24. Juni 2026, 12:05

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Jagdbanngebiete öffnen, Wölfe ganzjährig schiessen? Warum diese Politik nicht haltbar ist

Die neue Gesetzesvorlage erlaubt Wolfsabschüsse selbst in Schutzgebieten. Statt auf Herdenschutz und echte Wildtierräume setzt die Politik auf Symbolpolitik für die Alpwirtschaft – zulasten des Wolfes.

Redaktion Wild beim Wild — 24. Juni 2026

Die Schweiz steht vor dem nächsten grossen Angriff auf den Wolfsschutz.

Der Bundesrat will das Jagdgesetz ändern, damit sogenannte «Problemwölfe» künftig das ganze Jahr über abgeschossen werden können, auch in Jagdbanngebieten. Ausgerechnet jene Gebiete, die als Rückzugsräume für Wildtiere gedacht sind, sollen für Abschüsse geöffnet werden.

Diese Entwicklung ist nicht einfach eine technische Anpassung im Jagdrecht. Sie ist ein politischer Richtungsentscheid. Und er steht quer zu dem, was Forschung, Artenschutz und selbst die Logik von Schutzgebieten nahelegen: Wer Konflikte mit Nutztieren wirklich verringern will, muss Herdenschutz stärken und sensible Wildtiergebiete bewahren, nicht den Abschuss normalisieren.

Was jetzt geplant ist

Die Vorlage sieht vor, dass Wölfe mit Abschussbewilligung künftig auch während der Schonzeit und in Jagdbanngebieten erlegt werden können. Medien berichteten, dass der Bundesrat den Abschuss von «Problemwölfen» deutlich erleichtern will und dazu die Vernehmlassung eröffnet hat.

Politisch ist das die nächste Eskalationsstufe. Bereits in den vergangenen Jahren wurden die Regeln für Wolfsabschüsse schrittweise gelockert, zuerst über die Jagdverordnung, später über präventive Regulierungsphasen. Nun soll das flexible Abschussregime auf Gesetzesstufe abgesichert werden.

Wozu Jagdbanngebiete da sind

Eidgenössische Jagdbanngebiete wurden geschaffen, um Wildtiere und ihre Lebensräume zu schützen. In der Schweiz gibt es 42 solcher Gebiete; sie sind Teil der ökologischen Infrastruktur und sollen seltenen und bedrohten Säugetieren und Vögeln Rückzugsräume sichern.

Die Grundidee ist einfach: Es braucht Räume, in denen Wildtiere nicht ständig unter Jagd- und Nutzungsdruck stehen. Wenn nun auch dort Wolfsabschüsse möglich werden, verliert das Jagdbanngebiet einen wesentlichen Teil seiner Schutzfunktion. Aus einem Rückzugsraum wird ein politisch relativierbarer Raum, in dem Schutz nur noch gilt, solange keine Lobby erfolgreich Druck macht.

Gerade für grosse Beutegreifer ist das brisant. Der Wolf ist nicht irgendein Störfaktor, sondern Teil natürlicher ökologischer Prozesse. Wird selbst in Kerngebieten des Wildtierschutzes geschossen, sendet der Staat das Signal, dass am Ende nicht die Schutzlogik zählt, sondern die politische Lautstärke der Interessengruppen.

Was Abschüsse tatsächlich bewirken

Die Behauptung, mehr Abschüsse würden automatisch zu weniger Schäden führen, hält einer wissenschaftlichen Prüfung schlecht stand. Mehrere Untersuchungen kommen zum Schluss, dass letale Eingriffe oft unzuverlässig sind und Konflikte sogar verschärfen können.

In einer viel zitierten Studie stiegen die Nutztierschäden nach Abschüssen in einem grossen Teil der untersuchten Fälle sogar an. Nur in einer Minderheit gab es einen kleinen, kurzfristigen Rückgang. Nichttödliche Massnahmen wie Elektrozäune, Herdenschutzhunde oder Nachtpferche senkten die Schäden dagegen deutlich und verlässlicher.

Auch Auswertungen aus der Schweiz zeigen: Betriebe mit konsequentem Herdenschutz schneiden deutlich besser ab als Betriebe, die vor allem auf Abschüsse setzen. Trotzdem lautet die politische Logik der Vorlage: mehr schiessen, mehr Handlungsspielraum, mehr Ausnahmen. Das ist kein Ausdruck von Faktenorientierung, sondern von Symbolpolitik.

Die IG Wild beim Wild lehnt die geplante Öffnung der Jagdbanngebiete und die weiteren Lockerungen beim Wolfsabschuss entschieden ab. Wer Schutzgebiete für Abschüsse freigibt, erklärt Wildtiere zu Störfaktoren im eigenen Lebensraum. Das hat mit moderner, wissenschaftsbasierter Wildtierpolitik nichts zu tun

Herdenschutz wirkt – wenn man ihn wirklich will

Herdenschutz ist kein Schlagwort, sondern ein Bündel von ganz konkreten Massnahmen: Elektrozäune, Nachtpferche, angepasste Weideführung, Behirtung und gut ausgebildete Herdenschutzhunde. Diese Instrumente reduzieren Konflikte, ohne den Schutzstatus des Wolfs auszuhöhlen.

Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht beim Wolf, sondern bei der Prioritätensetzung. Statt Herdenschutz konsequent umzusetzen und ausreichend zu finanzieren, wird der Abschuss immer weiter normalisiert. So entsteht der falsche Eindruck, Koexistenz sei gescheitert – obwohl vielerorts schlicht die Schutzmassnahmen ungenügend, zu spät oder halbherzig umgesetzt werden.

Eine moderne Wolfspolitik müsste den umgekehrten Weg gehen: zuerst wirksamen Herdenschutz sichern, dann Vollzugsdefizite beheben, erst danach eng begrenzte Einzelfälle prüfen. Die jetzige Vorlage stellt diese Reihenfolge auf den Kopf.

Der Mythos vom «Ökosystem Alpwirtschaft»

In der politischen Debatte wird die Alpwirtschaft gern als quasi natürliches «Ökosystem» dargestellt. Fachlich ist das irreführend. Alpwirtschaft ist eine Form der Landnutzung, kein eigenständiges Ökosystem.

Es stimmt: Unter bestimmten Bedingungen kann eine wirklich extensive Nutzung in subalpinen Lagen lokal Pflanzenvielfalt fördern – etwa dort, wo mit moderater Bestossung und ohne Gülle gearbeitet wird. Genau das zeigen einige Studien. Aber schon diese Forschung betont, dass Düngung und intensivere Nutzung die Artenzahl massiv senken können.

Andere Arbeiten kommen zum gegenteiligen Ergebnis: Intensivierung, Übernutzung, Strukturverluste und technische Eingriffe belasten alpine Lebensräume stark. Besonders alpine Matten reagieren empfindlich: Die Böden sind dünn, die Regeneration langsam, Schäden an der Vegetation oft dauerhaft.

Deshalb ist Vorsicht geboten, wenn politische Akteure unter dem Etikett «Alpwirtschaft» vorgeben, als sei jede Nutzung oberhalb der Baumgrenze automatisch Naturschutz. In Wahrheit geht es häufig um ein subventioniertes Produktionssystem, das wirtschaftlich und politisch abgesichert wird und für dessen Schutz dann der Wolf weichen soll.

Wildtiergebiet statt Produktionsraum

Über der Baumgrenze befinden sich einige der sensibelsten Lebensräume der Schweiz. Alpine Matten, Felsfluren und Zwergstrauchheiden sind Lebensraum für spezialisierte Arten, die auf störungsarme Bedingungen angewiesen sind. Die Vegetationsperiode ist kurz, die Böden sind dünn, die Wiederherstellung geschädigter Flächen dauert sehr lange oder gelingt gar nicht.

Hier sollte die Priorität bei Wildtieren und Biodiversität liegen, nicht bei der Ausweitung eines ohnehin stark subventionierten Produktionsraums. Wenn man diesen Raum erst intensiv nutzt und danach den Wolf als Problem erklärt, verdreht man Ursache und Wirkung: Nicht der Wolf dringt in die Alpwirtschaft ein, sondern die Nutzung greift immer tiefer in sensible Wildtiergebiete ein.

Gerade deshalb ist das Öffnen von Jagdbanngebieten so gravierend. Es verbindet zwei problematische Tendenzen: die Ausdehnung menschlicher Nutzung in empfindliche Lebensräume und die anschliessende politische Entwertung des Wildtierschutzes.

Nicht jede Alp braucht Nutztiere

Ein weiterer blinder Fleck der aktuellen Debatte: Es wird so getan, als müsse jede Alp zwingend mit Nutztieren bestossen werden, damit die Landschaft «lebenswert» bleibt. Das stimmt nicht. Die schönsten und ökologisch wertvollsten Gebiete der Schweiz sind oft gerade jene, in denen extensive Tierhaltung nicht mehr forciert wird – etwa der Schweizer Nationalpark oder Landschaften wie das Centovalli. Dort können sich Wälder, Wildtiere und alpine Lebensräume weitgehend ohne den Druck der Tierproduktion entwickeln.

Niemand hat ein Grundrecht auf eine Alp mit Schafen oder Rindern – schon gar nicht dort, wo Herdenschutz nicht ernsthaft umgesetzt oder als «unmöglich» deklariert wird. Wer seine Nutztiere auf einer Alp nicht schützen kann oder will, hat dort schlicht nichts verloren. Eine verantwortliche Politik müsste das klar benennen: In konfliktträchtigen und sensiblen Lagen ist es konsequenter, auf Tierhaltung zu verzichten, statt den Wolf zur Anpassung zu zwingen und Schutzgebiete zu öffnen. Wer die Nutzung freiwillig wählt, trägt auch die Verantwortung, sie so zu gestalten, dass Wildtiere und Ökosysteme nicht den Preis dafür zahlen.

