8 Franken pro Fell: Was der Bündner Fellmarkt über die Fuchsjagd verrät
Am 14. März 2026 fand in Thusis der 26. Bündner Fellmarkt statt. 700 bis 800 Fuchsfelle wechselten den Besitzer, für rund 8 Franken pro Stück. Der Anlass wird als Tradition gefeiert. Tatsächlich dokumentiert er die Sinnlosigkeit der Fuchsjagd.
Die Davoserzeitung berichtete am 23. März 2026 in warmem Ton über den Fellmarkt: ein «lebendiger Treffpunkt», Lodenjacken und Gamsbärte, Jagdhornbläser, Hirschburger und Rehbockspiessli.
Acht bis zehn Davoser Hobby-Jäger hatten ihre Fuchsfelle «säuberlich aufgereiht» an einem Wagen durch die Marktstrasse gezogen. Der Weg zum Händler dauere seine Zeit, so die Zeitung, Zeit für Gespräche, Zeit für einen Schnaps. Die «grosse Zahl der angelieferten Felle» zeuge von einer «breiten Wertschätzung gegenüber Tier und Natur».
Was die Zeitung nicht schrieb: Für ein Fuchsfell zahlte der Händler rund 8 Franken. Für einen Marder etwa 15. 700 bis 800 Fuchsfelle ergeben einen Gesamterlös von maximal 6’400 Franken, aufgeteilt auf dutzende Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger aus der ganzen Schweiz. Der finanzielle Ertrag ist nicht symbolisch, wie die Zeitung euphemistisch formulierte, er ist inexistent. Kein Mensch jagt für 8 Franken pro Fell. Die Felle sind Trophäen, der Markt ist Bühne, die «Tradition» ist das Narrativ.
Was die Fuchsjagd wirklich ist
Jedes Jahr werden in der Schweiz rund 20’000 Füchse getötet. Allein im Jagdjahr 2022/23 wurden auf der Niederjagd knapp 19’000 Beutegreifer zum Vergnügen geschossen. Die Kantone Bern, Aargau, Graubünden, St. Gallen, Wallis, Luzern und Zürich fallen mit überproportionalen Abschusszahlen auf. Im Kanton Bern wird rund ein Fünftel aller Rotfüchse der Schweiz erlegt.
Die Begründungen der Hobby-Jägerschaft lauten stets gleich: Regulierung, Seuchenprävention, Schutz von Bodenbrütern. Keine dieser Behauptungen hält einer wissenschaftlichen Überprüfung stand. Mindestens 18 wildbiologische Studien aus über 30 Jahren Forschung belegen: Die Fuchsjagd reguliert die Bestände nicht und taugt auch zur Seuchenbekämpfung nichts. Im Gegenteil: Wenig bejagte Fuchspopulationen produzieren weniger Nachkommen. Werden drei Viertel eines Bestands abgeschossen, ist im nächsten Jahr wieder die gleiche Zahl da. Die Jagd zerstört das komplexe Sozialsystem der Füchse, in dem normalerweise nur die ranghöchste Füchsin Nachwuchs bekommt. Der Biologe Erik Zimen nannte diesen Mechanismus «Geburtenbeschränkung statt Massenelend».
Recherchen der IG Wild beim Wild bei den kantonalen Ämtern für Jagd und Fischerei zeigten: Einzig der Kanton Luzern führt eine Statistik über Krankheiten beim Fuchs. Von 2’217 abgeschossenen Füchsen im Jagdjahr 2018/19 hatten gerade einmal 39 eine Krankheit, davon 32 mit Räude. Alle anderen wurden auf Kosten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler entsorgt. Das Narrativ vom «kranken Fuchs, der reguliert werden muss», ist ein Mythos.
Was Genf und Luxemburg zeigen
Der Kanton Genf hat die Hobby-Jagd 1974 per Volksabstimmung abgeschafft. Seither werden dort null Füchse zum Vergnügen getötet. Die Fuchspopulation ist nicht explodiert, die Biodiversität hat profitiert, und professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter greifen gezielt ein, wenn es ausnahmsweise nötig ist. Was Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger als unmöglich bezeichnen, funktioniert in Genf seit über 50 Jahren.
Luxemburg hat 2015 die Fuchsjagd komplett eingestellt. Jagdverbände sagten eine Bestandsexplosion und wachsende Seuchengefahr voraus. Nichts davon ist eingetreten. Die Fuchspopulation blieb stabil, die Infektionsrate mit dem Fuchsbandwurm hat sich zwischen 2014 und 2020 etwa halbiert. 2024 bestätigte die luxemburgische Regierung das Verbot ausdrücklich.
Was die Davoser Zeitung verschweigt
Der Artikel in der Davoser Zeitung ist ein Paradebeispiel dafür, wie Regionalmedien das Narrativ der Hobby-Jägerschaft unkritisch reproduzieren. Die Formulierung, der Verkauf der Felle stehe «für den respektvollen Umgang mit der Natur und dem erlegten Tier, auch über seinen Tod hinaus», verdreht die Realität: Ein Tier, das für 8 Franken Fellerlös nachts erschossen wird, erfährt keinen Respekt.
Was der Artikel verschweigt:
Die gängigsten Jagdmethoden auf den Fuchs in der Schweiz sind unter anderem die Passjagd (nachts, an Luderplätzen), die Treibjagd und die Baujagd, bei der speziell abgerichtete Hunde in den Bau geschickt werden. Die Baujagd wird von 64 Prozent der Schweizer Bevölkerung abgelehnt, wie eine Demoscope-Umfrage (2018) im Auftrag des Schweizer Tierschutzes (STS) ergab.
In vielen Kantonen dürfen Füchse trotz offiziellem Nachtjagdverbot im Wald weiterhin nachts geschossen werden, weil die Passjagd als Ausnahme gilt.
Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem eine fuchsjagdfreie Zone zu einer ökologischen Katastrophe oder einem Seuchenausbruch geführt hätte.
8 Franken und ein Narrativ
Der Bündner Fellmarkt in Thusis ist keine harmlose Folklore. Er ist die öffentliche Zurschaustellung einer Praxis, die wissenschaftlich widerlegt, ökologisch kontraproduktiv und ethisch nicht vertretbar ist. 700 bis 800 tote Füchse, präsentiert als «Wertschätzung gegenüber Tier und Natur», während die einzige nachweisbare Funktion des Anlasses darin besteht, einer Handvoll Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern eine Bühne und einem Fellhändler billige Rohware zu liefern.
Solange Regionalmedien diese Veranstaltungen als pittoreskes Brauchtum beschreiben, statt die Fakten zu benennen, bleibt die Fuchsjagd in der Schweiz das, was sie ist: eine Tötung ohne vernünftigen Grund, verpackt in Lodenstoff und Jagdhornklänge.
Mehr dazu im Dossier: Jagd und Tierschutz
Weiterführende Informationen:
- Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet
- Tierquälerei: Fuchsmassaker in der Schweiz
- Wie die Schweiz Füchse nachts weiter abknallt und was Genf längst besser macht
- Schluss mit der Fuchsjagd
- Das Genfer Modell
- Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert
- Dossier: Jagdmythen
- FAQ: Warum werden Füchse in der Schweiz gejagt?
- FAQ: Was ist die Baujagd?
- Mustertexte für jagdkritische Vorstösse
- Alle Dossiers
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