdbanngebieten erlauben es den Tieren, ihren Lebensraum weitgehend unabhängig vom menschlichen Einfluss zu wählen.
  • Rempfler T. (2025) The impact of habitat characteristics on spatio-temporal behaviour of red deer. Dissertation, Universität für Bodenkultur Wien, frei zugänglich auf parcs.ch. Grundlage ist das Bündner Rothirschprojekt «Ingio via?», mitkonzipiert und mitfinanziert vom Amt für Jagd und Fischerei Graubünden. Dokumentiert unter anderem, dass Rothirsche im Winter Energie sparen und nachts nicht kompensieren, dass Jagd die Habitatwahl auch nachts vorsichtiger macht, und dass rund die Hälfte der Bündner Abschüsse im Umfeld der Jagdbanngebiete erfolgt.
  • Amt für Jagd und Fischerei Graubünden (2025) Fachliche Beurteilung über den Schutz von säugenden Hirschkühen und Kälbern während der Bündner Hochjagd, 28. März 2025. Amtliches Papier, das den Muttertierschutz im September mit der Lernfähigkeit der Kühe begründet: Sie meiden ein Gebiet langfristig, wenn ihnen dort das Kalb weggeschossen wurde; im Wintereinstand könnten sie sich der Bejagung «nur bedingt» entziehen. Bestätigt zugleich, dass verwaiste Kälber sozial verkümmern und eine hohe Sterblichkeit aufweisen.
  • Andres D. et al. (2013) Sex differences in the consequences of maternal loss in a long-lived mammal, the red deer. Behavioral Ecology and Sociobiology 67: 1249–1258. Rum-Langzeitdaten: Mutterverlust erhöht das Sterberisiko der Kälber vor und nach dem Absetzen; männliche Waisen bilden seltener Geweihe, bei weiblichen Tieren wirkt die lebende Mutter lebenslang.
  • Ruckstuhl K.E., Sosa S. & Clutton-Brock T.H. (2026) Associations between lifetime fitness and social bonds in female red deer. Royal Society Open Science 13: 251327. 42 Jahre Daten von 295 Hirschkühen aus 24 Mutterlinien: Stärkere dauerhafte Sozialbindungen gehen mit höherem Überleben und höherem lebenslangem Fortpflanzungserfolg einher.
  • Thurfjell H., Ciuti S. & Boyce M.S. (2017) Learning from the mistakes of others: How female elk (Cervus elaphus) adjust behaviour with age to avoid hunters. PLOS ONE 12(6): e0178082. Besenderte Wapiti-Kühe in Kanada lernen mit jeder überlebten Jagdsaison, Hobby-Jägern auszuweichen; ab etwa zehn Jahren sind sie fast unerreichbar.
  • Arnold W. et al. (2004) Nocturnal hypometabolism as an overwintering strategy of red deer (Cervus elaphus). American Journal of Physiology 286: R174–R181. Herzfrequenz im Winter rund 60 Prozent tiefer als im Sommer; die Tiere sparen nachts Energie und können jagdliche Störung im Winter nicht kompensieren.
  • Hard J.J., Mills L.S. & Peek J.M. (2006) Genetic implications of reduced survival of male red deer Cervus elaphus under harvest. Wildlife Biology 12: 427–441. Modell: Sinkt das Verhältnis fortpflanzender Männchen zu Weibchen durch Jagd unter etwa 15 zu 100, kann die effektive Populationsgrösse so weit schrumpfen, dass das Anpassungspotenzial gefährdet ist.
  • Milner J.M., Nilsen E.B. & Andreassen H.P. (2007) Demographic side effects of selective hunting in ungulates and carnivores. Conservation Biology 21: 36–47. Übersichtsarbeit: Selektive Entnahme destabilisiert Sozialstrukturen und Dominanzhierarchien und kann soziales Wissen vernichten.
  • Eggers et al. (2026) Navigating a landscape of contrasting hunting regimes and habitats: red deer responses to risk and resources. Wildlife Biology. GPS-Daten von 32 Hirschkühen im Nationalpark Berchtesgaden, deren Streifgebiete bejagte und unbejagte Zonen umfassen: In der Jagdzone wählten die Tiere deutlich stärker geschlossenen Wald.
  • Boer-Cueva M. et al. (2026) Hunting and Outdoor Recreation Affect Large Herbivore Activity Patterns More Than Natural Predators in a Human-Dominated Landscape. Ecology and Evolution 16(2): e73033. Kamerafallen über fünf herbstliche Jagdsaisons in den östlichen italienischen Alpen: Hobby-Jagd und Freizeitnutzung prägen die Aktivitätsmuster des Rothirschs stärker als der Wolf.

