05.11.2026, 01:52

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Das Rebhuhn in der Schweiz: Verschwunden, weil Pestizide wichtiger waren als Artenvielfalt

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts lebten rund 10’000 Rebhühner in den Schweizer Ackerbaugebieten. In Graubünden wurden Brutpaare bis auf 1’300 Meter über Meer gefunden. Dann kam die Intensivierung der Landwirtschaft: Pestizide, Herbizide, Flurbereinigung, Monokulturen. Die Insekten verschwanden, die Wildkräuter verschwanden, die Brachen verschwanden. Und mit ihnen das Rebhuhn. Als Brutvogel ist das Rebhuhn in der Schweiz faktisch verschwunden, die Rote Liste der Brutvögel 2021 stuft es als «vom Aussterben bedroht» (CR) ein. Die Vogelwarte Sempach nennt es einen «betrüblichen Zeugen für die Verarmung des Kulturlands». Trotzdem steht es bis heute auf der Liste der jagdbaren Arten des Bundes. In Deutschland ist der Bestand laut NABU seit 1980 um 87 Prozent eingebrochen. Das Rebhuhn wurde 2026 zum Vogel des Jahres gewählt, ein letzter Hilferuf. Dieses Dossier dokumentiert, was geschehen ist, warum Wiederansiedlungsversuche scheiterten und was das Rebhuhn über den Zustand unserer Landwirtschaft verrät.

Steckbrief und Biologie

Merkmale

Das Rebhuhn (Perdix perdix) gehört zur Ordnung der Hühnervögel (Galliformes) und zur Familie der Glattfusshühner (Phasianidae). Es ist rund 30 Zentimeter gross und wiegt 290 bis 470 Gramm. Das überwiegend braungraue Gefieder macht es zum Tarnungskünstler. Erwachsene Tiere tragen eine orangebraune Kopfzeichnung und einen schwarzbraunen, hufeisenförmigen Bauchfleck. Das Rebhuhn ist von Westeuropa bis ins westliche Zentralsibirien verbreitet, hauptsächlich in Tieflagen unter 600 Metern. Sein ursprünglicher Lebensraum sind Steppen und Waldsteppen, erst die Landwirtschaft machte es zum Kulturfolger.

Lebensweise und Nahrung

Rebhühner leben in Paaren oder in sogenannten «Ketten» (Familienverbände mit Jungtieren). Sie sind Bodenlebende, scheue Tiere, die selten fliegen. Erwachsene ernähren sich von Grashalmen, Wildkräutern und Samen. Die Küken sind in den ersten Lebenswochen vollständig auf Insekten und Spinnen angewiesen. Genau hier liegt das Problem: Wo Pestizide die Insekten abtöten und Herbizide die Wildkräuter beseitigen, verhungern die Küken. Die Kükensterblichkeit stieg von rund 50 Prozent in den 1930er-Jahren auf über 70 Prozent an, der zentrale Mechanismus des Bestandseinbruchs.

Rote-Liste-Status

In der Schweiz: «vom Aussterben bedroht» (CR) gemäss Roter Liste der Brutvögel 2021, die zugleich vom «faktischen Verschwinden» des Rebhuhns im tief gelegenen Kulturland spricht. In Deutschland: stark gefährdet (Kategorie 2), 35’000 bis 61’000 Brutpaare, Bestandsrückgang um 87 Prozent seit 1980 (NABU). Europäisch: 94 Prozent Bestandsrückgang seit 1980. Vogel des Jahres 2026 in Deutschland (NABU/LBV).

Warum das Rebhuhn in der Schweiz verschwunden ist

Intensivlandwirtschaft als Hauptursache

Der Zusammenbruch der Rebhuhn-Population in der Schweiz begann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, parallel zur Intensivierung der Landwirtschaft. Pestizide vernichteten die Insekten, von denen die Küken leben. Herbizide beseitigten die Wildkräuter, die den erwachsenen Tieren Nahrung und Deckung boten. Flurbereinigungen eliminierten Hecken, Feldraine und Brachen, die als Brutplätze dienten. Die frühe Mahd verwandelte Wiesen in ökologische Fallen für Bodenlebende. Die Grösse der Felder nahm zu, die Vielfalt der Kulturen nahm ab. Das Resultat: ein Lebensraum, in dem das Rebhuhn nicht mehr überleben konnte.

