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Tierwelt

Heimtierhandel gefährdet die Artenvielfalt: Nature fordert einen Kurswechsel

Mehr als die Hälfte der gehandelten Reptilien stammt aus Wildfängen. Ein Kommentar in «Nature» fordert eine EU-Positivliste, und 2026 könnte zum Wendepunkt werden.

Redaktion Wild beim Wild — 21. September 2026

Wer in Europa eine exotische Echse oder einen Frosch kauft, kann nicht sicher sein, woher das Tier wirklich stammt.

Viele wurden in ihrem Herkunftsland aus der freien Natur gefangen, teilweise illegal. Ein Kommentar, der in der Fachzeitschrift «Nature» erschienen ist, fordert deshalb einen grundlegenden Kurswechsel im globalen Heimtierhandel. Verfasst hat ihn ein internationales, interdisziplinäres Team von Fachleuten aus Wissenschaft, Medizin und Artenschutz.

Der Handlungsdruck ist gross. Laut den zitierten Studien werden mehr als die Hälfte der gehandelten Reptilien und rund 40 Prozent der gehandelten Amphibien der freien Natur entnommen. Der internationale Schutz hinkt weit hinterher: Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES erfasst bislang nur 9,5 Prozent aller Reptilien- und 4,2 Prozent aller Amphibienarten. Genau hier klafft eine gefährliche Lücke.

«Gerade der Schmuggel mit Nicht-CITES-Arten, die in ihrem Heimatland aber illegal eingefangen wurden, boomt», erklärt Dr. Sandra Altherr, Biologin bei Pro Wildlife und Mitautorin des Beitrags. Der Grund sei simpel: Händler hätten in Europa wegen dieser Gesetzeslücke schlicht nichts zu befürchten. Nachhaltigkeit, Legalität und Sicherheit müssten zur Voraussetzung des Handels werden, nicht zum Ergebnis nachträglicher Verbote.

Die Folgen enden nicht an der Ladentheke. Der Handel bedroht die Artenvielfalt in den Herkunftsländern, gefährdet aber auch die Zielländer. Dort können ausgesetzte oder entkommene Tiere zu invasiven Arten werden und Krankheitserreger einschleppen. Dass exotische Tiere in Privathand ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen, zeigt sich etwa an der Ausbreitung des Ochsenfroschs. Und wie real die gesundheitlichen Risiken sind, belegen die dokumentierten Zoonosen-Fälle durch den Wildtierhandel in Europa.

«Erschreckend viele Reptilien- und Amphibienarten sind vom Aussterben bedroht, viele von ihnen auch wegen des Heimtierhandels», sagt Mitautor Dr. Neil Vora, Mediziner im Bereich Pandemieprävention. Hinzu kämen Transport- und Haltungsbedingungen, die jedem Tierschutzverständnis widersprechen. In Einzelfällen haben Händler sogar ganze Wildpopulationen ausgelöscht, indem sie wissenschaftliche Publikationen zu neu entdeckten Arten gezielt ausgewertet haben.

EU steht vor konkreten Weichenstellungen

Die Autorinnen und Autoren bezeichnen 2026 als mögliches politisches Zeitfenster für einen Kurswechsel. Die Europäische Kommission hat Studien dazu in Auftrag gegeben, welchen Mehrwert eine EU-weite Positivliste hätte und wie der Handel mit illegal beschafften Wildtieren EU-weit wirksamer strafrechtlich verfolgt werden könnte. Die Fertigstellung der Studie zur Positivliste war zunächst für das erste Halbjahr 2026 angekündigt; ob und welche politischen Schritte daraus folgen, ist offen.

Eine solche Positivliste würde den Grundsatz umkehren: Gehandelt und privat gehalten werden dürften nur ausdrücklich zugelassene Arten, deren legale und nachhaltige Herkunft belegt ist, die keine erheblichen Risiken für Biodiversität oder Gesundheit darstellen und deren Bedürfnisse in Privathaltung erfüllt werden können. Wie eine Positivliste für Haustiere im Detail funktioniert, erklären wir gesondert. Der Nature-Beitrag fordert, diese Vorarbeiten jetzt in verbindliche Politik zu überführen. Die Idee ist nicht neu: Bereits vor Jahren machten sich mehrere EU-Staaten für ein Verbot von Wildtieren als Haustiere stark.

Auch die Vereinten Nationen entscheiden

Im Oktober 2026 treffen sich die Vertragsstaaten des UN-Übereinkommens gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität. Dort könnten die Staaten weitere Schritte zu einem möglichen internationalen Instrument gegen Umweltkriminalität beraten. Ein künftiges Protokoll könnte die Zusammenarbeit gegen die Wildtierkriminalität stärken, beschlossen ist es aber nicht. Wie dringend das Thema ist, zeigen die immer neuen Rekordbeschlagnahmungen, etwa bei der weltweiten Operation Thunder mit 30 000 geretteten Wildtieren oder bei der bisher grössten Aktion gegen den Wildtierhandel in Brasilien.

Die Schweiz ist mittendrin

Der Handel endet nicht an fernen Grenzen. Auch in der Schweiz werden Reptilien und Amphibien als Heimtiere gehandelt, und Tierbörsen wie die Terra Expo in der Umwelt Arena Spreitenbach bieten dafür eine Plattform. Solange Tiere als Ware gelten, wird nachgeliefert. Genau hier setzt die Petition der IG Wild beim Wild an: Sie fordert die Umwelt Arena und die Gemeinde Spreitenbach auf, weder Jagdmessen noch Tierbörsen mehr eine Bühne zu geben.

Der Nature-Beitrag macht deutlich: Ein vorsorgender, international abgestimmter Rechtsrahmen ist der einzige Weg, um zu verhindern, dass der Markt für exotische Haustiere weiter auf Kosten wild lebender Arten und ihrer Lebensräume wächst. 2026 bietet die Chance dazu. Sie muss nur genutzt werden.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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