13. Mai 2026, 16:37

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Zug

Der Kanton Zug ist klein, reich und urban. Rund 230 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger üben hier die Patentjagd aus. Die Hauptjagd ist die Rehwildjagd im Oktober und November, die traditionell als «laute Jagd» mit dem Laufhund gepflegt wird. Die Jagd darf nur an drei Wochentagen ausgeübt werden: Montag, Mittwoch und Samstag. Was nach strenger Regulierung klingt, ist psychologisch betrachtet die Verpackung einer Freizeitbeschäftigung als geordnetes System.

Redaktion Wild beim Wild — 21. März 2026

Im Kanton Zug gilt die Patentjagd.

Das Amt für Wald und Wild ist für die Jagdplanung zuständig. Die Abschusskontingente beim Rehwild werden anhand des Frühjahresbestandes, des errechneten Sommerbestandes sowie der Unfall- und Fallwildzahlen ermittelt. Diese Systematik wirkt wissenschaftlich, verschleiert aber die Grundfrage: Warum wird überhaupt gejagt, wenn der Kanton Zug weder grosse Wildschäden noch eine Überpopulationsproblematik aufweist, die nicht durch professionelle Wildhüter gelöst werden könnte?

«Laute Jagd»: Tradition der Hetzjagd auf Rehe

Die Zuger Rehwildjagd wird traditionell als «laute Jagd» praktiziert. Das bedeutet: Laufhunde treiben Rehe aus ihren Einständen in den Dickungen. Die Tiere flüchten auf sogenannten Wechseln, kleinen Trampelpfaden, wo die Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in der Nähe abgestellt und die Rehe in der Bewegung mittels Schrotschuss erlegt werden.

Psychologisch ist diese Jagdform auf mehreren Ebenen problematisch. Erstens wird das Reh nicht als Individuum wahrgenommen, sondern als sich bewegendes Ziel. Die Hetzjagd erzeugt maximalen Stress beim Tier und minimale Reflexionszeit beim Schützen. Der Schweizer Tierschutz (STS) fordert seit Jahren ein Verbot von Schrotschüssen auf Rehe, weil die Gefahr nicht tödlicher Treffer und erschwerter Nachsuchen hoch ist. Eine Studie aus Dänemark zeigte, dass rund 25 Prozent der untersuchten Füchse einzelne Schrote im Körper stecken hatten. Jeder vierte Fuchs war also im Lauf seines Lebens mindestens einmal von einer Schrotgarbe gestreift worden. Für Rehe dürften ähnliche Werte gelten.

Zweitens wird die «laute Jagd» als Tradition gerahmt. Das Wort «gepflegt», das in offiziellen Darstellungen verwendet wird, verrät viel: Die Jagd wird nicht als Notwendigkeit beschrieben, sondern als Kulturgut. Psychologisch ist das zentral, denn es verschiebt die Legitimation von der Funktion zur Identität. Man jagt nicht, weil man muss, sondern weil man es schon immer so gemacht hat.

Hasen-Moratorium: Wenn Verzicht als Leistung gefeiert wird

Seit 1993 wird im Kanton Zug auf die Bejagung des Hasen verzichtet. Bemerkenswert ist, dass dieser Verzicht auf Antrag der Zuger Jägerschaft selbst erfolgte, «zur Förderung der Bestände». Die Hobby-Jägerschaft verzichtet also freiwillig auf den Abschuss einer bedrohten Art und präsentiert dies als Beitrag zum Artenschutz.

Psychologisch ist dieses Moratorium ein Lehrstück in Selbstlegitimierung. Der Verzicht auf das Töten einer Art, die man eigentlich nicht töten sollte, wird als Beweis für Verantwortungsbewusstsein gerahmt. Dass der Feldhase auf der Roten Liste als verletzlich (VU) eingestuft steht und seine Bejagung schlicht nicht mehr zu rechtfertigen ist, wird nicht als Grund für den Verzicht genannt, sondern die «Förderung der Bestände». Die Botschaft lautet: Wir könnten schiessen, aber wir entscheiden uns dagegen. Diese Rahmung verwandelt eine Selbstverständlichkeit in eine Geste der Grosszügigkeit und stabilisiert das Bild der Hobby-Jägerschaft als verantwortungsvolle Akteurin.

