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Jagd

Jagd als Eventkultur: Wie Sustenpass und Rouchgrat die Natur zur Schiesskulisse machen

Sustenpass und Rouchgrat werden zur Schiesskulisse der Hobby-Jagd – mit Festwirtschaft, Waffenmesse und Jungjagenden. Und dieselben Kreise beklagen später «zu viel Störung» beim Wild.

Redaktion Wild beim Wild — 4. Juli 2026

Unter Titeln wie «Pirsch am Sustenpass» und «Pirschgang Rouchgrat» inszeniert der Berner Jägerverband Bergwelt und Emmentaler Hügellandschaft als Bühne für Schiessfreizeit, Festwirtschaft und Waffenmarketing.

Was nach «Ausbildung» oder «Vorbereitung auf die Jagd» klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Eventkultur mit klaren Mustern: ganztägige bis mehrtägige Programme, durchgehend geöffnete Festwirtschaft, Schiessparcours, Händlerstände und Tombola.

Die Grundlinie der Kritik an der Hobby-Jagd in der Schweiz hat wildbeimwild.com im Positionspapier «Hobby-Jagd in der Schweiz» bereits festgehalten. Sustenpass und Rouchgrat liefern dafür exemplarische, aktuelle Beispiele direkt aus dem Berner Jagdumfeld.

Sustenpass: Pirsch mit Festwirtschaft und Waffenmesse

Die «Pirsch am Sustenpass» wird als jagdlicher Anlass in alpiner Landschaft beworben – mit durchgehend geöffneter Festwirtschaft, Anbietern von Optik, Jagdwaffen, Jagdbekleidung und Schuhwerk, Schiessparcours und Treffsicherheitsnachweis. Pro Durchgang wird ein Unkostenbeitrag erhoben, differenziert nach Verbandsmitgliedern und «allen anderen».

Statt von einer behutsamen Nutzung der Bergwelt zu sprechen, zeigt sich eine klare Eventlogik: Wer zahlt, darf schiessen. Wer Ruhe und Natur sucht, muss sich mit Lärm, Menschenmengen und Waffenpräsenz arrangieren. Die Bergwelt wird zur Kulisse für Hobby-Schützen und Waffenhändler – Wildtiere werden zu Statisten in einem inszenierten Jagderlebnis. Einen breiteren Kontext zur Situation in Bern liefert das Dossier «Hobby-Jagd im Kanton Bern», das die Entwicklung der jagdlichen Praxis im Kanton nachzeichnet.

Rouchgrat: Ganztägiger Pirschgang im Emmental

Der «Pirschgang Rouchgrat» in Röthenbach i.E. folgt demselben Drehbuch, nur in anderer Landschaft. Über zwei Tage werden ganztägige Schiessblöcke organisiert, geführt von der Schiesskommission des Berner Jägerverbandes. Eingeladen sind Jagende aus dem Kanton Bern und von ausserhalb, inklusive Jungjagenden in kleinen, geführten Gruppen.

Das Angebot ist umfassend: Kugelparcours mit unterschiedlichen Zielen und Distanzen, Rollhase, durchgehend geöffnete Festwirtschaft, Händler für Optik, Jagdwaffen, Bekleidung und Schuhe, dazu eine «grosse Verlosung mit attraktiven Preisen». Auch hier wird ein Unkostenbeitrag pro Pirschgang fällig – der Naturraum wird zu einem bezahlten Freizeitevent mit Waffenmesse und Schiessbetrieb.

«Pirsch» als Marketingwort – Hightech-Event statt leiser Annäherung

Was in den Ausschreibungen und Videos romantisierend als «Pirschgang» verkauft wird, hat mit der klassischen Vorstellung von leiser, respektvoller Annäherung an Wildtiere wenig zu tun. Stattdessen stehen Jagende in den Werbevideos an fixen Posten, liegen bequem hinter Auflagen und schiessen mit modernster Optik und Waffen auf künstliche Zielobjekte und Rollhasen. Die Natur ist Kulisse, nicht Partnerin: Es wird nicht beobachtet, sondern geballert – mit neuester Technik, Festwirtschaft im Rücken und Händlerständen in Reichweite. «Pirsch» dient hier vor allem als schönes Wort für ein Hightech-Schiess-Event, das Wildtiere und Landschaft ein weiteres Mal zur Bühne der Hobby-Jagd degradiert.

Wiederkehrende Eventstruktur statt Einzelfall

Sustenpass und Rouchgrat sind keine Ausrutscher, sondern Glieder in einer Kette. Die Muster sind immer gleich:

  • Organisation durch Jagdverbände und Schiesskommissionen
  • ganztägige oder mehrtägige, klar strukturierte Programmblöcke
  • Schiessparcours, bewegliche Ziele, Schiessnachweise
  • durchgehend geöffnete Festwirtschaft
  • Händlerpräsenz für Optik, Waffen, Ausrüstung
  • Zusatzanreize wie Tombola und «attraktive Preise»
  • freundliche Eventkommunikation mit YouTube-Links «zum Einstimmen»

So entsteht ein jagdlicher Eventkalender, der Berg- und Hügellandschaften systematisch für Schiessfreizeit verplant. Der öffentliche Naturraum wird zum Erlebnispark einer kleinen, bewaffneten Interessengruppe, die sich selbst als «Partner des Wildtierschutzes» inszeniert.