Alpenmurmeltiere

  • Zenth F., Giari C., Morocutti E. et al. (2025) Hunting, but not outdoor recreation, modulates behavioural tolerance to human disturbance in Alpine marmots Marmota marmota. Wildlife Biology 2025: e01397

Alpenschneehühner

  • Sooth et al. (2026) Behavioural responses of a gamebird to human encounters across the hunting season. Wildlife Biology. Fluchtdistanzen des Alpenschneehuhns (Lagopus muta) in bejagten und unbejagten Populationen in Island und den italienischen Alpen: In bejagten Gebieten stiegen sie während der Jagdsaison signifikant an und fielen danach auf den Ausgangswert zurück, in jagdfreien Gebieten blieben sie konstant. Das Alpenschneehuhn wird auch in der Schweiz noch bejagt.

Rabenvögel und Stare

  • Jiguet F. et al. (2026) Ecological and economic assessments of native vertebrate pest control in France. Biological Conservation. Die bisher umfassendste ökonomische und ökologische Prüfung der Bejagung von Rabenkrähen, Saatkrähen, Elstern, Eichelhähern und Staren in Frankreich. Über sieben Jahre wurden mehr als 10,7 Millionen Vögel dieser fünf Arten getötet. Die Abschüsse regulieren weder Populationen noch Schäden, bei Eichelhäher und Star korreliert eine höhere Abschusszahl sogar mit höheren Frühjahrsbeständen.
  • Chiron F. & Julliard R. (2013) Assessing the effects of trapping on pest bird species at the country level. Biological Conservation 158: 98–106. Belegt, dass die Bejagung die Populationsstruktur von Rabenvögeln verändert, die Gesamtbestände jedoch nicht reduziert.
  • Jiguet F. & Gantin C. (2025) Fission-fusion dynamics and spring movements in first-year carrion crows challenge the efficiency of culling strategies. Scientific Reports 15: 31068. Zeigt, dass bis zu 96 Prozent der im Frühling erlegten Rabenkrähen junge, nicht brütende Individuen sind. Das regulatorisch relevante Brutpopulationssegment wird durch die Bejagung nicht erfasst.
  • Jiguet F. (2020) The Fox and the Crow. A need to update pest control strategies. Biological Conservation 248: 108693. Forderte bereits 2020 eine grundlegende ökologische, ökonomische und ethische Neubewertung der Bejagung von Füchsen und Rabenvögeln.
  • Green A.J., Elmberg J. & Lovas-Kiss Á. (2019) Beyond Scatter-Hoarding and Frugivory: European Corvids as Overlooked Vectors for a Broad Range of Plants. Frontiers in Ecology and Evolution 7: 133. Dokumentiert die unterschätzte Rolle von Rabenvögeln als Samenverbreiter.
  • Hougner C., Colding J. & Söderqvist T. (2006) Economic valuation of a seed dispersal service in the Stockholm National Urban Park, Sweden. Ecological Economics 59: 364–374. Beziffert den ökonomischen Wert der Samenverbreitung durch Eichelhäher auf 3’200 bis 14’600 Euro pro Brutpaar.

Turteltauben: Was ein Jagdstopp bewirkt

Ein seltenes Naturexperiment liefert der westliche Zugweg der Turteltaube. Vor 2019 wurden in Frankreich, Spanien und Portugal rund eine Million Turteltauben pro Herbst geschossen. Nach drei Jahren Jagdmoratorium ab 2021 nahm der Brutbestand in Westeuropa bis 2024 um 40 Prozent zu, das sind 615’000 zusätzliche Brutpaare. Auf dem zentral-östlichen Zugweg, wo nur wenige Länder die Hobby-Jagd einschränkten, sinkt der Bestandsindex weiter. Die EU-Kommission hat die Hobby-Jagd auf dem westlichen Zugweg 2025 dennoch mit einer Quote von 1,5 Prozent wieder freigegeben. Zur Einordnung: Es handelt sich um Daten des europäischen Brutvogelmonitorings (PECBMS), nicht um eine begutachtete Einzelstudie, und neben dem Jagddruck spielt die Lebensraumqualität eine Rolle.

