Was die Hobby-Jagd den Steuerzahler kostet: eine Rechnung, die niemand offen vorlegt
Wer bezahlt eigentlich für die Folgen der Hobby-Jagd? Die nüchterne Antwort lautet: die Allgemeinheit. Und zwar in einer Grössenordnung, die in der öffentlichen Debatte fast nie auf den Tisch kommt. Wenn die Verbände von «Tradition» und «Hege» sprechen, sprechen sie nie von der Rechnung, die unten am Tisch liegt. Diese Rechnung soll hier offen ausgebreitet werden.
Rund die Hälfte des Schweizer Waldes erfüllt eine Schutzfunktion, das sind etwa 6000 Quadratkilometer.
Bund, Kantone und Nutzniesser stellen für die Schutzwaldpflege jährlich rund 150 Millionen Franken zur Verfügung. Allein der Bund trägt 40 Prozent dieser Kosten, also knapp 60 Millionen Franken pro Jahr. Im Wallis und im Tessin gelten knapp 90 Prozent der Wälder als Schutzwald.
Diese Mittel sind grundsätzlich sinnvoll. Schutzwald verhindert Lawinen, Steinschlag und Murgänge und ist zehnmal günstiger als technische Verbauungen. Doch ein erheblicher Teil dieser Kosten ist nicht naturgegeben, sondern eine Folge des Systems, das jahrzehntelang künstlich überhöhte Huftierbestände produziert hat.
Wenn Wildverbiss zum Milliardenrisiko wird
Die offizielle Datenlage ist eindeutig. Der Anteil an Schutzwald mit sehr wenig Verjüngung hat in den letzten zehn Jahren zugenommen und liegt inzwischen bei 30 Prozent der Schutzwaldfläche, in den Alpen bei 34 Prozent, auf der Alpensüdseite sogar bei 41 Prozent. Als Hauptursache nennt der Bund «unverändert hohen Verbiss der Jungbäume durch Rehe, Hirsche und Gämsen». Genau jene Bestände also, die die Hobby-Jagd zu regulieren behauptet und gleichzeitig massgeblich produziert.
Die finanziellen Folgen sind enorm. Ein einziges Fallbeispiel aus dem Bündner Disentis (Runfoppa) zeigt, dass zur Sicherung der Schutzwirkung in einem überschaubaren Gebiet bereits Investitionen von rund 180’000 Franken in Wildschaden-Verhütungsmassnahmen erforderlich sind. Hochgerechnet auf alle betroffenen Schutzwälder reden wir von zweistelligen, perspektivisch dreistelligen Millionenbeträgen. Der Bündner Wald droht in eine Entwicklung zu geraten, in der ohne Gegensteuern Milliardenkosten für Schutzbauten entstehen könnten.
Wildschadenvergütungen aus der Staatskasse
Hinzu kommen die direkten Wildschadenvergütungen. Im kleinen Kanton Thurgau allein beliefen sich die jährlichen Ausgaben für Wildschäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt auf rund 432’000 Franken, 2023 auf knapp 440’000 Franken. Hochgerechnet auf alle 26 Kantone reden wir von zweistelligen Millionenbeträgen pro Jahr, die Bauern, Waldbesitzer und letztlich der Steuerzahler tragen.
Die Hobby-Jäger beteiligen sich daran symbolisch. Im Thurgau steuern Jagdgesellschaften 15 Prozent der Schäden bei Hirschen, Wildschweinen und Dachsen bei. Im Aargau ist die Beteiligung der Jagdvereine auf maximal 25 Prozent ihres Pachtzinses gedeckelt. Den Rest übernimmt der Kanton, also die Allgemeinheit.
25 Millionen Franken Sachschaden durch Wildunfälle
Die Hobby-Jagd verteidigt das künstlich überhöhte Wildbestandsniveau auch mit dem Argument der «Bestandsregulation». Die Statistik zeigt das Gegenteil. In der Schweiz kollidiert durchschnittlich jede Stunde ein Auto mit einem Reh. Daraus ergeben sich pro Jahr 20 000 verunfallte Tiere im Strassenverkehr. Dabei werden 60 Personen verletzt, der Sachschaden beläuft sich auf 25 Millionen Franken. Die Versicherungen zahlen, die Prämien zahlen alle.
