10. Juni 2026, 13:16

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Jagd

Gewalt und Lügen: Zwei Seiten derselben Münze beim Deutschen Jagdverband

Wie der DJV seit Jahrzehnten Fakten verdreht, Statistiken verschweigt und Lobbymacht missbraucht.

Redaktion Wild beim Wild — 10. Juni 2026
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Gewalt und Lügen gehören zur gleichen Münze.

Und nirgends ist das so sichtbar wie beim Deutschen Jagdverband.

Die Grundlüge: «Naturschutz»

Der DJV behauptet seit Jahrzehnten, Hobby-Jagd sei «angewandter Naturschutz». Wissenschaftliche Studien belegen das Gegenteil: Intensive Bejagung bedingt das Anwachsen vieler Tierpopulationen. Die Jagd zerstört Familienverbände und Sozialstrukturen, die Lebenserwartung der Wildtiere sinkt drastisch, die Geschlechtsreife kommt früher, die Geburtenrate steigt. Wildtiere verfügen über natürliche, jahrtausendealte Regulationsmechanismen. Eingriffe durch Jagd führen regelmässig zum Gegenteil der vorgegebenen Ziele: zu stärkerer Vermehrung und mehr Wildschäden. Die Hobby-Jagd schafft das Problem, das sie vorgibt zu lösen. Das weiss der DJV. Er sagt es nur nicht.

Wildfütterung: Das selbstgebaute Problem

Die Wildestände, beim Schwarzwild besonders exzessiv, wurden von der Jägerschaft mit jährlich tausenden Tonnen Zusatzfutter in diese Populationshöhen katapultiert. Die Gefahr für unsere Natur geht nicht von den Wildtieren aus, sondern von den Menschen, die diese Tierestände hochhalten und bejagen wollen. Der Ablauf ist immer gleich: Füttern, hochzüchten, abschiessen, Rekordjagdstrecke melden, von Naturschutz reden.

«Hege mit der Waffe»: Die Natur zusammenschiessen

Der DJV beruft sich auf die gesetzliche «Hegepflicht» – den angeblichen Auftrag, durch Jagd für gesunde Wildtierbestände zu sorgen. Hege mit der Waffe: die Natur zusammenschiessen, um sie zu schützen. Das ist kein Widerspruch, den man übersehen kann. Das ist das Geschäftsmodell.

Der Kanton Genf beweist seit 1974, dass es anders geht. Vor dem Jagdverbot wurden jährlich weit über 400 Jagdpatente verkauft. Heute erledigen zwölf professionelle Wildhüter der «Police de la nature» sämtliche notwendigen Eingriffe – für den gesamten Kanton, ohne zusätzliche Stellen. Die Biodiversität hat markant zugenommen. Die Zahl überwintender Wasservögel hat sich von einigen Hundert auf rund 30’000 vervielfacht. Hirsche und Wildschweine, vor dem Verbot praktisch ausgerottet, sind zurückgekehrt. Genf beherbergt heute die grösste Feldhasenpopulation der Schweiz. Und die Kosten? Weniger als eine Tasse Kaffee pro Person und Jahr – inklusive Wildschadenprävention und Entschädigungen. Das ist echter Naturschutz. Nicht 400 Hobby-Jäger mit Hightech-Gewehren und SUV.

Wildbret: Blei, Karzinogene und die WHO

Wildfleisch ist ohne tagelange Marinaden, intensive Gewürzbehandlung oder Weiterverarbeitung zu Wurst und Räucherwaren für die meisten Menschen schlicht ungeniessbar. Kein Mensch isst es roh – das ist den Raubtieren vorbehalten, die kein Feuer und keine Küche brauchen. Damit landet Wildbret in der Praxis genau in der Kategorie, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Gruppe-1-Karzinogen eingestuft hat: verarbeitetes rotes Fleisch, in derselben Risikoklasse wie Arsen, Asbest und Tabakrauch.

Wer diese einfachen, wissenschaftlich belegten Zusammenhänge nicht versteht oder bewusst unterschlägt, hat in der Natur nichts verloren. Ein Verband, der WHO-Warnungen weder in der Jagdausbildung noch in seinen Medienmitteilungen erwähnt, betreibt keinen Naturschutzverband. Er betreibt eine Sekte und schädigt nebst den Wildtieren auch seine Mitglieder ganz bewusst.

