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Jagdgesetz

Mehr Wölfe, mehr Waldschäden? Das Parlament verwechselt den Täter

Im Nationalrat wurde die Wolfs-Obergrenze neu mit Waldschäden begründet. Belege dafür gibt es nicht. Laut WSL beeinflussen Hobby-Jäger die Huftiere während der Jagdsaison deutlich stärker als der Wolf.

Redaktion Wild beim Wild · 5. Oktober 2026
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Im Nationalrat hiess es, der Wolf schädige den Wald.

Einen allgemeinen Beleg dafür gibt es nicht. Die Forschung zeigt ein örtlich unterschiedliches Bild, und die WSL nennt einen Faktor, der die Huftiere während der Jagdsaison stärker beeinflusst als der Wolf: die Hobby-Jagd.

Am 23. September 2026 nahm der Nationalrat die Motion 25.4464 von Fabio Regazzi mit 116 zu 73 Stimmen an. Künftig sollen Wölfe zum Abschuss freigegeben werden, sobald ein regionaler Schwellenwert überschritten ist. Zur Begründung kam in der Debatte ein neues Argument dazu: der Schaden am Wald. Die Fachleute, die es am besten wissen müssten, widersprechen der pauschalen Behauptung.

Das neue Waldargument

Kommissionssprecherin Monika Rüegger (SVP, OW) sagte laut der «Bauernzeitung»: «Offenbar haben die Schäden an der Natur, am Jungwuchs, massiv zugenommen.» Eine Zahl oder eine Studie nannte sie nicht. Umweltminister Albert Rösti verwies auf die Praxis: «Fragen Sie die Förster und Waldbewirtschafter, was hier zu tun ist.»

Das ist eine bemerkenswerte Wende. Bisher drehte sich der Streit um die Frage, ob der Wolf dem Wald nützt. Jetzt soll er ihm schaden. Die «Bauernzeitung» nennt das treffend: Plötzlich ist das Argument umgekehrt.

Kein Beleg für «mehr Wolf, mehr Verbiss»

Die «Bauernzeitung» hat nachgefragt. Benno Schmid von Wald Schweiz sagt, der Verband habe keine detaillierten Zahlen zur Wirkung des Wolfs auf die Waldverjüngung. Im Positionspapier des Waldwirtschaftsverbands steht jedoch, Beutegreifer würden die Waldverjüngung «grundsätzlich begünstigen».

Auch David Clavadetscher, Geschäftsführer von JagdSchweiz, stützt Rüeggers Behauptung nicht: «Von einer generellen Beziehung ‹mehr Wölfe = mehr/weniger Waldschäden› kann nicht ausgegangen werden.» Ausgerechnet der Geschäftsführer des Dachverbands der Hobby-Jäger entzieht damit dem Waldargument der Wolfsgegner die Grundlage.

Die WSL-Studie zum Verbiss, auf die man sich gerne beruft, untersucht den Zusammenhang mit der Wilddichte. Den Wolf behandelt sie laut «Bauernzeitung» gar nicht.

Mehr zum Thema: Wolf-Schwellenwert: Nationalrat stimmt Abschüssen auf Vorrat zu, JagdSchweiz argumentiert gegen sich selbst

Was die Forschung zeigt

Keine der hier ausgewerteten Studien stützt die These, mehr Wölfe führten zu mehr Waldschäden. Wo ein Effekt messbar ist, fällt er örtlich unterschiedlich aus, je nach Baumart und Lage.

