26. August 2026, 17:37

Suchen

Kampagnen & Jagd

Offener Brief an die Urner Sicherheitsdirektion zur Fuchsjagd-Antwort

Neun Fragen an Landesstatthalterin Céline Huber, zwei Wochen Frist.

Redaktion Wild beim Wild — 26. August 2026

Nach der ausweichenden Antwort der Urner Sicherheitsdirektion auf die Fuchsjagd-Petition richtet die IG Wild beim Wild einen offenen Brief an Landesstatthalterin Céline Huber.

Neun Fragen, eine Frist von zwei Wochen, und die Ankündigung, dass die Antwort oder das Schweigen öffentlich gemacht wird. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut.

Am 24. August 2026 antwortete die Sicherheitsdirektion des Kantons Uri auf die Petition zur wissenschaftlichen Notwendigkeit der Fuchsjagd, die der Luzerner Jurist Pascal Wolf am 15. Februar 2026 beim Landrat eingereicht hatte. Die Petition stellte sechs präzise Fragen. Beantwortet wurde keine einzige. Stattdessen lieferte das Schreiben einen allgemeinen Grundsatztext über das Schweizer Jagdsystem, ohne eine einzige Studie zu zitieren. Wir haben den Vorgang auf unserer Kampagnenseite «Fuchsjagd stoppen – Landrat Uri anschreiben» eingeordnet. Weil eine blosse Einordnung der Sache nicht gerecht wird, haben wir nachgefragt, direkt bei der Unterzeichnerin der Antwort.

Petition

Keine Luchsabschüsse im Wallis

Der Luchs ist genetisch am Limit, trotzdem soll er als erster Kanton der Schweiz zum Abschuss freigegeben werden.

Jetzt unterschreiben →

Besonders bemerkenswert: Um die Vielfalt der Schweizer Jagdsysteme zu illustrieren, verwies die Sicherheitsdirektion selbst auf den Kanton Genf mit seinen angestellten Wildhütern, ohne zu bemerken, dass genau dieses Beispiel die Petition stützt. Genf kommt seit 1974 ohne Hobby-Jagd auf den Fuchs aus. Der Kanton führt damit den Gegenbeweis selbst an, den er eigentlich hätte prüfen sollen.

Der offene Brief folgt demselben Vorgehen wie unsere Schreiben an den Luzerner Kommissionspräsidenten Michael Kurmann und an den Glarner Landammann Dr. Markus Heer: sachlich, mit konkreten Fragen, und mit der klaren Erwartung einer Antwort. Hier das Schreiben im Wortlaut.

Offener Brief an Landesstatthalterin Céline Huber

Sehr geehrte Frau Landesstatthalterin

Mit Befremden haben wir Ihre Antwort auf die Petition von Pascal Wolf zur Kenntnis genommen, eingereicht am 15. Februar 2026 beim Urner Landrat. Das Schreiben vom 24. August 2026 trägt Ihre Unterschrift. Wir richten uns deshalb direkt an Sie.

Die Petition stellte sechs präzise Fragen zur wissenschaftlichen Notwendigkeit der Fuchsjagd. Ihre Antwort beantwortet keine einzige davon. Stattdessen liefert sie einen allgemeinen Grundsatztext über das Schweizer Jagdsystem, Rechtsgrundlagen, Nachhaltigkeit, Tierschutz, Artenschutz und eine Würdigung der Urner Hobby-Jägerschaft. Eine wissenschaftliche Studie wird an keiner Stelle zitiert. Wir bitten Sie um Stellungnahme zu folgenden Punkten.

1. Die Antwort auf eine ungestellte Frage

Der Kernsatz Ihres Schreibens lautet: «Durch die Fuchsjagd wird weder der Fuchsbestand noch die Artenvielfalt gefährdet.» Danach hat niemand gefragt. Die Petition wollte wissen, welchen wissenschaftlich belegten Nutzen die Fuchsjagd hat, nicht ob sie Schaden anrichtet. Wer nachweist, dass eine Massnahme nicht schadet, hat ihre Notwendigkeit mit keinem Wort begründet. Können Sie den positiven Nutzennachweis nachreichen, den die Petition verlangt hat?

