Fuchsjagd-Verbot: Jagdschutz-Präsident nennt Impfen «extrem»
Pascal Wolf verlangt im Aargau und im Jura keine Prüfung mehr, sondern ein Verbot der allgemeinen Fuchsjagd. Der Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins nennt Impfen statt Schiessen eine «sehr extreme Haltung». Die Studienlage zeigt etwas anderes.
Rotfuchs im Wald. Symbolbild: Kate Russell, Unsplash
Im Wald klingt ein altes Versprechen
Am 17. Oktober 2026 berichtet die «Aargauer Zeitung» über eine Petition, die der Luzerner Jurist Pascal Wolf beim Aargauer Regierungsrat eingereicht hat. Gerhard Wenzinger, Präsident des Aargauischen Jagdschutzvereins, nennt den Vorschlag, Füchse zu impfen und Parasiten zu bekämpfen, statt sie zu erschiessen, «eine sehr extreme Haltung». Einen Tag zuvor berichtete «Le Matin» aus dem Jura: Auch dort verlangt Wolf in einem fünfseitigen Schreiben ein Verbot der regulären Fuchsjagd. «Le Quotidien Jurassien» titelte: «Renard fan de foot abattu: un militant exige l’interdiction de la chasse au goupil».
Verbot statt Stellungnahme
Mit den neuen Eingaben ändert sich die Kampagne grundlegend. In über zwölf Kantonen hatte Wolf die Regierungen bisher gebeten, die wissenschaftliche Notwendigkeit der Fuchsjagd zu prüfen und dazu Stellung zu nehmen. Die meisten antworteten mit Allgemeinplätzen und stützten sich auf ein Positionspapier von JagdSchweiz. Vier Kantonsregierungen haben die Nachfragen der IG Wild beim Wild bis heute nicht beantwortet (Vier Kantonsregierungen lassen 30 Fragen unbeantwortet). Nur Zug liess die Frage von Wildtierforschern prüfen und fördert die Fuchsjagd seither nicht mehr (Kanton Zug bremst Fuchsjagd nach Studie).
Eine Stellungnahme verlangt die neue Petition nicht mehr. Sie fordert das Verbot direkt: eine ganzjährige Schonzeit für den Rotfuchs, Abschüsse nur noch in Einzelfällen, etwa bei erheblicher Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder die Tiergesundheit, die Tötung kranker oder verletzter Füchse nur, wenn Wildhut oder Tierarzt keine Aussicht auf Genesung feststellen, und Vorrang für Impfung und Parasitenbekämpfung. Den vollständigen Entwurf mit sechs Massnahmen hat Wild beim Wild bereits vorgestellt (Pascal Wolfs Vorstoss erreicht das EU-Parlament). Als Mustertext für Kantonsparlamente steht er in unserer Sammlung jagdkritischer Vorstösse.
Im Jura fällt die Petition in eine aufgeheizte Debatte. Ein zutraulicher Fuchs hatte in Saint-Ursanne einen Cupmatch unterbrochen und wurde später von der Wildhut erschossen (Saint-Ursanne: Wildhut erschiesst den Fussball-Fuchs). Laut «Le Matin» will der Parlamentarier Martin Braichet nun von der Regierung wissen, ob Alternativen zum Abschuss ernsthaft geprüft wurden. Seine Anfrage trägt den Titel «Quand l’homme crée le problème, l’animal doit-il payer de sa vie?».
Was im Aargau geschossen wird
Laut der kantonalen Jagdstatistik 2025 haben Aargauer Hobby-Jäger im letzten Jahr 1’837 Füchse erschossen, 2024 waren es 1’986. Dazu kamen 2025 noch 1’220 Füchse als Fallwild, davon 767 im Strassenverkehr. Zusammen sind das über 3’000 tote Füchse in einem Jahr. Der Aargau überlässt die Fuchspopulation also nicht «sich selbst», wie Wenzinger befürchtet: Sie wird seit Jahrzehnten intensiv bejagt. Dass weitere Abschüsse die Räude bremsen würden, behauptet Wenzinger, einen Beleg nennt er nicht.
