15. Mai 2026, 12:54

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Umwelt & Naturschutz

Wildtiere als Sündenböcke: Was Frankreichs Wälder krank macht

Ein neuer französischer Staatsbericht fordert einen «Regulierungsschock» gegen Hirsche, Rehe und Wildschweine, doch eine Gegenanalyse zeigt, dass die eigentlichen Ursachen des Waldsterbens in der industriellen Forstwirtschaft, der Zerschneidung der Lebensräume und im Störungsregime der Hobby-Jagd liegen.

Redaktion Wild beim Wild — 15. Mai 2026

Der gemeinsame Bericht von Staat und ONF zur Periode 2026 bis 2030 erklärt die Krise der französischen Wälder vor allem mit Klimawandel und einer angeblichen Überpopulation von Wildhuftieren.

Die Analyse des «Collectif pour un Equilibre Forestier Naturel» widerspricht: Nicht Wildtiere machen die Wälder krank, sondern Monokulturen, Kahlschläge, schwere Eingriffe in Böden und eine Jagdpraxis, die selbst neue Schäden erzeugt.

Der Bericht und sein Bias

Der CGAAER-Bericht n° 24100 und der IGEDD-Bericht n° 015934-01 lesen sich auf den ersten Blick wie ein nüchternes Verwaltungsdokument, politisch ist ihre Stossrichtung aber klar. Sie setzen auf einen «choc de régulation des ongulés sauvages», also auf massiv verstärkte Abschüsse bis hin zur lokalen Ausrottung. Gleichzeitig arbeitet das eingesetzte nationale Technische Komitee zum «sylvo-cynegetischen Gleichgewicht» mit einer auffälligen Einseitigkeit, weil Naturschutzverbände und unabhängige Wissenschaft dort nicht vertreten sind.

Die Gegenanalyse macht daraus eine systemische Kritik: Wer den Wald nur als Produktionsraum und Wildtiere nur als Störfaktor betrachtet, erzeugt genau jene Fehlsteuerung, die er später als Naturkrise ausgibt. Dieser Punkt ist für wildbeimwild.com zentral, weil er die Jagd nicht als Lösung, sondern als Bestandteil des Problems sichtbar macht. Der Text bleibt damit nicht bei Moral stehen, sondern bei der Frage nach Macht, Deutungshoheit und falschen Ursachen.

Die Mär von der Überpopulation

Die offizielle Logik stützt sich laut Gegenanalyse vor allem auf Abschusszahlen: Mehr Entnahmen sollen automatisch mehr Tiere bedeuten. Die Analyse bezeichnet das als selbstreferenzielles Modell, weil hohe Abschusspläne zuerst auf fragwürdigen Bestandsannahmen beruhen und die spätere Erfüllung der Pläne dann als Beleg für diese Annahmen dient. Ein solches Verfahren beweist nicht Überpopulation, sondern die politische und jagdliche Voreinstellung des Systems.

Besonders deutlich wird das am Beispiel der Forêt de Compiègne. Dort sank der Indice Nocturne d’Abondance zwischen 2006 und 2019 um 50,9 Prozent, während die Quote der Abschüsse 2020/21 trotz Reduktion nie vollständig erreicht wurde. Auch die Altersstruktur spricht gegen eine stabile oder wachsende Population: Wenn 90 Prozent der erlegten Rothirsche jünger als sechs Jahre sind, ist das kein Zeichen robuster Bestände, sondern ein Hinweis auf demografische Verarmung. Die Jagdlobby kann hier also nicht mit der gewohnten Erzählung von der «explodierenden Wilddichte» punkten.

Was den Wald wirklich schwächt

Die Analyse verortet die eigentlichen Ursachen im Umbau des Waldes zu einem industriellen Raum. Statt vielfältiger Mischwälder dominieren Monokulturen, vor allem Douglasie, Fichte und Kiefer, dazu Kahlschläge, verkürzte Umtriebszeiten und schwere Maschinen, die Böden verdichten und Mykorrhiza-Netze zerstören. Das ist nicht bloss eine Frage der Waldpflege, sondern ein Eingriff in das ökologische Fundament des Systems.

Hinzu kommt die zweite Industrialisierung durch die Hobby-Jagd selbst. Hochsitze, Schneisen, Kirrungen, Treibjagd-Infrastrukturen und in manchen Regionen sogar Zäune fragmentieren die Räume zusätzlich. Das Ergebnis ist ein Wald, der nicht mehr als komplexes Ökosystem funktioniert, sondern als Aufteilung zwischen Holzproduktion und Wildtierverwaltung. Genau diese Logik verschärft die Probleme, die sie angeblich lösen will.

Die Hobby-Jagd als Störung

Die Gegenanalyse stützt sich hier auf mehrere verhaltensökologische Studien. Jagddruck verändert Aktivitätsmuster, Raumwahl und Physiologie der Tiere, etwa durch erhöhten Stress, Nachtaktivität und das Ausweichen in dichtere, schlechtere Habitate. Das ist der «Landscape of Fear»: Die Tiere reagieren nicht auf natürliche Prädation, sondern auf menschliche Verfolgung.

Wichtig ist der Unterschied, denn die Hobby-Jagd ersetzt keinen Beutegreifer. Beutegreifer selektieren schwache oder kranke Tiere und stabilisieren damit langfristig Populationen, während Hobby-Jägerinnen und Jäger oft dominante, sichtbare oder trophäenfähige Individuen entnehmen. Genau dadurch entstehen selektive und evolutionäre Effekte, die mit «Regulierung» wenig zu tun haben. Wenn dann Verbissschäden als Begründung für noch mehr Jagd dienen, kippt das Argument endgültig in einen Zirkelschluss.

Genf als Gegenbeispiel

Besonders stark ist der Verweis auf das Genfer Modell. Seit der Volksabstimmung von 1974 gibt es dort keine Hobby-Jagd mehr, das Wildtiermanagement liegt bei professionellen Wildhütern des Kantons. Genf zeigt damit, dass Wildtiermanagement sehr wohl ohne Freizeitabschuss funktioniert. Das widerlegt die Behauptung, ohne Hobby-Jagd drohe automatisch ein ökologisches Chaos.

Auch internationale Beispiele sprechen gegen die Dramatisierung. In den Abruzzen, in Białowieża oder in Regionen ohne Fuchsjagd zeigen sich stabile oder robuste ökologische Dynamiken, obwohl grosse Pflanzenfresser oder Prädatoren vorhanden sind. Entscheidend ist also nicht der pauschale Abschuss, sondern die Integrität des Lebensraums.

Quellen:

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