Wildbuffet im Bundeshaus: JagdSchweiz serviert Lobbyarbeit auf dem Teller
Rund 100 Parlamentarierinnen und Parlamentarier liessen sich von JagdSchweiz bewirten. Der Verband der Hobby-Jäger spricht offen von einem Lobbyanlass.
«Aus dem Wald direkt»
Rund 100 Mitglieder des eidgenössischen Parlaments folgten am 14. September 2026 der Einladung von JagdSchweiz in die Galerie des Alpes im Bundeshaus.
Auf dem Buffet lagen Reh aus Luzern, Gams aus dem Tessin, Hirsch aus der Waadt, Wildschwein aus Solothurn und Trockenfleisch aus dem Wallis. Was der Dachverband der Hobby-Jäger in seinem eigenen Bericht über den Abend schreibt, ist bemerkenswert deutlich: Das Wildbuffet gehöre zu den wichtigen Lobby- und Netzwerkanlässen des Verbands im Bundeshaus.
Damit benennt der Verband selbst, was bei solchen Anlässen sonst nur indirekt sichtbar wird. Das Wildbuffet dient nicht allein Tradition und Kulinarik, sondern ausdrücklich dem politischen Networking. Die Hobby-Jagd, ausgeübt von einer kleinen Minderheit der Bevölkerung, pflegt so den direkten Draht zu jenen, die über Jagdgesetz, Artenschutz und den Umgang mit Beutegreifern entscheiden.
«Kontakte, bevor sie dringend benötigt werden»
JagdSchweiz schreibt, beim Buffet liessen sich Kontakte aufbauen, «bevor sie dringend benötigt werden». Zwischen Stehtischen würden politische Anliegen angesprochen und Themen angestossen. Genannt werden Artenvielfalt, Wald, Landwirtschaft, Wildschäden, Tiergesundheit sowie der Umgang mit Beutegreifern wie dem Wolf. Ein persönliches Gespräch, so der Verband, leiste oft mehr als Positionspapiere oder E-Mails.
Offen bleibt, welche konkreten Geschäfte, Forderungen oder Gesetzesvorhaben am Abend besprochen wurden. Ebenso nennt der Bericht weder die Kosten des Anlasses noch dessen Finanzierung. Diese Fragen sollten JagdSchweiz und die Parlamentsdienste beantworten. Das Muster dahinter dokumentiert unser Dossier Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen.
Ein Ständeratspräsident aus der Jagdgruppe
Besonders stolz ist JagdSchweiz auf zwei Gäste: Nationalratspräsident Pierre-André Page (SVP/FR) und Ständeratspräsident Stefan Engler (Mitte/GR). Der Verband betont eigens, dass Engler selbst aktiver Hobby-Jäger ist. Laut Register ist er zudem Vizepräsident der Parlamentarischen Gruppe «Jagd und Biodiversität», die JagdSchweiz als wichtiges Bindeglied zwischen Jägerschaft und Parlament beschreibt. Dass ein Mitglied dieser Gruppe den Ständerat präsidiert, verleihe der Hobby-Jagd «eine besondere Ehre», heisst es im Bericht.
Englers Haltung in Wildtierfragen hat wildbeimwild.com bereits im Beitrag Umweltrating entlarvt die «Mitte» im Ständerat beleuchtet.
Sekretariat in Zofingen
Das offizielle Register der parlamentarischen Gruppen (Stand 1. September 2026) zeigt, wie eng Verband und Parlamentsgruppe verbunden sind. Das Sekretariat der Gruppe «Jagd und Biodiversität» führt ein Mitarbeiter von JagdSchweiz, eingetragen ist die Geschäftsstelle des Verbands in Zofingen. Der Interessenverband organisiert damit die Parlamentsgruppe, die seine Anliegen im Bundeshaus vertreten soll.
Mitglieder sind laut Register sechs Männer aus zwei Parteien: die Ständeräte Stefan Engler (GR) und Fabio Regazzi (TI), beide Mitte, sowie die Nationalräte Lorenz Hess (BE, Mitte), Thomas de Courten (BL, SVP), Roman Hug (GR, SVP) und Markus Schnyder (GL, SVP). Als Ziele nennt die Gruppe unter anderem eine «freiheitliche Jagd», einen die Hobby-Jagd respektierenden Naturschutz und ein «liberales Waffenrecht». Die Biodiversität im Gruppennamen steht damit neben Forderungen, die mit Artenschutz wenig zu tun haben.
