Hobby-Jägerinnen lernen Selbstverteidigung: Was der «Sicher Jagen»-Kurs über die Hobby-Jagd verrät
Wenn Frauen im Revier Selbstverteidigung lernen müssen, sagt das alles über die Männerkultur der Hobby-Jagd aus.
Hobby-Jägerinnen brauchen Selbstverteidigungskurse.
Nicht wegen Wildschweinen oder Dunkelheit im Wald, sondern wegen ihrer eigenen Jagdkollegen. Das ist die unausgesprochene Botschaft hinter dem Pilotprojekt «Sicher Jagen», das der Jägerverein München-Land eigens für Frauen im Revier ins Leben gerufen hat.
In drei Modulen lernen die Teilnehmerinnen, bedrohliche Situationen richtig einzuschätzen, Konflikte durch deeskalierende Massnahmen zu vermeiden und sich, wenn nötig, mit einfachsten Mitteln effektiv zu verteidigen. Der Workshop richtet sich an Hobby-Jägerinnen jeden Alters und Fitnesszustandes. Offiziell formuliert klingt das nüchtern. Wer aber fragt, vor wem Frauen im Revier Angst haben, bekommt eine unbequeme Antwort: vor Männern mit Jagdschein.
Das Schweigen hinter dem Kurs
Viele Hobby-Jägerinnen müssen sich im Internet mit unseriösen, sexuell belästigenden Anfragen ihrer Hobby-Jäger-Kollegen auseinandersetzen. Bildschirmaufnahmen zeigen die schiere Häufigkeit solcher Nachrichten aus den eigenen Reihen. Das Jagdmagazin PIRSCH berichtete bereits 2024 darüber. Der Tenor war eindeutig: Sexismus und Übergriffigkeit sind kein Randphänomen in der Hobby-Jagd, sondern strukturell verankert.
Der «Sicher Jagen»-Kurs ist in dieser Logik keine freiwillige Zusatzausbildung. Er ist ein Symptom. Eine Gemeinschaft, in der Frauen aktiv lernen müssen, sich vor den eigenen Mitgliedern zu schützen, hat ein Problem mit ihrer Kultur, nicht mit der Dunkelheit im Wald.
Das Machtgefälle im Revier
«Hartnäckige Grünröcke, die sowieso ein Problem damit haben, dass Frauen auf die Jagd gehen, lassen nicht locker. Häufig fühlt Frau sich unter Druck gesetzt.» So beschreibt eine erfahrene Hobby-Jägerin den Alltag in einer Szene, die noch immer als Männerdomäne funktioniert. Wer nicht schiesst, obwohl Hobby-Jäger es erwartet hätten, muss sich rechtfertigen. Wer nachts allein vom Ansitz geht, trägt das Risiko selbst.
Dieses Machtgefälle ist kein Zufallsprodukt. In der Hobby-Jagd trifft man auf Feindbilder, Abwertungsrhetorik und eine Kultur, die Gewalt als Problemlösung normalisiert. Schaut man sich die Profile von Hobby-Jägern in sozialen Netzwerken an, strotzen sie vor Konservativismus, Sexismus und braunem Gedankengut. Wer in solchen Strukturen aufgewachsen ist, lernt, dass Dominanz und Kontrolle selbstverständlich sind, ob gegenüber Tieren oder gegenüber Frauen.
Hobby-Jagdszene und Rechtsextremismus: keine Zufallsschnittmenge
Sexismus und Übergriffigkeit in der Hobby-Jagd sind nicht vom Rest der Jagdkultur zu trennen. Wie wir in unserem Dossier «Hobby-Jäger und Rechtsextreme: Die Schnittmengen» dokumentiert haben, suchen extrem rechte Organisationen gezielt die Nähe zur Hobby-Jagdszene, weil die kulturellen Überlappungen gross sind: Waffenaffinität, hierarchisches Denken, Ablehnung von Gleichberechtigung, eine Vorstellung von Natur, in der das Töten eine natürliche Ordnung herstellt.
Beide Couleurs legen bei ihren diffusen Ansprüchen Wert auf eine Kultur der Gewalt. Probleme löst man militant mit Waffen. Auf diese Weise ist eine abgeschottete und für neue Informationen kaum zugängliche Gruppierung entstanden. Dass Frauen in diesem Milieu strukturell benachteiligt und gefährdet sind, ist keine Überraschung, sondern eine direkte Konsequenz.
Was die Zahlen sagen
Gewalt gegen Frauen im Kontext der Hobby-Jagd wird nicht systematisch erfasst. Was es gibt, sind allgemeine Daten: Laut der deutschen Dunkelfeldstudie LeSuBiA hat fast jede zweite Person in Deutschland im Laufe des Lebens sexuelle Belästigung erfahren. Frauen sind dabei häufiger und stärker von partnerschaftlicher oder geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen, insbesondere bei sexuellen Übergriffen und Stalking.
Weniger als zehn Prozent dieser Vorfälle werden angezeigt. Unerwünschte Berührungen oder exhibitionistische Handlungen haben 14,5 Prozent der Frauen in den vergangenen fünf Jahren erlebt. Das Dunkelfeld in einem so abgeschlossenen sozialen Milieu wie der Hobby-Jagdszene dürfte entsprechend gross sein.
Ein Kurs als stiller Hilferuf
Der «Sicher Jagen»-Workshop macht sichtbar, was die Jagdverbände lieber nicht thematisieren. Statt Strukturen zu hinterfragen, wird die Verantwortung für die eigene Sicherheit an die Betroffenen delegiert. Hobby-Jägerinnen lernen, sich zu schützen. Hobby-Jäger lernen nichts.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht der Kurs an sich, der im Einzelfall hilfreich sein mag, sondern das, was seine Notwendigkeit verrät: dass die Hobby-Jagd als Institution den Schutz von Frauen in ihren Reihen offenbar nicht aus eigener Kraft leisten kann oder will.
In einer Gemeinschaft, die sich auf Ethik, Tradition und Verantwortungsbewusstsein beruft, ist das eine vernichtende Bilanz.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!
Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.
