IWC Hobart: Schweiz zieht eigene Delfin-Resolution zurück
Pro Wildlife kritisiert den Rückzug an der 70. Tagung der Internationalen Walfangkommission als vergebene Chance.
«Wiegenlied für die Ungezählten»
An der 70. Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) im australischen Hobart hat die Schweiz am Mittwochmorgen ihre eigene Resolution zum Schutz von Delfinen und Kleinwalen zurückgezogen.
Der Rückzug erfolgte, bevor die bereits angesetzte Arbeitsgruppe über Änderungen am Text verhandeln konnte. Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife, die die Tagung vor Ort verfolgt, spricht von einem schweren Schlag für den Artenschutz.
«Die Resolution hatte breite Unterstützung im Plenum, es lagen konstruktive Änderungsvorschläge auf dem Tisch, und die Verhandlungsrunde war bereits terminiert», sagt Dr. Mona Schweizer, Meeresschutzexpertin bei Pro Wildlife. «Sie wurde ohne Not zurückgezogen.»
Was die Resolution verlangt hätte
Der Schweizer Entwurf «Small Cetacean Directed Takes Linked to Commercial Fisheries» befasste sich mit gezielten Tötungen von Delfinen und anderen Kleinwalen im Zusammenhang mit der kommerziellen Fischerei. Er hätte den Wissenschaftsausschuss beauftragt, betroffene Arten und Populationen zu identifizieren und für wissenschaftliche Empfehlungen zu priorisieren. Die Vertragsstaaten wären aufgerufen worden, Daten zu gezielten Tötungen bereitzustellen. Das Conservation Committee hätte auf Grundlage der Ergebnisse gegebenenfalls Schutzpläne entwickeln und umsetzen sollen.
Mehrere Staaten hatten sich in den Vortagen hinter das Anliegen gestellt und Änderungsvorschläge eingebracht. Die Schweizer Delegation hielt in ihrem eigenen Statement fest, aus den Rückmeldungen sei deutlich geworden, dass eine Mehrheit die Resolution unterstützt. Abgestimmt wurde über den Entwurf nicht.
Die Begründung der Schweiz
Die Delegation begründete den Rückzug damit, dass eine Resolution nur so gut sei wie ihre Umsetzung. Der Wissenschaftsausschuss sei wegen Budgetkürzungen bereits überlastet. Gleichzeitig zeigte sie sich überzeugt, das Thema werde allein dadurch in dessen Arbeit einfliessen, dass die Schweiz es aufgeworfen habe.
Pro Wildlife hält diese Argumentation für widersprüchlich. Sei der Ausschuss ausgelastet, kümmere er sich erst recht nicht um ein Thema, zu dem ihn niemand verpflichte. «Dass es auf die Umsetzung ankommt, bestreitet niemand. Nur gibt es ohne Beschluss überhaupt nichts umzusetzen», so Schweizer.
Kritik auch an der EU
Pro Wildlife kritisiert auch die EU. Sie hat in Hobart drei eigene Resolutionen eingebracht, zu Beifang, Schiffskollisionen und Strandungen. Nach Einschätzung der Organisation sind das Themen, bei denen von den Walfangländern kaum Widerstand zu erwarten ist. Bei der einzigen Resolution, welche die gezielte Tötung selbst betraf, sei die Unterstützung der EU hinter den Kulissen ausgeblieben. Im 80. Jubiläumsjahr der IWC entstehe so der Eindruck, dass vor allem Streit vermieden werden solle.
Nach Recherchen von Pro Wildlife werden weltweit jährlich über 100’000 Delfine und Kleinwale gezielt getötet, mindestens 30 Arten sind betroffen. Die IWC befasst sich zwar seit Jahren auch mit Kleinwalen, ein mit dem Moratorium für Grosswale vergleichbares Schutzregime gibt es für sie aber nicht.
Was noch zur Abstimmung steht
Die Beratungen in Hobart gehen bis Ende Woche weiter. Zur Abstimmung stehen unter anderem eine Resolution von Antigua und Barbuda zur «nachhaltigen Nutzung» von Walen sowie das Walschutzgebiet im Südatlantik. Dieses war an der letzten Tagung in Lima nur knapp gescheitert.
Einordnung: Ein Rückzieher mit Signalwirkung
Die Schweiz tritt international gern als Stimme des Artenschutzes auf. Nach eigener Darstellung zeichnete sich in Hobart eine Mehrheit für ihr Anliegen ab, trotzdem gab sie auf, bevor ein einziger Satz verhandelt war. Für Delfine und Kleinwale, die gezielt getötet werden, unter anderem um als Köder in der Fischerei zu enden, ist ein Anliegen ohne Beschluss wertlos. Der Verweis auf knappe Budgets überzeugt als Begründung für den Rückzug nicht.
Das Muster ist bekannt: Europas Doppelmoral im Artenschutz zeigt sich dort, wo es unbequem wird. Dass Bewegung möglich ist, zeigt Island, das ein gesetzliches Ende des kommerziellen Walfangs angekündigt hat. Umso schwerer wiegt, wenn ausgerechnet ein Land ohne Walfanginteressen freiwillig den Rückzug antritt.
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