  • Białowieża, Polen: Im Kerngebiet eines Wolfsrudels wurden 50,5 Prozent der Jungbäume verbissen, im übrigen Streifgebiet 58,3 Prozent (Kuijper et al. 2013, Ecography). Entscheidend war nicht die Zahl der gerissenen Tiere, sondern die Angst: Hirsche meiden Orte mit hohem Risiko.
  • Calanda, Graubünden: Im Gebiet des ersten Schweizer Rudels seit 2011 fanden Forschende aus dem WSL-Umfeld laut Wild beim Wild bei Weisstanne, Bergahorn und Vogelbeere vergleichsweise geringen Verbiss. Ein Vorher-Nachher-Beweis fehlt, weil es aus der Zeit vor dem Rudel keine standardisierten Verbissdaten gibt.
  • Nordpolen: In Wäldern mit Wölfen verteilt sich der Verbiss anders. Buchen wurden weniger verbissen, Kiefern in Plantagen stärker (Wójcicki und Borowski 2023, Scientific Reports).

Die WSL-Forschenden Andrea Kupferschmid und Kurt Bollmann fassen die Lage nüchtern zusammen: «Die Gleichung ‹Wolf = weniger Wild = weniger Verbiss› ist jedoch zu einfach und wird den komplexen Wechselwirkungen zwischen Raubtier, Pflanzenfresser und Vegetation nicht gerecht» (waldwissen.net). Das gilt erst recht für die umgekehrte Gleichung, die im Nationalrat aufgestellt wurde. Einen Beleg dafür hat in der Debatte niemand vorgelegt.

Die Studien schliessen nicht aus, dass Wolfspräsenz örtlich zu höherem Verbiss führen kann. Sie widerlegen aber die politische Pauschalbehauptung, mehr Wölfe bedeuteten generell mehr Waldschäden. Für die Waldverjüngung zählen Wilddichte, räumliche Verteilung, Baumarten, Waldstruktur und Jagddruck, nicht allein die Zahl der Wölfe.

Mehr zum Thema: Dossier: Wald-Wild-Konflikt, Ohne Wolf kein Wald: Was Beutegreifer für die Schweiz bedeuten, Jagd im Faktencheck

Der stärkste Faktor im Wald trägt ein Gewehr

Dieselbe WSL-Arbeit enthält einen Satz, der in der Ratsdebatte fehlte: «Jäger dürften in der Schweiz mindestens während der Jagdsaison einen deutlich stärkeren direkten und indirekten Einfluss auf die wildlebenden Huftiere haben als Wölfe.» Das betrifft die Abschüsse ebenso wie die räumliche und zeitliche Verlagerung des Wildes. Norwegische Studien zeigen laut den Autoren, dass Elche und Rehe vor allem Begegnungen mit Menschen meiden, weil die Hobby-Jagd ihren Bestand viel stärker beeinflusst als die Beutegreifer (waldwissen.net).

Wer über Verbiss redet, muss also zuerst über die Hobby-Jagd reden. Die Grössenordnungen zeigen, warum.

KennzahlWert
Aktive Hobby-Jäger in der Schweiz (2025)29’328
Von Hobby-Jägern getötete Huftiere (2025)74’914
Nachgewiesene Wölfe im Monitoringjahr 2025/26350
Getötete Wölfe in der Regulierung 2025/2677

Quellen: Jagdstatistik 2025 via Jagd & Natur; BAFU, Bericht Wolfsregulierungen 2025/26 und Medienmitteilung vom 18. Mai 2026. Die 350 nachgewiesenen Wölfe sind laut BAFU ein Indikator, nicht der tatsächliche Gesamtbestand.

Der direkte Einfluss: die Abschusspläne

Allein Graubünden plant für 2026 4’616 Hirschabschüsse. Im Tessin wurden auf der Hochjagd 2’950 Tiere getötet, im Wallis lautet das Ziel 1’700 Hirsche. Trotz langjähriger Bestandsregulierung durch die Hobby-Jagd bleibt Verbiss in vielen Regionen ein Thema. Dafür kann der Wolf, der erst seit wenigen Jahren wieder in Rudeln lebt, kaum die Hauptursache sein.

