16. Juni 2026, 12:16

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Jagd

Wenn das «Institut» die Hobby-Jagd verteidigt: ein Faktencheck

Ein vielzitierter Blogbeitrag beklagt die «Sprachlosigkeit der Jagdverbände». Wer dahintersteht und welche Argumente einer Prüfung nicht standhalten.

Redaktion Wild beim Wild — 14. Juni 2026

Unter der Überschrift «Ethik der Jagd – Sprachlosigkeit der Jagdverbände!» ist im Mai 2026 ein Beitrag erschienen, der in Jagdkreisen Beachtung findet.

Verfasst hat ihn Dr. Wolfgang Lipps, Geschäftsführer des «JUN.i Institut für Jagd, Umwelt und Naturschutz». Der Text wirft dem Deutschen Jagdverband (DJV) vor, bei der Rechtfertigung der Hobby-Jagd zu versagen, und liefert gleich selbst die vermeintlich besseren Argumente. Wir haben sie geprüft.

Das Ergebnis vorweg: Die Kritik am DJV ist bemerkenswert, weil sie aus dem eigenen Lager kommt. Die angebotene Gegenbegründung der Hobby-Jagd hält einer sachlichen Prüfung jedoch an mehreren entscheidenden Stellen nicht stand.

Wer hier spricht: kein neutrales Institut

Der Begriff «Institut» weckt Erwartungen an wissenschaftliche Unabhängigkeit. Diese Erwartung trügt. Beim «JUN.i Institut» handelt es sich um eine eingetragene GmbH mit Sitz in Liepe bei Eberswalde, gegründet 2009, deren Geschäftszweck die Erstellung von Gutachten sowie Beratungsleistungen im Bereich Jagd und Jagdrecht ist. Angeschlossen ist eine kommerzielle Unternehmensberatung. Geschäftsführer Lipps war fast fünf Jahrzehnte Wirtschaftsanwalt, ist passionierter Hobby-Jäger, Jungjägerausbilder und Autor mehrerer jagdfreundlicher Bücher.

Hier äussert sich kein neutrales Forschungsinstitut, sondern ein erklärter Befürworter der Hobby-Jagd, der von Beratung und Publikationen rund um die Hobby-Jagd auch wirtschaftlich profitiert. Wer den Begriff «Institut» liest und akademische Distanz erwartet, sitzt einer geschickten Selbstetikettierung auf.

Dasselbe gilt für die zweite Autorität, auf die sich der Beitrag stützt: das «Forum Lebendige Jagdkultur». Es klingt nach einer Denkfabrik, ist aber ein 1996 gegründeter Verein von Jagdschriftstellern, Künstlern und «Freunden der Jagd», der sich laut Satzung der Pflege der «Jagdkultur» verschrieben hat und sich ausdrücklich gegen ein nüchternes Wildtiermanagement stellt. Mitglied kann jeder werden, der sich für Jagdkultur begeistert. Auch das ist Interessenvertretung, keine Wissenschaft.

Die Zahlen: ungefähr richtig, aber irreführend gerahmt

Der Beitrag eröffnet mit dem Bild von «471’000 Menschen», die «bewaffnet in Wald und Feld umherstreifen» dürfen, als Beleg für eine angeblich «zunehmende Beliebtheit» der Jagd. Die amtliche Zahl liegt etwas niedriger: Laut Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums waren 2024 rund 460’770 Personen Inhaber eines Jagdscheins.

Entscheidender ist aber, was die Zahl verschweigt. Ein Jagdschein ist ein behördlicher Befähigungsnachweis, kein Aktivitätsnachweis. Schätzungen zufolge jagen davon nur etwa 250’000 bis 300’000 Personen tatsächlich regelmässig; ein erheblicher Teil löst den Schein «auf Vorrat» oder aus anderen Gründen. Aus einer wachsenden Zahl ausgestellter Scheine eine wachsende «Beliebtheit der Jagd» abzuleiten, ist deshalb statistisch unsauber. Wer genauer hinsehen möchte, findet die Auseinandersetzung dazu in unserem Beitrag Wie viele Hobby-Jäger in Deutschland wirklich aktiv sind.

Die genannten Streckenzahlen (rund 1,3 Millionen Rehe, rund 550’000 Wildschweine im Jagdjahr 2023/24) decken sich hingegen mit den amtlichen Daten.

Denkfehler 1: Die Natur als Sittenlehrerin

Das Herzstück der Argumentation ist zugleich ihr grösster Schwachpunkt. Der Beitrag erklärt das Prinzip «Fressen und Gefressen werden» zum «Grundprinzip der Natur» und leitet daraus eine «ethisch obligate Ur-Legitimation der Jagd» ab.

