14. Mai 2026, 08:06

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Jagd

Pfeil und Bogen auf Wildtiere: Hobby-Jagd-Lobby fordert Rückfall ins Mittelalter

In Deutschland macht die Hobby-Jagd-Lobby Druck auf die Politik: Die seit 1977 verbotene Bogenjagd auf Wildtiere soll legalisiert werden. Die Argumente klingen modern, die Realität ist archaisch: Pfeilschüsse ohne Schockwirkung, Verletzungsraten von über 50 Prozent und Tiere, die tagelang qualvoll verenden. Es geht nicht um Tierschutz, sondern um den Kick einer kleinen, lauten Lobby.

Redaktion Wild beim Wild — 14. Mai 2026

Auf der Dortmunder Messe «Jagd & Hund» präsentiert sich der Deutsche Bogenjagd Verband (DBJV) selbstbewusst.

Präsident Jan Riedel will die Hobby-Jagd mit Pfeil und Bogen, die in Deutschland seit 1977 in freier Wildbahn verboten ist, wieder erlauben lassen. Seine Verkaufsargumente: «rasiermesserscharfe» Pfeilspitzen, eine angeblich vergleichbare Tötungswirkung wie bei der Büchse und ein «besonders intensives Naturerlebnis». Der Tod eines Tieres als Erlebnispädagogik für Erwachsene.

Was in der Debatte gerne unterschlagen wird: Riedel selbst geht in Frankreich mit dem Bogen auf die Hobby-Jagd. Der DBJV-Präsident verkauft die Methode also nicht zufällig, sondern als jemand, der das eigene Hobby gerne ohne Auslandsticket ausüben würde. Das ist keine sachliche Debatte, das ist Interessenpolitik im Tarnanzug.

Die wissenschaftliche Faktenlage: Tierleid statt Tierschutz

Die Studienlage ist eindeutig, sie wird von der Hobby-Jagd-Lobby aber konsequent ignoriert. Eine Auswertung von rund zwei Dutzend Studien aus den USA durch PETA zeigt: 54 Prozent der mit Pfeil und Bogen beschossenen Tiere werden nicht sofort getötet. Verletzte Tiere können tagelang qualvoll verenden, oft auf der Flucht, oft nicht mehr auffindbar.

Eine Studie der Universität Oklahoma dokumentierte bei einer Bogenjagd auf 22 Weisswedelhirsche, dass 50 Prozent der Tiere lediglich angeschossen und zunächst nicht aufgefunden wurden. Der Pfeil verzeiht nicht die geringste Zielungenauigkeit und führt häufig zu Durchschüssen ohne garantierte Tötungswirkung.

Auch James Brückner vom Deutschen Tierschutzbund stellt klar: «Wegen fehlender Schockwirkung steht die tödliche Wirkung eines Pfeils sogar noch deutlich hinter der einer Büchsenpatrone zurück.» Genau das ist der entscheidende Punkt, den die Bogenjagd-Lobby mit Marketingbegriffen wie «Broadheads» und «modernen Compoundbögen» übertünchen will. Ein Pfeil schneidet, er schockt nicht. Ein verletztes Reh, ein verletzter Fuchs, ein verletztes Wildschwein flieht und stirbt erst, wenn der Blutverlust irgendwann zum Kollaps führt. «Keine zehn Sekunden bis zum Tod», wie Riedel behauptet, gilt unter Laborbedingungen, nicht im Feld.

Selbst Sven Herzog, Leiter des Lehrstuhls für Wildökologie an der TU Dresden und alles andere als ein Hobby-Jagd-Kritiker, räumt im Klartext ein: «Ein schlechter Bogenschütze kann noch mehr Tierleid verursachen als ein schlechter Schütze mit Feuerwaffe und ihrer hohen Wirksamkeit.»

Das Tarnargument: «Tierschutz» als Werbespruch

Besonders zynisch wirkt die rhetorische Wendung der Hobby-Jagd-Lobby, die Bogenjagd ausgerechnet als «tierschutzkonform» zu verkaufen. Eine Methode, bei der über die Hälfte der Tiere nicht sofort tot ist, soll plötzlich besser sein als die Büchse, weil der Pfeil leiser ist und das «Naturerlebnis» intensiver. Das ist die exakt gleiche Argumentationslogik, mit der in den letzten Jahren auch andere ethisch fragwürdige Praktiken hoffähig gemacht werden sollten: Man verpackt das eigene Interesse in das Vokabular der Gegenseite.

Wer ernsthaft den Tierschutz im Sinn hätte, müsste die Frage stellen, ob die Hobby-Jagd in ihrer heutigen Form überhaupt nötig ist. Die Antwort der Wissenschaft ist seit Jahren klar: Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Bär regulieren Wildbestände ohne menschlichen Schussapparat, kostenlos und ökologisch sinnvoll. Stattdessen will eine Lobby zurück zu Pfeil und Bogen, weil ihr die Büchse zu sauber, zu unspektakulär, zu wenig «authentisch» geworden ist. Das ist keine Modernisierung, das ist Re-Inszenierung.