2. Das Genf-Beispiel widerlegt Sie selbst

Um die Vielfalt der Jagdsysteme zu illustrieren, verweisen Sie selbst auf den Kanton Genf mit seinen angestellten Wildhütern. Genau dieses Beispiel stützt die Petition: Genf kommt seit 1974 ohne Hobby-Jagd auf den Fuchs aus, ohne Bestandsexplosion und ohne verschärfte Krankheitslage. Sie führen den Gegenbeweis selbst an, den Sie eigentlich hätten prüfen sollen. Wie erklären Sie, dass ein von Ihnen gewähltes Referenzbeispiel die Notwendigkeit der Urner Fuchsjagd gerade nicht belegt, sondern in Frage stellt?

3. «Darf» ist nicht «muss»

Ihre Antwort verweist auf die Bundeskompetenz und das eidgenössische Jagdgesetz. Beides regelt, dass Füchse bejagt werden dürfen. Kein Bundesgesetz verpflichtet den Kanton Uri, gesunde Füchse zu schiessen. Der Kanton Zug hat gezeigt, dass der kantonale Handlungsspielraum genutzt werden kann. Weshalb verweist Uri auf eine Bundeskompetenz, wo der Bund den Kantonen selbst Spielraum lässt?

4. Die wissenschaftliche Befundlage

Die publizierte Forschung dokumentiert seit Jahren Kompensationseffekte bei der Fuchsbejagung: Abschüsse werden durch höhere Reproduktion, bessere Überlebensrate und Zuwanderung ausgeglichen. Selbst der Abschuss von drei Vierteln eines Bestands ist im Folgejahr wieder ausgeglichen. Zur Seuchenbekämpfung: Die Tollwutepidemie der 1970er-Jahre wurde nicht durch intensive Bejagung gestoppt, sondern erst durch die Impfkampagne ab 1978. Beim Fuchsbandwurm zeigt die französische Studie von Comte et al. (2017) aus dem Raum Nancy, dass die Befallsrate trotz hohem Jagddruck von 44 auf 55 Prozent stieg, weil zugewanderte Jungfüchse eine höhere Wurmbürde tragen. War der Sicherheitsdirektion diese Befundlage bekannt, bevor sie die Urner Fuchsjagd pauschal für unbedenklich erklärt hat? Die vollständige Übersicht findet sich in unserer Sammlung Studien zur Auswirkung der Hobby-Jagd auf Wildtiere.

5. Luxemburg beweist das Gegenteil dessen, was Sie behaupten

Luxemburg hat die Fuchsjagd 2015 vollständig verboten. Statt der prophezeiten Bestandsexplosion und Seuchengefahr trat das Gegenteil ein: Der Anteil der mit dem Kleinen Fuchsbandwurm befallenen Füchse sank nach dem Verbot deutlich. Das ist kein Modell und keine Prognose, sondern ein zehnjähriger Feldversuch mit umgekehrtem Ergebnis. Zusammen mit Genf (seit 1974) liegen damit zwei europäische Referenzräume vor, in denen der Verzicht auf die Hobby-Jagd auf den Fuchs weder zu mehr Tieren noch zu mehr Krankheit geführt hat. Auf welche gegenteilige Evidenz stützt die Sicherheitsdirektion ihre Annahme, die Urner Fuchsjagd sei notwendig?

