Das Mittelland als Nadelöhr: Warum der Luchs mehr braucht als Präsenz
Neue KORA-Daten zeigen: Zwischen Jura und Alpen entscheidet sich, ob aus zwei genetisch verarmten Beständen eine überlebensfähige Schweizer Luchspopulation wird.
«Im Wald klingt ein altes Versprechen»
Der Luchs breitet sich im Schweizer Mittelland aus, ausgerechnet dort, wo Fachleute die Landschaft lange als zu dicht besiedelt und zu stark zerschnitten hielten.
Eine neue Auswertung der Stiftung KORA für die Jahre 2020 bis 2025, gestützt auf GPS-Telemetrie, Fotofallen und genetische Proben, zeigt: Im südlichen Mittelland zwischen Bern, Freiburg und der Waadt ziehen mehrere Luchsweibchen erfolgreich Nachwuchs auf. Als frühe Pionierin gilt das Weibchen Mona, bei dem bereits 2012 die erste Fortpflanzung eines Luchses im Mittelland dokumentiert wurde.
Die naheliegende Schlagzeile lautet: Der Luchs kommt zurecht. Sie ist falsch, oder zumindest gefährlich verkürzt. Denn das Mittelland ist für den Schweizer Luchs kein zusätzlicher Lebensraum unter vielen. Es ist ein Nadelöhr, an dem sich die Zukunft der ganzen Art in der Schweiz entscheidet.
Warum die Lage entscheidend ist
Die Schweizer Luchsvorkommen werden im Monitoring den Populationen Jura, Alpen und Nordostschweiz zugeordnet. Für das biologische Jahr 2024/2025 schätzt KORA den Bestand auf 364 ± 10 selbstständige Luchse, also subadulte und adulte Tiere über einem Jahr. Davon lebten 246 ± 9 in den Alpen, 86 ± 6 im Jura und 32 ± 3 in der Nordostschweiz. Jungtiere, die noch bei ihrer Mutter leben, sind in dieser Schätzung nicht enthalten.
Diese Bestände gehen auf wenige Wiederansiedlungstiere zurück und sind teils räumlich wie genetisch voneinander getrennt. Das südliche Mittelland ist deshalb nicht bloss zusätzlicher Lebensraum, sondern ein möglicher Verbindungsraum zwischen Jura und Alpen. Ob diese Verbindung dauerhaft funktioniert, entscheidet mit darüber, ob die Schweizer Luchsvorkommen langfristig widerstandsfähig bleiben. Wie prekär die Verbindung von Artenschutz, Lebensraum und politischem Druck bis heute ist, zeigt auch das Dossier «Der Luchs in der Schweiz: Beutegreifer, Schlüsselart und politisches Streitobjekt».
Der Unterschied zwischen Präsenz und Vernetzung
Hier liegt der Kern, den die übliche Berichterstattung verfehlt. Entscheidend ist nicht allein, ob Luchse im Mittelland auftauchen, sondern ob sie sichere Wanderachsen nutzen, überleben und Nachwuchs hinterlassen. Warum solche Verbindungen für Tiere in einer verbauten Schweiz zentral sind, erklärt «Wildtierkorridore Schweiz: Funktion, Fakten und Jagdkritik».
Drei Ebenen müssen dabei sauber auseinandergehalten werden: Eine Sichtung beweist nur Präsenz. Eine Autobahnquerung beweist nur Bewegung. Erst der genetische Nachweis von Nachkommen aus zwei bisher getrennten Populationen belegt tatsächliche funktionale Vernetzung.
Genetische Vielfalt ist dabei keine abstrakte Kennzahl. Sie bestimmt, wie gut eine Population mit Krankheiten, veränderten Umweltbedingungen und anderen Belastungen umgehen kann. KORA verweist ausdrücklich auf das Risiko von Inzucht und weniger widerstandsfähigen Tieren, wenn die Vernetzung ausbleibt. Der reine Anstieg gezählter Tiere beantwortet die entscheidende Frage also nicht: ob sich die Populationen dauerhaft verbinden und widerstandsfähig bleiben.
