Ohne Wolf kein Wald: Was Beutegreifer für die Schweiz bedeuten
Wo Beutegreifer fehlen, fressen Rehe den Wald kahl und der Steuerzahler zahlt die Rechnung.
Im Herbst 2011 kehrte das erste Wolfspaar in die Schweiz zurück.
Am Calanda-Massiv im Churer Rheintal entstand in den folgenden Jahren das erste Schweizer Wolfsrudel der Gegenwart. Was danach geschah, liess Forstfachleute aufhorchen.
WSL-Biologin Andrea Kupferschmid untersuchte zwischen 2014 und 2018 den Waldzustand im Kerngebiet des Rudels. Ihr Befund: Der Verbiss an Tanne, Ahorn und Vogelbeere ging im Kerngebiet des Rudels deutlich zurück. Forstleute berichteten, dass wieder Jungwuchs in Altersstufen sichtbar wurde, die zuvor jahrzehntelang gefehlt hatten. Der entscheidende Effekt war nicht nur die direkte Reduktion der Wildtierzahl durch Risse, sondern eine Verhaltensänderung des Schalenwildes: Hirsche bleiben nicht mehr lange an denselben Einständen, bewegen sich häufiger und verteilen den Verbiss räumlich breiter. Beim Luchs ist ein ähnlicher Effekt dokumentiert: Eine Masterarbeit der Universität für Bodenkultur Wien im Kanton St. Gallen zeigt, dass Weisstannen nach der Luchsansiedlung im Kerngebiet signifikant weniger verbissen wurden. Forstingenieur Martin Kreiliger aus Disentis bestätigt aus dreissig Berufsjahren: In Wäldern mit Anwesenheit von Wolf oder Luchs verbessere sich die Verjüngungssituation deutlich.
Studien und Praxisbeobachtungen zeigen damit klar: Wolf und Luchs können lokal Verbissschäden mindern. Das gilt insbesondere in Gebieten, wo Rudel dauerhaft präsent sind. Eine flächendeckende Verbissabnahme über die gesamte Schweiz ist damit nicht automatisch verbunden, aber der positive Effekt in Kerngebieten ist belegt.
Kanton für Kanton: Ein nationales Problem
Die Datenlage aus den einzelnen Kantonen zeichnet ein besorgniserregendes Muster.
Tessin: Rund 90 Prozent der Tessiner Wälder sind Schutzwälder. Der Rothirschbestand wird auf rund 7’250 Tiere geschätzt (Kantonsangabe 2026). Andrea Pedrazzini, Vorsteher der Sektion Wald, hält fest, dass die Präsenz der Tiere sich «negativ auf die natürliche Waldverjüngung auswirkt» und indirekt invasive Neophyten begünstigt. Der Wald steht gleichzeitig durch Klimaveränderungen, Trockenperioden und Waldbrände unter starkem Druck.
Graubünden: 60 Prozent des Waldes sind Schutzwald. Das Amt für Wald und Naturgefahren stuft den Wildeinfluss auf 16 Prozent der Waldfläche als «gross» und auf 7 Prozent als «sehr gross» ein – Kategorien, in denen mindestens eine Hauptbaumart schalenwildbedingt ausfällt. Der frühere Kantonsförster Reto Hefti: «Wir haben Zustände, die langfristig nicht tolerierbar sind.»
Wallis: 61 Prozent Schutzwaldanteil. Der Kanton prüft als erster der Schweiz den Abschuss von Luchsen, obwohl eine Studie der Universität Bern (Prof. Raphaël Arlettaz) zeigt, dass die Luchsdichte im Wallis nur 12 bis 20 Prozent der erwarteten Dichte erreicht und Wilderei als Hauptursache gilt. Die Forschenden fanden keinen Beleg, dass der Luchs für den Rückgang an Rehen verantwortlich ist. Hobby-Jäger erlegen im Wallis jährlich rund 1’000 Rehe.
Waadt: Das Konzept «Forêt-Gibier» wurde im Januar 2026 aktualisiert. Kantonal zeigen Erhebungen seit 2016 starke Verbissschäden – im Jura und in Teilen der Voralpen vor allem durch den Hirsch, in der Broye eher durch das Reh.
National: Der Waldbericht 2025 von BAFU und WSL fasst zusammen: Auf der Alpensüdseite haben 41 Prozent der Schutzwaldfläche einen Verjüngungsdeckungsgrad unter 5 Prozent, in den Alpen 34 Prozent, in den Voralpen 19 Prozent. Das Problem ist real, aber regional unterschiedlich ausgeprägt.
