21. April 2026, 21:11

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Jagd

Millionenfach getötet – für nichts: Neue Studie entlarvt Jägerlatein

Neue Studie in «Biological Conservation»: Frankreich tötet 1,7 Mio. Füchse und Krähen pro Jahr. Kosten achtmal höher als Schäden, Wirkung null.

Redaktion Wild beim Wild — 21. April 2026

Eine neue Studie in der Fachzeitschrift «Biological Conservation» zeigt, dass Frankreich jährlich 1,7 Millionen Füchse, Marder und Rabenvögel als «Schädlinge» töten lässt, obwohl die Kontrollkosten die gemeldeten Schäden um das Achtfache übersteigen und die Abschüsse weder Populationen regulieren noch Ernten schützen.

Kontrollkosten achtmal höher als die Schäden

Das Forschungsteam um Frédéric Jiguet vom Muséum national d’Histoire naturelle in Paris hat sieben Jagdsaisons zwischen 2015 und 2022 systematisch ausgewertet. Grundlage waren offizielle Daten des französischen Umweltministeriums aus 92 Departementen. In diesem Zeitraum wurden 12’394’885 Tiere getötet, darunter Rotfüchse, Steinmarder, Baummarder, Iltis, Mauswiesel, Rabenkrähen, Saatkrähen, Elstern, Eichelhäher und Stare.

Die ökonomische Bilanz fällt vernichtend aus: Die jährlichen Kontrollkosten beziffert das Team auf 103 bis 123 Millionen Euro. Die gleichzeitig offiziell gemeldeten Schäden durch diese Arten summieren sich auf 8 bis 23 Millionen Euro pro Jahr. Über sieben Jahre kumulieren sich die Tötungskosten auf 791 Millionen Euro, während die gesamthaft gemeldeten Schäden 96 Millionen Euro betragen. Selbst wenn die Arbeitszeit der Hobby-Jägerschaft nicht entlohnt und die Fahrtkosten halbiert werden, liegen die Kontrollkosten noch um den Faktor 1,66 über den Schäden.

Abschüsse senken weder Populationen noch Schäden

Zentraler Befund der generalisierten gemischten Modelle: Es gibt keinen statistischen Zusammenhang zwischen dem Tötungsaufwand und einer Reduktion der gemeldeten Schäden im Folgejahr. Weder ein höherer Abschuss senkt die Schäden, noch führt ein Rückgang oder das Aussetzen der Bejagung zu höheren Schäden. Die Autorinnen und Autoren formulieren nüchtern, dass eine Steigerung der Kontrollen keine Wirkung zeige und eine Aufhebung keine zusätzlichen Schäden verursache.

Noch deutlicher fällt das Ergebnis für die Populationsdynamik aus. Die Daten der französischen Brutvogelüberwachung zeigen, dass bei Eichelhäher, Star und für alle fünf Vogelarten zusammengenommen eine höhere Abschusszahl mit höheren Frühjahrsbeständen korreliert. Das Team erklärt das mit kompensatorischer Reproduktion: Reduzierte Konkurrenz um Futter erhöht Bruterfolg und Überlebensrate der verbleibenden Individuen. Beim Rotfuchs zeigen parallele Studien (Pépin et al. 2025) dasselbe Muster. Die Behauptung der Hobby-Jägerschaft, ohne massive Bejagung würden diese Arten «überhandnehmen», findet in sieben Jahren französischer Daten keine empirische Stütze.

454 Millionen Euro vernichtete Ökosystemleistung

Besonders brisant ist die Rechnung zu den Eichelhähern: Allein im Untersuchungszeitraum wurden 62’278 Eichelhäher getötet. Die Samenverbreitungsleistung dieser Art für Eichenwälder beziffern frühere Studien (Hougner et al. 2006) auf 3200 bis 14’600 Euro pro Brutpaar. Hochgerechnet entspricht das einem potenziellen Verlust von 100 bis 454 Millionen Euro an Ökosystemleistung. Weitere Leistungen wie die Nagerregulation durch Füchse und Marder sind in dieser Rechnung noch nicht enthalten.

Direkt übertragbar auf die Schweiz

Die Schweiz kennt keine formale «Schädlings»-Klassifikation wie Frankreich, reguliert aber dieselben Arten über das Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0). Fuchs, Steinmarder, Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher sind nach Art. 5 JSG jagdbare Arten. In den Patentjagdkantonen, die rund zwei Drittel der Schweizer Fläche abdecken, werden jährlich Zehntausende Füchse durch die Hobby-Jägerschaft getötet. Eine systematische ökonomische Wirkungsprüfung, wie sie Jiguet und sein Team für Frankreich vorlegen, existiert für keinen Kanton.

Das Genfer Modell zeigt seit 1974, dass ein komplettes Hobby-Jagd-Verbot ohne Schadenszunahme funktioniert. Die staatlich angestellten Wildhüterinnen und Wildhüter greifen nur gezielt und evidenzbasiert ein. Die französische Studie liefert nun den bislang belastbaren Beleg dafür, dass die flächendeckende Bejagung sogenannter «Schadarten» ökonomisch nicht begründbar ist. Das französische Umweltinspektorat IGEDD empfiehlt bereits, das dreijährliche Dekret zur «Schädlings»-Bejagung 2026 nicht zu erneuern.

Weiterführend auf wildbeimwild.com:

Quellen

  • Jiguet, F., Morin, A., Courtines, H., Robert, A., Fontaine, B., Levrel, H., Princé, K. (2026): Ecological and economic assessments of native vertebrate pest control in France. Biological Conservation. DOI: 10.1016/j.biocon.2026.111719
  • Pépin, D., Feuvrier, P., Powolny, T., Giraudoux, P. (2025): Investigating the effects of red fox management on poultry beyond the controversy, Jura Massif France. Scientific Reports 15: 26238.
  • Comte, S., Umhang, G., Raton, V. et al. (2017): Echinococcus multilocularis management by fox culling. Preventive Veterinary Medicine 147: 178-185.
  • Hougner, C., Colding, J., Söderqvist, T. (2006): Economic valuation of a seed dispersal service in the Stockholm National Urban Park, Sweden. Ecological Economics 59: 364-374.
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG), SR 922.0, Art. 5.
  • Inspection générale de l’environnement et du développement durable (IGEDD, 2024): Parangonnage sur les espèces susceptibles d’occasionner des dégâts. Rapport n° 015518-01.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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