Wildhüter im Dauereinsatz, finanziert von allen
Das Tessiner Beispiel führt vor Augen, wie viel staatliche Arbeit anfällt, sobald die Hobby-Jagd ihre angebliche Kernaufgabe nicht mehr erfüllt. Die 22 Tessiner Wildhüter wendeten 1200 Stunden für Einzelabschüsse von Wölfen und weitere 1’900 Stunden zwischen September und Januar für die Rudelregulierung auf. Nur sechs Wölfe wurden am Ende erlegt, trotz vier kantonaler Abschussverfügungen und der Erlaubnis, bis zu 20 Jungtiere zu töten. 3’100 Stunden bezahlte staatliche Arbeitszeit für sechs tote Beutegreifer. Bei einem realistischen Vollkostensatz für Wildhüter von rund 100 Franken pro Stunde ergibt das gegen 310’000 Franken Steuergeld, allein für diese Wolfsregulierung in einem einzigen Kanton in einer einzigen Saison.
Diese Zahlen sind bemerkenswert, weil die Hobby-Jäger selbst die Wölfe nicht erlegen. Hobby-Jäger-Verbandspräsident Davide Corti sagt offen, der gewöhnliche Hobby-Jäger könne nicht die Lösung des «Wolfsproblems» sein. Übersetzt heisst das: Die staatliche Wildhut wird zum Reparaturbetrieb für ein System, das die Hobby-Jagd selbst destabilisiert hat, indem sie über Jahrzehnte natürliche Beutegreifer politisch bekämpfte.
Was die Hobby-Jagd dem Staat einbringt: beinahe nichts
Dem stehen die Einnahmen aus dem Hobby-Jagd-System gegenüber. Patentgebühren, Pachtzinsen und Bewirtschaftungsbeiträge der Jagdgesellschaften sind in absoluten Zahlen marginal. Sie decken in keinem Kanton die direkten und indirekten Folgekosten. Die Jagdgesellschaften beteiligen sich an Wildschäden in einstelligen Prozentbereichen, an Schutzwaldkosten praktisch gar nicht, an den Verkehrsschäden überhaupt nicht. Die Hobby-Jagd ist ein Nettoempfänger von öffentlicher Subvention, nicht der zahlende Partner, als der sie sich gerne darstellt.
Hinzu kommen weitere indirekte Subventionen: Allein für die Aufsicht in Schutzgebieten gewährt der Bund 2,5 Millionen Franken pro Jahr, neu zusätzlich 2 Millionen Franken für Schutzmassnahmen bei Beutegreifern. Das sind Mittel, die ohne den jahrzehntelang künstlich aufgeblähten Wildbestand und ohne den politischen Kampf gegen Wolf und Luchs gar nicht in dieser Höhe nötig wären.
Beutegreifer arbeiten gratis. Rund um die Uhr.
Hier liegt der entscheidende Punkt für jeden Steuerzahler. Ein Wolfsrudel reguliert Huftierbestände dauerhaft, selektiv und ohne einen Rappen Lohn. Wölfe sind 365 Tage im Jahr im Einsatz, sie selektieren bevorzugt schwache, kranke und alte Tiere und tragen damit zur Gesundheit der Bestände bei. Sie verteilen den Druck auf den Wald, weil Beutetiere ihr Verhalten ändern und nicht stundenlang in derselben Verjüngungsfläche stehen. Sie schaffen Aas für Aasfresser und kurbeln Nährstoffkreisläufe an. Studien aus Yellowstone und Banff zeigen, dass die Rückkehr von Wölfen zu einer dramatischen Verminderung der Verbissschäden am Wald führte.
Anders gesagt: Was die Schweiz heute mit 150 Millionen Franken Schutzwaldpflege, Millionen Wildschadenvergütungen, Tausenden Wildhüterstunden und 25 Millionen Sachschaden im Strassenverkehr teilweise auffangen muss, würde durch eine intakte Beutegreifer-Population kostenlos und besser geleistet. Ein Wolfsrudel hat in einem Jahr keine Lohnnebenkosten, kein Pensionskassendefizit und keine Spesen.
Dasselbe gilt für den Luchs, der punktgenau Rehe in dichten Wäldern reguliert, also genau dort, wo Hobby-Jäger sie nicht erreichen. Der Luchs verursacht keine Verkehrsunfälle, keine Wildschadenvergütungen und keine Schutzbauten.
