Wallis: Uni-Bern-Studie zählt 37 Luchse statt der behaupteten 80
Das erste Luchs-Abschussgesuch der Schweiz stützt sich auf eine Hochrechnung, die Forschende der Universität Bern als fehlerhaft entlarven.
«Was das Wallis schoss»
Der Kanton Wallis will als erster Kanton der Schweiz Luchse abschiessen lassen. Als Begründung dienen sinkende Reh- und Gämsbestände sowie ein angeblich stark gewachsener Luchsbestand: In der politischen Debatte war von bis zu 80 Tieren die Rede.
Eine am 25. September 2026 vorgestellte Studie der Universität Bern korrigiert diese Zahl deutlich nach unten. Im Winter 2025/26 lebten demnach 37 selbstständige Luchse im gesamten Kanton. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall liegt bei 26 bis 52 Tieren, die kantonsweite Dichte bei 1,09 Luchsen pro 100 km².
Die Untersuchung liegt bislang als Preprint auf dem Server bioRxiv vor und wurde noch nicht in einem unabhängigen Peer-Review-Verfahren begutachtet. Für die laufende Debatte ist sie dennoch zentral, weil sie auf einer kantonsweiten, mehrjährigen Erhebung beruht und damit genau jene Datenbasis liefert, die dem Kanton fehlt.
Drei Winter, rund 100 Wildkameras, ein ganzer Kanton
Die Forschungsgruppe um Raphaël Arlettaz, Leiter der Abteilung für Naturschutzbiologie an der Universität Bern, erfasste den Bestand in drei Wintern zwischen 2023 und 2026 mit rund 100 Wildkameras im gesamten Wallis. Insgesamt werteten die Forschenden 899 unabhängige Luchsaufnahmen aus und identifizierten pro Winter 27, 31 und 34 erwachsene Tiere. Die Daten wurden unabhängig vom staatlichen Monitoring erhoben; die Bestandsschätzung erfolgte mit einer Dichtemodellierung nach dem Fang-Wiederfang-Prinzip, wie sie auch das offizielle Luchsmonitoring verwendet.
Die Studie belegt zugleich eine Erholung nach Jahren extrem tiefer Bestände. Zwischen 2010 und 2018 lebten im gesamten Kanton lediglich fünf bis acht selbstständige Luchse. Im Winter 2024/25 wiesen die Forschenden sieben Weibchen mit mindestens elf Jungtieren nach, im Winter 2025/26 vier Weibchen mit mindestens sieben Jungen.
Fast der gesamte Bestand konzentriert sich auf den Nordwesten des Kantons, wo die Walliser Population mit den Luchsbeständen in den Waadtländer und Berner Voralpen verbunden ist. Grosse Teile des Wallis, darunter die Penninischen Alpen südlich der Rhone, sind weiterhin kaum besiedelt.
Wie aus 37 Luchsen bis zu 80 werden
Nach Darstellung der Forschenden beruhen die höheren Zahlen auf einer methodisch problematischen Hochrechnung. Das staatliche Luchsmonitoring der Stiftung KORA gliedert die Schweiz in Referenzgebiete. Eines der drei für das Wallis relevanten Gebiete erstreckt sich nicht nur über das Nordwestwallis, sondern auch über Teile der Kantone Waadt und Bern, wo die Luchsdichte deutlich höher ist. Werden diese Werte auf das gesamte Walliser Kantonsgebiet übertragen, ergibt sich zwangsläufig eine zu hohe Schätzung. Zudem stammen die Referenzdaten aus unterschiedlichen Erhebungsjahren.
Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied im Nordwestwallis: Staatsrat Christophe Darbellay, der die Hobby-Jagd im Kanton beaufsichtigt und selbst Hobby-Jäger ist, gibt für dieses Gebiet eine Dichte von 5,2 Luchsen pro 100 km² an. Die Universität Bern berechnet für das strikt auf Walliser Gebiet begrenzte Untersuchungsgebiet 1,7 Luchse pro 100 km², rund dreimal weniger. Selbst dieser Wert liegt unter den Dichten anderer Schweizer Referenzgebiete.
«Populationsschätzungen müssen mit der Ebene übereinstimmen, auf der Managemententscheide getroffen werden», sagt Arlettaz. Werden Wildtierpopulationen in grossen ökologischen Räumen erfasst, politische Eingriffe aber entlang kantonaler Grenzen beschlossen, könnten Hochrechnungen die Lage vor Ort erheblich verzerren.
