Halbzeit im Alpsommer: Wolfsrisse halbieren sich, doch das Verdienst gehört nicht den Gewehren
Mehr Wölfe, weniger Risse. Zur Halbzeit der Alpsaison 2026 sinken die Nutztierrisse auf unter die Hälfte des Vorjahres. Der wahre Grund ist der Herdenschutz, nicht die Abschüsse der Hobby-Jagd. Nur ein Kanton schweigt.
Die nackten Zahlen sind eindrücklich. Bis Ende Juli 2026 töteten Wölfe in der Schweiz 183 Nutztiere. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es noch 402. Ein Rückgang um mehr als die Hälfte, und das, obwohl die Wolfspopulation mit über vierzig Rudeln und rund 350 Tieren so gross ist wie nie zuvor seit der Rückkehr des Wolfes.
Genau dieser scheinbare Widerspruch entlarvt die Erzählung der Agrar- und Hobby-Jagd-Lobby. Wäre die Zahl der Risse tatsächlich von der Zahl der Wölfe abhängig, müssten die Risse steigen, nicht sinken. Das Gegenteil ist der Fall.
Der Kontrast, der alles erklärt: Ober- gegen Unterwallis
Nirgends wird die wahre Ursache so deutlich sichtbar wie im Kanton Wallis, dem unangefochtenen Spitzenreiter bei den Rissen. Dort offenbart sich eine bemerkenswerte Diskrepanz. Während im Oberwallis weiterhin zahlreiche Risse auftreten, wurden im gesamten Unterwallis im laufenden Jahr lediglich zwei bestätigte Angriffe registriert.
Das Verblüffende daran: Im Unterwallis leben mit rund acht Rudeln deutlich mehr Wölfe als im Oberwallis mit etwa drei bis fünf. Trotzdem herrscht dort weitgehend Ruhe. Der Unterschied liegt nicht bei den Wölfen, sondern bei der Art der Nutztierhaltung und beim Herdenschutz. Auch das beliebte Argument der Abschüsse greift hier nicht: In beiden Kantonsteilen wurde im vergangenen Herbst und Winter präventiv reguliert, Einzelabschüsse gab es im rissreichen Oberwallis sogar häufiger.
Wo der Herdenschutz konsequent umgesetzt wird, bleibt es ruhig. Wo er fehlt, häufen sich die Risse. Diese Erkenntnis ist für die IG Wild beim Wild nicht neu, sie zieht sich seit Jahren durch die Datenlage. Bereits die Auswertung, dass 98 Prozent der gerissenen Nutztiere im Tessin ohne Herdenschutz waren, spricht eine unmissverständliche Sprache.
Ein Kanton schweigt: Das Tessin und sein Fragezeichen
Während acht Kantone offene Zahlen liefern, steht in der Statistik an einer Stelle nur ein Fragezeichen. Das Tessin ist der einzige Wolfskanton, der keine aktuellen Risszahlen veröffentlicht. Dieses Schweigen fügt sich in ein grösseres Muster.
Denn parallel zur Halbzeitbilanz dokumentiert die IG Wild beim Wild im Tessin eine Serie von einundzwanzig Fällen zwischen Oktober 2025 und Juli 2026, mit mindestens 78 getöteten Nutz- und Gehegetieren. In den behördlichen Feststellungen des Dipartimento del territorio taucht immer wieder dieselbe Formel auf: «Animale non protetto adeguatamente», Tier nicht ausreichend geschützt. Betroffen sind dabei nicht etwa entlegene Hochalpen, sondern auch Tallagen wie Iragna auf rund 300 Metern über Meer, unmittelbar neben dem Siedlungsgebiet.
Aufschlussreich ist auch, wie die Behörde kommuniziert. In sechzehn Fällen zwischen Oktober 2025 und Juli 2026 lautete die Feststellung des Ufficio della caccia e della pesca ausnahmslos «Animali non protetti adeguatamente» oder «non proteggibili», Tiere nicht geschützt oder nicht schützbar. Ab Juli 2026 tauchte plötzlich eine dritte Formel auf: «Protezione degli animali in esame», der Schutz werde noch geprüft. Diese Formel sagt weder das eine noch das andere. Dass die Beurteilung sehr wohl sofort möglich ist, zeigten die nachfolgenden DNA-Ergebnisse: In Vogorno, Serravalle und Brione sopra Minusio wurde die «in esame»-Einstufung nachträglich zu «nicht geschützt» korrigiert, und gleichzeitig ergab die Analyse, dass gar kein Beutegreifer beteiligt war.
Genau diese Fälle sind besonders aufschlussreich. In Vogorno, Serravalle und Brione sopra Minusio starben die Tiere nach den vorliegenden Ergebnissen nicht durch Wölfe, sondern an anderen Ursachen wie Krankheit, Witterung oder Vernachlässigung, und galten in der behördlichen Beurteilung dennoch als nicht genügend geschützt. Das untermauert einen Befund, den die IG Wild beim Wild seit Jahren belegt: Das eigentliche Tierschutzproblem bei Schafen und Ziegen ist weit grösser als der Wolf.
