13. Mai 2026, 17:36

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Psychologie & Jagd

Psychologie der Hobby-Jagd im Kanton Basel-Stadt

Basel-Stadt ist der urbanste, dichtestbesiedelte Kanton der Schweiz. Dennoch wird hier gejagt. Die Hobby-Jagd beschränkt sich auf die Gemeinden Bettingen und Riehen, wo eine einzige Jagdgesellschaft das Jagdrecht per Pachtvertrag ausübt. Im gesamten Kanton leben rund 150 Rehe. 2022 wurden 48 davon erlegt, 4 starben im Strassenverkehr, 5 wurden von Hunden gerissen. Es ist die kleinste Jagdstruktur der Schweiz.

Redaktion Wild beim Wild — 21. März 2026

Im Kanton Basel-Stadt gilt die Revierjagd.

Die Gemeinden verpachten das Jagdrecht an eine Jagdgesellschaft für jeweils acht Jahre. Zu den jagdbaren Huftieren gehören das Reh und das Wildschwein. Die Jagdverwaltung liegt beim Amt für Wald und Wild beider Basel in Sissach, das für beide Halbkantone zuständig ist. Psychologisch ist Basel-Stadt deshalb besonders aufschlussreich, weil hier die Unverhältnismässigkeit der Hobby-Jagd am deutlichsten sichtbar wird: ein ganzer Verwaltungsapparat für 48 Rehe pro Jahr.

Volksinitiative für das Genfer Modell: Der Präzedenzfall

In Basel-Stadt liegt ein ausgearbeiteter Initiativtext für die Abschaffung der Hobby-Jagd und die Einführung eines professionellen Wildtiermanagements nach dem Genfer Modell vor. Die Initiative will das Leitbild des professionellen Wildtierschutzes in der Kantonsverfassung verankern. Der Kern: Die Natur reguliert sich weitgehend selbst. Wo Eingriffe nötig sind, sollen staatliche Wildhüterinnen und Wildhüter zuständig sein, nicht private Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger. Die geschätzten Kosten: 1.10 bis 1.60 Franken pro Einwohner und Jahr – weniger als eine Briefmarke.

Die Initiative stützt sich auf den Referenzfall Genf: Seit der Abschaffung der Miliz-Hobby-Jagd 1974 zeigt die eidgenössische Jagdstatistik dort einen Rehbestand von rund 680 Tieren (2024), bei einem jährlichen Spezialabschuss von lediglich 20 bis 36 Tieren durch professionelle Wildhüter. Das Verhältnis von Bestand zu Entnahme beträgt weniger als 5 Prozent, ein Bruchteil dessen, was in Kantonen mit Hobby-Jagd üblich ist. Der Kanton Genf hat in über 50 Jahren nie eine bundesrechtliche Beanstandung erfahren.

Psychologisch ist dieser Initiativtext ein Präzedenzfall. Denn er zeigt, dass das Genfer Modell nicht nur in einem frankofonen Grenzkanton funktioniert, sondern auch in einem deutschschweizerischen Stadtkanton denkbar ist. Wenn Basel-Stadt mit seinen 180 Rehen und einer einzigen Jagdgesellschaft den Systemwechsel vollzieht, entsteht ein Referenzraum, der das Narrativ der Unverzichtbarkeit der Hobby-Jagd in der gesamten Deutschschweiz unter Druck setzt.

Das Argument der Gegenseite: «Es gibt kaum etwas zu regulieren»

Die absehbare Gegenposition der Jagdlobby lautet: In Basel-Stadt gebe es kaum Wildtierprobleme und kaum Jagdaktivität, deshalb sei eine Volksinitiative überflüssig. Psychologisch ist diese Argumentation entlarvend, denn sie widerlegt sich selbst: Wenn es kaum etwas zu regulieren gibt, ist der Systemwechsel zu professionellem Wildtiermanagement umso einfacher, günstiger und risikoloser.

