Der Wolf beisst nie – trotzdem gilt er als Bestie
Zehntausende Hundebisse pro Jahr gelten als Alltagsrisiko, ein Wolf ohne einen einzigen dokumentierten Biss löst Staatsaffären aus.
Allein im Kanton Zürich registrierte das Veterinäramt letztes Jahr 860 Fälle, in denen Hunde Menschen bissen.
Im selben Zeitraum, und eigentlich seit der Wolf 1995 in die Schweiz zurückgekehrt ist, gibt es gemäss Gruppe Wolf Schweiz und der Stiftung KORA landesweit keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem ein Wolf einen Menschen gebissen oder gar verletzt hätte. Trotzdem ist es der Wolf, der in Leserbriefen, Interpellationen und Sondersendungen als Gefahr für Leib und Leben verhandelt wird. Der Hund bekommt ein Präventionsplakat mit einer Comicfigur.
Die Zahlen, die niemand feiert
Das Veterinäramt des Kantons Zürich meldete für das vergangene Jahr 860 Fälle, in denen Hunde Menschen bissen. Besonders häufig betroffen: Kinder. Die Reaktion des Kantons ist eine Präventionskampagne mit den Figuren Cleo, Tim und Lupo, die schon Kindergartenkindern den «sicheren Umgang» mit Hunden beibringen soll.
Landesweit sieht das Bild nicht anders aus. Eine Suva-Studie schätzt die Zahl der Hundebissverletzungen, die einen Arztbesuch nötig machen, auf rund 9500 pro Jahr, eine ältere Schätzung geht sogar von rund 13’000 ärztlich versorgten Fällen aus. Eine Umfrage von SRF bei allen Kantonen kam auf über 7000 gemeldete Vorfälle pro Jahr, mit steigender Tendenz, seit die Kantone das Hundekurs-Obligatorium abgeschafft haben. Je nach Erhebungsmethode und Dunkelziffer bewegt sich die realistische Grössenordnung damit klar im fünfstelligen Bereich. Kinder sind gemäss mehreren kantonalen Auswertungen überproportional betroffen, in einzelnen Kantonen war in jedem dritten bis sechsten Fall ein Kind unter 16 Jahren das Opfer.
Auch Berufsleute zahlen einen Preis, den kaum jemand kennt. Pro Jahr werden gemäss Suva im Schnitt rund 100 Pöstlerinnen und Pöstler von einem Hund gebissen, statistisch also etwa zweimal pro Woche. Zeitweise, etwa 2018, lag der Anteil der Post-Branche an sämtlichen gemeldeten Hundebissen bei rund einem Fünftel. Viele dieser Vorfälle passieren dort, wo Hunde als Wach- oder Hofhunde an der Kette gehalten werden und ihr Territorium gegen den täglich wiederkehrenden «Eindringling» verteidigen.
Diese Zahlen erzeugen keine Sondersendungen. Es gibt keine kantonalen Vorstösse, die eine Leinenpflicht für sämtliche Hunde fordern, keine Rufe nach Bestandsregulierung, keine Boulevard-Kampagnen. Man diskutiert Präventionsbroschüren, das war es.
Mutterkühe: die stille Gefahr auf dem Wanderweg
Wer im Sommer in den Alpen wandert, begegnet häufiger einer Mutterkuhherde als einem Wolf, und diese Begegnung ist nicht harmlos. In Graubünden kommt es gemäss dem kantonalen Amt im Schnitt zwei- bis dreimal jährlich zu Angriffen durch Mutterkühe, mit leichten bis schweren Verletzungen. 2010 starben auf St. Galler Weiden zwei Menschen bei solchen Angriffen, 2015 wurde eine 77-jährige Frau bei Laax von einer Mutterkuhherde zu Tode getrampelt. Auch danach blieb es nicht bei Einzelfällen: Zwischenfälle mit teils schweren Verletzungen werden praktisch jede Wandersaison gemeldet, zuletzt etwa bei Flumserberg.
Diese Todesfälle und Verletzungen lösten Betroffenheit aus, aber keine Rufe nach «Regulierung» der Rinderpopulation, keine Forderung, Mutterkühe präventiv aus den Bergen zu schaffen. Man diskutierte Auszäunungen, Warntafeln und Sensibilisierung, also genau jene Herdenschutzlogik, die beim Wolf regelmässig als «nicht ausreichend» abgetan wird.
Der Wolf: null Bisse, null Tote, maximale Aufregung
Und der Wolf? Seit seiner Rückkehr in die Schweiz Mitte der 1990er-Jahre ist kein einziger Angriff auf einen Menschen dokumentiert, kein Biss, keine Verletzung, geschweige denn ein Todesfall. Das bestätigen sowohl die Gruppe Wolf Schweiz als auch der Kanton Zürich in seinem eigenen Handlungsleitfaden Wolf. Eine europaweite Studie für den Zeitraum 2002 bis 2020 fand gerade einmal zwölf Angriffe mit vierzehn Betroffenen, zwei davon tödlich, beide in Nordamerika. In der Schweiz: null.
