Italienische Jagdgesetzreform: Breite Front aus Politik, Wissenschaft, Kirche und Verbänden
Von der Wissenschaft bis in die eigene Regierungsmehrheit: Der Widerstand gegen Italiens Jagdgesetzreform wächst.
Lied: Blei im Wind
In Italien spitzt sich der politische Streit um die Reform des Jagdgesetzes Nr. 157/1992 zu.
Der Senat hat den von Kritikern «Sparatutto»-Gesetz genannten, vom Fratelli-d’Italia‑Fraktionschef Lucio Malan eingebrachten Gesetzentwurf (DDL 1552) am 23. Juni 2026 mit 80 zu 56 Stimmen bei zwei Enthaltungen verabschiedet. Seit dem 7. Juli 2026 laufen in der Landwirtschaftskommission der Abgeordnetenkammer die Anhörungen, am 16. Juli endet die Frist für Änderungsanträge. Der Widerstand wächst dabei auf immer mehr Ebenen gleichzeitig, inzwischen quer durch das gesamte politische Spektrum.
Am 7. Juli 2026 formierte sich zusätzlicher politischer Widerstand: Die Abgeordnete Michela Vittoria Brambilla (Noi Moderati), Präsidentin der parlamentarischen Intergruppe für Tierrechte und Umweltschutz, trat gemeinsam mit den Verbänden Enpa, Lipu, WWF, Animalisti Italiani, Oipa, Lac, Gaia und Green Impact vor die Presse. Ihre Kernaussage: Die Italienerinnen und Italiener wollten die Tiere nicht 500’000 Hobby-Jägern schenken, die zum Vergnügen schiessen. Umfragen, die in der öffentlichen Debatte zitiert werden, deuten darauf hin, dass zwischen 60 und 80 Prozent der italienischen Bevölkerung eine Ausweitung der Hobby-Jagd ablehnen oder die bestehende Gesetzeslage von 1992 beibehalten möchten.
Was die Reform konkret ändert
Der Gesetzestext verankert neu, dass die Hobby-Jagd «zum Schutz der Biodiversität und des Ökosystems beiträgt» und stilisiert Hobby-Jäger damit zu «Bioregulatoren». Kritische Stimmen werten dies als semantischen Kunstgriff: Wildtierbestände gehören nach italienischem Zivilrecht dem Staat und stehen im öffentlichen Interesse, ihre Bewirtschaftung soll deshalb nicht jenen überlassen werden, die diese Tiere gleichzeitig bejagen.
Zentral ist die Entmachtung des ISPRA, des staatlichen Instituts für Umweltschutz und -forschung. Bislang war dessen fachliches Gutachten für die Festlegung der Jagdkalender bindend, künftig soll es nur noch beratenden Charakter haben. Die Regionen könnten damit von den wissenschaftlichen Empfehlungen abweichen, die 10-Februar-Grenze für das Saisonende aufheben und die Jagd bis in die Zeit von Vogelzug und Brutgeschäft hinein verlängern. Der Lipu-Vertreter Giovanni Albarella bezeichnete diesen Punkt als «den Dietrich, um auch im Februar und März jagen zu können».
Weitere Neuerungen: Grundeigentümerinnen und -eigentümer dürfen Hobby-Jägern den Zutritt zu ihrem Land nicht mehr aus rein ethischen Gründen verweigern. Neu bejagbar werden unter anderem Wildgans und Taube, zudem soll die Jagd auf Staatsgebiet am Meer erlaubt werden. Für die Jagd auf Schalenwild werden Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras und Schalldämpfer zugelassen, Lebendlockvögel dürfen künftig praktisch unbegrenzt gehalten werden. Der Wolf wird aus der Liste der «besonders geschützten» Arten gestrichen, was künftige Abschussregelungen erleichtern soll, ein Schritt, der im Widerspruch zu jüngeren wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Umgang mit Beutegreifern steht. Neu eingeführt wird zudem ein Verbot, die Hobby-Jagd «zu behindern oder zu verzögern», was Tierschutzbeobachtungen vor Ort erschweren dürfte.
Riss durch die eigene Regierungsmehrheit
Bemerkenswert ist, dass sich der Widerstand nicht auf das linke Lager beschränkt. Innerhalb der Koalitionspartei Forza Italia hat sich unter Führung der Abgeordneten Rita Dalla Chiesa, zuständig für Tierwohl im Parteivorstand, eine offene Front von sechs bis sieben Abgeordneten gebildet, die Änderungsanträge ankündigen. Dalla Chiesa beruft sich dabei ausdrücklich auf das Erbe des Parteigründers Silvio Berlusconi und dessen langjähriges Engagement gegen Tierleid. Auch der bekannte rechte Journalist Vittorio Feltri hat sich kritisch geäussert, ebenso Teile der katholischen Kirche. Diese Risse innerhalb des bürgerlichen Lagers erhöhen den Druck auf die Regierungsmehrheit, das Gesetz vor der Schlussabstimmung nochmals zu überarbeiten.
Jetzt auch die Wissenschaft dagegen
Am 8. Juli 2026 verstärkte sich der Widerstand um eine gewichtige Stimme: Das Centro Italiano Studi Ornitologici (CISO), die führende italienische Fachorganisation für Vogelkunde, veröffentlichte ein technisch-wissenschaftliches Gutachten, das die Reform in mehreren Punkten scharf zurückweist. Der Vorstoss reiht sich ein in eine bereits zuvor veröffentlichte Analyse der Associazione Teriologica Italiana (ATIt), die sich mit Säugetieren befasst und der Vorlage ein fachlich schwaches Fundament attestierte. Beide Fachgesellschaften wurden inzwischen zusammen mit der Società Italiana di Etologia offiziell zu den parlamentarischen Anhörungen geladen, ebenso Lipu, Legambiente, WWF, Enpa, Lac und Oipa.