Tatsächlich betrifft die Umstellung einen minimalen Bereich: Nur die Gemeinden Bettingen und Riehen haben das Jagdregal, übertragen per Pachtvertrag an eine einzelne Jagdgesellschaft. Gleichzeitig wachsen auch in und um Basel die Wildtierpopulationen im Siedlungsraum: Füchse, Dachse, Biber, Rehe und Wildschweine. Professionelles Wildtiermanagement ist keine Luxuslösung, sondern präventive Infrastruktur. Die Frage ist nicht, ob Basel-Stadt professionelle Wildhüter braucht, sondern warum es stattdessen eine Hobby-Jagdgesellschaft mit Pachtvertrag gibt.

Revierjagd: Exklusivität als Systemfehler

Die Revierjagd in Basel-Stadt und Basel-Landschaft funktioniert nach einem Pachtmodell: Eine oder mehrere Personen pachten ein Gebiet für acht Jahre. Während dieses Zeitraums liegt die Jagdhoheit bei den Pächtern. Offiziell soll die «gesellschaftliche Struktur der Bestände naturnah» sein und «das natürliche soziale Verhalten der Tiere nicht beeinträchtigt werden». Die Jagd dürfe «nicht zum dominierenden Selektionsfaktor werden».

Psychologisch ist dieses Pachtmodell in einem Stadtkanton besonders fragwürdig. Es überträgt einer kleinen Gruppe privater Personen die Hoheit über Wildtiere in einem öffentlichen Raum, in dem Hunderttausende Menschen leben. Die Pacht erzeugt eine Exklusivität, die in keinem Verhältnis zur gesellschaftlichen Relevanz steht. Während die übrige Bevölkerung keinen Einfluss auf die Jagdplanung hat, entscheidet eine Jagdgesellschaft, welche Tiere leben dürfen und welche nicht. Das ist kein Wildtiermanagement, sondern ein Feudalmodell in demokratischer Verkleidung.

Stadtkanton mit Potenzial: Wildtierkorridore statt Jagdreviere

Basel-Stadt wächst, und mit der Stadt wachsen die Berührungspunkte zwischen Mensch und Wildtier. Füchse, Dachse und Rehe sind längst Teil des urbanen Alltags. Die Initiative für professionellen Wildtierschutz adressiert genau diesen Wandel: Statt Wildtiere als «Regulierungsobjekte» zu betrachten, sollen Koexistenzkonzepte entwickelt werden. Die Förderung der Koexistenz umfasst in einem Stadtkanton insbesondere die Sicherung und Vernetzung von Wildtierkorridoren, die ökologische Aufwertung von Grünflächen und die Aufklärung der Bevölkerung.

Psychologisch steht Basel-Stadt an einem Wendepunkt. Der Kanton kann entweder an einem Jagdmodell festhalten, das für 48 Rehe pro Jahr eine Jagdgesellschaft beschäftigt, oder er kann den Schritt wagen, den Genf vor über 50 Jahren gemacht hat. Die Volksinitiative ist der Versuch, diese Frage demokratisch zu klären. Und genau das macht sie so bedrohlich für die Jagdlobby: nicht weil Basel-Stadt ein grosser Jagdkanton wäre, sondern weil ein Erfolg hier die Debatte in der gesamten Deutschschweiz verändern würde.

Basel-Stadt als Testfall

Kein anderer Kanton eignet sich so gut für den Systemwechsel wie Basel-Stadt. Die Jagdstruktur ist minimal, die urbane Bevölkerung ist jagdkritisch, die Kosten wären gering und das Genfer Modell liefert über 50 Jahre Praxiserfahrung. Dass dennoch Widerstand zu erwarten ist, zeigt die psychologische Macht des Jagdnarrativs: Selbst dort, wo kaum gejagt wird, wird die Möglichkeit der Jagdabschaffung als Bedrohung empfunden. Nicht weil die Jagd in Basel-Stadt relevant wäre, sondern weil ein Präzedenzfall geschaffen würde, der das gesamte System in Frage stellt.

Genau deshalb verdient Basel-Stadt besondere Aufmerksamkeit. Hier wird nicht über die Regulierung von Hirschbeständen gestritten, sondern über die Grundfrage: Braucht eine Gesellschaft im 21. Jahrhundert überhaupt noch bewaffnete Hobbytöterinnen und Hobbytöter, oder reichen professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter?

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Kantonale Psychologie-Analysen:

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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