23. Juli 2026, 08:18

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Jagd

Der Auerhahn ist in Freiburg praktisch ausgestorben, während die Hobby-Jagd auf mehr Technik drängt

Während eine Symbolart der Voralpen aus dem Kanton Freiburg verschwindet, verlangt die Hobby-Jagd-Lobby mehr Nachtsichtgeräte und eine frühere Rehbock-Jagd.

Redaktion Wild beim Wild — 23. Juli 2026

Zwei Meldungen aus dem Kanton Freiburg passen nicht zusammen, und genau das macht sie bemerkenswert.

Die eine: Der Auerhahn, einst charakteristischer Bewohner der Freiburger Voralpen, gilt heute praktisch als aus dem Kanton verschwunden. Die andere: Ausgerechnet jetzt drängt die Freiburger Hobby-Jagd-Lobby auf mehr technische Hilfsmittel und eine frühere Rehbock-Jagd, während der Staatsrat den Einsatz von Nachtsichtgeräten bereits teilweise bewilligt hat. Wer beide Stränge zusammen liest, sieht ein Muster, das weit über den Auerhahn hinausreicht.

Eine Symbolart verschwindet

Am 1. Juli 2026 titelte «La Liberté» unmissverständlich: «Le grand coq fribourgeois n’est plus», der grosse Freiburger Hahn ist nicht mehr. Laut dem Artikel beobachten Fachleute im Kanton seit Jahren keine überlebensfähige Population des Auerhahns mehr, wie 20 Minuten unter Berufung auf «La Liberté» und Michael Lanz von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach berichtete. Vereinzelte Beobachtungen gebe es zwar noch, aber keine sich selbst erhaltende Population.

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Keine Luchsabschüsse im Wallis

Der Luchs ist genetisch am Limit, trotzdem soll er als erster Kanton der Schweiz zum Abschuss freigegeben werden.

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Der Verein Wildtierschutz Schweiz (WTSS) aus Landquart hat dies zum Anlass genommen, die Entwicklung in einem eigenen Beitrag einzuordnen: «Der Auerhahn verschwindet, Freiburg verliert eine Symbolart der Schweizer Bergwälder». Der Verein kündigt darin an, den Kanton Freiburg schriftlich um Auskunft zu ersuchen, welche Schutzmassnahmen bisher umgesetzt wurden und weshalb der Verlust der Population nicht verhindert werden konnte.

Was die Zahlen tatsächlich zeigen

Die im WTSS-Beitrag genannten Zahlen halten einer Überprüfung stand. Gemäss den Erhebungen von Bund und Schweizerischer Vogelwarte Sempach wurden Anfang der 1970er-Jahre schweizweit noch rund 1’100 balzende Hähne gezählt. Eine gesamtschweizerische Erhebung im Jahr 2001 ergab noch 450 bis 500 Hähne, aktuellere Schätzungen der Vogelwarte sprechen von 380 bis 480 Hähnen. Das ist ein Rückgang um mehr als die Hälfte innerhalb weniger Jahrzehnte.

Entscheidend ist, wann dieser Rückgang stattfand. Die Auerhenne steht in der Schweiz seit 1962 unter Schutz, der Auerhahn seit 1971. Der gesamte dokumentierte Bestandeseinbruch von rund 1’100 auf heute 380 bis 480 balzende Hähne fällt damit vollständig in die Zeit, in der kein einziger Vogel mehr legal geschossen werden durfte. Ein Abschussverbot allein hat den Niedergang also nicht aufhalten können.

Das entlastet die Hobby-Jagd nicht rückwirkend. Historische Erhebungen wie das Auerhuhn-Konzept des Kantons Graubünden dokumentieren für die 1940er-Jahre Abschusszahlen von teilweise über hundert Vögeln pro Jahr allein in diesem Kanton. Die Bejagung war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein realer Entnahmedruck, und die 1’100 Hähne von 1971 sind bereits das Ergebnis dieser Jahrzehnte, nicht ein unbeeinträchtigter Ausgangswert. Ob sich die Bündner Zahlen auf Freiburg übertragen lassen, ist mangels vergleichbarer kantonaler Statistiken offen.

Zugleich lief der Lebensraumverlust nicht erst nach 1971 an, sondern parallel. Die Verdichtung der Bergwälder ist eine Folge der Aufgabe von Waldweide, Streunutzung und Brennholzentnahme, ein Prozess, der im späten 19. Jahrhundert begann und sich mit dem Rückgang der Alpwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte. Die Hobby-Jagd wirkte also als zusätzlicher Druck auf einen Lebensraum, der ohnehin schon schrumpfte. Ihr Wegfall nahm einen Faktor heraus, während die strukturellen Ursachen unverändert weiterwirkten und ab den 1970er- und 1980er-Jahren der Freizeitdruck als dritter Faktor hinzukam.