Das ist ein klassischer naturalistischer Fehlschluss: Aus dem, was in der Natur geschieht, folgt nichts darüber, was der Mensch tun soll. Krankheit, Parasitismus und das Sterben von Jungtieren sind ebenfalls «Naturprinzipien», ohne dass jemand sie zu ethischen Geboten erklären würde. Wer das Töten mit dem Verweis auf den Lauf der Natur rechtfertigt, hebt zudem den eigenen Anspruch auf, den der Text wenige Absätze zuvor selbst formuliert: dass die Jagd «ethisch vertretbar» sein müsse. Ethik beginnt gerade dort, wo der Mensch sich vom blossen Naturgeschehen löst.

Hinzu kommt: Die Hobby-Jagd ist keine Nahrungsnotwendigkeit, sondern Freizeitausübung. Der Vergleich mit dem natürlichen Beutegreifer, der aus Hunger tötet, geht damit von vornherein ins Leere.

Denkfehler 2: «Am Anfang stand die Jagd» – eine überholte These

Der Beitrag stützt die Legitimation der Jagd auf eine grosse Erzählung: Vor 1,7 Millionen Jahren habe die Jagd die Menschwerdung eingeleitet («venatorische Revolution»). Im selben Atemzug räumt der Autor ein, dass «etliche Fachdisziplinen» diese sogenannte «Man the Hunter»-These kritisiert oder bezweifelt haben, rettet sie dann aber mit der Formel, sie habe «das Argument der historischen Plausibilität für sich».

Genau das ist der Punkt: Plausibilität ist kein Beleg. Die These gilt in der modernen Anthropologie als weitgehend überholt, unter anderem weil die Bedeutung des Sammelns, der Anteil von Frauen an der Nahrungsbeschaffung und die Rolle der Aas-Nutzung lange unterschätzt wurden. Selbst wenn die Erzählung stimmte, bliebe der logische Bruch: Dass unsere Vorfahren jagten, begründet kein Recht auf Freizeit-Jagd in der Gegenwart. Das ist erneut der Schluss vom Sein auf das Sollen.

Dasselbe Muster zeigt sich beim behaupteten «genetisch veranlagten Jagdtrieb»: unbelegt eingeführt und sofort wieder relativiert mit dem Eingeständnis, er könne «die Jagd an sich nicht legitimieren». Ein Argument, das sich im selben Satz selbst zurücknimmt, trägt nichts.

Denkfehler 3: Die Verfassung als einseitiger Kronzeuge

Schliesslich beruft sich der Beitrag auf das Grundgesetz: Die Jagd nehme über das mit dem Grundeigentum verbundene Jagdrecht am Schutz des Art. 14 GG teil und diene «dem Wohle der Allgemeinheit».

Diese Auslegung ist nicht falsch, aber selektiv. Der Text zitiert Art. 20a GG, der die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere unter Staatsschutz stellt, blendet aber aus, dass dieser Artikel die Eigentumsfreiheit gerade beschränken kann. Auch der zitierte Art. 14 GG enthält den Satz «Eigentum verpflichtet» und erlaubt dem Gesetzgeber, die Nutzung im Interesse des Gemeinwohls einzuschränken. Die Sozialbindung des Eigentums, die der Beitrag als Argument für die Jagd ins Feld führt, wirkt in der Realität in beide Richtungen: Sie kann die Jagd ebenso begrenzen wie ermöglichen. Aus dem Grundgesetz eine quasi unantastbare Stellung der Hobby-Jagd abzuleiten, überzieht.

Der rhetorische Rahmen

Auffällig ist schliesslich der Ton. Gegenpositionen werden als «wenig sachkundige Plattitüden und wohlfeile Leerformeln» abgetan, das Schweigen des DJV wird mit der «Verteidigungsstrategie der Bundeswehr» verglichen. Die Tierethik erscheint nur in ihrer «extremen Form» als Tierrechtsbewegung, also als Karikatur, gegen die sich bequem argumentieren lässt. Das ganze breite Feld tierethischer Positionen, das nüchtern nach der Rechtfertigung des Tötens fragt, kommt nicht vor. Und mitten in der angeblich ethischen Auseinandersetzung wirbt der Autor für das eigene Forum, das eigene Vortragspapier und ein Buch aus den eigenen Reihen.

Der Beitrag ist aufschlussreich, aber anders, als er es beabsichtigt. Er zeigt, dass selbst innerhalb der Hobby-Jägerschaft Unzufriedenheit mit der Selbstdarstellung der Verbände herrscht. Und er führt zugleich vor, woran eine Rechtfertigung der Hobby-Jagd scheitert, sobald sie über Stimmung hinausgehen soll: Sie verwechselt Natur mit Ethik, Urgeschichte mit Gegenwart und eine einseitige Verfassungslesart mit Verbindlichkeit. Ein «Institut» im Namen und ein Verein im Rücken ersetzen kein tragfähiges Argument.

Die eigentliche Frage, die der Beitrag selbst aufwirft, bleibt unbeantwortet: Warum eine Freizeitbeschäftigung, die Wildtiere tötet, in einer Gesellschaft mit gesichertem Lebensmittelangebot noch ethisch geboten sein soll. Sprachlos ist hier nicht nur der DJV, sondern auch das Institut.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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