Das laufende KORA-Projekt «Luchsprojekt GGD 2024 bis 2026» konzentriert sich deshalb genau darauf: auf die Verbindung zwischen Jura und Alpen, die Besiedlung des Mittellands, genetische Proben in möglichen Korridoren sowie auf Gesundheit und Reproduktion. Haarproben an natürlichen Markierstellen sollen zeigen, welche Individuen Korridore tatsächlich nutzen und ob daraus Nachwuchs entsteht.
Wildbrücken: notwendig, aber kein Alibi
Eine Wildbrücke ist kein Symbolbauwerk und kein Ersatz für intakte Lebensräume. Sie kann nur funktionieren, wenn sie Teil eines durchgehenden Netzes ist: mit geeigneten Waldverbindungen, Hecken, Gehölzen, Deckung, störungsarmen Rückzugsräumen und sicheren Anschlüssen auf beiden Seiten. Wo Zuführungen fehlen, Siedlungen wachsen oder Freizeitnutzung die Umgebung entwertet, bleibt auch die teuerste Querung eine isolierte Insel. Wildbrücken und Unterführungen sind damit kein Schmuckwerk der Verkehrspolitik, sondern Teil einer ökologischen Infrastruktur: Wildbrücken und Raumplanung sind wirksamer als Abschüsse, weil sie Tieren ermöglichen, Verkehrsachsen zu überwinden und Populationen miteinander zu verbinden.
Der BAFU-Befund verleiht dieser Kritik Gewicht. Das BAFU zählt schweizweit 304 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung. 47 davon, 16 Prozent, sind weitgehend unterbrochen; weitere 171, 56 Prozent, nennenswert bis stark beeinträchtigt. Nur 86 Korridore, 28 Prozent, gelten als intakt. Anders gesagt: Fast drei Viertel jener Verbindungen, die für den grossräumigen Austausch von Wildtieren wichtig sind, funktionieren nicht uneingeschränkt.
Für den Luchs ist das besonders gravierend, weil sein Überleben als Art in der Schweiz auf den Austausch zwischen Teilpopulationen angewiesen ist. Der Staat anerkennt die Bedeutung der Verbindungen grundsätzlich: Seit 2003 arbeiten ASTRA, BAFU und Kantone an Sanierungen entlang der Nationalstrassen. Die Lücke liegt nicht in der Absicht, sondern in der Umsetzungsgeschwindigkeit und im Zustand des Gesamtnetzes.
Ein konkretes Beispiel liefert Freiburg. Beim Wildtierkorridor FR-23 nahe Vaulruz starb 2022 ein Luchs bei einer Verkehrskollision; später wurde erneut ein Luchs in diesem Bereich überfahren. Für FR-23 sind eine Wildtierpassage über die A12 sowie Aufwertungen durch Hecken und Feldgehölze vorgesehen. Der Kanton plant die Sanierung der Korridore FR-16 und FR-23; FR-23 wurde als Pilotprojekt in den Aktionsplan der Strategie Biodiversität Schweiz aufgenommen.
Dass Korridore funktionieren können, zeigt dieselbe Region: Die im Freiburger Mittelland lebende Luchsin ELYN nutzte im Frühjahr 2023 den Korridor FR-06 zur Querung der A12, obwohl dieser ursprünglich nicht speziell für Luchse gebaut wurde. Erreichbarkeit und Durchlässigkeit entscheiden, nicht die Etikette des Bauwerks.
Die politische Folgerung ist klar: Wildbrücken dürfen nicht als punktuelle Ausgleichsmassnahme herhalten, während Lebensräume anderswo weiter verbaut und Korridoranschlüsse entwertet werden. Nötig ist ein verbindliches Netz, kein PR-taugliches Einzelobjekt.
Verkehr: der Verlust der Wandernden
Strassen und Bahnlinien treffen Luchse nicht gleichmässig. Besonders gefährdet sind Jungtiere und subadulte Luchse, wenn sie nach der Ablösung von der Mutter ein eigenes Revier suchen. Genau diese Abwanderung ist aber der Mechanismus, über den neue Lebensräume besiedelt und bislang getrennte Populationen genetisch verbunden werden. Wer die Wandernden verliert, verliert die Vernetzung. Wie weit einzelne Luchse auf der Suche nach einem Revier wandern und welche Barrieren sie überwinden müssen, zeigt der Fall «Luchs Juro schwimmt vom Schwarzwald in die Schweiz».