Die Bilanz, die niemand zieht
Stellt man die Posten zusammen, ergibt sich folgendes Bild. Der Steuerzahler bezahlt heute für ein System, das überhöhte Wildbestände produziert, mit den Folgen kämpft und gleichzeitig jene Akteure bekämpft, die das Problem auf natürlichem Weg lösen würden. Eine vorsichtige Schätzung ergibt für die Schweiz pro Jahr leicht eine Grössenordnung von mehreren hundert Millionen Franken an Kosten, die direkt oder indirekt dem System Hobby-Jagd zuzurechnen sind: anteilige Schutzwaldpflege wegen Verbiss, Wildschadenvergütungen, Wildverhütungsmassnahmen, Wildhütereinsätze für Beutegreiferregulation, Verkehrsschäden, Subventionen für Herdenschutzpläne, Forschung zur Konfliktlösung.
Dem stehen Patenteinnahmen und Pachterlöse in einer kleinen Bruchzahl dieser Summe gegenüber. Die Hobby-Jagd kostet den Schweizer Steuerzahler mehr, als sie einbringt. Wesentlich mehr.
Wenn die Hobby-Jagd-Lobby in der Schweiz ihre Existenz verteidigt, fällt früher oder später ein bestimmtes Argument: «Wir bezahlen ja Patente, wir tragen uns selbst.» Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hat dieses Argument bereits 2013 in einem Vortrag an der Universität Basel mit einem einzigen Satz zerlegt. Und zwar nicht durch Polemik, sondern durch nüchterne Verwaltungsbuchhaltung.
Die Vorstellung, Hobby-Jäger und Hobby-Fischer würden ihr Hobby «selbst finanzieren», beruht auf einer simplen Verwechslung. Patente decken einen Bruchteil der Verwaltungs-, Aufsichts-, Schadens- und Folgekosten. Sie sind eine Gebühr für die Erlaubnis, kein Vollkostenbeitrag.
Was sich ändern muss, damit der Steuerzahler profitiert
Beutegreifer ihre Arbeit machen lassen. Wolf, Luchs und Bär sind keine Konkurrenz zur staatlichen Wildhut, sondern ihre kostengünstigste Verstärkung. Jedes zusätzliche stabile Wolfsrudel reduziert mittelfristig Schutzwaldkosten und Verkehrsschäden.
Verursacherprinzip einführen. Wenn Hobby-Jagd-Verbände gegen Beutegreifer politisch lobbyieren und damit die staatliche Wildhut zum kostspieligen Ersatz machen, sollen sie die Mehrkosten anteilig tragen. Das gilt analog für Schutzwaldfolgen aus überhöhten Beständen.
Transparente Vollkostenrechnung. Jeder Kanton sollte einmal jährlich offenlegen, was Hobby-Jagd-System, Schutzwaldpflege wegen Verbiss, Wildschadenvergütungen, Verkehrsschäden und Wildhütereinsätze für Beutegreiferregulation summiert kosten. Die Bevölkerung hat ein Recht auf diese Zahl.
Schutzgebiete und Wildruhezonen ausbauen. Genfs Modell und der Schweizerische Nationalpark zeigen seit Jahrzehnten, dass die Natur ohne Hobby-Jagd nicht teurer wird, sondern günstiger. Stabile Bestände, weniger Verbiss, mehr Biodiversität, niedrigere Folgekosten.
Fazit
Die Bevölkerung wurde jahrzehntelang in dem Glauben gelassen, die Hobby-Jagd sei ein Beitrag der Privatpersonen an die Allgemeinheit. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Sie ist ein Hobby, dessen Folgekosten die Allgemeinheit trägt. Wer 150 Millionen Franken für Schutzwaldpflege bezahlt, 25 Millionen Sachschaden bei Wildunfällen, Wildschadenvergütungen in Millionenhöhe und Tausende Wildhüterstunden für die Bekämpfung der einzigen kostenlosen Regulatoren, der bezahlt für ein System, das ihm ohne Hobby-Jäger billiger käme. Beutegreifer arbeiten gratis. Sie sind keine Bedrohung für den Steuerzahler, sondern seine wirksamste Entlastung. Diese Botschaft gehört in jede Debatte, jede Abstimmung und jede Kostenanalyse zur Schweizer Wildtierpolitik.
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