12. Juli 2026, 09:43

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Tierwelt

Bärenkrise in Japan: Ohne Wolf droht der nächste Rekordsommer

Rekordzahlen bei Bärenangriffen und ausverkaufte Roboterwölfe zeigen, wie sehr Japan den vor über 100 Jahren ausgerotteten Spitzenprädator vermisst, während in der Schweiz derselbe Beutegreifer trotz Rückkehr systematisch bejagt wird.

Redaktion Wild beim Wild — 12. Juli 2026

Am 24. Juni 2026 stellte die japanische Supermarktkette Family Mart erstmals einen «Monster Wolf» direkt vor eine ihrer Filialen, in der Präfektur Gunma.

Der batteriebetriebene Roboterwolf mit blinkenden roten Augen und Dutzenden Warnlauten soll während eines siebenmonatigen Testlaufs Bären von der Filiale fernhalten. Es ist das jüngste Symptom einer Krise, die zeigt, was fehlt, seit Japan seine Wölfe vor über einem Jahrhundert ausrottete.

Rekordjahr für Bärenangriffe

Die Zahlen aus dem laufenden Bärenjahr 2025/2026 sind historisch. Nach Angaben des japanischen Umweltministeriums wurden landesweit rund 50’776 Bärensichtungen registriert, mehr als doppelt so viele wie beim bisherigen Höchststand von 24’348 im Jahr 2023. Bären töteten 13 Menschen, mehr als doppelt so viele wie im bisherigen Rekordjahr, und verletzten über 200 weitere. Tiere wurden auf Flughafenpisten, Golfplätzen, in Supermärkten und Onsen-Bädern gesichtet. Die Behörden reagierten mit einer Rekord-Tötungsquote: 14’601 Bären wurden 2025 gefangen und getötet, fast dreimal so viele wie im Vorjahr. Japan setzte dafür zeitweise sogar das Militär ein.

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Der Roboterwolf als Notlösung

Die Firma Ohta Seiki im Norden Hokkaidos, Herstellerin der «Monster Wolf»-Roboter, kommt mit der Produktion nicht mehr nach. Allein in den ersten Monaten des laufenden Jahres gingen rund 50 Bestellungen ein, mehr als sonst in einem gesamten Jahr. Kundinnen und Kunden müssen zwei bis drei Monate auf ihr Gerät warten. «Wir stellen sie von Hand her und kommen mit der Produktion nicht mehr nach», sagte Firmenchef Yuji Ohta. Die batteriebetriebenen Geräte, ausgestattet mit Solarpanels, Bewegungssensoren und über 50 verschiedenen Warnlauten, kosten ab rund 4’000 US-Dollar. Ursprünglich 2016 gegen Hirsche und Wildschweine entwickelt, gelten sie inzwischen als eine der wenigen wirksamen Massnahmen gegen die wachsende Bärenpräsenz in besiedelten Gebieten.

Die Wiederansiedlung als Gegenentwurf

Während Supermärkte auf Roboterwölfe setzen, verfolgt die 1993 gegründete Japan Wolf Association (JWA) seit Jahrzehnten einen anderen Ansatz: die Wiederansiedlung echter Wölfe. Die Organisation schlägt vor, Wölfe aus China auf den Hauptinseln Honshu, Shikoku und Kyushu sowie robustere sibirische Tiere im nördlichen Hokkaido auszuwildern, zunächst in kleinen Testgruppen in dünn besiedelten Regionen. Als Vorbild dient der Erfolg der Wiederansiedlung des Nipponibisses. Ein führender Vertreter der JWA, der Unternehmer Kunihiko Otsuki, hält das bergige Hinterland Hokkaidos für den geeignetsten Startpunkt.

Der Widerstand ist erheblich. Umfragen der JWA aus dem Jahr 2016 zeigen zwar einen Rückgang der Ablehnung von 44 auf 11 Prozent, doch bleibt ein grosser Teil der Bevölkerung schlicht desinteressiert. Rechtsnationale Gruppen protestierten in der Vergangenheit lautstark gegen die «Einfuhr fremder Wölfe», und auch Regierung sowie andere Naturschutzorganisationen verweisen auf die fortgeschrittene Industrialisierung und die Nähe von Mensch und potenziellem Wolfsgebiet.

Die Parallele zur Schweiz

Der japanische Fall ist ein Lehrstück mit europäischer Resonanz. Auch die Schweiz hat vorgemacht, dass die Rückkehr des Wolfs Wälder regeneriert und Schalenwildbestände auf natürliche Weise reguliert, etwa im Fall des Calanda-Rudels, wo der Verbiss an Jungbäumen nachweislich zurückging (siehe unser Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd» sowie den Beitrag «Ohne Wolf kein Wald: Was Beutegreifer für die Schweiz bedeuten»). Der entscheidende Unterschied: Während Japan mit Robotern und Rekord-Tötungsquoten auf eine Lücke reagiert, die der fehlende Spitzenprädator hinterlassen hat, ist der Wolf in der Schweiz längst zurück und wird trotzdem systematisch bekämpft, wie unser Beitrag «Wie Berlin und Bern den Wolf zum Abschuss freigeben» zeigt.

Japans Roboterwölfe sind ein technischer Behelf für eine ökologische Funktion, die ein echter Beutegreifer kostenlos erfüllen würde. Die Hobby-Jagd, die laut JWA die fehlende Regulierung übernehmen müsste, ist strukturell dazu nicht in der Lage, auch weil in Japans entvölkerten ländlichen Regionen immer weniger Menschen sie ausüben. Was Japan mit Milliardenschäden und Rekord-Bärenopfern gerade lernt, hat die Schweiz mit dem Calanda-Rudel längst gezeigt: Ein Spitzenprädator reguliert wirksamer und günstiger, als es Abschuss und Technik je könnten, wenn man ihn lässt.

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