Räude: Was die Forschung zeigt
Die Studien, die wir auf unserer Seite Jagd im Faktencheck zusammengestellt haben, zeichnen ein anderes Bild. Pisano et al. (2019, Parasites & Vectors) dokumentieren die Ausbreitung der Räude in der Schweiz über mehr als 60 Jahre. Einen Nachweis, dass die heutige reguläre Fuchsjagd die Räude eindämmt, liefert die Untersuchung nicht. Wie wenig die Fuchsjagd überhaupt mit Krankheit zu tun hat, zeigt Zürich: Von 21’846 erschossenen Füchsen trugen nur 7,7 Prozent einen Krankheitsvermerk (Das Wildbuch widerlegt die Krankheitsbegründung). Dazu kommt der sogenannte Störungseffekt: Werden territoriale Tiere getötet, wandern andere in die frei gewordenen Reviere ein, und Krankheiten können sich dadurch eher ausbreiten als zurückgehen (Prentice 2012).
Harmlos ist die Räude nicht: In Bristol lag die Fuchsdichte 2004 erst bei 15 Prozent des Werts vor dem Ausbruch von 1994; Soulsbury et al. (2007) gehen davon aus, dass sich betroffene Bestände erst nach 15 bis 20 Jahren erholen.
Was in der Debatte fehlt: Füchse, die überleben
Längst nicht jeder Fuchs, der sich mit der Räude ansteckt, stirbt daran. Viele bilden Antikörper, überstehen die Krankheit und leben weiter. In Berlin hatten 43,6 Prozent der untersuchten Füchse Antikörper gegen die Milbe, aber nur 19,3 Prozent waren sichtbar krank (Bartnik 2002). In Norwegen sank der Anteil kranker Tiere innert zehn Jahren von 30,0 auf 6,6 Prozent; die Autoren sehen darin eine Anpassung des Bestands mit milderen Verläufen und Genesungen (Davidson, Bornstein und Handeland 2008). In Schweden erreichte der Bestand nach einem Einbruch um fast 90 Prozent in weniger als zehn Jahren wieder die frühere Dichte; die Forschenden werten das als Zeichen einer raschen Resistenzentwicklung (Willebrand et al. 2022). Alle Studien zu Räude und Antikörpern beim Fuchs sind auf unserer Studienseite mit Links zu den Originalarbeiten aufgeführt, die Zusammenhänge zwischen Jagd und Seuchen beschreibt das Dossier Jagd und Wildtierkrankheiten.
Die Füchse, die eine Räude überstanden haben, sind also Teil der Lösung, nicht des Problems. Unser Dossier Jagd und Wildtierkrankheiten beschreibt diesen Selektionsvorteil seit Langem: Ein Hobby-Jäger sieht einem Fuchs seine Räuderesistenz nicht an. Er sieht nicht, ob ein Tier krank ist, die Räude hinter sich hat oder nie angesteckt wurde. Der Schuss trifft alle gleich, auch die Tiere, die den Bestand gesund halten.
Dazu kommt: Ob ein Fuchs überhaupt Räude hat, beurteilt in der Regel der Hobby-Jäger selbst, nicht ein Tierarzt. Im Sommer wirft der Fuchs sein Winterfell ab und sieht dann wochenlang struppig, fleckig und mager aus. Für einen Laien sieht das nach Räude aus. Im Zürcher Wildbuch steigen die Krankheitsvermerke genau in diesen Monaten, und hinter keinem von ihnen steht eine tierärztliche Diagnose (Das Wildbuch widerlegt die Krankheitsbegründung). Der erschossene Fuchs landet in der Kadaversammelstelle, der Vermerk in der Statistik. Genau deshalb verlangt die Petition, dass künftig nur Wildhut oder Tierarzt feststellen dürfen, ob ein Fuchs krank ist.
Geschützt ist ein einzelner Fuchs nach einer überstandenen Räude allerdings nicht sicher. In einem kleinen Versuch erkrankten Jungfüchse bei einer zweiten Ansteckung erneut schwer (Little et al. 1998). Die Studien deuten darauf hin, dass die Widerstandskraft vor allem im Bestand wächst, über die Tiere, die überleben und Nachwuchs haben. Wie stark die Bejagung diesen Prozess bremst, hat niemand gemessen. Sicher ist nur: Wer wahllos schiesst, nimmt auch die Füchse aus dem Bestand, die die Krankheit überstanden haben.