Die Namen sind keine Unbekannten. Fabio Regazzi trieb die Regulierung des Wolfs mit Nachdruck voran, wie Wolfsobergrenze: Bundesrat folgt Regazzi zeigt. Lorenz Hess, unter dessen Schirmherrschaft das Buffet stattfand, präsidiert die Gruppe und den Berner Jagdverband. Zu seinen Mandaten berichtete wildbeimwild.com etwa in Skandal: Lorenz Hess verschweigt erneut Mandat.
Wildbret als Botschafter: Was die WHO dazu sagt
JagdSchweiz preist das Buffet als Botschafter für die Hobby-Jagd, unmittelbar und genussvoll. Wildbret sei ein hochwertiges, regionales Lebensmittel. Die Weltgesundheitsorganisation sieht das nüchterner. Ihre Krebsforschungsagentur IARC stuft verarbeitetes Fleisch, also Geräuchertes, Gepökeltes, Gesalzenes und Getrocknetes, als krebserregend für den Menschen ein. Das ist Gruppe 1, dieselbe Kategorie wie Tabakrauch, Asbest und Arsen. Genau solches Fleisch stand im Bundeshaus auf dem Buffet: Trockenfleisch aus dem Wallis.
Rotes Fleisch, zu dem Reh, Gams, Hirsch und Wildschwein zählen, führt die WHO als wahrscheinlich krebserregend (Gruppe 2A). auf. Die Einstufung beschreibt, wie gesichert ein Zusammenhang mit Krebs ist, nicht wie gross das Risiko pro Portion ausfällt. Ein Teller Trockenfleisch ist nicht so gefährlich wie Asbest. Die Beweislage, dass verarbeitetes Fleisch Darmkrebs verursachen kann, ist aber ebenso eindeutig. Die Einzelheiten erläutert die WHO in ihren Fragen und Antworten.
Beim Wildbret kommt ein Problem hinzu, das Fleisch aus dem Schlachthof nicht kennt: Munitionsreste. Bleisplitter verteilen sich weit um den Schusskanal im Gewebe. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung warnt, dass die Bleibelastung von Wildfleisch gesundheitlich bedenklich sein kann, besonders für Kinder, Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch. Blei schädigt das Nervensystem, anorganische Bleiverbindungen stuft die IARC zudem ebenfalls als wahrscheinlich krebserregend ein. Belege sammelt unsere Studienseite im Abschnitt Bleimunition, die Übersicht Wildbret und Gesundheitsrisiken: Was Studien zeigen fasst die Studienlage zusammen.
Auch was auf dem Etikett steht, ist nicht immer verlässlich, wie Jeder dritte Betrieb schummelt bei Wildbret-Deklaration belegt. Von alldem steht im Bericht von JagdSchweiz kein Wort. Serviert wurde den Volksvertretern ein Genussprodukt, verschwiegen ein Gesundheitsrisiko. Bemerkenswert ist zudem die Gams aus dem Tessin auf den Tellern, just während im Kanton eine Hochjagdsaison mit Todesfällen und Unfällen läuft.
Neuer Präsident, altes Rezept
Für Flurin Filli, seit Juni 2026 Präsident von JagdSchweiz, war es das erste Wildbuffet in dieser Funktion. Erfolgreiche Interessenvertretung braucht Vertrauen und persönliche Kontakte, schreibt der Verband, und empfiehlt den Anlass ausdrücklich zur Nachahmung in den Kantonsparlamenten. Die nächste Ausgabe im Bundeshaus ist für den Herbst 2028 angekündigt.
Wer verstehen will, warum Jagdgesetze in der Schweiz so oft den Wünschen der Hobby-Jäger folgen, sollte deshalb nicht nur Abstimmungsresultate lesen, sondern auch Gästelisten und Register. Hintergründe bieten Jagdverwaltung und Jagdverbände: Verflechtung in der Schweiz, weitere Analysen die Kategorie Jagdgesetz.
Quellen: JagdSchweiz, Bericht zum Parlamentarier-Wildbuffet (Ronja Stöckli); Parlamentsdienste, Register der parlamentarischen Gruppen, Stand 1. September 2026; WHO/IARC, Monografie 114 zu rotem und verarbeitetem Fleisch; Bundesinstitut für Risikobewertung.
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