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Umwelt & Naturschutz

Jagdbanngebiete: Warum Wolfsabschüsse den Schutzgedanken aushöhlen

Die Revision des Jagdgesetzes will Wölfe auch in Jagdbanngebieten zum Abschuss freigeben. Die antike Göttin Artemis stand für eine Grenze, die die Schweiz verloren hat.

Redaktion Wild beim Wild · 30. September 2026
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«Bann gebrochen»

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Ein Jagdbanngebiet müsste ein Versprechen sein: Hier endet die menschliche Verfügungsmacht.

Hier dürfen Wildtiere leben, ruhen, wandern, gebären und sterben, ohne als Beute, Schaden oder Bestandszahl behandelt zu werden.

Doch dieses Versprechen wird in der Schweiz immer wieder gebrochen. In Jagdbanngebieten wird reguliert, geweidet, erschlossen und gestört. Nun soll selbst der Wolf, der als Beutegreifer in ein funktionierendes Ökosystem gehört, unter bestimmten Voraussetzungen auch dort abgeschossen werden können. Damit wird aus dem Banngebiet endgültig ein Verwaltungsgebiet: geschützt, solange keine menschlichen Interessen entgegenstehen.

Der Name bleibt. Der Schutz verschwindet.

Die alte Grenze

Die antike Göttin Artemis war keine Tierschützerin im modernen Sinn. Ihr Kult kannte Jagd, Opfer und Gewalt. Es wäre falsch, aus ihr eine frühe Veganerin oder eine Verteidigerin gleicher Rechte für alle Tiere zu machen.

Und doch enthält ihre Figur einen Gedanken, den die moderne Schweiz fast vollständig verloren hat: Wildnis ist nicht einfach Eigentum des Menschen. Ein nichtmenschliches Tier ist nicht bloss vorhanden, damit es gezählt, gehegt, bewirtschaftet, gefüttert, gejagt oder «reguliert» werden kann.

Artemis war die Herrin der Tiere, der Wälder, Quellen und unzugänglichen Räume. Sie stand an der Grenze zwischen Siedlung und Wildnis, zwischen dem kontrollierbaren Menschenraum und dem, was sich ihm entzieht. Wer diese Grenze missachtete, beging Hybris: die Überhebung, alles beherrschen zu wollen.

Genau diese Hybris prägt heute den Umgang mit Wildtieren.

Das Banngebiet ohne Bann

Eidgenössische Jagdbanngebiete sollen seltene und bedrohte Wildtiere sowie ihre Lebensräume schützen. Die Hobby-Jagd ist dort grundsätzlich verboten. Doch das Wort «grundsätzlich» ist der Haken: Regulationstötungen bleiben möglich, und selbst integral geschützte Bereiche können in Ausnahmefällen geöffnet werden.

Nun steht auch der Wolf im Visier. Mit der Revision des Jagdgesetzes, die bis 16. Oktober 2026 in der Vernehmlassung ist, sollen Wölfe auch in Jagdbanngebieten getötet werden können, wenn wiederholte Angriffe trotz Herdenschutz erfolgen oder eine Gefährdung von Menschen geltend gemacht wird. Ausgerechnet in Räumen, die Wildtieren Sicherheit bieten sollten.

Das ist nicht bloss ein juristisches Detail. Es offenbart eine politische Rangordnung: Die Weidewirtschaft und ihre wirtschaftlichen Ansprüche gelten als selbstverständlich. Das Leben der Wölfe, Rehe, Hirsche, Füchse, Gämsen und anderer Wildtiere bleibt dagegen verhandelbar.

Ein Schutzgebiet, in dem Wildtiere nur so lange geschützt sind, wie sie niemanden stören, ist kein Schutzgebiet. Es ist eine Kulisse.

Die Wildtiere müssen weichen

Der Konflikt wird gern als «Wolf gegen Nutztierhaltung» erzählt. Das ist bereits eine falsche Erzählung. Der Wolf hat nicht entschieden, in ein Jagdbanngebiet einzuwandern und dort Herden anzutreffen. Menschen haben die Landschaft in Weiden, Zäune, Zufahrten, Sömmerungsflächen und Nutzungszonen aufgeteilt.

Nutztiere beanspruchen nicht nur die Fläche, auf der sie stehen. Sie beanspruchen Futteranbau, Transporte, Infrastruktur, Schutzmassnahmen und politische Rücksichtnahme. Wo Herden weiden, werden Wildtiere häufig verdrängt, Wege und Rückzugsräume verlieren ihre Ruhe, und Beutegreifer werden zum Problem erklärt.

So entsteht eine absurde Logik: Zuerst wird der Lebensraum der Wildtiere durch Landwirtschaft, Siedlungen, Strassen, Tourismus und Hobby-Jagd eingeschränkt. Dann wird der Wolf dafür verantwortlich gemacht, dass er in den verbliebenen Räumen Beute sucht.

Die Frage müsste anders lauten: Warum stehen Nutztiere überhaupt in den letzten Rückzugsräumen der Wildtiere?

Der Wolf ist kein Störfall

Wölfe sind keine Fremdkörper in der alpinen Landschaft. Sie gehören zu den natürlichen Beziehungen zwischen Pflanzen, Pflanzenfressern und Beutegreifern. Wo sie leben können, beeinflussen sie das Verhalten von Huftieren. Rehe, Hirsche und Gämsen verteilen sich anders, bleiben nicht beliebig lange an denselben Orten und können junge Wälder lokal weniger stark belasten. Die Studienlage dazu ist differenziert, aber eindeutig in einem Punkt: Der Beutegreifer ist ein ökologischer Faktor, kein Schädling.

Das ist kein Automatismus und keine romantische Naturidylle. Ökosysteme sind komplex. Doch der Wolf ist Teil dieser Komplexität, nicht ihr Fehler.

Die Schweizer Wildtierpolitik behandelt ihn trotzdem vor allem als Störung einer Ordnung, die längst künstlich ist: Menschen züchten und platzieren Nutztiere in der Landschaft, Hobby-Jäger töten Wildtiere zur Freizeitbeschäftigung, Behörden regulieren die Folgen. Und der Wolf wird erschossen, weil er sich nicht an diese menschengemachte Ordnung hält.

Eine andere Ordnung

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Artemis heute «glücklich» wäre. Göttinnen lösen keine politischen Probleme. Aber ihre alte Grenze ist als Gedanke aktueller denn je: Nicht alles, was lebt, darf dem Menschen unterworfen werden.

Wildtierschutz beginnt dort, wo Menschen aufhören, jeden Quadratmeter als Nutzfläche zu behandeln. Jagdbanngebiete müssten deshalb echte Ruheräume sein: ohne Hobby-Jagd, ohne Regulation als Normalfall, ohne Nutztiersömmerung in den Kernzonen und ohne Wolfsabschüsse. Was jagdfreie Zonen bewirken, zeigen der Schweizerische Nationalpark und der Kanton Genf seit Jahrzehnten.

Nichtmenschliche Tiere brauchen keine symbolischen Schutzräume, die bei der ersten politischen Forderung geöffnet werden. Sie brauchen Orte, an denen sie nicht geduldet, sondern geschützt sind.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

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