Der indirekte Einfluss: Angst, Stress und Deckung

Jagddruck kann Hirsche räumlich und zeitlich verlagern. Wo Tiere wegen wiederholter Störung stärker Deckung aufsuchen, kann sich der Verbiss auf Waldflächen konzentrieren. Ob und wo das geschieht, müsste regional mit Verbiss- und Wildraumdaten geprüft werden. Die Kantone liefern stattdessen weitere Störung. Im Wallis begann die Hochjagd am 21. September mitten in der Hirschbrunft. Bis zum 3. Oktober vergab der Kanton zudem «Regulierungsabschüsse» an Hobby-Jäger in sechs eidgenössischen Jagdbanngebieten, also gerade in jenen Rückzugsräumen, in denen das Wild Ruhe finden sollte (Wallis-Ticker).

Im Kanton Schwyz zeigt die Bilanz der Septemberjagd das Muster der Hobby-Jagd: 94 von 100 freigegebenen Hirschstieren wurden geschossen, aber nur 362 von 540 Hirschen insgesamt. Vom 7. bis 21. November folgt deshalb eine zweite Rotwildjagd, nur auf Kühe, Schmaltiere, Kälber und Spiesser (Jagd & Natur). Das bedeutet Wochen zusätzlicher Unruhe im Wald, und die Tiere, die den Bestand tragen, bleiben bis zuletzt übrig.

Ein Deckel für den Wolf, Abschusspläne für die Hobby-Jäger

Der Wolf bewirtschaftet keinen Bestand für Trophäen. Er greift überwiegend wildlebende Huftiere an: In einer KORA-Auswertung von 698 Kotproben bestanden 88,3 Prozent der Wolfsnahrung aus Wildtieren, vor allem Rothirsch, Reh und Gämse (Faktenblatt KORA 2025). Damit beeinflusst er jene Tiergruppen, die den Verbiss verursachen. Ob daraus weniger Verbiss folgt, hängt von Wilddichte, Raumverhalten, Waldstruktur und lokaler Jagdpraxis ab.

Während die Hobby-Jagd jedes Jahr über kantonale Abschusspläne in die Bestände eingreift, verlangt die Motion zusätzlich eine bundesrechtliche Obergrenze für Wölfe. Gedeckelt wird damit ausgerechnet jener Faktor, dessen Rolle im Wald die Forschung am vorsichtigsten beurteilt, während der stärkste Einfluss auf die Huftiere unangetastet bleibt.

Mehr zum Thema: Dossier: Hochjagd in der Schweiz, Jagdbanngebiete: Warum Wolfsabschüsse den Schutzgedanken aushöhlen, Wallis Jagd 2026/27: Alle Vorfälle im Live-Ticker

Fazit: Regionale Daten statt Kurzformeln

Das Waldargument für eine Wolfs-Obergrenze ist in der vorgetragenen Form nicht belegt. Weder Wald Schweiz noch JagdSchweiz liefern einen Nachweis dafür, dass mehr Wölfe generell mehr Verbiss verursachen. Die Forschung verlangt regionale Daten statt politischer Kurzformeln.

Wer die Waldverjüngung ernst nimmt, muss neben dem Wolf vor allem Wilddichte, Jagddruck, Störung, Ruhezonen und Waldstruktur untersuchen. Dazu gehören echte Ruhe in den Jagdbanngebieten, keine Hobby-Jagd in der Brunft und eine ehrliche Bilanz der Abschusspläne.

Noch bis zum 16. Oktober 2026 läuft die Vernehmlassung zur Revision des Jagdgesetzes, die Wolfsabschüsse in der Wurfzeit und in Jagdbanngebieten erleichtern soll. Wer sich beteiligen will, findet die Details im Beitrag Jagdgesetz: Vernehmlassung zu Wolfsabschüssen in Wurfzeit und Jagdbanngebieten läuft bis 16. Oktober. Alle Fakten zum Beutegreifer finden sich im Dossier: Wolf in der Schweiz.

Quellen

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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