Trotzdem reicht die blosse Sichtung eines Wolfs oder ein Nutztierriss, um kantonale Interpellationen, Sonderabschüsse und mediale Dauerbeschallung auszulösen. Waadt liess im Februar 2026 die Wirksamkeit seiner eigenen Wolfsabschüsse durch die Stiftung KORA wissenschaftlich überprüfen, nachdem trotz zehn getöteter Tiere und erheblichem personellem Aufwand die Zahl der Nutztierrisse mit 160 Fällen im Jahr 2025 kaum gesunken war. Der Kanton selbst begründete den Auftrag mit der Notwendigkeit, «die Wirksamkeit der getroffenen Massnahmen laufend zu überprüfen».
Angetrieben wird diese Politik von zwei Seiten. Zum einen von Teilen der Hobby-Jagd, die im Wolf einen Konkurrenten um «ihr» Wild sehen. Ein besonders ausgeprägtes Beispiel ist der Tessiner Ständerat Fabio Regazzi (Die Mitte), Ex-Jagdpräsident im Tessin und Vizepräsident von JagdSchweiz. Seine parlamentarische Initiative für eine politisch festgelegte Wolfsobergrenze fand inzwischen sogar die Unterstützung des Bundesrats, wie wildbeimwild.com ausführlich dokumentiert. Regazzis Linie ist über Jahre konstant: Das Problem liege nicht in fehlendem Herdenschutz oder ungeschützter Weidewirtschaft, sondern im Wolf selbst, wie eine Analyse seiner politischen Laufbahn zeigt.
Zum anderen sind es Nutztierhalter selbst, die vielerorts Stimmung gegen den Wolf machen, oft mit dem berechtigten Ärger über einzelne Risse, aber verbunden mit einer Forderung nach pauschalen Abschüssen statt konsequentem Herdenschutz. Diese beiden Interessengruppen, Hobby-Jagd und ein Teil der Alpwirtschaft, verstärken sich gegenseitig: Die einen liefern das politische Vehikel, die anderen die emotionale Betroffenheit, die in den Medien besonders gut funktioniert.
Warum diese Schieflage kein Zufall ist
Der Unterschied liegt nicht in der Gefährlichkeit der Tiere, sondern darin, wem die Angst nützt. Hunde und Mutterkühe gehören niemandem, den man politisch angreifen könnte, sie sind Teil des Alltags, den man akzeptiert und dessen Risiken man mit Prävention statt mit Abschusslisten begegnet. Der Wolf dagegen ist zum Symbol geworden, an dem sich zwei Interessengruppen abarbeiten: Teile der Hobby-Jagd, die im Wolf einen Konkurrenten sehen, und Teile der Alpwirtschaft, die lieber Abschüsse als konsequenten Herdenschutz fordern. Wie das Dossier zu den Jagdmythen zeigt, wird das Bedrohungsszenario systematisch eingesetzt, um politische Mehrheiten für Abschüsse zu gewinnen, unabhängig davon, was die Zahlen tatsächlich hergeben. Auch die Rolle der Medien ist dabei nicht neutral: Nutztierrisse durch den Wolf erhalten routinemässig prominente Berichterstattung, während die eigentliche Unfallstatistik bei Hunden, Mutterkühen oder in der Hobby-Jagd selbst kaum Beachtung findet, wie im Dossier zu Medien und Jagdthemen beschrieben.
Zur Einordnung lohnt sich auch ein Blick auf die Hobby-Jagd selbst: Jagdunfälle, verursacht von Hobby-Jägern, kosteten zwischen 2000 und 2019 mindestens 75 Menschen das Leben, dokumentiert im Faktencheck zur Broschüre von JagdSchweiz. Auch darüber wird selten in dieser Lautstärke gesprochen, mit der jede einzelne Wolfssichtung kommentiert wird.
Fazit
Würde man Gefahr tatsächlich anhand von Fallzahlen bemessen, müssten Hunde und Mutterkühe die politische Debatte dominieren, nicht der Wolf. Stattdessen gilt: Ein Tier ohne einen einzigen dokumentierten Biss in drei Jahrzehnten wird zur Staatsaffäre erklärt, angetrieben von Hobby-Jägern wie Fabio Regazzi und einem Teil der Alpwirtschaft, während Zehntausende Hundebisse pro Jahr als Alltagsrisiko hingenommen werden. Das ist keine Frage der Statistik. Das ist eine Frage davon, wessen Interessen mit der Angst bedient werden.
Weiterführend
- Ist der Wolf für Menschen in der Schweiz gefährlich? Fakten und Mythen
- Wolfsobergrenze in der Schweiz: Bundesrat folgt Fabio Regazzi
- Politik der Schnellschüsse: Wie Fabio Regazzi die Wildtierdebatte verschiebt
- Herdenschutz in der Schweiz: Was funktioniert, was scheitert
- Jagdmythen: 12 Behauptungen im Faktencheck
- Jäger-Lobby in der Schweiz
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