Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Appenzell Innerrhoden
Appenzell Innerrhoden ist der kleinste Vollkanton der Schweiz und zugleich der konservativste. Hier wird an der Landsgemeinde per Handerheben abgestimmt, hier dominiert die katholische Tradition, hier ist die Hobby-Jagd kein Randphänomen, sondern Bestandteil der kantonalen Identität. Der Patentjägerverein Appenzell Innerrhoden formuliert sein Selbstverständnis mit bezeichnender Klarheit: «Die laute Jagd ist ein wichtiger Teil unserer freien Patentjagd, dafür sind wir dankbar und stolz.»

Im Kanton Appenzell Innerrhoden gilt die Patentjagd.
Die Fachstelle Jagd und Fischerei beim Bau- und Umweltdepartement (BUD) sorgt für die «angemessene Nutzung der einheimischen wildlebenden Säugetiere und Vögel» und ist zuständig für Artenvielfalt, Schutz bedrohter Arten und Begrenzung von Wildschäden. Die Jagdpatente werden direkt beim Departement ausgestellt.
«Freie Patentjagd»: Freiheit als Abwehrbegriff
Die Formulierung «freie Patentjagd» ist psychologisch aufschlussreich. Das Adjektiv «frei» suggeriert Unabhängigkeit, Autonomie und Widerstand gegen Bevormundung. Es impliziert, dass es irgendwo eine «unfreie» Jagd gibt, die es abzuwehren gilt. Tatsächlich verweist der Begriff auf die Abgrenzung von der Revierjagd, bei der Jagdgesellschaften Gebiete pachten und exklusive Rechte geniessen. In der Patentjagd kann theoretisch jede berechtigte Person im gesamten Kantonsgebiet jagen.
Doch die Betonung der «Freiheit» erfüllt eine tiefere psychologische Funktion: Sie verknüpft die Hobby-Jagd mit dem Innerrhoder Selbstverständnis als autonomer, selbstbestimmter Gemeinschaft. Die Landsgemeinde, die direkte Demokratie, die konservative Werteordnung: All das fliesst in die Rahmung der Jagd als «Freiheitsrecht» ein. Wer die Jagd einschränken will, greift in diesem Narrativ nicht nur eine Praxis an, sondern die Innerrhoder Freiheit selbst. Diese Gleichsetzung macht Jagdkritik in Innerrhoden zu einem politisch aufgeladenen Akt.
«Laute Jagd»: Stolz auf die Hetzjagd
Die «laute Jagd» (Link: jagd-ai.ch Startseite, abgerufen März 2026) ist in Innerrhoden nicht nur Praxis, sondern Identitätsmarker. Bei dieser Jagdform werden Hunde eingesetzt, die Wild aus den Einständen treiben. Die Tiere fliehen in Panik, die Hunde bellen, die Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger stehen an den Wechseln bereit. Dass der Patentjägerverein diese Praxis als Gegenstand von «Dankbarkeit und Stolz» beschreibt, offenbart die psychologische Dimension: Die laute Jagd wird nicht als tierschutzrechtlich problematische Methode wahrgenommen, sondern als kulturelles Erbe, das es zu verteidigen gilt.
Der Schweizer Tierschutz (STS) und die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) kritisieren Treib- und Bewegungsjagden seit Jahren als Methoden, die «Wildtiere extremem Stress aussetzen und erhebliche Verletzungsrisiken sowie die Gefahr von Fehlschüssen mit sich bringen». Dass dieselbe Methode in Innerrhoden mit Stolz verbunden wird, zeigt, wie weit die Normalisierung von Tierleid in geschlossenen Jagdkulturen gehen kann.
Interkantonale Rotwildplanung: Koordination ohne Grundfrage
Seit 2014 koordinieren die Jagdverwaltungen der Kantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen die Bestandserhebungen und die Jagdplanung für das Rotwild im gemeinsamen Wildraum. Der Rotwildbestand wird als «unvermindert hoch» beschrieben. Diese Koordination wirkt professionell und datenbasiert. Psychologisch verschleiert sie aber die Grundfrage: Warum bleibt der Bestand «unvermindert hoch», obwohl seit Jahren intensiv bejagt wird?
Die Antwort liegt in der Populationsdynamik: Intensive Bejagung erhöht die Reproduktionsrate, verändert Altersstrukturen und führt zu kompensatorischem Wachstum. Die Hobby-Jagd produziert die Bestände, die sie dann als Begründung für ihre Existenz anführt. Die interkantonale Koordination macht diesen Kreislauf effizienter, aber nicht sinnvoller.
Landsgemeinde-Demokratie und Jagdkritik
Appenzell Innerrhoden ist einer der letzten Kantone mit Landsgemeinde. Diese Form der direkten Demokratie, bei der per Handerheben abgestimmt wird, hat einen starken Konformitätsdruck zur Folge: Wer abweicht, ist sichtbar. Das gilt auch für jagdpolitische Fragen. In einem Kanton, in dem die Hobby-Jagd als Freiheitsrecht gerahmt wird und der Patentjägerverein «Dankbarkeit und Stolz» ausdrückt, ist öffentliche Jagdkritik gleichbedeutend mit einem Angriff auf die Gemeinschaft.
Psychologisch erklärt das, warum Innerrhoden in der jagdkritischen Landschaft der Schweiz praktisch unsichtbar ist. Es gibt keine öffentliche Debatte, keine Vorstösse im Grossen Rat, keine zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen die Hobby-Jagd. Nicht weil das Thema irrelevant wäre, sondern weil der soziale Preis für Dissens zu hoch ist. In einer Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und öffentlich abstimmt, ist Konformität nicht Option, sondern Überlebensstrategie.
Das Genfer Modell ist in Innerrhoden kein Thema. In einem Kanton, in dem die Jagd als Freiheitsrecht verstanden wird, ist die Vorstellung einer Jagdabschaffung nicht nur politisch, sondern kulturell undenkbar. Das macht Innerrhoden zum konservativsten Jagdkanton der Schweiz und zugleich zum psychologisch stabilsten: Ein System, das nie hinterfragt wird, braucht keine Abwehrmechanismen.
Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd
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