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FAQ

Wie funktioniert das Genfer Jagdverbot?

Der Kanton Genf hat 1974 per Volksabstimmung die Jagd durch private Hobby-Jäger vollständig verboten.

Redaktion Wild beim Wild — 17. März 2026

Seither übernehmen zwölf kantonale Berufsjäger der «Police de la nature» sämtliche notwendigen Eingriffe in die Wildtierpopulation.

Das Genfer Modell ist das längste laufende Experiment jagdfreier Wildtierverwaltung in Mitteleuropa – und seine Bilanz nach fünf Jahrzehnten ist eindeutig: Es funktioniert besser als die Milizjagd in den anderen Kantonen.

Geschichte: Wie kam es zum Genfer Jagdverbot?

1974 ergriffen Tierschutzorganisationen und engagierte Bürgerinnen und Bürger die Volksinitiative für ein vollständiges Jagdverbot. Die Abstimmungskampagne war kontrovers: Jagdverbände warnten vor Wildschweinschwemmen, unkontrollierbaren Füchsen und dem Ende des Naturschutzes. Doch mit einer Zweidrittelmehrheit sprach sich die Genfer Bevölkerung für das Verbot aus. Das Verbot gilt seither für alle Säugetiere und Vögel. Jagdrechtliche Massnahmen darf nur noch die staatliche Gewalt anordnen und durchführen.

Der institutionelle Rahmen, der nach dem Verbot entstand, ist bemerkenswert: Eine Fauna-Kommission aus Vertreterinnen von Natur- und Tierschutzorganisationen entschied ursprünglich über Ausnahmen von der Schutzregel. Kein anderer Schweizer Kanton kennt eine vergleichbare zivilgesellschaftliche Mitbestimmung in der Wildtierverwaltung.

Das Wildhüterkorps: Zwölf Profis statt 400 Hobby-Jäger

Das Herzstück des Genfer Modells sind zwölf kantonale Berufsjäger. Sie kennen ihr Revier genau, verwalten Wildtierpopulationen professionell und schiessen nur, wenn es ökologisch notwendig ist. Die Gesamtkosten des professionellen Wildtiermanagements belaufen sich auf rund 1,2 Millionen Franken pro Jahr, aufgeteilt in rund 600’000 Franken für Personal (ca. drei Vollzeitstellen, aufgeteilt auf rund ein Dutzend Umweltbeauftragte), 250’000 Franken für Prävention und 350’000 Franken für Schadensvergütung. Zum Vergleich: Die gesamten Kosten der Milizjagd in einem mittleren Schweizer Kanton liegen deutlich höher, ohne dass die Abschüsse effizienter oder tierschutzgerechter wären.

Der Genfer Faunainspektor Gottlieb Dandliker, seit 2001 verantwortlich für das Wildtiermanagement, hat die Funktionsweise des Modells mehrfach öffentlich beschrieben: Eingriffe werden nur nach sorgfältiger Bestandserhebung und unter strengen Bedingungen vorgenommen. Kein Ausgraben von Fuchsbauten, keine führenden Bachen, kein Schuss bei schlechten Sichtbedingungen. Das Ergebnis ist eine Soforttodrate von 99,5 Prozent – ein Wert, den die Milizjagd in keinem anderen Kanton auch nur annähernd erreicht.

Die Bilanz nach 50 Jahren: Fakten und Zahlen

Die Langzeitdaten aus Genf widerlegen alle Schreckensszenarien, mit denen die Jagdlobby 1974 gegen das Verbot agitiert hatte:

  • Feldhasendichte: Genf verzeichnet eine Feldhasendichte von 17,7 Tieren pro 100 Hektaren – einer der höchsten Werte in der Schweiz.
  • Wasservögel: Bis zu 30’000 Wasservögel überwintern jährlich in Genf. Der Kanton hat sich zu einem wichtigen Überwinterungsgebiet für Zugvögel entwickelt.
  • Rebhuhn: Diese Bodenbrüterart ist in der Schweiz fast ausgestorben. In Genf existiert dank aktiver Habitatpflege (10 % ökologische Ausgleichsflächen) noch eine Restpopulation.
  • Ökologische Fläche: Genf schreibt vor, dass 10 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche als ökologische Ausgleichsfläche geführt werden. Diese Massnahme ist wirkungsvoller für die Artenvielfalt als jede Bejagungsregulation.
  • Leittierschutz: In Genf werden Leittiere – erfahrene Alttiere, die soziales Wissen weitergeben – besonders geschützt. Das führt zu stabilen Sozialstrukturen in Wildtiergruppen und weniger Konfliktverhalten.