Sicherheitsrhetorik verdeckt Wildtierbelastung

Beide Anlässe schmücken sich mit detaillierten Sicherheits- und Munitionsregeln: Verbot von Vollmantelgeschossen, Pflicht zu Stahlschrot, Schutzbrillen-Obligatorium, Munitionskauf vor Ort, Auswahl an verschiedenen Kalibern, Treffsicherheitsnachweis im Büro. Für ausländische Teilnehmende wird auf Bewilligungspflichten für Schalldämpfer hingewiesen.

Diese Regelwerke wirken nach aussen seriös und professionell, lösen aber das eigentliche Problem nicht: Stunden- und tageweise Schiessbelastung in Lebensräumen, in denen Wildtiere auf Ruhe angewiesen sind und in denen sich gleichzeitig Wandernde, Familien und andere Naturfreundinnen bewegen. Die «Sicherheit» bezieht sich auf den Umgang mit Waffen, nicht auf den Schutz von Wildtieren, Ruhezeiten oder störungsarme Zonen.

Jungjagende im Störungsmodus sozialisiert

Besonders brisant ist die Einbindung von Jungjagenden. Am Rouchgrat werden sie in kleinen, geführten Gruppen durch einen Parcours geführt, der Festwirtschaft, Schiessparcours, Händler und Eventstimmung kombiniert. Damit wird eine Sozialisation gefördert, in der Natur vor allem als Trainingsplatz, Wild als abstrakte Zielgruppe und Schiessen als Event mit Community-Charakter erlebt wird.

Wer so an die Hobby-Jagd herangeführt wird, lernt kaum, Wildtiere als schutzbedürftige Mitbewohner anzuerkennen, die Ruhe, Rückzug und störungsarme Lebensräume benötigen. Stattdessen verfestigt sich eine Kultur der Dauerpräsenz, des Lärms und der Aneignung öffentlicher Räume durch die Jagdlobby.

Doppelmoral: Klagen über «Störung» bei gleichzeitigem Eventtourismus

Parallel zu dieser Eventkultur berichten Ämter und Jagdverantwortliche, etwa im Kanton Graubünden, von zunehmender Störung des Wilds. wildbeimwild.com hat dies im Beitrag «Graubünden: Jagdamt meldet sinkende Hirschbestände und mehr Störung des Wilds» ausführlich dokumentiert.

Damit entsteht eine offensichtliche Doppelmoral: Jagdverbände tragen mit ihren Events massgeblich zur Störung bei und nutzen die dadurch mitverursachten Probleme, um ihre Position als angeblich unverzichtbare «Regulatoren» und «Manager» des Wilds zu stärken. Die Störung wird zuerst produziert, dann beklagt, und schliesslich als Argument für mehr Hobby-Jagd eingesetzt.

Ein Blick in andere Regionen, etwa den Kanton Tessin, zeigt, dass ein anderer Weg möglich ist. In Beiträgen wie «Kanton Tessin wehrt sich gegen Hobby-Jäger» wird deutlich, dass Behörden und Bevölkerung jagdliche Freizeitaktivitäten durchaus hinterfragen und bremsen können.

Wildtierschutz statt Schiess-Eventkalender

Aus Sicht des Wildtierschutzes ist diese Entwicklung nicht hinnehmbar:

  • Sensible Berg- und Hügellandschaften brauchen echte Ruhezonen statt Dauerbeschallung durch Schiessanlässe mit Festwirtschaft und Waffenmesse.
  • Jagdliche Events müssen, wenn überhaupt, drastisch reduziert, streng bewilligt und konsequent an den Bedürfnissen von Wildtieren und nicht an Freizeitbedürfnissen ausgerichtet werden.
  • Die Rolle der Jagdverbände als «Partner des Wildtierschutzes» ist nicht glaubwürdig, solange sie Naturflächen in Serien-Eventflächen verwandeln.

Solange Sustenpass, Rouchgrat und ähnliche Anlässe selbstverständlich im Eventkalender der Jagdverbände auftauchen, bleibt die Behauptung, die Jagd sei primär ein Dienst an der Natur, eine PR-Formel. Wer Wildtiere ernsthaft schützen will, muss die Natur aus der Logik der Schiess-Events herauslösen und Ruhezonen schaffen, in denen nicht Festwirtschaft und Waffenstände, sondern Wildtiere und leise Naturerfahrung im Zentrum stehen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: Im Dossier Rolle und Kritik der Hobby-Jäger beleuchten wir Ausbildung, Macht und Selbstbild der Hobby-Jäger. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.

Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.

Alle Beiträge werden von der IG Wild beim Wild sowie von externen Co-Autorinnen und Co-Autoren verfasst. Recherche, Strukturierung und redaktionelle Prozesse können dabei durch KI-gestützte Werkzeuge unterstützt werden.

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