14. Juli 2026, 12:14

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Jagd

Schweden zeigt, wohin die Hobby-Jagd führt: 53 Bewerber in drei Stunden für einen Wolf

Wolfsabbau per Regierungsplan, «Tierrechtsterroristen» im Leitartikel und PFAS im Wildfleisch: Ein Blick auf jenes Land, das Ständerat Fabio Regazzi ausdrücklich als Vorbild für die Schweiz nimmt.

Redaktion Wild beim Wild — 14. Juli 2026

Im südschwedischen Schonen hatte ein Wolf einen Schafbock getötet und ein Shetlandpony so schwer verletzt, dass es getötet werden musste.

Die Länsstyrelse bewilligte daraufhin die «Schutzjagd», weil sie hinter beiden Vorfällen dasselbe Tier vermutet.

Die Reaktion der schwedischen Hobby-Jägerschaft ist der eigentliche Befund: Innerhalb von nur drei Stunden meldeten 53 Hobby-Jäger ihr Interesse an, an dieser Schutzjagd teilzunehmen. Gemeldet wird das im Magazin «Jakt & Jägare», dem Sprachrohr des Hobby-Jäger-Verbands Jägarnas Riksförbund (JRF), und zwar nicht als Problem, sondern als Erfolgsmeldung.

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Keine Luchsabschüsse im Wallis

Der Luchs ist genetisch am Limit, trotzdem soll er als erster Kanton der Schweiz zum Abschuss freigegeben werden.

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53 Bewerber für ein einziges Tier. Das ist keine Schadensabwehr. Schadensabwehr braucht Herdenschutz, Zäune, Behirtung. Was hier stattfindet, ist die behördliche Ausschreibung eines Trophäenangebots. Der tote Schafbock liefert bloss die Legitimation.

Der Staat als Bestandsreduzierer

Der Einzelfall Schonen steht nicht allein. Im Auftrag der schwedischen Regierung hat das Naturvårdsverket einen neuen nationalen Wolfsmanagementplan mit Laufzeit bis 2031 vorgelegt. Er richtet sich in erster Linie an die Provinzverwaltungen und soll eine schrittweise Verkleinerung des Wolfsbestands ermöglichen, mit der von der Regierung vorgegebenen Zielspanne von 170 bis 270 Tieren und einem Verweis auf eine «kleinste überlebensfähige Population» von 100 Individuen.

Man lese das noch einmal: Nicht der Schutz einer streng geschützten Art ist das Planungsziel, sondern deren geordnete Reduktion. Der Rückbau ist zur Verwaltungsaufgabe geworden.

Parallel dazu läuft die Lizenzjagd auf den Braunbären: 394 Bären dürfen dieses Jahr in den sieben nördlichsten Provinzen geschossen werden. Auch das ist keine Notmassnahme, sondern Routine mit Quote.

«Tierrechtsterroristen»: Wie Transparenzabbau zum Opferschutz umetikettiert wird

Der verräterischste Text auf jaktojagare.se ist der Leitartikel der JRF-Präsidentin vom 2. Juli 2026. Sie feiert darin, dass endlich die Möglichkeit gestoppt werde, dass sich «Tierrechtsterroristen» unter Berufung auf das Öffentlichkeitsprinzip Zugang verschaffen, um Hobby-Jäger und Tierhalter zu bedrohen und zu schikanieren.

Übersetzt heisst das: Abschusszahlen, Bewilligungen und Bejagungsdaten sollen der Öffentlichkeit künftig schwerer zugänglich sein. Wer sie einfordert, ist «Terrorist».

Das ist die klassische Figur. Die Hobby-Jagd beansprucht für sich, im öffentlichen Interesse zu handeln, will aber nicht, dass die Öffentlichkeit die Zahlen sieht. Wer nachrechnet, wird nicht widerlegt, sondern kriminalisiert. Und das steht nicht in einem anonymen Forum, sondern im Leitartikel des Verbandsorgans, gezeichnet von der Verbandspräsidentin.

Ein Verband, der Datenzugang als Terrorismus rahmt, hat aufgehört, ein Interessenverband zu sein. Er ist zu einer Abschottungsmaschine geworden. Wie Einflussnahme und Intransparenz auch hierzulande funktionieren, zeigt unser Dossier zu den Kampagnen rund um die Hobby-Jagd.