Mit 60 bekannten Verlusten erreichte die registrierte Luchsmortalität 2025 einen Rekord seit der Wiederansiedlung des Luchses in der Schweiz. Besonders oft werden Jungtiere im ersten Lebensjahr gefunden; auch subadulte Tiere auf Reviersuche und erwachsene Tiere sind betroffen. KORA führt Verkehrsunfälle, Krankheiten sowie illegale Tötungen als relevante Todesursachen. Jeder Verlust eines wandernden Tieres kann eine potenzielle Verbindung zwischen zwei Teilpopulationen kappen.
Wilderei: Bekannte Fälle sind Mindestzahlen
Wilderei ist beim Luchs eine systematische Schutzlücke, weil sie schwer sichtbar zu machen ist. Ein Verkehrsopfer wird in vielen Fällen gefunden, untersucht und registriert. Ein illegal erschossenes, vergiftetes oder verstecktes Tier kann dagegen verschwinden, ohne dass je eine Todesursache festgestellt wird. Die Zahl der nachgewiesenen Fälle bildet deshalb nie das vollständige Ausmass ab.
KORA führt Wilderei ausdrücklich neben Verkehr und Krankheiten als Ursache für Luchsverluste an. Zugleich erschwert die zerschnittene Landschaft die Vernetzung der Bestände. Diese Kombination ist für eine kleine, genetisch belastete Population besonders problematisch: Wenn ein wanderndes oder fortpflanzungsfähiges Tier verschwindet, geht nicht nur ein Individuum verloren, sondern möglicherweise ein Baustein für den Austausch zwischen Jura und Alpen.
Seriöse Berichterstattung muss beides festhalten: Nicht jedes verschwundene Tier ist nachweislich Opfer einer illegalen Tötung. Doch die Zahl bestätigter Fälle taugt ebenso wenig als Entwarnung, weil die Dunkelziffer bei Delikten gegen Wildtiere methodisch kaum zuverlässig beziffert werden kann. Für die Schweiz sind über Jahrzehnte zahlreiche illegale Tötungen dokumentiert, mit Methoden von Abschüssen über Vergiftungen bis zum Fang mit dem Tellereisen. Eine ältere Auswertung besenderter Luchse kam zum Schluss, dass illegale Tötungen einen erheblichen Anteil der festgestellten Todesursachen ausmachten. Daraus lässt sich jedoch keine aktuelle schweizweite Quote ableiten. Erschwerend kommt hinzu: Die Schweiz verfügt über keine schweizweit einheitliche, öffentlich zugängliche Wilderei-Statistik.
Der redaktionelle Kern
Das Mittelland ist kein Beweis dafür, dass der Luchs es allein schafft. Es ist der Engpass, an dem sich entscheidet, ob aus genetisch geschwächten und lange voneinander getrennten Beständen eine langfristig überlebensfähige Schweizer Luchspopulation werden kann.
Entscheidend sind nicht PR-Bilder einzelner Wildbrücken und nicht die bloss steigende Zahl von Nachweisen. Entscheidend ist, ob Wildtierkorridore rechtlich gesichert, saniert und langfristig vor weiterer Überbauung geschützt werden. Entscheidend ist, ob Autobahnen und Bahnlinien mit wirksamen Passagen, Zäunen und Leitstrukturen entschärft werden. Entscheidend ist, ob jene Tiere überleben, die zwischen Jura und Alpen wandern und den genetischen Austausch ermöglichen.
Dazu gehören ein systematisches Monitoring der Passage-Nutzung und Fortpflanzung, die ökologische Aufwertung von Korridoranschlüssen, die forensische Untersuchung jedes tot aufgefundenen Luchses sowie transparente Erfassung und konsequente Verfolgung illegaler Tötungen.
Solange diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, sind zusätzliche Abschüsse keine verantwortbare «Regulierung», sondern zusätzlicher Druck auf eine Art, deren Vernetzung noch immer an der menschengemachten Zerschneidung der Landschaft scheitert. Der Luchs im Mittelland braucht nicht primär «Akzeptanz» als abstraktes Schlagwort. Er braucht eine durchlässige Landschaft und weniger menschengemachte Todesursachen.
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