Besonders markant ist der Verlust am westlichen Rand des Verbreitungsgebiets. Aus den Waadtländer Alpen, dem Unterwallis und dem Tessin ist der Auerhahn bereits verschwunden. Historisch war der Kanton Freiburg gemäss den Unterlagen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) neben den Berner Alpen und Voralpen sowie den Kantonen Neuenburg und St. Gallen eines der Verbreitungsgebiete am nördlichen Alpenrand. Heute gehört Freiburg faktisch zu den Kantonen ohne überlebensfähige Population, während sich der Bestandsschwerpunkt zunehmend nach Osten verschiebt, insbesondere nach Graubünden.

Auch der 2008 von BAFU, Vogelwarte Sempach und BirdLife Schweiz veröffentlichte Aktionsplan Auerhuhn Schweiz ist korrekt referenziert. Er nennt als Hauptursachen für den Rückgang die Verdichtung der Wälder, den Verlust lichter, strukturreicher Bergwälder, die Fragmentierung von Lebensräumen sowie den wachsenden Freizeitdruck durch Wanderer, Mountainbiker, Schneeschuh- und Skitourengänger. Die Umsetzung der im Aktionsplan vorgesehenen Massnahmen liegt bei den Kantonen, was die vom WTSS aufgeworfene Frage nach der Freiburger Umsetzung umso berechtigter macht.

Eine Debatte, die längst begonnen hat

Was der WTSS-Beitrag nicht erwähnt: Der Auslöser-Artikel in «La Liberté» hat in der Leserschaft bereits eine kontroverse Debatte ausgelöst, die zeigt, wie unterschiedlich die Ursachen des Verschwindens gedeutet werden.

Eine Leserin aus Senèdes kritisierte den Originalartikel scharf dafür, dass er «kein Wort» über Bodenprädatoren verliere, und verwies auf Fuchs und Luchs, die sich «rasant vermehren» würden. Sie brachte zudem den Télémixte von La Berra ins Spiel, eine ganzjährig betriebene Bergbahn, die im Sommer wegen einer Ruhezone in der Nähe der Bergstation erst ab dem 1. Juli für den Betrieb mit Wanderern und Bikern öffnen darf. Diese sommerliche Schutzfrist wertete sie angesichts des angeblich bereits erfolgten Verschwindens der Art als unnötig. Diese Zuschreibung hält der Chronologie nicht stand.

Der Luchs wurde in der Schweiz erst ab 1971 wiederangesiedelt, also praktisch zeitgleich mit der Unterschutzstellung des Auerhahns. Der dokumentierte Rückgang der Art war zu diesem Zeitpunkt längst im Gang.

Ein zweiter Leserbrief aus Lossy widersprach dem Artikeltitel direkt: Der Autor, der sich selbst als Kletterer, Jäger, Fischer und «genauer Beobachter von Flora und Vögeln» bezeichnet, gab an, seit drei Jahren in Folge ein Auerhahn-Paar in einem ihm bekannten, geheim gehaltenen Gebiet zu beobachten. Er warnte jedoch gleichzeitig, dass die menschliche Störung die grösste Gefahr bleibe und der Artikeltitel noch zur Realität werden könnte, wenn nichts unternommen werde.

Diese Auseinandersetzung um Ursache und Ausmass ist typisch für die öffentliche Debatte um bedrohte Bergwaldarten: Wird der Rückgang vor allem auf Lebensraumverlust und menschliche Störung zurückgeführt, wie es der wissenschaftliche Konsens von BAFU und Vogelwarte nahelegt, oder wird die Verantwortung, wie in einem der Leserbriefe, auf natürliche Beutegreifer verschoben? Der Aktionsplan Auerhuhn Schweiz selbst benennt Prädationsdruck als einen von mehreren Faktoren, stellt ihn aber ausdrücklich hinter Habitatverlust und menschliche Störung als Hauptursachen.

Ein Blick über die Grenze: Deutschland und Österreich

Der Freiburger Befund steht nicht für sich. Ein Vergleich mit den Nachbarländern zeigt, wie unterschiedlich mit derselben Art umgegangen wird und wie wenig die Hobby-Jagd dabei über den Zustand der Bestände aussagt.