Dazu kommt der Jagdstress. Bei Wölfen, die wie der Fuchs zu den Hundeartigen gehören, fanden kanadische Forschende in Haarproben aus stark bejagten Gebieten deutlich mehr Stresshormon als bei weniger bejagten Tieren (Bryan et al. 2015, Functional Ecology; Effekt 1: Tiere unter Dauerstress). Chronisch erhöhte Stresshormone können die Abwehr schwächen (Wie werden Wildtiere durch die Hobby-Jagd gestresst?). Ob das beim Fuchs Räudeverläufe verschlimmert, ist noch nicht eigens untersucht.
Davon spricht in der Debatte niemand, weder der Jagdschutzverein noch die Aargauer Zeitung.
Impfen ist nicht extrem, sondern erprobt
Wenzinger räumt selbst ein, dass Impfköder gegen die Tollwut geholfen haben. Was er nicht sagt, hält der Zuger Fachbericht von SWILD fest: Intensive Jagd und die Begasung von Fuchsbauten konnten die Tollwut in den 1970er-Jahren nicht stoppen. Erst die Impfkampagne ab 1978 brachte die Wende. Letale Methoden können eine Seuche sogar verstärken, weil bejagte Tiere mobiler werden (SWILD-Studie, Mai 2026). Wie das Tollwut-Argument der Hobby-Jäger in sich zusammenfiel, zeigt unser Dossier Jagd und Wildtierkrankheiten.
Beim Fuchsbandwurm ist es dasselbe. Entwurmungsköder drängen den Parasiten nachweislich zurück, wie Studien aus Deutschland (König et al. 2019), Frankreich (Comte et al. 2013) und Japan (Takahashi et al. 2013) zeigen (Studienübersicht). In einem Feldversuch zeigte sich das Gegenteil: Im Raum Nancy stieg der Anteil infizierter Füchse unter verstärktem Abschussdruck von 40 auf 55 Prozent, während er im Kontrollgebiet stabil blieb. Die Forschenden vermuten einen Zusammenhang mit nachrückenden und umherziehenden Jungfüchsen (Comte et al. 2017). In Luxemburg, wo die Fuchsjagd seit 2015 verboten ist, sank der Anteil infizierter Füchse von 39,7 auf 9,8 Prozent (Fuchsbandwurm: Mythen und Fakten).
In einem Punkt hat Wenzinger recht: Gegen die Räude gibt es keinen Impfköder. Das verlangt die Petition aber auch nicht. Sie verlangt Vorrang für Massnahmen, die nachweislich wirken, und den Verzicht auf Abschüsse, deren Nutzen nicht belegt ist.
«Abertausende Franken»
Wie viel Impfungen kosten würden, beziffert Wenzinger nicht. Und von den Kosten der heutigen Praxis spricht er gar nicht. Einen Vergleich liefert Frankreich: Die bisher umfassendste Untersuchung dazu stammt von Jiguet et al. (2026, Biological Conservation). Dort werden jedes Jahr rund 383’000 Füchse getötet. Die Kontrolle aller als «Schädlinge» bejagten Arten kostet 103 bis 123 Millionen Euro pro Jahr, die gemeldeten Schäden betragen 8 bis 23 Millionen. Einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Abschüsse und der Höhe der Schäden fanden die Forschenden nicht (Millionenfach getötet, für nichts). Die Studie und weitere Arbeiten zur Wirkung von Abschüssen sind auf unserer Studienseite unter Effekt 9 aufgeführt. Was die Hobby-Jagd die Schweiz kostet, legt bis heute kein Kanton offen (Die Rechnung, die niemand vorlegt).
