07.10.2026, 14:57

Suchen

Tierrechte

Label-Kompass des STS: Warum «Tierschutz» hier der falsche Begriff ist

Der Label-Kompass des Schweizer Tierschutzes bewertet Haltungsformen, nicht das Töten selbst.

Redaktion Wild beim Wild — 2. August 2026

Der «Label-Kompass» des Schweizer Tierschutzes soll Orientierung im Fleischregal schaffen.

Doch während die Organisation Labels vergleicht, steigt die Zahl der getöteten Tiere in der Schweiz von Jahr zu Jahr. Eine Analyse zur Frage, wo Tierschutz endet und wo er beginnt, das System zu stabilisieren, das er eigentlich kritisieren müsste.

Ein Kompass, der in die falsche Richtung zeigt

Der Schweizer Tierschutz (STS) hat einen neuen «Label-Kompass» lanciert. Er bewertet Fleisch-, Ei- und Milch-Label nach vier Kategorien: sehr gut, gut, ausreichend, unbefriedigend. Das erklärte Ziel: «Wenig, aber bessere tierische Proteine, nachhaltig produziert, mit Respekt gegenüber Nutztieren.»

Klingt vernünftig. Ist es aber nicht, wenn man sich die Zahlen ansieht, die hinter diesem «Respekt» stehen.

86 Millionen Tote, Tendenz steigend

2025 wurden in der Schweiz über 86 Millionen «Nutztiere» geschlachtet. Das sind 236’621 pro Tag, 9’859 pro Stunde, 164 pro Minute. Insgesamt wurden 2025 rund 40’636 Tiere mehr getötet als im Vorjahr. Bereits 2024 hatte die Schweiz mit über 85 Millionen getöteten Tieren einen traurigen Rekord aufgestellt, den Grossteil davon Hühner mit rund 82 Millionen. Zwischen 2014 und 2024 stieg die Zahl der geschlachteten Tiere von 68 auf über 85 Millionen, vor allem wegen der Verschiebung hin zu Geflügel.

Diese Entwicklung findet nicht trotz, sondern neben einer wachsenden Label-Landschaft statt, die genau in dieser Zeit vom STS mitgestaltet und mitverantwortet wurde. Wenn die Zahl der Todesfälle steigt, während die Label-Debatte sich ausdifferenziert, muss man sich fragen, was die Labels tatsächlich bewirken.

Was der STS selbst zugibt

Anlässlich des Label-Kompasses sagte STS-Sprecher Manuel Iseli gegenüber Nau.ch offen, dass die Produktion tierischer Lebensmittel eine «gesellschaftliche Realität» sei, deren Bedingungen man verbessern wolle. Das Töten selbst steht nicht zur Debatte. Es wird verwaltet, nicht verhindert.

Genau hier widersprechen andere Organisationen der Tierschutzszene. Céline Schlegel von Animal Rights Switzerland bringt es im selben Artikel auf den Punkt: «Viel Tierleid ist auch in der Labelproduktion erlaubt.» Auch bestbewertete Labels würden zentrale Leidensformen ausblenden, etwa die Panik der Schweine bei der CO2-Betäubung oder die schmerzhaften Brustbeinbrüche bei Legehennen. Auch Swissveg warnt vor einem «Moral Licensing»-Effekt: Wer ein gutes Label kauft, fühlt sich moralisch entlastet und konsumiert munter weiter, statt seinen Konsum grundsätzlich zu hinterfragen.

Speziesismus mit Gütesiegel

Der Vorwurf, der in diesen 86 Millionen steckt, geht tiefer als eine reine Label-Kritik. Er betrifft die Frage, welche nichtmenschlichen Tiere überhaupt als schützenswert gelten. Der Begriff dafür heisst Speziesismus: die Ungleichbehandlung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, ein Konzept, das der Psychologe Richard Ryder 1970 prägte und das Peter Singer mit seinem Buch «Animal Liberation» populär machte. Bezeichnend ist dabei, dass die Tötung und der Verzehr von Schweinen und Rindern in der westlichen Welt weitgehend akzeptiert sind, während das Töten von Hunden und Katzen gesellschaftlich geächtet und rechtlich verboten ist, obwohl die Tiere über vergleichbare Fähigkeiten zu Schmerzempfinden und sozialer Bindung verfügen.

Genau dieses Muster liegt der eingangs formulierten Kritik zugrunde: Würden jährlich 86 Millionen Hunde oder Katzen in der Schweiz getötet, gäbe es einen landesweiten Aufschrei, Sondersendungen, politische Vorstösse, wohl auch harte Reaktionen des STS selbst. Bei Hühnern, Schweinen und Rindern bleibt es bei einer Label-Bewertung mit vier Kategorien. Das ist keine neutrale Differenzierung nach Tierart, sondern eine moralische Hierarchisierung, die genau jene Struktur reproduziert, die Rassismus und Sexismus zugrunde liegt: Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidet über den Wert eines Lebens, nicht die tatsächliche Fähigkeit zu leiden.

