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Tierwelt

Hirtenmangel auf den Alpen: Wer schützt die Herden?

Eine RTS-Reportage zeigt, warum Herdenschutz ohne erfahrenes Alppersonal an Grenzen stösst.

Redaktion Wild beim Wild — 6. Oktober 2026
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«Kein Zaun, kein Hirt»

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Kantone finanzieren Abschussprämien, Regulierungsdispositive und Totalabschüsse ganzer Wolfsfamilien.

Auf den Alpen fehlt derweil, was für die Umsetzung vieler Schutzmassnahmen nötig ist: erfahrene Hirtinnen und Hirten, die bei der Herde bleiben. Eine Reportage von RTS zeigt, wie gross die Lücke ist.

Das Westschweizer Fernsehen hat am 4. Oktober 2026 in der Sendung «Mise au Point» den Hirtenberuf beleuchtet. Seit 2013 bietet die Landwirtschaftsschule Châteauneuf bei Sitten eine Hirtenausbildung an. Rund zwanzig Personen beginnen sie jedes Jahr. Laut RTS werden daraus nur zwei oder drei Hirtinnen oder Hirten. Grégoire Bonvin, Verantwortlicher des Fachbereichs Landwirtschaft, stellt fest, viele hätten eine «utopische Vorstellung» von diesem Beruf (übersetzt).

Ein Beruf am Limit

RTS begleitete die 28-jährige Genferin Dounia Ravonel, die seit fünf Jahren als Hirtin arbeitet. Im Vorjahr verbrachte sie vier Monate in einer Hütte auf 2000 Metern, ohne fliessendes Wasser, ohne Strom und ohne WC. Ihre Hündin starb, sie selbst verletzte sich am Knöchel. Dass sie weitermacht, verdankt sie auch ihrer Arbeitgeberin Isabelle Dumoulin aus Lourtier im Val de Bagnes, die 230 Mutterschafe hält. Diese räumt offen ein, dass es keine einfache Arbeit sei, die Löhne «nicht unbedingt schön» und die Lebensbedingungen auf der Alp «nicht immer angenehm» seien (übersetzt).

Inzwischen wurde Ravonels Unterkunft verbessert: Solarpanels liefern Strom, hinzu kamen ein Kühlschrank und eine Trockentoilette. Das zeigt, dass sich die Bedingungen konkret verändern lassen, wenn Halterinnen und Halter es wollen.

Deutlicher wird Jonas Crétin. Er hütete bis 2024 rund 650 Schafe im Wallis und gab nach fünf Jahren auf. Er spricht von Arbeitswochen mit bis zu 60 Stunden und davon, nicht einmal einen anständigen Ofen gehabt zu haben, um seine Schuhe zu trocknen. Den Ausschlag gab eine Seuche, an der innert zwei Wochen 200 bis 250 Lämmer starben. Crétin hat gegen seine früheren Arbeitgeber Klage eingereicht, was in diesem kleinen Milieu laut RTS selten vorkommt.

Herdenschutz steht und fällt mit dem Personal

Den Zusammenhang mit dem Wolf benennt RTS ausdrücklich. Die Rückkehr des Beutegreifers hat die Arbeit der Halter verändert, und Schutzmassnahmen sind laut RTS auch für die Entschädigung nach Wolfsangriffen relevant. Genannt werden insbesondere Herdenschutzhunde und Nachtpferche, die häufig die Anwesenheit einer Hirtin oder eines Hirten voraussetzen. Ein Nachtpferch baut sich nicht von selbst auf, Schutzhunde brauchen Führung, und eine Herde, die tagsüber gelenkt wird, ist eine andere als eine, die sich selbst überlassen bleibt.

Wie stark die Alpwirtschaft insgesamt unter Personalmangel leidet, zeigt eine Studie der Berner Fachhochschule (BFH-HAFL) und der Schweizerischen Gesellschaft für Alpwirtschaft vom April 2026. Sie stützt sich auf rund 360 Befragte und betrifft das gesamte Alppersonal, nicht nur Schafhirten. Rund 17’000 Personen arbeiten jedes Jahr auf etwa 6’500 Sömmerungsbetrieben. Als entscheidend für die Bindung erfahrener Leute nennt die Studie klare Anstellungsbedingungen, erfahrungsgerechte Löhne und eine professionelle Personalführung. Infrastruktur allein reiche nicht.

