«Hobby-Jäger sind Teil der Lösung»? Lobby-PR im Faktencheck
Zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt verbreitet die Jagdpresse erneut die Behauptung, Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger seien «Teil der Lösung» für die Artenvielfalt.
Anlass ist ein Beitrag des italienischen Jagdportals Caccia Passione vom 22. Mai 2026.
Er beruft sich auf das sogenannte «Biodiversitätsmanifest» und nennt über 550 Naturschutzprojekte europäischer Jägerinnen und Jäger als Beweis. Wer genau hinschaut, erkennt jedoch ein vertrautes Muster: Die Lobby benotet ihre eigenen Hausaufgaben.
Eine Lobby benotet ihre eigenen Hausaufgaben
Das zitierte Manifest stammt von der FACE, dem europäischen Dachverband der Jagdverbände mit Sitz in Brüssel. Es ist eine selbst gepflegte Projektdatenbank, die der Verband nach eigener Darstellung zur Unterstützung seiner Lobbyarbeit in Brüssel betreibt. Wer die Projekte meldet, wählt sie auch aus, und niemand prüft sie unabhängig nach. Unabhängige, peer-reviewte Wirkungsnachweise sind das nicht, sondern Eigenwerbung eines Interessenverbandes, der unter anderem das EU-Verbot bleihaltiger Munition bekämpft. Eine Zahl wie «550 Projekte» klingt eindrücklich, sagt über die ökologische Wirkung aber genauso wenig aus wie die Zahl der Pressemitteilungen, die ein Verband versendet.
In den meisten Kantonen fehlt schon das Revier
Das Bild des Hobby-Jägers als «Hüter der Landschaft» setzt voraus, dass dieser ein Gebiet dauerhaft pflegt. In der Schweiz ist das Jagdrecht jedoch ein kantonales Hoheitsrecht (Jagdregal), und Grundbesitz verleiht kein Jagdrecht. In 16 der 26 Kantone gilt die Patentjagd: Wer ein Patent löst, darf im ganzen Kanton schiessen, ohne gepachtetes Revier und ohne damit verbundene Pflegepflicht. Nur in neun Revierkantonen wird überhaupt Gebiet an Jagdgesellschaften verpachtet, einzig Genf kennt die staatliche Regiejagd. Für die Mehrheit der Schweizer Hobby-Jägerschaft gibt es also gar kein «eigenes Land», das sie aufwerten könnte. Der Pinsel der PR malt ein Pflegeverhältnis, das es im verbreitetsten Schweizer Jagdsystem rechtlich gar nicht gibt.
Die Bilanz spricht eine andere Sprache
Nach Jahrzehnten jagdlicher «Hege» gilt rund ein Drittel der untersuchten Arten in der Schweiz als gefährdet. Und wo der Naturschutz konkret vorankommen soll, mobilisiert die Hobby-Jagd-Lobby regelmässig dagegen: gegen die Biodiversitätsinitiative, gegen neue Nationalpärke wie Adula oder das Locarnese und gegen das Verbot bleihaltiger Munition. Der Tessiner Jägerverband FCTI etwa bekämpfte gleich mehrere dieser Vorlagen. Wer Schutzgebiete verhindert und Schutzmassnahmen ausbremst, ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.
Genf zeigt, dass es ohne geht
Der Kanton Genf hat die private Jagd 1974 per Volksabstimmung abgeschafft und durch staatlich angestellte Wildhüterinnen und Wildhüter ersetzt. Trotz hoher Bevölkerungsdichte und starker Urbanisierung zählt Genf heute zu den artenreichsten Kantonen der Schweiz. Das ist keine unübertragbare Ausnahme, sondern ein funktionierendes Modell: Wildtierregulierung durch Fachpersonen und durch Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Fuchs, statt durch ein Freizeitvergnügen. Echte Hege braucht eine Handvoll Profis, kein Heer von Freizeitschützen.
Das Versprechen «Hobby-Jäger sind Teil der Lösung» scheitert bereits an seiner eigenen Quelle: Es beruht auf einer Lobbydatenbank, nicht auf unabhängiger Wissenschaft. Biodiversität gewinnt in der Schweiz dort, wo Zivilgesellschaft und Behörden handeln, und sie verliert dort, wo die Hobby-Jagd-Lobby blockiert. Die nächste Jubel-PR folgt bestimmt, der nächste Faktencheck auch.
Podcast Episode: Jagd, Naturschutz Und Risiko
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