In Deutschland gilt das Auerhuhn nach dem Bundesjagdgesetz zwar formal weiterhin als jagdbare Wildart, unterliegt aber einer ganzjährigen Schonzeit. Eine legale Bejagung ist damit ausgeschlossen. Bundesweit steht die Art als vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste. Am besten dokumentiert ist die Entwicklung im Schwarzwald, wo die Population zwischen 2012 und 2022 in Teilbereichen auf ein Drittel einbrach. Die Balzplatzzählungen ergaben 2022 noch 97 balzende Hähne, 2023 waren es 106, 2024 dann 111 und 2025 noch 103. Die jüngste Erhebung kommt auf 93 Hähne. Andernorts ist die Art bereits verschwunden: Im Erzgebirge, im Frankenwald, im Oberpfälzer Wald, im Odenwald und im Spessart stirbt sie aus oder gilt als erloschen, im Harz und im Hochsauerland wurden die Auswilderungsprogramme eingestellt und die Restpopulationen aufgegeben. Deutschland steht damit dort, wo die Schweiz steht: vollständiger Schutz, ungebremster Rückgang.

Österreich geht einen anderen Weg. Dort wird das Auerhuhn weiterhin bejagt, und zwar in erheblichem Umfang. Im Jagdjahr 2023/2024 wurden laut Statistik Austria 419 Stück Auerwild erlegt, davon 110 in Tirol, 103 in der Steiermark und 98 in Kärnten. Keine Abschüsse verzeichneten das Burgenland, Wien, Vorarlberg und Niederösterreich. Zur Einordnung: Diese Jahresstrecke entspricht ungefähr dem Doppelten des gesamten Schweizer Restbestands von 380 bis 480 balzenden Hähnen. In Kärnten liegt die Jagdzeit vom 11. bis 31. Mai, also mitten in der Balz. Die Abschusszahlen pendelten dort über Jahre um rund 120 Hähne. In den Jahren 2001 und 2002 musste das Land Auerwild ganzjährig schonen.

Warum sind die Bestände dort grösser? Die Antwort liegt nicht in einer besseren Schutzpolitik, sondern in der Fläche. Für eine überlebensfähige Population sind rund 50’000 Hektar zusammenhängender, strukturreicher Wald nötig. Österreich verfügt über mehrere solcher Gebiete, die Schweiz ausserhalb Graubündens praktisch über keines mehr. Hinzu kommt die Höhenlage: In den auerwildtauglichen Höhen ist die Waldbewirtschaftung nach Einschätzung von Fachleuten der Universität für Bodenkultur Wien seit geraumer Zeit im Wesentlichen unverändert geblieben, weil sich intensive Nutzung dort kaum lohnt. In Tirol sind 44 Prozent der Wälder als natürliche oder naturnahe Ökosysteme erhalten. Die Forstwirtschaft ist also nicht grundsätzlich anders, sie erreicht diese Lagen nur weniger stark. Dasselbe Muster erklärt, weshalb sich auch in der Schweiz der Bestandesschwerpunkt nach Graubünden verschoben hat.

Von einem intakten Bestand kann dennoch keine Rede sein. Die Rote Liste der Brutvögel Österreichs führt das Auerhuhn als gefährdet. Als Rückgangsursachen nennt sie die Abnahme beerentragender Zwergsträucher, insbesondere der Heidelbeere, durch Verdunklung und Verdichtung der Waldbestände, dazu zunehmende Störungen und geringe Bruterfolge bei ungünstiger Witterung. Das ist exakt die Ursachenliste des Schweizer Aktionsplans. In Wien wurde das letzte Auerhuhn Anfang des 20. Jahrhunderts erlegt, im Burgenland 1956. Auch in den östlichen Alpenteilen sowie in Teilen Kärntens und Vorarlbergs ist die Art heute deutlich seltener. Österreich durchläuft denselben Prozess, nur zeitversetzt und von einem höheren Ausgangsniveau aus.

Genau daraus leitet die österreichische Hobby-Jagd allerdings ihr Hauptargument ab. Ein Gutachten zur EU-Vogelschutzrichtlinie hält fest, die im Frühjahr bejagten Auer- und Birkhuhnbestände zeigten österreichweit eine weitgehend stabile Entwicklung, während in anderen Alpenländern trotz teilweise eingestellter Jagd rückläufige Trends zu beobachten seien. Die Schlussfolgerung, Bejagung schade nicht oder Hege nütze sogar, hat jedoch einen methodischen Defekt: Die Bestandeserfassung erfolgt in Österreich weitgehend über Balzplatzzählungen durch die Hobby-Jägerschaft selbst, also durch jene, die von den daraus abgeleiteten Abschussfreigaben profitiert. Dasselbe Gutachten räumt für Bayern ein, dass die Bejagung trotz Abschussplan auf einer zu ungenauen Bestandesermittlung beruhte. Wer zählt, bestimmt mit, wie viel geschossen werden darf.