Das Eigentor: PFAS im «gesündesten Fleisch der Welt»

Und dann steht auf derselben Startseite die Meldung, die das ganze Selbstbild zerlegt. Rund um den Flughafen Landvetter weisen Wildschweine und Rehe zu hohe PFAS-Werte auf. Die Länsstyrelse Västra Götaland rät davon ab, Fleisch und Leber dieser Tiere aus dem Gebiet zwischen dem Flughafen und dem Västra Ingsjön zu konsumieren. Als Quelle gilt PFAS-haltiger Brandschaum aus Löschübungen der Flughafenfeuerwehr.

Die Hobby-Jagd verkauft ihr Produkt seit Jahren mit dem Argument, Wildfleisch sei das natürlichste, sauberste, ethischste Fleisch überhaupt. Es lebte frei, es lebte gesund. Nun stellt sich heraus: Es lebte in derselben kontaminierten Landschaft wie alles andere, nur ohne Kontrolle, ohne Grenzwertüberwachung, ohne Rückverfolgbarkeit. Das Reh vom Flughafen ist kein Bio-Produkt. Es ist eine Probe.

Dass diese Meldung ausgerechnet im Hobby-Jagd-Magazin selbst steht, macht sie umso brauchbarer.

Und die Schweiz? Das Vorbild heisst Schweden, und zwar wörtlich

Warum interessiert uns das in Bern, Chur oder Bellinzona?

Weil genau diese Logik hier gerade importiert wird, und zwar von einem Mann, der Schweden ausdrücklich als Referenz anführt.

Ständerat Fabio Regazzi (Die Mitte/TI), Vizepräsident von JagdSchweiz, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands und selbst Hobby-Jäger, verlangt mit seiner Motion eine feste Obergrenze für den Wolfsbestand. Ist die politisch definierte Zahl erreicht, werden «überzählige» Tiere entnommen. Nicht mehr das Verhalten eines konkreten Rudels entscheidet, sondern die Statistik.

Seine Begründung stützt sich direkt auf Schweden: Dort lebe trotz deutlich grösserer Fläche eine ähnliche Zahl Wölfe wie in der Schweiz, und dennoch verfolge Schweden eine aktive Regulierung mit dem Ziel, den Bestand auf rund 170 Tiere zu senken. Watson hält es ohne Umschweife fest: Schweden ist «das Land, das Regazzi als Vorbild nahm».

David Gerke von der Gruppe Wolf Schweiz stört sich genau daran, dass der Vorstoss vom skandinavischen Modell inspiriert ist. Sein Einwand ist so schlicht wie vernichtend: Diese Länder haben Wolfsbestände, die nicht überlebensfähig sind, und genau deshalb haben Gerichte die dortige Wolfsjagd zuletzt gestoppt.

Damit ist der Fall klar. Das Modell, das Regazzi kopieren will, wurde in seinem Herkunftsland gerade juristisch angehalten. Die für Januar 2026 geplante Lizenzjagd auf bis zu 48 Wölfe blockierte ein schwedisches Verwaltungsgericht, weil die Behörden den Artenschutz nicht belegen konnten. Wir haben das dokumentiert: Schweden stoppt Wolfsabschüsse 2026: Signal an die Schweiz.

Der Bundesrat empfiehlt die Motion Regazzi trotzdem zur Annahme. Nach Regazzis eigener Aussage hat ihn das selbst überrascht.

Wer das schwedische Modell bestellt, bestellt die ganze Kette:

  • Aus Einzelfallprüfung wird Quote.
  • Aus der Quote wird ein Regierungsplan zur Bestandsverkleinerung bis 2031.
  • Aus dem Regierungsplan wird ein Freizeitangebot mit 53 Bewerbern in drei Stunden.
  • Wer die Zahlen dazu einsehen will, ist «Terrorist».
  • Und am Ende stoppen Gerichte das Ganze, weil es rechtswidrig war.

Man kann nicht die Obergrenze bestellen und die Degeneration abbestellen. Regazzi importiert die Logik, aber nicht die Lehren. Das Muster ist seit Jahren dasselbe: Die Forderung nach dem Abschuss kommt früher als die Analyse.

Was daraus folgt

Schweden ist kein Vorbild. Schweden ist eine Warnung. Es zeigt, was passiert, wenn Wildtierpolitik dem Interesse einer Freizeitlobby überlassen wird: Der Beutegreifer wird zur Verwaltungsgrösse, das Wildtier zur Ziffer, die Transparenz zum Sicherheitsrisiko und das «gesunde Wildfleisch» zur behördlichen Verzehrwarnung.

Die Schweiz hat mit Genf seit 1974 und mit dem Schweizerischen Nationalpark eigene, funktionierende Referenzräume ohne Hobby-Jagd. Sie muss sich ihr Modell nicht aus Skandinavien holen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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