Schleichende Legalisierung: Wie das Tabu fällt

Der Vorstoss in Deutschland kommt nicht aus dem Nichts. Bereits 2019 erlaubte das brandenburgische Umweltministerium eine Ausnahmegenehmigung für die Bogenjagd auf Wildschweine in Stahnsdorf und Kleinmachnow. PETA befürchtete schon damals, dass mit dem Pilotprojekt ein Präzedenzfall geschaffen werden soll, um die archaische Jagdmethode wieder bundesweit zu legalisieren. Genau dieses Muster wiederholt sich nun: Ein kleiner Türspalt wird mit «innerstädtischen Wildschweinproblemen» begründet und dann systematisch erweitert.

Auch in der Schweiz versucht der Verband Schweizer Bogenjäger seit Jahren, die Legalisierung durchzudrücken. Selbst der Verband Jagd Schweiz hat zuletzt einen Fragebogen zur Bogenjagd lanciert. Die internationale Lobby arbeitet koordiniert, der deutsche Vorstoss ist Teil einer europaweiten Strategie. In Russland wurde die Jagd mit Pfeil und Bogen 2019 freigegeben, um das «Bild als Jagdmacht» aufzuwerten. In Simbabwe wird sogar die Trophäenjagd auf Kaffernbüffel und Löwen mit Pfeil und Bogen erlaubt, prominentestes Opfer war 2015 der Löwe Cecil, der erst nach einem Tag von seinem Leiden erlöst wurde.

Die juristische Grauzone in Deutschland

Was viele nicht wissen: Auf Bundesebene gibt es in Deutschland gar kein generelles Bogenjagd-Verbot. § 19 Abs. 1 Nr. 1 des Bundesjagdgesetzes untersagt Pfeile lediglich für Schalenwild, Wölfe (seit April 2026) und Seehunde. Niederwild wie Fuchs, Hase, Waschbär oder Marderhund fällt nicht darunter. Über § 19 Abs. 2 BJagdG dürfen die Länder das Verbot ausweiten, was rund die Hälfte der Bundesländer in ihren Landesjagdgesetzen auch getan hat. In den übrigen Ländern existiert eine rechtliche Grauzone, und die Hobby-Jagd-Lobby will diese Lücke gezielt ausnutzen.

Hinzu kommt der vom DBJV propagierte «Bogenjagdschein», eine vereinsinterne Zertifizierung ohne staatliche Grundlage. Das ist kein Qualitätsmerkmal, sondern eine Selbstlegitimation jener Verbände, die ein wirtschaftliches Interesse an der Legalisierung haben.

Die argumentative Schwäche der Lobby

Riedels Behauptung, ein Pfeil sei «vergleichbar wie ein Büchsenschuss mit Bleimunition», verschiebt das Argument auf eine bemerkenswerte Ebene. Bleimunition ist seit Jahren wegen ihrer Vergiftungsgefahr für Beutegreifer wie Steinadler und Bartgeier scharf kritisiert. Wer die Bogenjagd damit rechtfertigt, dass sie nicht schlechter sei als eine ohnehin problematische Munitionsart, argumentiert auf dem niedrigsten erreichbaren Niveau. Ein medizinischer Eingriff wird ja auch nicht dadurch besser, dass er nicht schlechter ist als ein anderer schlechter Eingriff.

Auch das beliebte «Stadtjäger»-Argument verfängt nicht. Die Idee, mit Pfeilen in Wohngebieten gegen Wildschweine vorzugehen, ist nicht sicherer, sondern wälzt das Problem nur ab. Wildschweine in Siedlungen sind ein Folgeproblem ungesicherter Mülltonnen, gefütterter Tiere und nicht naturnaher Landschaftsgestaltung. Wer hier mit dem Pfeil ankommt, behandelt Symptome mit dem falschen Werkzeug.

Ein Nein muss ein Nein bleiben

Die Wiederzulassung der Bogenjagd auf Wildtiere wäre ein Rückfall in eine Zeit, in der man Wild fing, weil man es essen musste. Heute essen die meisten Hobby-Jäger ihr Wild nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Identität. Die Bogenjagd ist deshalb kein technischer Fortschritt, sondern eine kulturelle Inszenierung, in der das «authentische» Töten zum Selbstzweck wird.

Wer Wildtiere ernsthaft schützen will, beendet nicht das Verbot der Bogenjagd, sondern verschärft die Hobby-Jagd insgesamt: Verbot von Bleimunition, Stopp der Beutegreifer-Verfolgung, Stärkung professioneller Wildhut nach Genfer Modell. Stattdessen verhandelt die Politik darüber, ob Tiere künftig wieder mit Pfeilen verbluten dürfen, weil sich eine kleine Lobby ein «intensiveres Naturerlebnis» wünscht. Diese Debatte sollte mit vier Buchstaben enden: Nein.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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