Dass dasselbe Moratorium nicht auch für andere bedrohte Arten gilt, etwa für Wasservögel oder Murmeltiere, zeigt die Grenzen dieser Logik. Der Verzicht ist selektiv und betrifft nur Arten, deren Bejagung ohnehin kaum Nachfrage hat. Das ist kein Artenschutz, sondern Imagepflege.

Wasservögel auf der Abschussliste: Kormoran, Blesshuhn, Enten

Im Kanton Zug dürfen Stockenten, Reiherenten, Tafelenten, Blesshühner, Kormorane, Nilgänse und Rostgänse von Oktober bis Ende Januar bejagt werden. Die Jagd auf Wasservögel in einem dicht besiedelten, urbanen Kanton mit intensiv genutzten Gewässerflächen wirft psychologische Fragen auf.

Erstens steht die Wasservogeljagd in keinem Verhältnis zu einem wie auch immer definierten Regulierungsbedarf. Die genannten Arten sind weder Überpopulationen noch verursachen sie relevante Schäden. Die Jagd auf Blesshühner und Reiherenten ist reines Vergnügen, verpackt als «Nutzung». Zweitens findet diese Jagd in einem Umfeld statt, in dem dieselben Gewässer für Erholung, Naturbeobachtung und Tourismus genutzt werden. Die Akzeptanz der Bevölkerung für das Erschiessen von Enten und Blässhühnern in Seeufernähe dürfte gering sein, wird aber nie abgefragt. Drittens zeigt die Aufnahme von Nilgans und Rostgans in die Abschussliste, wie invasive Arten als Legitimation für die Ausweitung der Jagd dienen. BirdLife Schweiz kritisiert die Jagd auf Wasservögel seit Jahren.

Jagdausbildung: Indoktrination als Qualitätsmerkmal

Die Jagdausbildung im Kanton Zug dauert anderthalb Jahre und wird gemeinsam vom Zuger Kantonalen Patentjägerverein, der Prüfungskommission und der Jagdverwaltung getragen. Sie reicht «von Jagdrecht, Waffenkunde über Baumartenkunde, Wildtierbiologie, Wildtierökologie bis hin zu einem Modul, bei dem der professionelle Umgang mit Jagdhunden gelernt wird». Die Verwaltung betont, dass «durch eine gute Ausbildung sichergestellt wird, dass die Zugerjagd nach den geltenden Regeln tierschutzgerecht und sicher durchgeführt wird».

Psychologisch ist die Betonung der Ausbildungsqualität ein Legitimationsmechanismus. Sie suggeriert: Wer ausgebildet ist, handelt korrekt. Doch die Ausbildung vermittelt nicht nur Wissen, sondern auch ein Weltbild. Wer anderthalb Jahre lang lernt, wie man Tiere «fachgerecht» tötet, verinnerlicht eine Normalität, die ausserhalb dieses Systems nicht existiert. Kritische Perspektiven, ethische Grundfragen oder Alternativen zur Jagd kommen in der Ausbildung nicht vor. Die IG Wild beim Wild analysierte die Zuger Jagdausbildung und kam zum Schluss, dass sie ein geschlossenes Deutungssystem reproduziert, das Kritik strukturell ausschliesst.

Urbaner Kanton, ländliche Psychologie

Zug ist einer der urbansten, wohlhabendsten und am dichtesten besiedelten Kantone der Schweiz. Dennoch funktioniert die Jagdpsychologie hier nach denselben Mustern wie in den Alpenkantonen: Tradition als Legitimation, Ausbildung als Immunisierung gegen Kritik, Verzicht als Grosszügigkeit und Ausweitung der Jagd auf Wasservögel als Normalisierung.

Der Unterschied zu den Innerschweizer Nachbarkantonen liegt nicht im System, sondern in der Verpackung. In Zug wird die Hobby-Jagd nicht als alpines Erbe gerahmt, sondern als «zeitgemässe», «gut ausgebildete» Praxis. Die Sprache ist moderner, die Strukturen sind dieselben. Und die Grundfrage bleibt ungestellt: Warum braucht ein Kanton mit 240 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern keine professionelle Wildhüter-Lösung nach dem Genfer Modell?

Die Antwort ist psychologisch, nicht sachlich: Weil die Hobby-Jagd im Kanton Zug als Teil eines gesellschaftlichen Netzwerks funktioniert. Wer jagt, gehört dazu. Wer dazugehört, hinterfragt nicht. Und wer nicht hinterfragt, braucht keine Alternativen.

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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