4. Juni 2026, 16:36

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Jagd

Waschbären in Bielefeld: Je mehr getötet wird, desto mehr kommen nach

Die Stadt Bielefeld meldete für das Jagdjahr 2025/26 eine neue Rekordstrecke: 1'374 Waschbären wurden von Hobby-Jägern erlegt. Zum Vergleich: 2022/23 waren es 440, 2023/24 rund 700, 2024/25 rund 918 Tiere. Jedes Jahr mehr. Jedes Jahr werden mehr Hobby-Jäger mobilisiert. Und jedes Jahr gibt es mehr Waschbären.

Redaktion Wild beim Wild — 4. Juni 2026

Was in Bielefeld als Erfolg kommuniziert wird, ist in der Wildtierbiologie ein bekanntes Phänomen: Wird eine Population durch Abschüsse dezimiert, reagiert sie mit erhöhter Reproduktionsrate.

Waschbären, wie viele andere Säugetiere, gleichen Verluste durch grössere Würfe und früheres Ersteilen der Geschlechtsreife aus. Wer mehr tötet, kurbelt die Produktion an. Die Stadt Bielefeld räumt selbst ein, dass eine Prognose zur Populationsentwicklung nicht möglich sei, da keine Bestandswerte vorlägen.

Das ist kein Naturschutz. Das ist ein System, das sich selbst am Leben erhält: Mehr Waschbären rechtfertigen mehr Hobby-Jagd, mehr Hobby-Jagd produziert mehr Waschbären. Für Hobby-Jäger, die nach eigenem Bekunden das Erlegen als ehrenamtlichen Dienst an der Gemeinschaft beschreiben, ist das ein komfortables Arrangement.

Kassel wollte es anders machen. Der Landesjagdverband stoppte es.

Anfang August 2025 startete die Stadt Kassel ein bundesweit beachtetes Pilotprojekt des Bundesverbandes der Wildtierhilfen (BVW): Waschbären sollten mit kameraüberwachten Lebendfallen eingefangen, von Tierärzten sterilisiert oder kastriert und anschliessend am selben Ort wieder freigelassen werden. Geplant war eine dreijährige Laufzeit, begleitet von der Universität Bonn. Keine staatlichen Mittel, getragen von Ehrenamtlichen, Biologinnen und Tierärzten.

Fünf Tage nach Projektstart wurde es gestoppt. Angestossen hatte den Stopp der Landesjagdverband (LJV) Hessen. Dieser hatte beim Regierungspräsidium Kassel eine juristische Prüfung beantragt und die Sterilisation als «erheblichen Eingriff an einem Wirbeltier» bezeichnet, der einer tierversuchsrechtlichen Genehmigung bedürfe. Das Regierungspräsidium, dessen Zuständigkeit das Land Hessen just fünf Tage nach Projektstart neu geregelt hatte, sistierte das Projekt.

Das Argument des LJV: Sterilisierte Tiere dürfe man nicht wieder freilassen, da sie weiterhin Frasspredation betrieben. Das Bundesumweltministerium widersprach dieser Darstellung ausdrücklich und bestätigte, dass Sterilisation oder Kastration invasiver Arten mit EU-Recht vereinbar sei. Trotzdem blieb das Projekt auf Eis.

«Die Ausbreitung der Waschbären zeige, dass die Jagd in den vergangenen Jahrzehnten nicht erfolgreich war», stellte der Bundesverband der Wildtierhilfen fest. Die Stadt Kassel bat um «eine zeitnahe Entscheidung der zuständigen Stellen». Der Ordnungsdezernent erklärte: «Wir bedauern diese Situation sehr.»

Wer hat ein Interesse daran, dass die Jagd die einzige Methode bleibt?

Die Frage stellt sich zwingend: Warum bekämpft ein Jagdverband mit juristischem Druck ein tierschonenderes, wissenschaftlich begleitetes Alternativprojekt, das die Jagd ergänzen, nicht ersetzen sollte? Die Antwort liegt in der Struktur der Hobby-Jagd: Solange der Abschuss die einzige zugelassene Methode bleibt, bleibt auch die Notwendigkeit von Hobby-Jägern unangetastet. Ein erfolgreiches Sterilisationsprojekt würde beweisen, dass es Alternativen gibt. Das ist für eine Interessengruppe, die ihre gesellschaftliche Legitimation aus der Bestandsregulierung zieht, existenzbedrohend.

In Bielefeld wurden 2025/26 fast 1’400 Waschbären getötet. Die Population wächst. In Kassel wurde ein Projekt gestoppt, das auf Wissenschaft statt auf Schusswaffen setzte. wildbeimwild.com hat darüber berichtet. Das Muster ist dasselbe wie bei Wolf, Fuchs und Beutegreifer: Wildtiere werden verwaltet, nicht geschützt. Und wer die Verwaltung in Frage stellt, wird juristisch gebremst.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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