Riss im Jägerlager: Ökologischer Jagdverein stellt die Fuchsjagd-Linie von JagdSchweiz infrage
JagdSchweiz erklärt die Fuchsjagd für unverzichtbar, räumt aber selbst ihre begrenzte Wirkung auf den Bestand ein. Der Ökologische Jagdverein Schweiz setzt auf Lebensräume und die ökologische Rolle von Luchs und Wolf.
Es ist ein bemerkenswerter Konflikt innerhalb der organisierten Hobby-Jägerschaft:
Während JagdSchweiz die Fuchsjagd erhalten und regional intensivieren will, vertritt der Ökologische Jagdverein Schweiz (OEJV) eine stärker am Lebensraum und an der Prädatorenökologie orientierte Sicht.
Am 20. November 2025 datierte JagdSchweiz, der Dachverband der Schweizer Hobby-Jägerschaft, sein Positionspapier zur Fuchsjagd. Die Botschaft ist unmissverständlich: Die Bejagung des Fuchses sei «sinnvoll und nützlich» und müsse «unbedingt beibehalten werden». Der Fuchsbestand im Mittelland und in den Siedlungen sei «unnatürlich hoch». Als Hauptrechtfertigung dient der Schutz anderer Arten, namentlich des Feldhasen und bodenbrütender Vögel wie Kiebitz, Birkhuhn oder Waldschnepfe.
Die eigentliche Schwäche des Papiers steht im Kleingedruckten. JagdSchweiz räumt selbst ein, dass die heutige Bejagung «wohl kaum einen spürbar limitierenden Einfluss» auf den Gesamtbestand des Fuchses habe, dass lokale Abschüsse durch Zuwanderung und erhöhte Reproduktion rasch ausgeglichen würden und dass die Hobby-Jagd auf das Seuchengeschehen «meist keinen direkten Einfluss» habe. Rund 60 Prozent der erlegten Füchse landen laut dem Verband nicht einmal in der Pelzverwertung. Trotzdem verlangt das Papier eine «regional sehr intensive und zeitlich anhaltende» Bejagung bis hin zur winterlichen Baujagd und zur Fangjagd mit Kastenfallen. Der Dachverband beschreibt also eine Praxis, die fast nichts von dem erreicht, was sie zu leisten vorgibt, und fordert im selben Atemzug, sie unbedingt und intensiv fortzuführen. Wild beim Wild hat diese Widersprüche bereits aufgeschlüsselt.
Und ausgerechnet die eigenen Grundlagen des Ökologischen Jagdvereins Schweiz stützen die zentrale Rechtfertigung von JagdSchweiz nicht. Der 2020 gegründete Verein versteht sich als Stimme einer wissenschaftsbasierten Jagd. Schon sein Leitbild lehnt die Trophäenjagd ab, verpflichtet sich zur «Schonung bedrohter Tiere» und fordert ausdrücklich «ein Verbot der Baujagd», also just jener Methode, die JagdSchweiz beim Fuchs für besonders effizient und unverzichtbar hält. In seinen Haltungspapieren benennt der Verein beim Feldhasen und bei den Bodenbrütern zudem ganz andere Ursachen als den Fuchs.
Im «Haltungspapier zur Hasenjagd» (2023) hält der OEJV fest, der Feldhase leide «vor allem wegen der intensiven Landwirtschaft». Genannt werden vermähte Junghasen, ausgeräumte Agrarflächen, fehlende Hecken, Monokulturen und Pestizide. Prädation erscheint dort nur als Folge fehlender Deckung in der ausgeräumten Landschaft, nicht als eigenständiger Treiber. Eine Rechtfertigung für eine flächige Fuchsbejagung zum Schutz des Feldhasen ergibt sich aus dem Papier nicht.
Im «Haltungspapier zur Jagd auf Alpenschneehuhn, Birkhahn und Waldschnepfe» (2023) klingt es fast gleich: Die Abnahme dieser Bestände sei «mehrheitlich auf den Verlust eines geeigneten Lebensraumes zurückzuführen», dazu kämen menschliche Störungen und der Klimawandel. Der Fuchs wird als Ursache nicht genannt. Die ökologisch orientierte Jägerschaft benennt also exakt jene Faktoren, die JagdSchweiz zugunsten des Fuchses in den Hintergrund rückt.
Am deutlichsten wird der Unterschied dort, wo beide Verbände von derselben Forschung ausgehen. JagdSchweiz nennt örtlich fehlende Spitzenprädatoren als einen von vier Gründen für hohe Fuchsbestände und schreibt selbst, Luchs und Wolf würden Mesoprädatoren wie den Fuchs begrenzen; als Beleg dient dem Verband unter anderem Forschung von Elmhagen. Der OEJV stützt sich in seinem «Positionspapier zu den grossen Beutegreifern» (2022) auf dieselbe Forschungslinie, konkret auf Elmhagen et al. (2010), zieht daraus aber die gegenteilige Konsequenz. Er hält fest, der Luchs begrenze auch Mesoprädatoren wie den Fuchs, und «mit steigender Luchspopulation» seien in Finnland «die Bestände der Raufusshühner und Schneehasen gewachsen». Vom «regulierenden Einfluss» der grossen Beutegreifer auf Fuchs, Waschbär und Marderhund profitierten damit gerade jene Vogel- und Hasenarten, die JagdSchweiz mit der Jagd schützen will. Sein Fazit: «Es besteht kein ökologischer Grund, Spitzenprädatoren zu regulieren.»
Damit steht die eigentliche Alternative im Raum. Wo JagdSchweiz zur dauerhaften jagdlichen Prädationskontrolle greift, setzt die ökologische Jägerschaft auf die Aufwertung der Lebensräume und auf die Ausbreitung und wirksame Präsenz grosser Beutegreifer, die den Fuchs natürlich begrenzen. Der eine Verband will das Symptom bejagen, der andere die Ursache angehen.
Diese Position trifft sich mit der Faktenlage, die Wild beim Wild seit Jahren dokumentiert. Der Kanton Genf kennt seit 1974 keine Freizeitjagd auf den Fuchs, ohne Überpopulation, Seuchen oder übermässige Schäden. Luxemburg hat die Fuchsjagd 2015 abgeschafft; nach Angaben der luxemburgischen Veterinärverwaltung ist die Befallsrate der Füchse mit dem Fuchsbandwurm seither nicht gestiegen, sondern gesunken. Und der Kanton Zug liess eine Petition des Luzerner Juristen Pascal Wolf von einer externen Fachstelle prüfen, mit dem Ergebnis, dass die Fuchsjagd wissenschaftlich nicht notwendig ist. Wolf bringt seinen Vorstoss inzwischen in mehreren Kantonen ein.
Der Dachverband JagdSchweiz weist Kritik an der Fuchsjagd regelmässig als emotional und faktenfern zurück. Dieser Reflex läuft ins Leere. Denn der Zweifel an der Fuchsjagd kommt nicht mehr nur von aussen, sondern aus der Jägerschaft selbst, und er stützt sich auf dieselbe Forschung, die JagdSchweiz in seinem eigenen Papier zitiert, aber nicht zu Ende denken kann.
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