Dazu kommen Metallrückstände aus der Munition. Das Problem ist strukturell unlösbar: Bleihaltige Munition hinterlässt nachgewiesenermassen erhöhte Bleigehalte im Schusskanal und im umliegenden Gewebe. Doch auch die viel gepriesenen «bleifreien» Alternativen – Kupfer, Zink, Wolfram, Zinn – lösen das Problem nicht, sie verlagern es nur. Untersuchungen zeigen, dass freigesetzte Zink- und Kupferionen aus Alternativmunition auf bestimmte Organismen hochgradig toxisch wirken können. Selbst die US-Armee führte wolframhaltige Trainingsgeschosse als «weniger toxische» Alternative ein, beendete deren Beschaffung aber, nachdem spätere Studien die Unbedenklichkeit in Frage stellten. Das Grundproblem bleibt: Wer Metallgeschosse in ein Tier schiesst, das danach gegessen werden soll, trägt zwangsläufig Schwermetalle ins Lebensmittel ein. Bleifrei bedeutet nicht giftfrei.

In Deutschland ist Bleimunition bei der Jagd in mehreren Bundesländern bereits verboten, in Niedersachsen seit April 2025 vollständig. Die Jagdlobby feiert das als Fortschritt. Was sie verschweigt: Das Munitionsproblem bleibt bestehen. Dazu kommen unkontrollierte Hygiene bei der Wildverarbeitung im Feld und die Tatsache, dass 60 Prozent der bekannten menschlichen Infektionskrankheiten tierischen Ursprungs sind. Wildbearbeitungsbetriebe unterliegen weit weniger strengen Kontrollen als Schlachthöfe. Die Risiken von Wildfleisch sind ein eigenständiges Gesundheitsthema, das der DJV konsequent verschweigt.

Der Wolf: Zahlenmanipulation im Dienst des Abschusses

Beim Thema Wolf zeigt der DJV, wie Lobbyarbeit mit manipulierten Zahlen funktioniert. Der Verband versucht, die wissenschaftlich anerkannte «zentraleuropäische Tieflandpopulation» der Wölfe als Teil einer viel grösseren baltischen Population darzustellen. Der Hintergrund ist einfach: Dann wären 250 statt 1’000 erwachsene Wölfe ausreichend für einen «günstigen Erhaltungszustand» – und die Jagdfreigabe wäre leichter zu erreichen. Die Wolfspopulation soll kleingerechnet werden, damit ihr Abschuss legal wird. Das ist keine Biologie. Das ist Interessenpolitik mit wissenschaftlichem Anstrich.

Bis zu 40 Tote pro Jahr: Das grosse Schweigen

Jedes Jahr sterben in Deutschland bis zu 40 Menschen durch Jäger und Jägerwaffen. Weder der Jagdverband noch staatliche Behörden noch das Statistische Bundesamt führen Statistiken darüber. Tödliche Beziehungsdramen, bei denen Hobby-Jäger ihre Partnerin, Familienangehörige oder Nachbarn erschiessen, gelten rechtlich nicht als «Jagdunfall» und tauchen in keiner offiziellen Aufstellung auf. Eine Studie des Max-Planck-Instituts über zehn Jahre kommt auf rund 100 Tote bei Familiendramen jährlich in Deutschland, meist mit legalen Waffen. Opfer sind nicht nur Jägerkollegen: Ehefrauen, Kinder, Nachbarn, Spaziergänger, Bergwanderer, spielende Kinder.

Was nicht gezählt wird, existiert offiziell nicht. Das ist kein Zufall. Das ist System.

Lobbyregister und politischer Arm

Der DJV ist offiziell im Lobbyregister des Deutschen Bundestages eingetragen. Er berät in Gesprächen und Fachveranstaltungen, verfasst Positionspapiere und gibt Stellungnahmen zu Gesetzgebungsvorhaben ab. Mit anderen Worten: Der Verband sitzt direkt an der Quelle der Gesetzgebung und formt Jagdrecht nach seinen Interessen. Dass er gleichzeitig behauptet, im Dienst der Allgemeinheit und der Natur zu handeln, ist die grösste Lüge von allen.

Das Muster

Gewalt und Lügen gehören zusammen, weil sie dasselbe Ziel verfolgen: das Recht zu töten zu sichern und zu erweitern. Die Lüge – «Naturschutz», «Artenvielfalt», «gesundes Fleisch», «Hegepflicht» – schafft die gesellschaftliche Akzeptanz. Die Gewalt, ob durch Jagdwaffen, durch den Abschuss von Beutegreifern, durch das Totschweigen von Opfern, vollzieht das, was die Lüge legitimiert hat.

Der DJV ist kein Naturschutzverband. Er ist eine Waffenlobby mit grünem Anstrich und politischen Verbindungen bis in den Bundestag. Wer das vergisst, versteht nicht, warum die Jagdgesetze in Deutschland so sind, wie sie sind – und warum sich das so schwer ändern lässt.

Weitere Hintergründe zur Psychologie hinter der Hobby-Jagd und zur Kriminalität durch Hobby-Jäger auf wildbeimwild.com.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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