Abschussgesuch unter wissenschaftlichem Druck
Die Walliser Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere wollte bis Ende Sommer ein Gesuch beim Bundesamt für Umwelt einreichen, mit dem Ziel, im Winterfenster vom 16. Januar bis 28. Februar 2027 erstmals Luchse töten zu dürfen. Eine Regulierung der streng geschützten Art setzt hohe Hürden voraus: Der Kanton müsste belegen, dass der Luchs das Jagdregal schwerwiegend beeinträchtigt. Ob das Gesuch inzwischen eingereicht wurde, ist öffentlich nicht bekannt.
Die neue Bestandsschätzung stellt die Grundlage der bisherigen Argumentation infrage. Ein Bestand von 37 selbstständigen Luchsen bei knapp einem Tier pro 100 km² spricht nicht für eine Überpopulation, sondern beschreibt eine Art, die im Wallis in den 1980er- und 1990er-Jahren durch illegale Verfolgung ausgerottet worden war und sich erst seit 2020 wieder erholt. Die Forschenden empfehlen, die Population sich weiter ausbreiten zu lassen, bis die Tragfähigkeit im ganzen Kanton erreicht ist. Die heutige Konzentration im Nordwesten sei kein Hinweis darauf, dass der Luchs seine ökologischen Grenzen erreicht habe.
Dass sinkende Reh- und Gämsbestände dem Luchs zuzuschreiben sind, ist nicht belegt. Die Präsidentin des Oberwalliser Jägerverbands räumte gegenüber SRF selbst ein, es spielten immer verschiedene Faktoren zusammen. Auf Rehe und Gämsen schiessen im Wallis jedes Jahr in erster Linie Hobby-Jäger, nicht Luchse.
Einordnung
Der Fall zeigt ein Muster, das Wild beim Wild seit Jahren dokumentiert: Bestandszahlen zu Beutegreifern werden in politischen Debatten so ausgelegt, dass sie eine Abschussforderung stützen. Arlettaz selbst wird im «Nouvelliste» deutlich: Die kantonale Überschätzung sei «entweder Inkompetenz oder Bosheit».
Im Wallis wiegt das besonders schwer, weil die Luchspopulation dort über Jahrzehnte durch illegale Verfolgung klein gehalten wurde. Eine 2021 in «Frontiers in Conservation Science» veröffentlichte Studie desselben Teams dokumentierte am Rhoneknie ein Netz von 17 Schlingenfallen im wichtigsten Einwanderungskorridor des Luchses und kam zum Schluss, dass nur Wilderei die auffallend geringe Dichte im Unterwallis erklären kann. Wer Hobby-Jäger jahrzehntelang gewähren lässt und dann eine «Übervölkerung» beklagt, argumentiert gegen die eigene Aktenlage. Mehr dazu in unserem Beitrag zur mutmasslichen Luchs-Wilderei im Wallis und in der Analyse «Wallis fordert Luchs-Abschuss: Schiessen statt schützen».
Die IG Wild beim Wild fordert den Kanton Wallis auf, ein allfälliges Abschussgesuch zurückzuziehen, und das BAFU, ein eingereichtes Gesuch abzulehnen. Die Petition «Keine Luchsabschüsse im Wallis» kann weiterhin unterzeichnet werden. Aktuelle Entwicklungen dokumentieren wir laufend im Tracker zur Walliser Jagdsaison 2026/27.
Quelle: Verschueren, S., Braunisch, V., Debons, V. & Arlettaz, R. (2026): Matching lynx population estimates to management scale: conservation science vs politics in the western Swiss Alps. bioRxiv-Preprint, doi 10.64898/2026.08.25.747176. Medienmitteilung der Forschungsgruppe vom 25. September 2026; Keystone-SDA; Le Nouvelliste.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unseren Dossiers zur Hobby-Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte. Die wissenschaftlichen Belege stehen in der Übersicht Studien zu den Auswirkungen der Hobby-Jagd.
Die Position der IG Wild beim Wild: Die IG Wild beim Wild lehnt die Hobby-Jagd ab. Unser Vorbild ist der Kanton Genf, der seit 1974 ohne Hobby-Jagd auskommt: ohne Jagdzeiten, ohne Jagdhunde, ohne Treibjagden, ohne Hochsitze, ohne die Tierquälerei und die Kriminalität, die anderswo zur Jagdsaison gehören. Was dort seit über fünfzig Jahren funktioniert, widerlegt jedes Positionspapier von JagdSchweiz. Ein Verband, der seine Politik auf Behauptungen stützt, die er in den eigenen Dokumenten widerlegt, ist keine Fachorganisation, sondern eine Fabrik für Fehlinformationen.
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