Die ERASM-Umfrage 2004 und das Parlamentsvotum 2009

2004 führte das Meinungsforschungsinstitut ERASM eine repräsentative Umfrage in der Genfer Bevölkerung durch. Das Ergebnis war eindeutig: 90 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine Wiedereinführung der Hobby-Jagd aus. 2005 bestätigte eine Volksabstimmung dieses Ergebnis: Erneut sprachen sich 90 Prozent der Stimmenden für die Beibehaltung des Jagdverbots aus. Diese Haltung übersetzte sich 2009 in eine eindeutige Parlamentsabstimmung: Der Grosse Rat des Kantons Genf lehnte eine Motion zur Wiedereinführung der Jagd mit 70 zu 7 Stimmen ab – ein nahezu einstimmiges Bekenntnis zum Verbot. Auch jagdpolitisch interessierte Kreise innerhalb der bürgerlichen Parteien stimmten mehrheitlich für den Erhalt des Verbots.

Vergleich mit der Milizjagd: Was kostet die Hobby-Jagd?

Der finanzielle Vergleich zwischen dem Genfer Modell und der Milizjagd in anderen Kantonen fällt deutlich aus. Das Genfer Wildtiermanagement kostet insgesamt rund 1,2 Millionen Franken pro Jahr – davon rund 600’000 Franken für Personal. Für einen vergleichbar grossen Kanton mit Milizjagd müssen folgende Positionen eingerechnet werden:

  • Kantonale Jagdverwaltung (Verwaltungspersonal, IT, Statistik): 300’000–600’000 Fr.
  • Kantonale Wildhut zur Aufsicht der Hobby-Jäger: 400’000–800’000 Fr.
  • UVG-anerkannte Jagdunfallkosten (schweizweit 3,6 Mio. Fr., anteilsmässig): 100’000–200’000 Fr.
  • Wildschadensregulierungen und Entschädigungen: variabel, oft 100’000+ Fr.

Insgesamt liegen die Kosten der Milizjagd pro Kanton oft über dem, was ein professionelles Wildhüterkorps nach Genfer Vorbild kosten würde – bei schlechterer Zielgenauigkeit, niedrigerer Soforttodrate und weniger ökologischer Effizienz. Das Dossier «Argumentarium für professionelle Wildhüter» liefert die Detailrechnung.

Ist das Genfer Modell auf andere Kantone übertragbar?

Jagdverbände argumentieren regelmässig, Genf sei ein Sonderfall: zu klein, zu urban, zu wenig Alpgebiete. Dieses Argument hält einer näheren Prüfung nicht stand. Genf ist zwar flächenmässig der kleinste Schweizer Kanton, hat aber eine hohe Artenvielfalt und beachtliche Wildtierdichten – gerade weil das Jagdverbot gilt. Ausserdem zeigt das Beispiel Luxemburg, dass ein weitgehender Verzicht auf die Milizjagd auch in grösseren, stärker agrarisch geprägten Gebieten möglich ist. Was gegen eine Übertragung spricht, ist nicht die Geografie, sondern die Politik: Die Jagdlobby hat in den meisten Kantonen eine starke institutionelle Stellung, die eine Reform des Systems verhindert.

Das Dossier «Alternativen zur Hobby-Jagd» zeigt konkrete Wege, wie eine Reform aussehen könnte, und das Dossier «Genf und das Jagdverbot» dokumentiert das Genfer Modell im Detail.

Was andere Kantone von Genf lernen könnten

Die Lehren aus 50 Jahren Genfer Jagdverbot lassen sich auf vier Kernpunkte verdichten:

  • Professionalisierung wirkt: Zwölf ausgebildete Berufsjäger erzielen bessere ökologische Resultate als Tausende von Hobby-Jägern mit unterschiedlichem Ausbildungsniveau.
  • Ökologische Fläche ist entscheidend: Die 10 %-Regel für Ausgleichsflächen fördert Artenvielfalt weit wirksamer als jede Jagdmassnahme.
  • Leittierschutz stabilisiert Populationen: Wer erfahrene Tiere schützt, erhält soziale Strukturen, die zu weniger Konfliktverhalten führen.
  • Zivilgesellschaftliche Kontrolle ist möglich: Eine Fauna-Kommission mit Natur- und Tierschutzvertreterinnen kann Wildtierpolitik demokratisch legitimieren und fachlich absichern.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

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