Gämsen und Steinböcke

  • Coltman D.W. et al. (2003) Undesirable evolutionary consequences of trophy hunting. Nature 426: 655–658 (Dickhornschafe; die beschriebenen Selektionsmechanismen sind auf Steinböcke mit Trophäenjagd übertragbar)
  • Pigeon G. et al. (2016) Intense selective hunting leads to artificial evolution in horn size. Evolutionary Applications 9: 521–530
  • Büntgen U. et al. (2018) Horn growth variation and hunting selection of the Alpine ibex. Journal of Animal Ecology 87: 1069–1079. Schweizer Daten: 44’088 Hornzuwachsmessungen von 8’355 zwischen 1978 und 2013 in Graubünden erlegten Steinböcken. Böcke mit mittleren bis längeren Hörnern wurden bei gleichem Alter häufiger geschossen. Die Autoren werten das streng überwachte Bündner System zugleich als Beispiel dafür, dass eng kontrollierte Eingriffe Bestände erhalten können; die Arbeit wird deshalb auch von der Jagdlobby zitiert.

Hinweis: Für den Steinbock liegt mit Büntgen et al. (2018) eine Bündner Langzeitauswertung zur jagdlichen Selektion vor. Zu Stressphysiologie und Verhaltensänderung bejagter Gämsen und Steinböcke in der Schweiz fehlen weiterhin eigene Studien. Dieser Abschnitt wird bei Vorliegen neuer Daten aus alpinen Langzeitstudien ergänzt.

Braunbären

Wölfe

Allgemeine Publikationen zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd auf Wildtiere

Bleimunition: Weiterführende Quellen

Immunokontrazeption: Humane Alternativen zur Hobby-Jagd

Es gibt eine wachsende öffentliche Nachfrage nach Wildtiermanagern, die von traditionellen, tödlichen Kontrollmethoden abrücken und zu effektiveren, humanen, nicht-tödlichen Methoden übergehen. PZP-Immunkontrazeption (Porcine Zona Pellucida) und GonaCon-Impfstoffe bieten wissenschaftlich erprobte Alternativen.

Mehr dazu: Dossier: Genf und das Jagdverbot und Dossier: Argumentarium für professionelle Wildhüter

Jagdwaffen und häusliche Gewalt

Die Hobby-Jagd bringt Schusswaffen in Privathaushalte, und das erhöht das Risiko tödlicher Gewalt gegen Frauen. Die Rechtsmedizinerin Alexia Delbreil und der Kriminologe Jean-Louis Senon fanden in ihrer Studie zum Partnerschaftsmord (42 Fälle der Cour d’Appel de Poitiers), dass unter den mit Schusswaffen begangenen Femiziden rund 71 Prozent mit Jagdgewehren verübt wurden. Der Grund: Es handelt sich um «Gelegenheitswaffen», die häufig im Haushalt vorhanden sind. Der Psychiater Jean-Louis Terra hatte bereits 2003 festgestellt, dass das Tötungsrisiko für eine Frau in einem Haushalt mit Schusswaffe fünfmal höher liegt, ein Befund, den er 2021 gegenüber Reporterre als weiterhin gültig bezeichnete.