Esther Friedli und die Realität der Tierindustrie

Politisch stehen hinter dieser Wolfs‑ und Alpwirtschaftslinie Akteurinnen wie Esther Friedli. Sie inszeniert sich als Verteidigerin der Alpwirtschaft und spricht gern von einem angeblichen «Ökosystem Alpwirtschaft». Gleichzeitig stützt sie eine Tierindustrie, in der in der Schweiz jedes Jahr über 80 Millionen Tiere getötet werden, vor allem Hühner, dazu Millionen Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen.

Wer in Bern die Alpwirtschaft rhetorisch zum Naturheiligtum erhebt, aber diese Schlachtzahlen politisch absichert, betreibt vor allem eines: Schadensbegrenzung für ein Produktionssystem, das ohne Billigfleisch und hohe Tierbestände nicht funktionieren würde. Der Wolf dient in diesem Narrativ als praktischer Sündenbock. Er lenkt von der eigentlichen Frage ab, wie viele Nutztiere dieses Land überhaupt tragen kann, ohne Biodiversität, Klima und Wildtiere weiter zu überlasten.

Genau hier liegt der Widerspruch: Einerseits wird der Wolf als «Gefahr» für ein angebliches Ökosystem Alpwirtschaft dargestellt. Andererseits wird die industrielle und halbindustrielle Tötung von über 80 Millionen Tieren pro Jahr als selbstverständlich und schützenswert verteidigt. Wer das ernst nimmt, erkennt schnell: Es geht nicht um Natur, sondern um Interessenpolitik. Der Wolf steht im Weg, weil er sichtbar macht, dass die Tierproduktion in der heutigen Form weder ökologisch noch ethisch zukunftsfähig ist.«Die Biomasse der wildlebenden Säugetiere liegt weltweit nur noch bei etwa 3 bis 4 Prozent. Rund zwei Drittel entfallen auf Nutztiere, knapp ein Drittel auf den Menschen.»

Internationale Kritik an der Schweizer Wolfspolitik

Die Schweiz steht mit ihrer Abschusspolitik im Fokus internationaler Beobachter. Die Berner Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten, den Erhalt geschützter Arten sicherzustellen. Das zuständige Gremium hat die Schweizer Praxis bereits kritisiert und Zweifel an Schwellenwerten, Begründungen und der Vereinbarkeit mit dem Schutzgedanken geäussert.

Gleichzeitig wurden in den letzten Jahren bereits grosse Zahlen von Wölfen reguliert oder zum Abschuss freigegeben. Dutzende Abschüsse pro Saison sind zur neuen Normalität geworden. Vor diesem Hintergrund wirkt die neue Vorlage nicht wie eine vorsichtige Korrektur, sondern wie ein weiterer Schritt in Richtung Dauereskalation.

Worum es politisch wirklich geht

Die Vorlage wird als pragmatische Antwort auf Konflikte mit Nutztieren verkauft. Tatsächlich geht es auch um Machtfragen: Wer definiert, was ein Schutzgebiet noch wert ist? Wer setzt durch, ob Forschung oder Lobbydruck zählt? Und warum wird ausgerechnet beim Wolf eine Ausnahme nach der anderen geschaffen, obwohl die Wirksamkeit dieser Strategie schwach belegt ist?

Besonders zynisch ist die Debatte, wenn die gleiche politische Seite die Alpwirtschaft moralisch überhöht, aber gleichzeitig ein System verteidigt, in dem in der Schweiz jedes Jahr über 80 Millionen Tiere geschlachtet werden. Der Wolf wird als Störung inszeniert, während die industrielle und halbindustrielle Nutzung von Tieren als selbstverständlich gilt.

Ein ehrlicher Umgang mit dem Konflikt müsste beides benennen: den Schutz der Wildtiere und die Realität der Tierproduktion. Wer den Wolf zum Sündenbock macht, lenkt von der eigentlichen Frage ab, wie viel Nutzung sensible Landschaften überhaupt noch aushalten sollen.

Was jetzt nötig wäre

Eine glaubwürdige Politik würde drei Dinge tun. Erstens: Jagdbanngebiete als echte Schutzräume verteidigen und nicht für kurzfristige Interessen öffnen. Zweitens: Herdenschutz zur Priorität machen, weil seine Wirksamkeit deutlich besser belegt ist als jene von Abschüssen. Drittens: Den alpinen Raum nicht länger romantisch als «Ökosystem Alpwirtschaft» vermarkten, sondern als das anerkennen, was er in weiten Teilen ist: ein empfindlicher Wildtier- und Naturraum, dessen Belastungsgrenzen längst erreicht oder überschritten sind.

Die aktuelle Vorlage geht in die entgegengesetzte Richtung. Sie schwächt Schutzgebiete, normalisiert Abschüsse und belohnt jene Rhetorik, die wissenschaftliche Unsicherheiten ausblendet und den Wolf zum Symbolgegner macht.

Wer eine zukunftsfähige Wolfspolitik will, muss diesen Kurs zurückweisen. Nicht, weil jede Nutzung in den Alpen falsch wäre, sondern weil Schutzgebiete ihren Namen verdienen müssen, weil Herdenschutz besser wirkt als Schiessen und weil Wildtiere in der Schweiz mehr verdienen als immer neue Ausnahmen vom Schutzrecht.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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