Fuchs «Chance»: Angefahrener Jungfuchs lernt im Hundepool wieder gehen
In England erhält ein gelähmter Rotfuchs Hydrotherapie, in der Schweiz stand ein Fuchsretter vor Gericht.
Im Juni wurde in Huthwaite in der englischen Grafschaft Nottinghamshire ein junger Rotfuchs von einem Auto erfasst.
Der Autofahrer liess das verletzte Jungtier auf der Strasse liegen und fuhr weiter. Eine Person aus der Nachbarschaft entdeckte den Fuchs und bemerkte, dass seine Hinterbeine nicht mehr funktionierten.
Die Finderin wandte sich zuerst an zwei Tierärzte. Beide erklärten ihr, das Jungtier müsse eingeschläfert werden. Sie suchte weiter und stiess auf die Mansfield Wildlife Rescue, eine registrierte Wohltätigkeitsorganisation unter der Leitung von Gründerin Cheryl Martins. Dort erhielt der Fuchs, den das Team «Chance» taufte, zunächst Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente, während die Tierärztin der Organisation die Schwere der Verletzung abklärte.
Schwimmtraining im Becken für Hunde
Nach einer Impfung begann die Therapie. Einmal pro Woche geht Chance zu Mansfield Canine Swim & Splash, dem Hydrotherapie-Angebot des Mansfield Canine Centers. Das Becken dient normalerweise Hunden, die sich von Verletzungen oder Operationen erholen. Die Sitzungen erhält der Fuchs kostenlos.
Den Hunden begegnet Chance dort nicht, und auch der Kontakt zu Menschen wird bewusst tief gehalten. Ins Wasser begleitet ihn einzig seine Betreuerin Chelsea von der Rettungsorganisation.
Die Hinterbeine reagieren wieder
Die Behandlung zeigt Wirkung: Chance stützt sich zunehmend auf seine Hinterbeine, gewinnt das Gefühl in ihnen zurück und strampelt damit im Wasser. Kann er sich vollständig erholen, soll er ausgewildert werden. Ein ähnlicher Fall aus England endete anders: Die Füchsin Sweep wurde nach ihrer Genesung so zahm, dass sie nicht mehr in die Wildnis zurückkonnte (zum Artikel).
Mehr Füchse werden Opfer des Strassenverkehrs
Cheryl Martins beobachtet in diesem Jahr deutlich mehr angefahrene Füchse. Sie führt das auf die Überbauung ihrer Lebensräume und auf die Hitze zurück: Die Tiere müssten weiter und öfter tagsüber nach Nahrung und Wasser suchen, wenn auf den Strassen mehr Verkehr herrscht. Fünf Füchse wurden ihrer Station dieses Jahr nach Verkehrsunfällen gebracht, im Vorjahr waren es zwei. Ein Teil davon gehe darauf zurück, dass die Organisation bekannter geworden sei. Martins geht aber von einem deutlichen Anstieg aus, zumal viele angefahrene Tiere am Strassenrand liegen blieben.
Auch in der Schweiz ist der Strassenverkehr für Füchse eine erhebliche Gefahr. Die eidgenössische Jagdstatistik weist solche Verluste als Fallwild getrennt von den Abschüssen durch Hobby-Jäger aus.
Wie die Schweiz mit verletzten Füchsen umgeht
In der Schweiz hätte Chance diese Chance kaum bekommen. Der Kanton Zürich verlangt bei einem Wildunfall, den Vorfall umgehend der Polizei via 117 zu melden, welche die zuständige Jagdaufsicht informiert. Wer einen Unfall nicht meldet, kann sich strafbar machen. Zudem soll man Abstand wahren, das Tier nicht berühren und am Unfallort auf den Jagdaufseher oder den Wildhüter warten.
Für Füchse gilt eine besonders strikte Regel. Der Kanton ordnet sie der Gruppe der grossen Wildsäuger zu, zusammen mit Reh, Hirsch, Wildschwein, Dachs, Luchs und Wolf. Diese Tiere dürfen weder transportiert noch in eine Tierarztpraxis gebracht werden. Sie sind am Fundort zu belassen, und nur die Jagdaufsicht darf entscheiden, ob das Tier zu erlösen ist. Wird ein solches Tier dennoch in eine Praxis gebracht, ist es unverzüglich zu euthanasieren. Die rechtlichen und fachlichen Vorgaben zur Versorgung von Wildtieren sind laut Kanton seit dem 1. Februar 2025 schweizweit einheitlich geregelt. Eine Rehabilitation, wie sie Chance in England erhält, ist für einen verletzten Fuchs in diesem System nicht vorgesehen.
Wie heikel private Hilfe werden kann, zeigte ein Fall aus dem Bezirk Meilen ZH. Im Juni 2025 verfing sich ein Jungfuchs in einem flexiblen Weidenetz. Ein 53-jähriger Unternehmer durchtrennte das Netz mit Messer und Gartenschere und befreite das Tier, das verletzt davon humpelte. Weil er danach weder Polizei noch Jagdaufseher informierte, beantragte die Staatsanwältin laut NZZ eine bedingte Geldstrafe von 10 Tagessätzen à 120 Franken und 300 Franken Busse wegen fahrlässiger Tierquälerei.
Das Bezirksgericht Meilen sprach den Mann frei. Die Gerichtskosten trägt die Staatskasse, der Freigesprochene erhält rund 5200 Franken für seine Anwaltskosten. Das Urteil vom 11. Mai 2026 ist bislang nicht rechtskräftig.
Kommentar: Zwei Blicke auf dasselbe Tier
In England kämpfen eine Wildtierrettung, eine Tierärztin und ein Therapiezentrum um einen einzelnen Fuchs, nachdem zwei Tierärzte ihn bereits aufgegeben hatten. In der Schweiz wäre derselbe Fuchs in einer Tierarztpraxis unverzüglich getötet worden. Über sein Schicksal entscheidet hierzulande die Jagdaufsicht, also jenes System, das den Fuchs zugleich als jagdbares Tier verwaltet. Wer auf eigene Faust hilft, riskiert im Extremfall ein Strafverfahren.
Der Fall «Chance» zeigt, dass nichtmenschliche Tiere als Individuen wahrgenommen werden können und nicht bloss als Bestandsgrösse. Dass es anders geht, beweisen auch der Kanton Genf ohne Hobby-Jagd und der Schweizerische Nationalpark. Warum die Fuchsjagd wissenschaftlich nicht zu begründen ist, dokumentiert die Kampagne Schluss mit der Hobby-Jagd auf den Fuchs. Die Studienlage findet sich im Dossier Jagd im Faktencheck.
Quellen: «20 Minuten» (22.9.2026), «Chad», BBC, NZZ (12.5.2026), Kanton Zürich (Veterinäramt)
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