Duftbarrieren statt Abschuss: Neue Wolfsstudie aus Neuenburg
Wie Wölfe über Urin kommunizieren und warum das ein Weg zu nichttödlichem Herdenschutz sein könnte.
Ende Juni 2026 hat der Schweizerische Nationalfonds eine Studie der Universität Neuenburg vorgestellt, die untersucht, wie Wolfsrudel auf die Urinmarkierungen fremder Artgenossen reagieren.
Während mehrere Kantone ihre Abschusszahlen ausweiten und die Politik über feste Obergrenzen für den Wolfsbestand streitet, richtet ein Forschungsteam den Blick auf eine ganz andere Frage: Lässt sich das Verhalten von Wölfen über Gerüche beeinflussen, ohne zum Gewehr zu greifen? Beantwortet ist das noch nicht, doch die Grundlagen dafür werden nun im Labor erarbeitet.
Wie das Experiment aufgebaut war
Zwischen April und Juni 2024 konfrontierten Forschende der Universität Neuenburg fünf Rudel in vier Schweizer Tierparks mit fremden Gerüchen. Dazu montierten sie Duftstationen aus einer Aluminiumplatte rund 30 Zentimeter über dem Boden, um die natürliche Höhe einer Markierung nachzubilden. Auf die Platten gaben sie jeweils drei Milliliter Wolfsurin und täuschten so die Anwesenheit eines rudelfremden Tieres vor. Zur Kontrolle diente menschlicher Urin, damit sich die Reaktion auf einen vermeintlichen Eindringling von der blossen Neugier auf etwas Unbekanntes trennen liess. Beobachtet wurden dreizehn Tiere, davon sechs Leittiere und sieben rangniedrigere Wölfinnen und Wölfe, durchgehend erfasst mit Kamerafallen.
Leittiere mit Nachwuchs reagieren am stärksten
Das Resultat fiel deutlich aus: Tiere mit eigenem Nachwuchs beschäftigten sich merklich häufiger mit fremden Duftmarken als rangniedrige oder junge Rudelmitglieder. «Diese Tiere haben mehr zu verlieren», fasste die betreuende Verhaltensforscherin das Muster zusammen. Wer ein Territorium, Junge und einen Partner habe, schenke sozialen Signalen mehr Aufmerksamkeit. Insgesamt näherten sich die Leittiere den Duftstationen doppelt so oft wie die untergeordneten Tiere. Beim Wolfsurin trat das Erkundungsverhalten rund dreizehnmal häufiger auf als beim menschlichen Vergleichsgeruch. Bei den rangniedrigen Tieren liess sich dagegen kaum ein Unterschied zwischen den beiden Gerüchen feststellen; die meisten beschnupperten die Stationen nur kurz.
Wie stark der soziale Rang das Verhalten prägt, zeigte ein Einzelfall. Eine junge, rangniedrige Wölfin blieb bei einem Vorversuch im Dezember 2023 unbeeindruckt vom Geruch fremder Artgenossen. Nachdem sie in einem anderen Rudel selbst zum Leittier aufgestiegen war, reagierte sie deutlich ausgeprägter, ein Befund, der sich ein halbes Jahr später bestätigte. Eine Duftmarke ist damit keine mechanische Auslösung, sondern eine soziale Information, die je nach Stellung im Rudel unterschiedlich gelesen wird.
Vom Duftprofil zur Duftbarriere
Das langfristige Ziel der Forschenden ist ehrgeiziger als das Experiment selbst. Gemeinsam mit einem Biochemiker wollen sie Duftprofile nach Geschlecht, Alter und sozialem Status erstellen und deren Wirkung zuerst in Tierparks, später in freier Wildbahn prüfen. Am Horizont steht die Idee sogenannter Duftbarrieren, mit denen sich Herden vor Wölfen schützen liessen, ohne die Tiere zu töten. Solche «biofences» wurden bei Wildhunden und Kojoten bereits erprobt, gründlich untersucht sind sie bislang nicht. Eine wesentliche Einschränkung der aktuellen Studie: Der verwendete Wolfsurin stammte aus den USA und liess sich keinem bekannten Tier zuordnen. Die Forschenden betonen selbst, dass es noch Jahre dauern dürfte, bis daraus ein verlässliches Instrument für den Feldeinsatz wird.
Warum das für die Schweizer Wolfspolitik zählt
Der Befund trifft auf eine Debatte, die überwiegend über das Gewehr geführt wird. Während einzelne Kantone Rudel dezimieren und der Bund politisch definierte Bestandsziele erwägt, bleibt der nicht tödliche Herdenschutz das Stiefkind der offiziellen Wolfspolitik. Dabei zeigt gerade die Alpenpraxis, dass konsequenter Herdenschutz wirkt, und der Kanton Genf belegt seit 1974, dass ein Wildtiermanagement ohne Freizeitjagd funktioniert. Eine Forschung, die das Kommunikationssystem der Wölfe entschlüsselt, statt es mit Abschüssen zu unterbrechen, passt in genau diese Logik: Sie sucht nach Werkzeugen der Koexistenz, nicht nach neuen Rechtfertigungen für den Abzug. Wie tief die Abschusslogik in den staatlichen Umgang mit Beutegreifern eingesickert ist, dokumentiert unser Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd».
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