Dass fehlender Schutz eine Frage des Willens ist und nicht des Geländes, zeigt die Alpe Bri/Ninagn. Vom Kanton als «nicht zumutbar schützbar» eingestuft, machte der Bewirtschafter die über drei Täler verstreute, steile und felsige Alp dennoch schützbar: mit fünf Herdenschutzhunden, umfangreichem Zaunmaterial und einem Nachtpferch für rund 360 Schafe. Wohnwagen und mobile Hütte wurden per Helikopter eingeflogen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wenn auf einer als «unschützbar» eingestuften Alp 360 Schafe geschützt werden können, lässt sich fehlender Schutz im Tal neben dem Wohnhaus kaum rechtfertigen.
Die Zahlen der Kantone im Detail
Der Rückgang zieht sich quer durch die Rudelkantone. In Graubünden sank die Zahl der getöteten Nutztiere von 67 auf 29, ein Rückgang um mehr als die Hälfte. Noch drastischer fiel er in der Waadt aus: von 114 auf gerade noch fünf. Dieser besonders starke Einbruch lässt sich teilweise mit der massiven Regulierung des Rudels am Mont Tendre erklären, ein lokaler und vorübergehender Effekt, der jedoch nichts an der grossräumigen Entwicklung ändert.
| Kanton | Risse per Ende Juli 2025 | Risse per Ende Juli 2026 |
|---|---|---|
| Graubünden | 67 | 29 |
| Wallis | 170 | 130 |
| Waadt | 114 | 5 |
| Neuenburg | 12 | 16 |
| Glarus | 2 | 1 |
| St. Gallen | 24 | 2 |
| Obwalden | 10 | 0 |
| Schwyz | 3 | 0 |
| Tessin | ? | ? |
| Total (ohne Tessin) | 402 | 183 |
In Obwalden und Schwyz wurde bislang kein einziges Nutztier gerissen. Einzig in Neuenburg zeigt sich auf tiefem Niveau eine leichte Zunahme. Der Kanton Tessin verweigert weiterhin die Veröffentlichung aktueller Risszahlen, weshalb für diesen Kanton keine Aussagen möglich sind, ein intransparenter Sonderfall, der leider Tradition hat.
Abschüsse wirken lokal, Herdenschutz wirkt grossräumig
Selbst David Gerke, Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz, dessen Verein die Zahlen zusammengetragen hat, ordnet die Rolle der Abschüsse nüchtern ein. Ja, lokal könnten präventive Regulierungsabschüsse eine Linderung bringen, etwa am Mont Tendre. Aber sie seien nicht grossflächig dafür verantwortlich, dass es weniger Risse gebe. Die entscheidende Massnahme bleibe der Herdenschutz.
Dass die Risszahlen bereits seit 2023 rückläufig sind, also vor Beginn der grossen Abschusswellen, während der Wolfsbestand gleichzeitig weiter wuchs, ist der schlagende Beweis. Wer diesen Zusammenhang ignoriert, betreibt Symbolpolitik auf Kosten einer streng geschützten Art. Die Wirksamkeit funktionierender Schutzmassnahmen ist längst dokumentiert, wie das Beispiel Herdenschutz funktioniert auch in der Surselva zeigt. Umgekehrt entstehen Risse fast immer dort, wo gravierende Mängel beim Herdenschutz bestehen.
Der teure Umweg: Was ein Abschuss kostet
Die Fixierung auf den Abschuss ist nicht nur wirkungslos, sie ist teuer. Ein einziger Wolfsabschuss kostet in der Schweiz rund 30’000 bis 35’000 Franken. Im Tessin wurden in der Regulierungsperiode 2025/26 nach Berechnungen der IG Wild beim Wild rund 33’000 Franken pro Wolf aufgewendet, für gerade einmal sechs erlegte Tiere. Für denselben Betrag liessen sich sieben bis zehn Herdenschutzhunde ein ganzes Jahr lang finanzieren, eine Massnahme, die nachweislich wirkt, weil sie das Problem an der Wurzel packt.
Besonders perfide ist, dass fehlender Schutz genau jenes Problem erzeugt, das er angeblich bekämpft. Wo Nutztiere leicht erreichbar sind, lernen einzelne Wölfe, sich auf sie zu spezialisieren. Die Rissstatistik steigt, der Ruf nach Abschüssen wird lauter, und das eigentliche Versäumnis, die mangelnde Durchsetzung der Schutzpflicht, bleibt unsichtbar. Wer den Herdenschutz vernachlässigt, produziert die Abschussforderung gleich mit. Wie sehr die zuständigen Ämter dabei wegschauen, hat die IG Wild beim Wild bereits dokumentiert, als das Tessiner Veterinäramt zehn Angriffe mit fünfzig toten Tieren ohne Konsequenz protokollierte.
Fazit: Der Wolf ist nicht das Problem
Die Halbzeitbilanz des Alpsommers 2026 ist eine Ohrfeige für all jene, die den Wolf zum Sündenbock stempeln und Abschüsse als Allheilmittel fordern. Mehr Wölfe, weniger Risse: Diese Formel funktioniert nur mit konsequentem Herdenschutz. Die Tierhaltenden, die in Zäune, Hunde und Behirtung investiert haben, leisten die eigentliche Arbeit. Ihnen gebührt Anerkennung, nicht den Gewehren der Hobby-Jagd.
Das langfristige Ziel bleibt die Koexistenz von Mensch und Wolf. Die Zahlen zeigen: Sie ist möglich. Man muss sie nur wollen, statt weiter auf die vermeintlich einfache Lösung des Abschusses zu setzen. Vertiefende Analysen dazu bündeln unser Dossier zur ökologischen Funktion und politischen Realität des Wolfes sowie unser Dossier Jagd und Tierschutz.
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