15. Juni 2026, 09:43

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Jagd

Hobby-Jäger schiesst auf Wachtel und trifft Jogger im Gesicht

Bei einer Hundeausbildung in Norditalien verfehlt ein Schrotschuss sein Ziel. Ein 68-jähriger Läufer wird neben dem Auge getroffen. Wäre er kein Hobby-Jäger gewesen, liefe längst ein Strafverfahren.

Redaktion Wild beim Wild — 15. Juni 2026

Am Sonntagmorgen, dem 14. Juni 2026, joggte ein 68-jähriger Mann gegen neun Uhr über eine Strasse bei Rosa Vecchia, einem Ortsteil von San Vito al Tagliamento in der norditalienischen Provinz Pordenone.

Es war seine gewohnte Runde. Wenige Meter neben dem Weg, auf einem als «Zona cinofila Sanvitese» ausgewiesenen Übungsgelände, trainierte ein 49-jähriger Hobby-Jäger seine Hunde. Auf dem Feld war eine Wachtel ausgesetzt, als lebendes Ziel für die Dressur.

Der Hobby-Jäger gab einen Schrotschuss auf den Vogel ab. Einige der Schrotkörner verfehlten die Wachtel und trafen den Jogger an Arm und Gesicht, eines davon dicht neben dem rechten Auge. Sanitäter des Rettungsdienstes versorgten den Mann vor Ort und brachten ihn anschliessend zur augenärztlichen Untersuchung ins Spital von Pordenone. Lebensgefahr bestand nicht, doch die Verletzung am Auge wog schwer genug, dass eine bleibende Schädigung im Raum stand. Die Carabinieri ermitteln zum Hergang und prüfen, ob die Sicherheitsvorschriften der Hundezone eingehalten wurden.

Was hatte die Wachtel «verbrochen»?

Nichts. Die Wachtel hatte keine Schuld, keinen Grund, kein Vergehen. Sie war ein lebendes Requisit, ausgesetzt, damit Jagdhunde das Aufstöbern und Apportieren üben können. Ihr Tod war von Anfang an eingeplant. Dass beim Schuss auf sie ein vorbeilaufender Mensch beinahe ein Auge verlor, ist die logische Konsequenz einer Praxis, bei der mit Schrot in der Nähe öffentlicher Wege geschossen wird.

Zweierlei Mass

Man stelle sich vor, eine Privatperson hätte am Sonntagmorgen in einem belebten Naherholungsgebiet eine Schrotflinte abgefeuert und einem Jogger die Ladung neben das Auge gesetzt. Es gäbe eine Festnahme, einen Waffeneinzug, eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung, vermutlich Untersuchungshaft. Würde ein Polizist im Dienst so unkontrolliert in Richtung eines Passanten schiessen, stünde eine dienstrechtliche und strafrechtliche Aufarbeitung ausser Frage.

Beim Hobby-Jäger greift ein anderer Massstab. Hier heisst es «Jagdunfall», die Waffe ist «rechtmässig erworben», das Gelände «mit Schildern ausgewiesen». Die Ermittlung läuft auf den Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung hinaus, und die Erfahrung aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zeigt, dass solche Verfahren selten ein spürbares Nachspiel haben. Das Schiessen auf lebende Tiere als Freizeitbeschäftigung geniesst einen rechtlichen und gesellschaftlichen Schonraum, den kein anderer bewaffneter Umgang mit Schusswaffen kennt.

Dieser Fall ist kein italienischer Sonderfall. Im November 2025 wurden in Grossefehn in Niedersachsen zwei Spaziergänger von Schrot einer Treibjagd getroffen. Ende November 2024 starb im waadtländischen Oulens-sous-Echallens ein 64-jähriger Hobby-Jäger durch den Schuss eines Kollegen. Die Liste verletzter und getöteter Unbeteiligter, von Spaziergängern über Radfahrer bis zu Kindern, ist lang und wird Jahr für Jahr länger. Wo zum Vergnügen von Hobby-Jägern geschossen wird, geraten zwangsläufig auch Menschen in die Schusslinie.

Die Frage ist nicht, ob solche Vorfälle «Einzelfälle» sind. Die Frage ist, warum eine Tätigkeit, die regelmässig Unbeteiligte gefährdet, weiterhin als harmloses Hobby behandelt wird, statt als das, was sie im Ergebnis ist: eine kalkulierte Gefährdung der Allgemeinheit.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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