Wolfsfallen im Waadtländer Jura: Sabotage, Kritik, offene Fragen
Die sechste Fangkampagne des KORA-Projekts «Wolves and Cattle» endete am 18. April 2026 ohne Besenderung, dafür mit einem ausgelösten Fangeisen auf Facebook. Hinter dem Skandal um die Sabotage liegt die unbequemere Frage: Wie unabhängig ist eine Stiftung, die Wölfe für die Forschung einfängt und gleichzeitig die Wirksamkeit der kantonalen Abschusspolitik evaluieren soll?
Zwischen dem 17. März und dem 18. April 2026 stellten die Stiftung KORA und das Département d’écologie et d’évolution der Universität Lausanne zwischen Montricher–Marchissy und L’Orient–Le Brassus 28 gummierte Fussschlingen auf.
Gefangen wurde kein einziger Wolf.
Am letzten Abend der Kampagne wurde ein Fallenstandort nach Angaben von KORA-Biologe Fridolin Zimmermann «gezielt gesucht, ausgelöst und mit einer Rehkadaver-Attrappe rund 30 Meter verschoben». Die Bilder des ausgelösten Eisens und der verschobenen Attrappe erschienen kurz darauf auf der Facebook-Seite «T’es de la vallée de Joux si…» und lösten eine Welle wütender Kommentare aus, die die Methode als Werkzeug eines «braconnier» brandmarkten.
Die öffentliche Empörung über die Fotos ist das eine. Die unbequemere Frage liegt darunter: In welcher Rolle steht KORA, wenn dieselbe Stiftung im Namen der Wissenschaft Wölfe einfängt und gleichzeitig im Auftrag des Kantons Waadt die Wirksamkeit der Abschusspolitik evaluieren soll?
Fangeisen mit Gummibacken: Methode und Recht
KORA betont, die eingesetzten Eisen seien gummiert, international bei Wolfsbesenderungen üblich und behördlich bewilligt. Die Fallen seien tagsüber deaktiviert, vor Ort signalisiert und so konstruiert, dass leichtere Tiere als Wölfe nicht darin gefangen würden; aufgestellt würden sie abseits der von Huftieren genutzten Pfade. Ein GSM- oder Satellitenalarm löse spätestens nach 45 Minuten einen Einsatz vor Ort aus.
Das Schweizer Tierschutzgesetz verpflichtet allerdings grundsätzlich dazu, Tiere vor vorhersehbaren Schäden und Verletzungen bestmöglich zu schützen (Art. 4 und 6 TSchG). Dass KORA nach einem Zwischenfall 2023, bei dem ein zufällig gefangener Hund nach eigenen Angaben tierärztlich untersucht und unverletzt freigelassen wurde, die Signalisation verstärkte und die Deaktivierung «optimierte», belegt: Das Restrisiko ist real und kein reines Kommunikationsproblem. Eine unabhängige veterinärmedizinische Begleitdokumentation zu jedem Fangeinsatz, die nicht von KORA selbst kuratiert wird, fehlt bis heute.
Der wissenschaftliche Rahmen «Wolves and Cattle»
Das Projekt läuft seit 2022 im Kanton Waadt, finanziert durch private Stiftungen und durchgeführt mit AGRIDEA, der Universität Lausanne, dem FIWI der Universität Bern sowie den Organisationen OPPAL und FJML.
Bis April 2026 wurden drei Wölfe besendert: die Wölfinnen F186 und F259 sowie zuletzt der Rüde M637, der am 29. Oktober 2025 ein GPS-Halsband erhielt. Im Januar 2026 legte M637 innerhalb von elf Tagen fast 240 Kilometer zurück, vom Fuss des Waadtländer Juras über den Kanton Freiburg bis ins Emmental und wieder zurück an seinen Ausgangspunkt.
Ein im September 2025 publizierter KORA-Bericht Nr. 129 (Surer, Christe, Zimmermann) hält für die Jahre 2023 und 2024 im Waadtländer Jura 84 durch Wölfe angegriffene Rinder fest, was nach Darstellung der Autoren 17 bis 33 Prozent der Alpsterblichkeit bei Rindern in den untersuchten Gebieten entspricht. Zum Vergleich: 2025 verzeichnete der Kanton Waadt insgesamt rund 160 Prädationen auf Nutztiere (Rinder, Schafe, Ziegen), davon 88 allein im Territorium des Mont-Tendre-Rudels. Vor diesem Hintergrund fordert der Kanton die Besenderung politisch ein.
KORA räumt zugleich ein, dass die GPS-Daten des Projekts mit vier Stunden Aufnahme- und mindestens 16 Stunden Übermittlungsintervall erhoben werden. Als Warnsystem für Alpbetriebe seien sie ungeeignet, schreibt die Stiftung selbst. Für eine direkte Echtzeitlokalisierung zur Unterstützung von Abschüssen taugen sie damit ebenfalls nicht. Für retrospektive Territoriumsanalysen, die in kantonale Abschussgesuche und Regulierungsperimeter einfliessen, sind sie aber zentral. Genau hier liegt die eigentliche Schnittstelle zwischen Forschung und Regulierung, die KORA in ihrer Kommunikation konsequent kleinredet.
Kritische Einordnung: Wenn Monitoring und Regulierungsevaluation dieselbe Handschrift tragen
Der Kanton Waadt liess in der Regulierungsperiode 2024/2025 zehn Wölfe töten, überwiegend Jungtiere aus dem Mont-Tendre-Rudel, ohne dass die Risszahlen merklich sanken. Nach dem Auslaufen der zweiten präventiven Regulierungsperiode Ende Januar 2026 hat der Kanton ausgerechnet KORA mit der Wirksamkeitsanalyse der staatlichen Abschusspolitik beauftragt. Dieselbe Stiftung, die Wölfe besendert und Monitoringdaten liefert, soll nun beurteilen, ob die Abschüsse wirken, die sich auf eben diese Daten stützen. Ein Rollenkonflikt zwischen wissenschaftlichem Monitoring, Fangforschung und Evaluation staatlichen Handelns ist hier nicht Behauptung, sondern Strukturmerkmal.
Parallel dokumentiert die Schweizer Abschussbilanz 2025/2026 eine Logik, die mit dem Schutzstatus des Wolfs nach revidiertem Jagdgesetz (JSG) und Berner Konvention kaum vereinbar ist: Im Wallis wurden zwischen dem 1. September 2025 und dem 31. Januar 2026 24 Wölfe im Rahmen der sogenannten proaktiven Regulierung plus drei per Einzelabschussverfügung erlegt, insgesamt 27 Tiere, darunter ganze Rudel und sieben Jungtiere aus der «Basisregulierung». Im Kanton Graubünden wurden 35 Wölfe entnommen, darunter 18 Jungtiere aus sieben Rudeln. Eine detaillierte Einordnung und die politische Dimension dieser Bilanz finden sich im Beitrag «Walliser Wolfsbilanz 2025/2026: Zahlen eines Massakers» sowie im Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd».
Die Fangkampagne im Waadtländer Jura mag wissenschaftlich legitim sein. Sie findet aber in einem politischen Umfeld statt, in dem der Wolf faktisch wie eine abschussbare Ressource behandelt und nicht wie eine durch internationales und nationales Recht geschützte Art. Dass ein Teil der kantonalen Vollzugsarbeit von Hobby-Jägern mitgetragen wird, während Hobby-Jagd-Lobbys politisch auf eine Herabstufung des Schutzstatus drängen, verschärft diese Schieflage zusätzlich.
Was offen bleibt
Den Sabotageakt kann man kritisieren. Er entbindet Forschung und Behörden aber nicht davon, Fangeisen-Einsätze transparent zu begründen, durch eine vom Kanton und von der Nutztierlobby unabhängige veterinärmedizinische Stelle begleiten zu lassen und die Risikokommunikation gegenüber Spaziergängern, Hundehaltern und Huftieren offen zu dokumentieren. Solange KORA gleichzeitig Monitoringdaten liefert, die Abschussbewilligungen stützen, und die Wirksamkeit genau dieser Abschüsse evaluieren soll, bleibt die Glaubwürdigkeit einer «rein wissenschaftlichen» Besenderung angreifbar, auch ohne jeden sabotierten Fallenstandort.
Die eigentliche Frage ist damit weniger, ob einzelne Fangeisen technisch sauber konstruiert sind. Sie lautet, ob in einer Schweizer Beutegreifer-Politik, die unter dem revidierten JSG zunehmend auf Abschuss setzt, überhaupt noch Raum für wissenschaftliche Arbeit bleibt, die dem Wolf nicht dient, sondern ihn für die Massaker verfügbar macht.
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