Biodiversität im dicht besiedelten Kanton
Wenzinger sagt auch, die Fuchsjagd schütze die Biodiversität. Gerade für Reviersysteme wie den Aargau widerspricht ihm die Forschung, die wir auf der Studienseite dokumentieren:
- In deutschen Revieren veränderte die prämierte Freizeitbejagung weder das Fuchsvorkommen noch das Risiko, dass Gelege geplündert werden. Das zeigte ein Experiment mit 273 kameraüberwachten Kunstnestern (Kämmerle et al. 2019, BMC Ecology).
- Lokale Abschüsse senken die Fuchsdichte auf Landschaftsebene nicht (Kämmerle et al. 2019, Conservation Science and Practice).
- Selbst hohe Abschussraten gleichen Füchse durch Zuwanderung wieder aus (Lieury et al. 2015).
- Beim Kiebitz in der Zentralschweiz entscheidet die Qualität des Lebensraums über das Überleben des Bestands, nicht die Bekämpfung von Beutegreifern (Korner, Hohl und Horch).
Genf verzichtet seit 1974 auf die Hobby-Jagd und zählt die Feldhasendichte des Kantons zu den höchsten der Schweiz (Faktencheck zu den Genf-Zahlen).
Was die Aargauer Zeitung falsch darstellt
Keine Antwortpflicht? Die AZ schreibt, eine Petition habe keinerlei rechtliche Verbindlichkeit, die Behörde müsse sie zur Kenntnis nehmen, sei aber nicht verpflichtet, sie zu behandeln oder zu beantworten. Artikel 33 der Bundesverfassung allein begründet tatsächlich keine Antwortpflicht. Im Aargau ist es anders: § 19 der Kantonsverfassung hält fest: «Jedermann kann an die Behörden Gesuche und Eingaben richten. Diese sind zu beantworten.» Der Regierungsrat muss Wolf also antworten. Daraus folgt eine Antwortpflicht, nicht aber eine Pflicht, die Forderung umzusetzen.
Falsche Jahreszahlen: Die Treibjagd-Initiativen datiert die Zeitung im Text auf 2005 und 2011, in der Bildlegende auf 2005 und 2012. Richtig sind der 27. November 2005, als 63,9 Prozent Nein stimmten (Botschaft des Regierungsrats 2011), und der 27. November 2011. Beide Abstimmungen betrafen die Treibjagd und waren keine Abstimmungen über ein Verbot der Fuchsjagd.
Einseitige Stimmen: Eine unabhängige wildtierbiologische Einordnung oder eine Stellungnahme der kantonalen Fachstelle gibt der Beitrag nicht wieder.
Extrem sind die Hobby-Jäger
Kommentar der IG Wild beim Wild: Für den Präsidenten des Aargauischen Jagdschutzvereins ist es extrem, Füchse zu impfen, statt sie zu erschiessen. Normal ist für ihn dagegen, dass Aargauer Hobby-Jäger jedes Jahr rund 2’000 Füchse töten, deren Fleisch niemand isst und deren Fell am Bündner Fellmarkt 8 Franken einbringt. Der Schweizerische Nationalpark ist seit 1914 jagdfrei, Genf seit 1974, Luxemburg hat die Fuchsjagd 2015 verboten. Zug fördert die Fuchsjagd nicht mehr, Basel-Stadt prüft den Verzicht. In der Online-Umfrage von zentralplus stimmten 82 Prozent für ein Verbot der Fuchsjagd (Fuchsjagd stoppen: Zug). Extrem ist an alldem nichts.
Extrem ist ein Hobby, das das Töten gesunder nichtmenschlicher Tiere mit einer Seuche begründet, für deren Eindämmung durch die Jagd es keinen Beleg gibt, und dabei auch die Füchse erschiesst, die die Krankheit überstanden haben. Die Natur hat einen Weg, mit der Räude fertigzuwerden. Die Hobby-Jagd schiesst ihn ab. Einen Beleg dafür, dass die Jagd die Räude eindämmt, nennt Wenzinger nicht. Er nennt eine Haltung. Der Regierungsrat ist nach § 19 der Kantonsverfassung zu einer Antwort verpflichtet. Die IG Wild beim Wild wird sie veröffentlichen, sobald sie vorliegt.
Was du tun kannst: Die Kampagne Schluss mit der Fuchsjagd bietet Musterbriefe und Kontakte für die Kantonsparlamente.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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