Publikationen zu Jagdwaffen, Gewalt und Tierquälerei

  • Delbreil A. & Senon J.-L. Homicide conjugal: Profil de l’auteur et facteurs prédictifs de passage à l’acte. À partir de 42 dossiers jugés par les juridictions de la Cour d’Appel de Poitiers. Sudoc. Unter den mit Schusswaffen begangenen Femiziden wurden rund 71 Prozent mit Jagdgewehren verübt, weil diese als «Gelegenheitswaffen» häufig im Haushalt vorhanden sind.
  • Terra J.-L. (2003) Das Tötungsrisiko für eine Frau liegt in einem Haushalt mit Schusswaffe fünffach höher. 2021 gegenüber Reporterre als weiterhin gültig bestätigt.
  • Flynn C.P. (2002) Hunting and Illegal Violence Against Humans and Other Animals: Exploring the Relationship. Society & Animals 10 (PDF)
  • Jegatheesan B. et al. (2020) Understanding the Link between Animal Cruelty and Family Violence: The Bioecological Systems Model. International Journal of Environmental Research and Public Health 17
  • Porges E.C. & Decety J. (2013) Violence as a source of pleasure or displeasure is associated with specific functional connectivity with the nucleus accumbens. Frontiers in Human Neuroscience 7
  • Decety J., Chen C., Harenski C. & Kiehl K.A. (2013) An fMRI study of affective perspective taking in individuals with psychopathy: Imagining another in pain does not evoke empathy. Frontiers in Human Neuroscience 7: 489
  • Dugré J.R., Hopfer C.J. & Winters D.E. (2025) The dark sides of the brain: A systematic review and meta-analysis of functional neuroimaging studies on trait aggression. Aggression and Violent Behavior 81: 102035
  • Grohs U.: Psychologisch-soziologische Unterschiede zwischen Hobbyjägern und Nichtjägern. Dissertation. WorldCat
  • Bücher: Paul Parin, «Die Leidenschaft des Jägers»; Erich Fromm, «Anatomie der menschlichen Destruktivität»

Mehr dazu: Dossier: Psychologie der Jagd, Was sagt die Psychologie über Hobby-Jäger?, Hobby-Jäger und ihr Muster im Gehirn, Jagdwaffen und Gewalt: Was die Schweizer Daten zeigen sowie die Kategorie Psychologie & Jagd.

Zur Psychologie der Jagd: Was die Forschung zeigt

Was bewegt Menschen dazu, zu jagen, und welche psychologischen Effekte hat das Töten von Tieren auf die Jäger selbst? Diese Frage ist wissenschaftlich wenig erforscht, gewinnt aber angesichts gesellschaftlicher Debatten über die Legitimität der Hobby-Jagd an Bedeutung. Im Folgenden werden empirische Befunde zusammengefasst – ohne Verallgemeinerung und ohne Gleichsetzung von Jagd mit Kriminalität oder Pathologie, die wissenschaftlich nicht haltbar wäre.

Jagdmotivation: Studien aus Nordamerika und Nordeuropa zeigen, dass Hobby-Jäger unterschiedliche Motivationsprofile aufweisen: Nahrungsbeschaffung, Naturerlebnis, soziale Bindung und – bei einem Teil der Befragten – die Freude am Töten selbst («harvest motivation»). Letztere Gruppe zeigt in Befragungsstudien eine höhere Toleranz gegenüber Tierleid und eine stärkere Identifikation mit Dominanz über die Natur. Diese Befunde stammen aus Selbstauskunftsstudien und sind nicht auf alle Jäger verallgemeinerbar. (Why Men Trophy Hunt: Showing Off and the Psychology of Shame, Psychology Today; Psychologisch-Soziologische Unterschiede zwischen Hobbyjägern und Nichtjägern)

Mehr dazu: Der Hobby-Jäger im 21. Jahrhundert

Kantonale Psychologie-Analysen:

So arbeiten wir mit Studien

Aufgenommen werden begutachtete Fachartikel, Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen, amtliche Berichte sowie Dissertationen und Fachberichte, die als solche gekennzeichnet sind. Medienberichte und Verbandsangaben dienen der Einordnung und gelten nicht als Beleg. Zu jeder Studie nennen wir nach Möglichkeit Art, Region und Methode, weil sich Befunde nicht beliebig übertragen lassen. Wir führen auch Arbeiten auf, deren Ergebnisse unserer Position nicht nützen, etwa Büntgen et al. (2018) zum Bündner Steinbock oder Grente et al. (2025) zu Wolfsabschüssen in den französischen Alpen. Fehler korrigieren wir. Hinweise auf fehlende oder falsch wiedergegebene Studien nimmt die Redaktion entgegen: info@wildbeimwild.com

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