Das CISO kritisiert insbesondere die Umdeutung von Hobby-Jägern zu «Bioregulatoren» als kategorialen Fehler: Ein Jagdschein bescheinige die Eignung für eine reglementierte Tätigkeit, keine Ausbildung in Zoologie, Ökologie oder Naturschutzbiologie. Die Kontrolle von Wildbeständen sei eine öffentliche Aufgabe, die auf Daten, Monitoring und Erhaltungszielen beruhen müsse, nicht auf der Summe privater, freizeitlicher Abschusstätigkeit. Die generalisierte Bejagung könne im Gegenteil die Sozialstruktur von Tierpopulationen stören, die Verbreitung von Krankheitserregern begünstigen und durch Bleimunition toxische Belastung in die Umwelt eintragen.
Besonders brisant: Der Gesetzentwurf ändert nichts daran, dass weiterhin Arten bejagt werden dürfen, die sich in schlechtem Erhaltungszustand befinden, etwa Feldlerche und Alpenschneehuhn, beide seit Langem rückläufig. Zahlen des ISPRA selbst untermauern die Kritik: 28 Prozent der Wirbeltierarten in Italien gelten als vom Aussterben bedroht, 26 Prozent der Brutvögel sind gefährdet, und zwischen 2017 und 2023 wurden landesweit mehr als 32 Millionen Vögel erlegt. Zudem verschiebe sich der Vogelzug durch den Klimawandel zunehmend in frühere Kalenderphasen, wie Daten der citizen-science-Plattform Ornitho.it zeigen. Das CISO fordert das Parlament deshalb auf, das Gesetzgebungsverfahren auszusetzen und den Dialog mit der Wissenschaft neu aufzunehmen.
Ein schrumpfendes Milieu mit wachsendem Einfluss
Ein Argument der Kritikerseite sticht besonders heraus: Die Zahl der Jagdscheine in Italien ist von 738’000 in der Saison 2016/2017 auf noch 155’496 im Jahr 2026 gesunken, innerhalb der letzten zwei Jahre allein von 160’055 auf diesen Wert. Hobby-Jäger machen damit rund ein Prozent der italienischen Bevölkerung aus, erhalten mit dieser Reform aber weitreichende neue Befugnisse. Edgar Meyer von Gaia Animali & Ambiente nannte das Gesetz deshalb «eine Ohrfeige für die Wissenschaft». Er verwies zudem auf ein selten diskutiertes Thema: Laut einer Auswertung des Vereins Vittime della Caccia zählten die vergangenen zwanzig Jahre rund 1’937 Jagdunfälle mit Todesfolge, darunter 33 Fälle, in denen sich Hobby-Jäger selbst tödlich verletzten, und 13 Fälle mit unbeteiligten Opfern.
57 Organisationen, darunter Lav, Leal, Legambiente, Lipu BirdLife Italia, Wwf, Enpa, Greenpeace, Oipa, Lndc und Gaia Animali e Ambiente, haben in einem gemeinsamen Schreiben an Kammerpräsident Lorenzo Fontana zudem gefordert, dass neben der Landwirtschaftskommission auch die Umweltkommission in die Beratungen einbezogen wird.
Widerspruch aus Brüssel
Die EU-Kommission verfolgt das Verfahren aufmerksam und hat der italienischen Regierung mehrere Kritikpunkte übermittelt, die vor allem die Verlängerung der Jagdsaison über den 10. Februar hinaus, die Aufweichung der ISPRA-Rolle und die geplante Ausweitung von Lebendlockvögeln betreffen. Fachleute sehen darin einen möglichen Verstoss gegen die EU-Vogelschutzrichtlinie, die während der empfindlichsten Phasen des Fortpflanzungszyklus umfassenden Schutz vorschreibt. Für die Regelung zu Lebendlockvögeln läuft bereits seit 2023 ein EU-Pilotverfahren, ein förmliches Mahnschreiben ist anhängig. Auch der italienische Staatspräsident prüft, ob der Gesetzestext mit Artikel 9 der seit 2022 geänderten Verfassung vereinbar ist, der den Schutz von Umwelt, Biodiversität, Ökosystemen und Tieren als Staatsziel verankert. Bereits im Frühling hatte auch Papst Leo XIV. die Jagdreform kritisiert, und Tierschutzverbände hatten schon vorher vor der geplanten Umdeutung von Hobby-Jägern zu Umweltpädagogen gewarnt.
Einordnung
Der italienische Fall zeigt ein Muster, das auch aus der Schweiz bekannt ist: Wenn wissenschaftliche Gutachten zu Jagdregulierungen von bindend auf beratend herabgestuft werden, verschiebt sich die Entscheidungsmacht von fachlicher Evidenz zu politischem Ermessen. Bemerkenswert am italienischen Fall ist jedoch, wie breit die Front inzwischen geworden ist: Sie reicht von Tierschutzverbänden über die beiden massgeblichen wissenschaftlichen Fachgesellschaften für Vögel und Säugetiere bis in die Reihen der Regierungsmehrheit selbst hinein, wo Abgeordnete wie Rita Dalla Chiesa offen gegen die eigene Koalition Stellung beziehen. Brambilla brachte es auf den Punkt: Der Kampf für die Natur und die Biodiversität kenne keine politische Farbe. Der Verlauf der Debatte in Rom bestätigt das gerade eindrücklich.
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