Der Bund fördert die Sömmerung bereits nach Weidesystem und unterstützt unter bestimmten Voraussetzungen zusätzliche Herdenschutzmassnahmen. Gemäss der Übersicht 2026 erhalten Schafalpen mit ständiger Behirtung 400 Franken pro Normalstoss, Umtriebsweiden 320 Franken und übrige Weiden 120 Franken. Wer ein einzelbetriebliches Herdenschutzkonzept umsetzt, kann bei ständiger Behirtung oder Umtriebsweide zusätzlich 250 Franken pro Normalstoss erhalten. Finanzielle Beiträge allein lösen den Personalmangel jedoch nicht: Schutzmassnahmen brauchen Menschen, die sie im Alltag umsetzen können.

Welche Prioritäten die Politik setzt

Während RTS gravierende Mängel bei Unterkünften und Arbeitsbedingungen dokumentiert, finanzieren Kantone zugleich Wolfsabschüsse. Das Tessin zahlt Hobby-Jägern im Wolfsprogramm eine Startpauschale, einen Stundenlohn und 500 Franken für jeden getöteten Wolf, bei einem Budget von bis zu 250’000 Franken pro Jahr. Das Wallis gibt ganze Rudel wie das Nanz-Rudel zum Totalabschuss frei, ohne offenzulegen, wie die betroffenen Herden geschützt waren.

Die amtlichen Zahlen zeigen, wie viel beim Schutz offen ist. Gemäss Rissstatistik des Tessiner Amts für Jagd und Fischerei mit Stand 28. September 2026 waren von 117 getöteten Nutztieren 6 angemessen geschützt. Bei 45 Tieren stufte das Amt den Schutz als nicht angemessen ein, bei 13 als nicht angemessen wegen höherer Gewalt, bei 52 galt Schutz als nicht zumutbar, wie der Tessin-Ticker im Eintrag vom 4. Oktober dokumentiert.

In der zusammengetragenen kantonalen Statistik ohne Tessin wurden bis Ende Juli 2026 insgesamt 183 durch Wölfe getötete Nutztiere erfasst, gegenüber 402 im gleichen Vorjahreszeitraum (Alpsommer 2026: Wolfsrisse halbiert). Der Kontrast zwischen Ober- und Unterwallis legt nahe, dass Haltung und Herdenschutz eine wichtige Rolle spielen. Wie gross ihr Einfluss gegenüber anderen Faktoren ist, lässt sich aus diesem Vergleich allein nicht bestimmen.

Ein Strukturproblem, das sich lösen lässt

Wer den Personalmangel ernst nimmt, muss unbequeme Fragen stellen. Rund ein Drittel der Schweizer Halter beschäftigt laut RTS vor allem ausländische Arbeitskräfte. Ein Waadtländer Halter aus La Forclaz sagt in der Sendung, Schweizer Hirten finde er nicht, das seien «Träumer» (übersetzt). Die Aussagen von Ravonel und Crétin zeichnen ein anderes Bild: Es fehlt an Arbeitsbedingungen, die man über mehrere Saisons aushält.

Die IG Wild beim Wild fordert deshalb eine Verschiebung der Prioritäten. Öffentliche Mittel, die heute in Abschussprämien, Regulierungsdispositive und die Ausbildung von Hobby-Jägern für nächtliche Wolfsabschüsse fliessen, gehören in faire Löhne, menschenwürdige Unterkünfte, ganzjährige Perspektiven und eine Ausbildung mit anschliessenden Arbeitsbedingungen, die mehr Teilnehmenden den Einstieg in den Beruf ermöglichen. Herdenschutz ist keine Frage von Zäunen allein. Er ist eine Frage von Menschen, die bei der Herde bleiben können.

Dounia Ravonel bringt es in der Sendung auf den Punkt. Man habe ihr von Anfang an gesagt, in diesem Beruf müsse sie hart sein. «Wenn ich hart werde, zerbreche ich», sagt sie (übersetzt). Eine Alpwirtschaft, die auf solche Stimmen hört, braucht weniger Gewehre und mehr Respekt für jene, die die Herden tatsächlich schützen.

Quellen: RTS, «Alpages suisses: le métier de berger face à la pénurie» (Artikeltitel auf der Seite: «»Il va falloir être dure»: le métier de berger face à ses propres limites»), mit dem Fernsehbeitrag «Moutons cherchent berger» aus «Mise au Point», 4. Oktober 2026: RTS-Artikel; BFH-HAFL, «La saison d’alpage se profile, mais le personnel fait défaut», 20. April 2026; Kanton Basel-Landschaft, Ebenrain, «Direktzahlungen Sömmerung, Überblick 2026»; Amt für Jagd und Fischerei Tessin, Rissstatistik «Lupo, Predazioni 2026», Stand 28. September 2026.

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Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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