6. Die Fuchsjagd erhöht die Gesundheitsgefahr, statt sie zu senken

Wird die Fuchsjagd mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit begründet, zeigt die Wissenschaft das Gegenteil. Füchse regulieren Mäuse- und Nagerpopulationen, die als Hauptreservoire für Borreliose übertragende Zecken gelten. Wo Fuchs und Steinmarder fehlen, steigt die Infektionsrate der Zecken. Beim Fuchsbandwurm wirkt die Bejagung sogar kontraproduktiv: Abschüsse destabilisieren Territorien, erhöhen die Wanderbewegungen juveniler Füchse und verbreiten den Parasiten so flächendeckend, während gezielte Entwurmung mit Praziquantel-Ködern das Infektionsrisiko nachweislich um bis zu 99 Prozent senkt. Auch historisch bestätigt sich das Muster: Die Tollwut wurde nicht durch die Hobby-Jagd besiegt, sondern durch grossflächige Impfköder-Programme; der letzte Tollwutfall beim Fuchs in der Schweiz stammt aus dem Jahr 1996. Wie rechtfertigt die Sicherheitsdirektion eine Praxis, die nach aktuellem Wissensstand die Gesundheit der Bevölkerung nicht schützt, sondern gefährdet? Hintergründe dazu in unseren Beiträgen «Hobby-Jagd fördert Krankheiten» und «Hobby-Jäger verbreiten Krankheiten».

7. Der Zuger SWILD-Bericht liegt vor

Der Kanton Zug hat als bisher einziger Kanton auf dieselbe Petition mit einer echten wissenschaftlichen Studie reagiert. Der SWILD-Bericht kommt eindeutig zu dem Schluss: Die praktizierte Fuchsjagd kann Bestände nicht nachhaltig regulieren, verbessert die Seuchenbekämpfung nicht und ist gegenüber nicht-letalen Methoden unterlegen. Hat die Sicherheitsdirektion diesen öffentlich zugänglichen Bericht zur Kenntnis genommen, bevor sie die Petition mit einem Grundsatztext ohne eine einzige Quelle beantwortet hat?

8. Textbaustein statt Auseinandersetzung

Ihr Schreiben besteht aus Formulierungen, die auf jede beliebige Jagdpetition passen und deshalb auf keine wirklich eingehen. Es ist derselbe Mechanismus, den bereits der Kanton Basel-Landschaft vorgeführt hat. Betrachtet die Sicherheitsdirektion eine Petition, die ausschliesslich die Prüfung der wissenschaftlichen Evidenzlage verlangt, mit einem Textbaustein für erledigt?

9. Die eine offene Frage

Es bleibt die Frage, die Ihr Schreiben umgeht: Welcher wissenschaftlich belegte Zweck rechtfertigt im Kanton Uri weiterhin die reguläre Bejagung gesunder Füchse, wenn die Bestandsregulation dafür wissenschaftlich nicht trägt und konkrete Problemtiere durch die Wildhut ohnehin gezielt entnommen werden können?

Wir bitten Sie um eine Stellungnahme innerhalb von zwei Wochen. Dieser Brief sowie Ihre Antwort oder Ihr Schweigen werden auf wildbeimwild.com publiziert.

Mit freundlichen Grüssen

Wie es weitergeht

Antwortet die Sicherheitsdirektion innert Frist, veröffentlichen wir die Stellungnahme und kommentieren sie. Bleibt eine Antwort aus, halten wir auch das fest. Uri reiht sich damit in eine wachsende Reihe von Kantonen ein, die auf dieselbe Petition sehr unterschiedlich reagiert haben: Zug gab als einziger eine wissenschaftliche Studie in Auftrag, Glarus blieb nach einer knappen Antwort stumm, Basel-Landschaft widersprach sich über zwei Schreiben hinweg. Uri liefert nun ein viertes Muster: einen Textbaustein, der sich mit seinem eigenen Genf-Beispiel selbst entkräftet.

Die Frage, die Pascal Wolf in über zwölf Kantonen gestellt hat, bleibt dieselbe: Wenn kein Bundesgesetz die Kantone zur Fuchsjagd zwingt, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage töten Hobby-Jäger in der Schweiz dann jedes Jahr rund 20’000 Füchse?

Wer im Kanton Uri lebt, kann selbst aktiv werden. Auf unserer Kampagnenseite «Fuchsjagd stoppen – Landrat Uri anschreiben» finden sich ein Musterbrief, die Studienlage und die Kontaktwege zum Landrat. Hintergrund zur gesamten Kampagne bietet die Übersicht «Schluss mit der Fuchsjagd», zur Person hinter den Petitionen der Beitrag «Hobby-Jäger als falsche Wildtierexperten».

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!

Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden