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FAQ

Wildtierkorridore Schweiz: Funktion, Fakten und Jagdkritik

Korridore als Lebensadern der Biodiversität und die Rolle der Hobby-Jagd.

Redaktion Wild beim Wild — 10. April 2026

Was sind Wildtierkorridore und warum braucht es sie?

Wildtierkorridore sind Verbindungsachsen zwischen isolierten Lebensräumen, die Wildtieren den Wechsel, die Ausbreitung und den genetischen Austausch ermöglichen.

In der Schweiz sind über 300 solcher Korridore identifiziert, viele davon durch Strassen, Siedlungen und intensive Landnutzung unterbrochen. Abschüsse lösen das Problem der Lebensraumfragmentierung nicht; im Gegenteil verstärkt die Hobby-Jagd die Stresssituation und treibt Tiere in ungeeignete Gebiete.

Was ist ein Wildtierkorridor und wie funktioniert er?

Ein Wildtierkorridor ist ein Landschaftsstreifen oder eine Verbindungsachse, die zwei oder mehrere Lebensräume miteinander verbindet. Er muss breit genug sein, damit Tiere ihn benutzen wollen und können, und er muss ausreichend ungestört sein, damit Tiere ihn tatsächlich passieren. Ein Korridor auf dem Papier, der von einer stark befahrenen Strasse oder einem ungesicherten Industriegelände durchschnitten wird, erfüllt seine Funktion nicht.

Korridore dienen nicht nur der Wanderung einzelner Individuen, sondern dem langfristigen genetischen Austausch zwischen Populationen. Ohne diesen Austausch drohen Inzucht, sinkende Fortpflanzungsraten und letztlich der lokale Ausbruch ganzer Populationen. Das ist keine Theorie, es ist beim Schweizer Luchs bereits Realität: Beide Subpopulationen in den Alpen und im Jura leiden unter schwerer genetischer Verarmung, weil die Populationen nicht miteinander verbunden sind.

Wie viele Wildtierkorridore gibt es in der Schweiz und in welchem Zustand befinden sie sich?

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat über 300 Wildtierkorridore in der Schweiz identifiziert. Davon sind viele unterbrochen oder in ihrer Funktion stark beeinträchtigt, durch Autobahnen, Eisenbahnlinien, Siedlungsflächen und intensive Landwirtschaft. Die Nationalstrasse A1 im Mittelland ist eine der grössten Barrieren für wandernde Grosssäugetiere wie den Rothirsch, der saisonal zwischen Sommer- und Wintereinstand pendelt und dabei oft mehrere Dutzend Kilometer zurücklegt.

Wildtierbrücken und Unterführungen werden zwar gebaut, aber langsam. In der Zwischenzeit bleiben viele Korridore nominell vorhanden, aber biologisch wirkungslos. Das hat direkte Folgen für die genetische Vielfalt und das langfristige Überleben von Populationen, die auf Vernetzung angewiesen sind.

Warum sind Wildtierkorridore für die Biodiversität entscheidend?

Die Hauptbedrohungen für die Biodiversität in der Schweiz sind gemäss der Bundesstrategie Biodiversität nicht Hobby-Jagd oder Raubtiere, sondern Habitatverlust durch Siedlungswachstum, intensive Landwirtschaft, Pestizide, Lichtverschmutzung, Klimawandel und fehlende Vernetzung. Letztere ist entscheidend: Ein Tier, das in einem isolierten Lebensraum eingesperrt ist, kann nicht auf Veränderungen reagieren. Es findet keine Partner, es findet keine Ausweichgebiete, es stirbt lokal aus.

Wildtierkorridore sind damit kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für funktionierende Ökosysteme. Jagd und Biodiversität zeigt, wie Hobby-Jagd durch das Vertreiben von Wildtieren in Wälder die Fragmentierung verschärft: Tiere meiden offenes Gelände, ziehen sich in Refugien zurück und nutzen Korridore nicht mehr.

Was ist der Zusammenhang zwischen Hobby-Jagd und Fragmentierung?

Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger jagen überwiegend in Revieren oder nach Patenten; sie haben kein Interesse daran, dass Tiere abwandern. Gleichzeitig verursacht der Jagddruck ein nachhaltiges Stressverhalten: Wildtiere weichen auf nächtliche Aktivität aus, meiden offenes Gelände und ziehen sich in dichte Wälder zurück. Das ist für Korridore verheerend, denn ein Tier, das einen Korridor passieren muss, ist in dieser Transitphase besonders exponiert.

Studien belegen, dass Rothirsche in Gebieten mit hohem Jagddruck überwiegend nachtaktiv werden und offene Passagen meiden (ZHAW/HAFL 2024). Das bedeutet: Auch wenn ein Korridor baulich vorhanden ist, wird er von gestressten, jagdgedrückten Tieren nicht genutzt. Der Wald-Wild-Konflikt entsteht nicht zuletzt dadurch, dass Tiere in Wäldern konzentriert werden und dort mehr Verbiss verursachen, als sie in einem ungestörten, weiträumigen Lebensraum täten.

Welche Wildtiere sind besonders auf Korridore angewiesen?

