Hubert Aiwanger ist tot: Seine Jagdpolitik bleibt
Der bayerische Vize-Ministerpräsident war passionierter Hobby-Jäger und holte 2023 die Zuständigkeit für die Jagd in sein eigenes Ministerium.
Hubert Aiwanger an einer Jagdmesse. Foto: zVg
Aus Gottes Hand
Bayerns Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) ist am 4. November 2026 im Alter von 55 Jahren in Berlin gestorben. Aiwanger war passionierter Hobby-Jäger und seit Ende 2023 als Wirtschaftsminister zugleich oberster Dienstherr der bayerischen Jagdverwaltung. Er verband sein Regierungsamt offen mit seinem Einsatz für die Hobby-Jagd.
Was bisher bekannt ist
Aiwanger hätte am Mittwochnachmittag bei der Eröffnung des neuen Hauptstadtbüros der Freien Wähler in Berlin sprechen sollen. Er meldete sich aus gesundheitlichen Gründen ab und liess sich vertreten. Laut dem «Tagesspiegel», der sich auf Partei- und Polizeikreise beruft, soll er sich bereits am Morgen unwohl gefühlt haben; zunächst sei von Magen-Darm-Problemen die Rede gewesen. Am frühen Abend wurde er leblos in seinem Hotelzimmer in Berlin-Mitte gefunden. Die Polizei Berlin und die Staatsanwaltschaft haben ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Das ist bei einem unerwarteten Tod üblich und soll die Todesursache klären sowie Fremdverschulden ausschliessen. Zur Todesursache gibt es bisher keine Angaben.
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von einer «absoluten Tragödie». Aiwanger hinterlässt seine Lebensgefährtin und zwei Kinder.
Ein Hobby-Jäger als Jagdminister
Nach der Landtagswahl 2023 setzte Aiwanger durch, dass die Zuständigkeit für die Jagd vom Landwirtschaftsministerium in sein Wirtschaftsministerium wechselte. Seither ist das Wirtschaftsministerium die oberste Jagdbehörde Bayerns, mit einem eigenen Referat «Oberste Jagdbehörde». In den Mitteilungen der Staatsregierung firmierte Aiwanger fortan als «Wirtschafts- und Jagdminister».
Kritik kam damals auch aus dem eigenen Regierungslager. Der agrarpolitische Sprecher der CSU im Bundestag, Artur Auernhammer, sagte laut top agrar, die Jagd werde dem Wirtschaftsministerium zugeschlagen, «nur damit Hubert Aiwanger seinem Hobby als Jäger jetzt auch beruflich nachgehen kann». Damit war die Konstellation benannt: Wer selbst zur Hobby-Jagd geht, beaufsichtigte die Behörden, die die Hobby-Jagd kontrollieren sollen.
Was er durchgesetzt hat
Seine Jagdpolitik zielte darauf, den Hobby-Jägern mehr Spielraum zu verschaffen. Ende 2023 trat eine Verordnung in Kraft, die revierübergreifende Nachsuchen auch ohne Zustimmung des Reviernachbarn erlaubt. Der Mink wurde mit ganzjähriger Jagdzeit ins Jagdrecht aufgenommen, elektronische Fallenmelder ersetzen seither die persönliche Fallenkontrolle.
Sein grösstes Projekt war die Novelle des Bayerischen Jagdgesetzes. Am Landesjägertag bat er den Verband, sich dafür einzusetzen, dass vom Rissmonitoring bis zur Entnahme von Wölfen alles in der Hand der Hobby-Jäger liegt. Der Landtag beschloss die Novelle am 19. März 2026, seit 1. April ist sie in Kraft. Wolf und Goldschakal stehen seither im bayerischen Jagdrecht, vorerst mit ganzjähriger Schonzeit, also als Vorratsbeschluss. Ein zentrales Element ist die Möglichkeit, Rehwild unter bestimmten Voraussetzungen ohne behördlichen Abschussplan zu bejagen. Die Abschussplanung wurde damit nicht abgeschafft, aber ihre Verbindlichkeit gelockert. Wild beim Wild hat die Pläne und ihren Ausgang dokumentiert.
Vor Gericht verlor Aiwanger dagegen mehrfach. Seine Regelung zur Fischotter-Tötung setzte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof im März 2026 vorläufig ausser Vollzug, im August erklärte das Verwaltungsgericht Regensburg die Allgemeinverfügung zum Fischotterabschuss in der Oberpfalz für rechtswidrig. Die Einzelheiten stehen im Beitrag zum Stopp der Fischotter-Jagd.
Der Ton gegenüber Kritikern
Aiwanger suchte die Bühne der Hobby-Jäger regelmässig. An der Jagdmesse in Grünau 2019 setzte er das Erlegen eines Rehs mit dem Ernten eines Apfels gleich und rief seine Zuhörer dazu auf, Kritiker im Internet gemeinsam zu konfrontieren (Wild beim Wild berichtete). Naturschutzorganisationen nannte er «Ideologen», die Hobby-Jäger dagegen die «wahren Artenschützer». Noch 2025 kritisierte PETA seinen Auftritt an der Jagdmesse in Neuburg als Lobbyarbeit für ein tödliches Hobby.
Was bleibt
Die Freien Wähler brauchen nun eine neue Führung im Land und im Bund. Wer das Wirtschaftsministerium künftig führt und ob die Jagd dort bleibt oder ins Landwirtschaftsministerium zurückkehrt, ist offen.
Seine Politik überdauert ihn. Der Wolf steht im bayerischen Jagdgesetz und inzwischen auch im Bundesjagdgesetz. Die Aufnahme ins Jagdrecht schafft den Rahmen für spätere Änderungen der Bejagungsregeln, eine Freigabe bleibt aber an das übergeordnete Artenschutzrecht gebunden. Für seine Familie und sein Umfeld ist Aiwangers Tod ein schwerer Verlust. Seine jagdpolitischen Entscheidungen bleiben Teil seines politischen Erbes. Für die Wildtiere wird entscheidend sein, ob die Nachfolge seinen Kurs fortsetzt oder dem Schutz der Tiere mehr Gewicht gibt.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Kritik an der Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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