Drei Länder, drei Regime, ein Trend. Die Schweiz schützt die Auerhenne seit 1962 und den Auerhahn seit 1971 vollständig, Deutschland seit Jahrzehnten über die ganzjährige Schonzeit, Österreich bejagt weiter. Der Rückgang läuft in allen dreien. Das entlastet die Hobby-Jagd als Ursache, kehrt die Beweislast aber zugleich um: Wenn eine Art in der Schweiz und in Deutschland trotz vollständigen Schutzes vom Aussterben bedroht ist, wird die österreichische Praxis, jährlich über vierhundert Vögel derselben Art zu schiessen, davon einen erheblichen Teil während der Balz und gezielt die dominanten Hähne, umso schwerer begründbar.

Der Freiburger Jagdverband: Mehr Technik statt mehr Schutz

Während diese Debatte um eine verschwindende Vogelart geführt wird, verfolgt die Fédération fribourgeoise des sociétés de chasse (FFSC), der kantonale Dachverband der Hobby-Jagd, eine gegenläufige Agenda. Auf ihrer eigenen Website dokumentiert sie das selbst.

Am 28. Mai 2026 veröffentlichte die FFSC zwei offizielle Stellungnahmen zu Motionen im Grossen Rat. Die Motion 2025-GC-234, eingereicht von den Grossräten Bernard Bapst und Dominique Zamofing, verlangt die Zulassung von Wärmebild- und Nachtsichtgeräten während der Hobby-Jagd. In ihrer Stellungnahme begrüsst die FFSC ausdrücklich, dass der Staatsrat den Einsatz solcher Geräte bereits ergänzend zur Nachsuche mit Schweisshunden ermöglichen will, und verweist lobend auf den Kanton Wallis als Vorbild für eine engere Zusammenarbeit zwischen Hobby-Jägerschaft und kantonalen Behörden. Die zweite Stellungnahme betrifft die Motion 2025-GC-278 zur Sommer-Sauhatz.

Diese Zulassung ist genau jener Punkt, den Jacques Rime, Tierzeichner und -stecher aus La Tour-de-Trême, bereits im Juni 2026 in einem eigenen Leserbrief als «Schande für die Jagd» bezeichnet hatte, gemeinsam mit der von der FFSC-Führung um Präsident Michaël Rey und Eric Gobet vorgeschlagenen Öffnung der Rehbock-Jagd bereits ab dem 1. Juli, mitten in der Brunftzeit. Am 22. Juli 2026 erhielt Rime in einem weiteren Leserbrief öffentliche Unterstützung: Zwei Leserinnen und Leser aus Ependes und Fribourg argumentierten, ein Hobby-Jäger sollte sein Ziel auch ohne Nachtsichtgeräte eindeutig erkennen müssen, bevor er schiesst, und dass solche Geräte dem Tier jede Tarnungschance und damit jede Chancengleichheit nähmen.

Zwei Realitäten, ein Muster

Zwischen den FFSC-Forderungen und dem Verschwinden des Auerhahns besteht kein direkter Zusammenhang, Nachtsichtgeräte und Rehbock-Jagd betreffen die Art nicht. Was sich zeigt, ist eine Prioritätensetzung. Eine bedrohte, störungsempfindliche Art verschwindet aus einem Kanton, dessen zuständige Behörden laut Aktionsplan seit 2008 zur Umsetzung von Schutzmassnahmen verpflichtet sind. Gleichzeitig setzt sich der kantonale Hobby-Jagd-Verband für mehr technische Hilfsmittel und ausgedehntere Jagdzeiten ein und findet damit beim Staatsrat teilweise Gehör. Forderungen, die von kritischen Stimmen wie Jacques Rime als Ausdruck einer Jagdkultur gedeutet werden, die dem gestörten Wild noch weniger Rückzugsraum lässt.

Ob und wie der Kanton Freiburg auf die angekündigte Anfrage von Wildtierschutz Schweiz reagieren wird, ist offen. wildbeimwild.com bleibt an der Jagdgesetzgebung und den Kampagnen gegen die Hobby-Jagd in der Westschweiz dran.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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