Wenn man den Massstab von Menschenschutz anlegt

Der Begriff «Tierschutz» suggeriert, dass hier ein Schutzgut im Zentrum steht: das Leben und die Unversehrtheit des Tieres. Legt man denselben Massstab an, den die Gesellschaft beim Schutz von Menschen anwendet, zerfällt diese Suggestion sofort. Kein Menschenschutz-Verständnis würde es zulassen, dass eine Organisation die «Bedingungen» bewertet, unter denen Menschen getötet werden dürfen, und das dann als «Schutz» bezeichnet. Eine Institution, die Standards dafür entwickelt, wie eine Tötung ablaufen soll, damit sie als «gut» statt «unbefriedigend» gilt, wäre beim Menschen nicht Teil des Schutzes. Sie wäre Teil des Verbrechens.

Was der STS betreibt, ist damit treffender nicht als Tierschutz zu bezeichnen, sondern als ein Sozialbereich für Tiere: eine Verwaltung von Haltungs- und Tötungsbedingungen innerhalb eines Systems, dessen Grundannahme, dass man ein fühlendes Wesen ohne eigenes Interesse daran töten darf, unangetastet bleibt. Der Begriff «Schutz» täuscht über diese Grundannahme hinweg. Er verleiht einer Verwaltungspraxis eine moralische Legitimität, die ihr nicht zusteht, und macht sie dadurch schwerer angreifbar, gerade weil sie sich selbst als Fortschritt für die Tiere inszeniert.

Der Fleischberg schadet auch Mensch, Umwelt und Klima

Die 86 Millionen sind kein isoliertes Tierleid-Problem. Die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stuft verarbeitetes Fleisch als krebserregend und rotes Fleisch als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen ein, ein Urteil, das auf der Auswertung von über 800 Studien beruht und den Zusammenhang vor allem mit Darmkrebs belegt. Mit jeder zusätzlichen 50-Gramm-Portion verarbeitetem Fleisch pro Tag steigt das Darmkrebsrisiko messbar an.

Auch für Umwelt und Klima ist der hohe Konsum tierischer Lebensmittel eine Hauptursache. Landwirtschaft und Tierhaltung emittieren mehr Treibhausgase als der gesamte Verkehrssektor, ein Grossteil davon entfällt auf Futtermittelanbau und Landnutzungsänderungen. Die EAT-Lancet-Kommission rechnet vor, dass eine globale Umstellung auf eine überwiegend pflanzliche Ernährung die Treibhausgasemissionen des Ernährungssystems mehr als halbieren und jährlich bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindern könnte. Hinzu kommen die Belastung von Gewässern durch Nährstoffeinträge und der Verlust an Biodiversität durch den enormen Flächenbedarf der Tierhaltung.

Ein Label kann an diesen Grössenordnungen nichts ändern. Es verbessert punktuell einzelne Haltungsbedingungen, lässt aber die Menge an sich unangetastet, und genau die Menge ist das Problem für Klima, Gesundheit und die Zahl der getöteten Tiere gleichermassen.

Beihilfe statt Schutz

Der STS handelt dabei nicht neutral. Mit dem Label-Kompass strukturiert die Organisation aktiv mit, wie Konsumentinnen und Konsumenten die bestehende Tötungsindustrie wahrnehmen und legitimieren. Wer ein «sehr gut» bewertetes Label kauft, kauft sich ein gutes Gewissen, nicht die Abwesenheit von Leid und Tod. Das Tier stirbt ohnehin, meist jung, meist in Grossanlagen, meist ohne dass die Öffentlichkeit je hinsieht.

Damit wird der STS nicht zum Gegenspieler dieser Realität, sondern zu einem ihrer Stabilisatoren. Die Organisation verwaltet den Status quo, statt ihn infrage zu stellen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Sozialbereich für Tiere, der Haltungsbedingungen innerhalb der Nutzung verbessern will, und einer Tierrechtsposition, die die Nutzung selbst als Kern des Problems benennt.

Labels lösen kein einziges Tier aus dem System

Ein Label kann eine Haltungsform graduell verbessern. Es kann keinem der 86 Millionen Tiere das Leben retten, denn genau das ist nicht sein Zweck. Wer beim sogenannten «Tierschutz» akzeptiert, dass Töten grundsätzlich in Ordnung ist, solange die Bedingungen davor stimmen, verschiebt die ethische Frage, statt sie zu stellen. Und wer das mit einem Kompass tut, der Orientierung verspricht, riskiert, dass diese Orientierung genau in die Richtung zeigt, in der am meisten getötet wird, auf Kosten von Tieren, Menschen, Umwelt und Klima gleichermassen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Was die Forschung dazu sagt, zeigt Jagd im Faktencheck: die Studienlage.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden →