13. Mai 2026, 23:37

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Umwelt & Naturschutz

10-Millionen-Schweiz: Was Wildtiere dazu sagen würden

Am 14. Juni 2026 stimmt die Schweiz über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP ab, doch eine Stimmgruppe wird im Abstimmungskampf wie immer überhört: die heimische Tierwelt.

Redaktion Wild beim Wild — 10. Mai 2026

Die nüchternen Zahlen lassen wenig Spielraum für Beschwichtigungen.

Jährlich verschwinden in der Schweiz rund 17,6 Quadratkilometer Boden unter Asphalt, Beton und Gebäuden. Das entspricht knapp sieben Fussballfeldern pro Tag. Die Siedlungsfläche wuchs zwischen 1985 und 2018 um 31 Prozent, die Wohnareale sogar um 61 Prozent. Gleichzeitig gingen in derselben Periode rund 1’143 Quadratkilometer Landwirtschaftsfläche verloren, also über sieben Prozent.

Die ständige Wohnbevölkerung lag Ende 2025 bei rund 9,1 Millionen Personen. Seit Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist sie um etwa 1,7 Millionen Menschen gewachsen, hauptsächlich durch Zuwanderung. Die jährliche Nettozuwanderung entspricht in starken Jahren der Einwohnerzahl einer Stadt wie Luzern.

Eingezäunte Berge bis über die Waldgrenze

Während im Tal Quadratmeter um Quadratmeter verbaut wird, verschiebt sich der Druck ins Gebirge. Dort wartet eine andere Realität: Sömmerung und Hobby-Schafhaltung haben weite Teile der Alpweiden in eingezäunte Parzellen verwandelt, vielerorts bis über die Waldgrenze hinaus. Wo Schaf- und Rinderherden weiden, ist für Gämsen, Steinböcke und Hirsche oft kaum noch Platz oder Nahrung. Krankheiten können von Nutz- auf Wildtiere überspringen.

Selbst Pro Natura, eine Organisation mit traditionell wohlwollender Haltung gegenüber der Alpwirtschaft, hält in einer Einordnung von 2024 fest: Oberhalb der Waldgrenze, wo die Mehrzahl der Schafe gesömmert wird, gibt es keinen einwachsenden Wald, den es durch Beweidung zurückzuhalten gälte. Das ökologische Hauptargument für die Bestossung mit Nutztieren entfällt damit in der Höhenstufe, in der die Konflikte mit Wildtieren am grössten sind. Das gute Gras gehört per Konvention den Nutztieren. Die Wildtiere weichen aus, in steilere Hänge, in Wälder, in Lebensräume, die für sie suboptimal sind.

Wildtierkorridore: zwei Drittel beschädigt oder unterbrochen

Was am Boden eingezäunt wird, ist in der Fläche zerschnitten. Von den überregionalen Wildtierkorridoren der Schweiz ist nur noch rund ein Drittel intakt. 16 Prozent gelten als vollständig unterbrochen. Im dicht besiedelten Mittelland beträgt die durchschnittliche Maschenweite, also die Grösse zusammenhängender Flächen, gerade noch 2,7 Quadratkilometer. Allein zwischen 2014 und 2020 hat sich diese Zerschneidung um weitere sieben Prozent verschärft. Für Arten, die saisonal wandern, von Amphibien bis zum Rothirsch, ist das eine schleichende Katastrophe.

Der Bund subventioniert diese Entwicklung aktiv mit. Im Jahr 2024 identifizierte er rund zwölf Milliarden Franken an direkten Subventionen, die der Biodiversität schaden. Verteilt auf Landwirtschaft, Verkehr, Siedlung und Energieproduktion.

Vier Prozent für die Wildtiere

Wer das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Natur verstehen will, muss nicht zählen. Wiegen reicht. Eine in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» publizierte Untersuchung von Bar-On, Phillips und Milo aus dem Jahr 2018, fortgeschrieben durch Greenspoon und Kollegen 2023, zeigt ein eindeutiges Bild. Auf der gesamten Erde stellen wilde Säugetiere noch rund vier Prozent der globalen Säugetier-Biomasse. Den Rest teilen sich der Mensch mit rund 36 Prozent und seine Nutztiere mit rund 60 Prozent.

In absoluten Zahlen: Nutztiere kommen weltweit auf etwa 630 Millionen Tonnen, der Mensch auf rund 390 Millionen Tonnen, alle wilden Landsäuger zusammen auf etwa 22 Millionen Tonnen. Seit 1850 hat sich die globale Säugetier-Biomasse insgesamt vervierfacht. Nicht durch mehr Wildtiere, sondern durch mehr Vieh und mehr Menschen.

Die Schweiz ist von diesem Trend kein Sonderfall, sondern eine zugespitzte Variante. Auf engstem Raum wachsen Bevölkerung, Bautätigkeit und Nutztierbestände, während Wildtierhabitate schrumpfen, sich zerstückeln und in suboptimale Höhenlagen abgedrängt werden. Ein Verhältnis von 96 zu 4 ist keine gesunde ökologische Balance. Es ist ein Befund.

Was eine Begrenzung auf zehn Millionen bedeuten würde

Die Nachhaltigkeitsinitiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 zehn Millionen Menschen nicht überschreitet. Notfalls mit Massnahmen im Asylbereich, beim Familiennachzug oder durch Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU. Aus rein ökologischer Optik ist das Argument arithmetisch: weniger Menschen, weniger Druck auf Boden, Wasser und Lebensraum. Jeder nicht überbaute Quadratmeter bleibt verfügbar als Habitat, als Wasserspeicher, als Filter.

Mitte-Ständerätin Heidi Z’graggen begründete ihr angekündigtes Ja zur Initiative im April 2026 in der NZZ mit dem Befund, es sei «schon wahnsinnig, wie eng und dicht alles geworden ist». Diese Wahrnehmung teilen Wildtiere ohne Worte, aber mit täglichen Verhaltensänderungen.

Was Bundesrat und Parlament dagegenhalten

Bundesrat und Parlamentsmehrheit lehnen die Initiative ab. Sie warnen vor wirtschaftlichen Schäden, vor der Gefährdung des bilateralen Wegs mit der EU und der humanitären Tradition der Schweiz. Sie verweisen auf gezielte Massnahmen gegen die Folgen des Bevölkerungswachstums in Raumplanung, Verkehr und Bodenstrategie. Die erste SRG-Umfrage vom Mai 2026 zeigt ein Patt: 47 Prozent würden Ja stimmen.

Aus der Optik der Wildtiere ist das Stimmverhalten klar: Sie würden die Hand heben, wenn sie könnten. Die Frage ist nicht, ob sie es können. Die Frage ist, ob die Stimmberechtigten ihre Interessen mit auf den Stimmzettel nehmen.

Mehr zu Lebensraum, Selbstregulation und der Rolle des Menschen im Wildtiermanagement im Dossier Selbstregulation von Wildpopulationen.

Quellen

  • Bundeskanzlei, Erläuterungen zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», admin.ch, Stand Mai 2026
  • BAFU, Boden: Das Wichtigste in Kürze, sowie BAFU, Netto null beim Bodenverbrauch
  • BFS, Arealstatistik 1985 bis 2018, sowie BFS, Siedlungsflächen
  • Pro Natura, Der Wolf und die Biodiversität auf den Schweizer Alpen, eine Einordnung, 2024
  • Pro Natura, Der Landfrass in vier Zahlen, 2023
  • Forum Biodiversität Schweiz, Bericht 2026
  • Naturschutz.ch, Wie sieht es mit der Biodiversität in der Schweiz aus, April 2026
  • SRF, Erste SRG-Umfrage zu den Abstimmungen vom 14. Juni 2026
  • NZZ, Interview mit Heidi Z’graggen zur Nachhaltigkeitsinitiative, 25. April 2026
  • EJPD, Medienmitteilung Bundesrat zur Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», 16. März 2026

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