Grosssäuger, die auf grosse Streifgebiete angewiesen sind, leiden am stärksten unter Fragmentierung. Der Rothirsch braucht verbundene Landschaften, um zwischen Sommer- und Wintereinstanden zu wechseln und genetischen Austausch zu ermöglichen. Der Wolf kam nach Jahrzehnten der Abwesenheit auf natürlichem Weg über Italien und Frankreich in die Schweiz zurück, ein Beweis, dass Wildtiere über weite Distanzen wandern, wenn die Korridore funktionieren.

Der Luchs braucht für sein Streifgebiet 100 bis 300 km² (Männchen) beziehungsweise 50 bis 150 km² (Weibchen). Die Isolation der Jura- von der Alpenpopulation ist heute eine der grössten Bedrohungen für das langfristige Überleben der Schweizer Luchse. Wildtierunfälle auf Strassen sind eine der häufigsten nicht-natürlichen Todesursachen, ein direktes Produkt der Fragmentierung.

Helfen Wildtierkorridore auch kleinen Arten?

Ja. Korridore sind nicht nur für Grosssäuger relevant. Auch Amphibien, Reptilien, Insekten und Pflanzen sind auf vernetzte Lebensräume angewiesen. In fragmentierten Landschaften können selbst kleine Strassen oder Zäune die Ausbreitung von Amphibien verhindern. Hecken, Bachläufe, Feldgehölze und Saumbiotope bilden ein Netzwerk, das für viele Arten die Funktion von Wildtierkorridoren erfüllt.

Das Genfer Modell des professionellen Wildtiermanagements zeigt, wie eine intensive Vernetzung von Lebensräumen aussehen kann: Zehn Prozent der Landwirtschaftsfläche wurden als hochwertige ökologische Ausgleichsflächen ausgewiesen. Das Ergebnis: von wenigen Hundert auf bis zu 30’000 überwinternde Wasservögel, Wiederherstellung von Beständen seltener Arten. Alternativen zur Hobby-Jagd wie Biotoppflege, Renaturierung und Lebensraumvernetzung sind messbar wirksam.

Was leisten natürliche Beutegreifer für die Korridor-Nutzung?

Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Fuchs verändern das Verhalten ihrer Beutetiere, und das wirkt sich direkt auf die Korridor-Nutzung aus. In Gebieten mit Wolfspräsenz meiden Hirsche bestimmte Zonen, was dort die Vegetation erholt und die Landschaft strukturreicher macht. Dieses Phänomen, bekannt als «Landscape of Fear», wurde in Yellowstone ausführlich dokumentiert: Mit der Rückkehr der Wölfe regenerierten sich Weiden und Espen, was wiederum Biber, Fische und Vögel förderte.

In der Schweiz zeigen Studien der WSL (Kupferschmid/Bollmann 2016), dass Wolfspräsenz die Raumnutzung von Hirschen verändert und den Verbiss auf Tanne, Ahorn und Eberesche im Kerngebiet reduziert. Jagd und Biodiversität dokumentiert, wie natürliche Beutegreifer präziser und nachhaltiger regulieren als Hobby-Jagd.

Was fordert die Jagdkritik konkret für Wildtierkorridore?

Aus jagdkritischer Sicht braucht es erstens den Ausbau von Wildtierbrücken und -unterführungen über Nationalstrassen und Bahnanlagen, mit ausreichend Breite und Begleitstrukturen. Zweitens braucht es Ruhezonen (Wildruhezonen) entlang von Korridorachsen, in denen Hobby-Jagd, Mountainbiking, Hundefreilauf und andere störende Aktivitäten eingeschränkt oder verboten sind. Drittens braucht es den Schutz der natürlichen Beutegreifer, die als Schlüsselarten Korridore indirekt nutzbar machen.

Die Alternativen zur Hobby-Jagd benennen Wildtierkorridore explizit als eine der zentralen nicht-letalen Massnahmen für eine wirksame Biodiversitätspolitik. Ihr Ausbau entspricht auch der Biodiversitätsstrategie des Bundes, die bis 2030 den Anteil wirkungsvoller Schutzgebiete erheblich ausweiten will.

Fazit: Korridore statt Abschüsse

Wildtierkorridore sind kein Luxus und keine Spielerei von Naturromantikern. Sie sind biologische Grundinfrastruktur, und ihr Fehlen oder ihre Beeinträchtigung kostet Arten langfristig ihre Überlebensfähigkeit. Abschüsse helfen dabei nicht. Im Gegenteil: Jagddruck treibt Wildtiere in Refugien, meidet Korridore und verhindert die natürliche Ausbreitung.

Die Lösung liegt in vernetzten, ruhigen, strukturreichen Landschaften; in natürlichen Beutegreifern, die das Verhalten ihrer Beute ökologisch klug steuern; und in professionellem Wildtiermanagement nach dem Vorbild des Kantons Genf, das Lebensräume schützt statt Lebewesen abzuschiessen.

Quellen

  • BAFU: Über 300 identifizierte Wildtierkorridore in der Schweiz
  • Bundesstrategie Biodiversität Schweiz (2012/2017)
  • ZHAW/HAFL (2024): Rothirsch-Raumnutzung und Jagddruck
  • WSL, Kupferschmid/Bollmann (2016): Wolfspräsenz und Verbissreduktion
  • Yellowstone Wolf Reintroduction: Ripple & Beschta (2012), Landscape of Fear
  • Kanton Genf: Loi sur la faune (Hobby-Jagdverbot seit 1974)

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