150 Millionen Franken jährlich: Die Rechnung, die niemand offen vorlegt
Hinter dem ökologischen Problem steckt eine fiskalische. In der Schweiz fliessen rund 150 Millionen Franken pro Jahr von Bund, Kantonen und Nutzniessenden in die Pflege der Schutzwälder. Der Bund allein trägt davon knapp 60 Millionen Franken. Der Rest wird von Kantonen, Gemeinden und Infrastrukturbetreibern getragen, deren Strassen und Bahnlinien die Schutzwälder sichern. Hinzu kommen direkte Wildschadenvergütungen: Schweizweit fallen laut einer Umfrage bei den kantonalen Jagdverwaltungen jährlich rund 6 Millionen Franken für Verhütung und Vergütung von Wildschäden an Land- und Forstwirtschaft an, Tendenz steigend. Im Kanton Thurgau allein beliefen sich diese Ausgaben in den letzten fünf Jahren im Schnitt auf rund 432’000 Franken pro Jahr, wovon die Jagdgesellschaften lediglich 15 Prozent tragen.
Dazu kommen weitere indirekte Subventionen: Der Bund gewährt 2,5 Millionen Franken jährlich für die Aufsicht in Schutzgebieten und neu zusätzlich 2 Millionen Franken für Schutzmassnahmen im Zusammenhang mit Beutegreifern – Mittel, die ohne den jahrzehntelang künstlich aufgeblähten Wildbestand und ohne den politischen Kampf gegen Wolf und Luchs in dieser Höhe nicht nötig wären. Technische Ersatzmassnahmen – Schutzbauwerke, Zäune, Verbauungen – kämen bis zu zehnmal teurer als die Pflege funktionierender Schutzwälder.
Würden Wolf und Luchs als natürliche Regulatoren geduldet statt bekämpft, könnten Verbissschäden und damit ein Teil der millionenschweren Schutzwaldpflegekosten sinken. Forst- und Waldpflege wäre auch mit Beutegreifern weiterhin nötig – aber der Druck, der durch künstlich überhöhte Huftierbetände entsteht, wäre kleiner. Das ist keine politische Spekulation, sondern der Schluss, den Forstfachleute aus den Beobachtungen am Calanda und anderswo ziehen.
Was Yellowstone lehrt und was nicht
Das Yellowstone-Beispiel wird in der Debatte oft vereinfacht. Die Rückkehr der Wölfe ab 1995 veränderte das Verhalten der Elche nachweislich und trug lokal zur Erholung von Weiden und Espen bei. Für die Schweiz gilt dasselbe Prinzip: Der Wolf ist kein ökologischer Wundertäter, der alle Waldprobleme löst. Er ist aber ein nachgewiesenermassen wirksamer Faktor, der das Raumnutzungsverhalten des Schalenwildes verändert, den Verbissdruck lokal entlastet – und das ohne Steuergelder.
Die politische Logik steht auf dem Kopf
Statt Wolf und Luchs als das zu nutzen, was sie nachweislich sind, betreibt die Schweizer Jagdpolitik seit 2023 eine präventive Regulierung: Ganze Wolfsrudel dürfen abgeschossen werden, bevor Schäden entstanden sind. Im Kanton Schwyz werden Hobby-Jäger seit Sommer 2026 gezielt für den Einsatz bei der Bejagung von Beutegreifern geschult. Im Wallis plant man Luchsabschüsse, obwohl der Bestand durch jahrzehntelange Schlingenfallen bereits 46 Prozent seiner genetischen Vielfalt verloren hat. Jeder Abschuss eines Beutegreiférs ist ökonomisch gesprochen ein weiterer Beitrag an künftige Schutzwaldkosten, die der Steuerzahler tragen wird.
Das Muster ist konsistent: Die Hobby-Jagd-Lobby bekämpft systematisch jene Arten, die als natürliche Konkurrenten dieselben Wildtiere erbeuten. Das Gegenmodell existiert seit 50 Jahren: Im Kanton Genf gibt es keine Hobby-Jagd, keinen überhöhten Wildbestand, keine entsprechenden Folgekosten dieser Art. Zwölf staatliche Berufsjäger bewirtschaften das Wild professionell, die Feldhasendichte ist die höchste der Schweiz.
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