Gescheiterte Wiederansiedlung

1991 beauftragte das BAFU die Vogelwarte Sempach mit einem Förderungsprojekt. Im Klettgau (SH) und in der Champagne genevoise wurden in enger Zusammenarbeit mit Landwirten Lebensräume aufgewertet: Buntbrachen, Niederhecken, extensive Wiesen. Im Klettgau, wo das Rebhuhn Anfang der 1990er-Jahre ausgestorben war, wurden ab 2002 Rebhühner ausgesetzt. Bis 2004 wuchs der Bestand auf rund 20 Brutpaare. Nach dem schneereichen Winter 2005/2006 brach er auf fünf Paare ein. Laut Vogelwarte war der Bruterfolg insgesamt zu gering, und der ökologisch aufgewertete Lebensraum erwies sich als zu klein. Seit 2008 werden keine Rebhühner mehr ausgesetzt (Kanton Schaffhausen, Medienmitteilung 3.7.2007; Regierungsrat SH, Kleine Anfrage 14/2009). In der Champagne genevoise, im Kanton Genf mit Jagdverbot, aber ohne Prädatorenbejagung, scheiterte das Projekt ebenfalls. Der Grund war nicht die fehlende Jagd auf Füchse, sondern der fehlende Lebensraum: zu wenig Insekten, zu wenig Struktur, zu viel Pestizid.

Das Rebhuhn als Symptom

Die Vogelwarte Sempach ordnet das Verschwinden des Rebhuhns in eine Reihe von Kulturlandarten ein, die in der Schweiz kein Auskommen mehr finden: Schwarzstirnwürger, Haubenlerche, Raubwürger, Rotkopfwürger, Ortolan und nun Rebhuhn. Die Rote Liste der Brutvögel 2021 warnt: Nach dem Verschwinden von Rebhuhn und Ortolan sind auch Turteltaube und Grauammer zunehmend gefährdet. Ihr Überleben in der Schweiz ist infrage gestellt. Das Rebhuhn ist kein Einzelfall, sondern ein Indikator für den systematischen Kollaps der Biodiversität im Kulturland.

Mehr dazu: Dossier: Jagd und Biodiversität

Die Lage in Europa: 94 Prozent Verlust

Deutschland: Vogel des Jahres 2026

In Deutschland leben noch 35’000 bis 61’000 Brutpaare, 1999 waren es 56’000 bis 91’000. Seit 1980 ist die Population laut NABU um 87 Prozent geschrumpft. NABU und LBV haben es zum Vogel des Jahres 2026 gewählt. Der NABU hat zudem bei der EU-Kommission Beschwerde gegen Deutschland eingereicht, weil Bund und Länder seit Jahrzehnten gegen die EU-Vogelschutzrichtlinie verstiessen. In Deutschland wird das Rebhuhn trotz seines dramatischen Rückgangs in vielen Bundesländern weiterhin bejagt.

Europa: Ein Kontinent, der seine Feldvögel verliert

Eine 2023 in «Proceedings of the National Academy of Sciences» veröffentlichte Studie wertete Beobachtungsdaten von 170 Vogelarten an über 20’000 Standorten in 28 europäischen Ländern aus. Das Ergebnis: Die Hauptursache des Artensterbens bei Vögeln ist die intensive Landwirtschaft mit synthetischen Pestiziden. Der Zusammenhang zwischen Pestizideinsatz und Insektenrückgang einerseits und dem Bestandseinbruch insektenfressender Vögel andererseits ist wissenschaftlich belegt. In deutschen Schutzgebieten ging die Biomasse fliegender Insekten innert 27 Jahren um mehr als drei Viertel zurück (Hallmann et al. 2017, PLOS ONE). Von den rund 600 Wildbienenarten in Deutschland gilt etwa die Hälfte als gefährdet oder ausgestorben.

Die Rolle der Hobby-Jagd

Bejagung trotz Zusammenbruch

In der Schweiz steht das Rebhuhn bis heute auf der Liste der jagdbaren Arten, mit einer Schonzeit vom 1. Dezember bis 15. Oktober (JSG, Art. 5 Abs. 1 Bst. l). Die Eidgenössische Jagdstatistik weist in den 1960er-Jahren über 3’000 geschossene Rebhühner pro Jahr aus (1962: 3’750), die letzten Abschüsse stammen von 1987. Auch in Deutschland wird es in mehreren Bundesländern weiterhin bejagt, obwohl sein Bestand um 87 Prozent eingebrochen ist. Der NABU fordert ausdrücklich, die Bejagung einzustellen. Die Hobby-Jägerschaft hat am Verschwinden des Rebhuhns nicht die alleinige Schuld, doch sie hat sich nie dafür eingesetzt, die Art aus der Liste der jagdbaren Arten zu streichen. In der Schweiz werden mit Waldschnepfe, Alpenschneehuhn und Feldhase weitere Arten der Roten Liste weiterhin bejagt: 2025 wurden 1’400 Waldschnepfen, 1’343 Feldhasen und 223 Alpenschneehühner getötet (Jagdstatistik Schweiz 2025).

Das Jagd-Alibi: «Beutegreifer sind schuld»

Die Jagdlobby argumentiert, das Rebhuhn sei wegen fehlender «Raubwildbejagung» verschwunden. Dass das Wiederansiedlungsprojekt in der Champagne genevoise ohne Prädatorenbejagung scheiterte, wird als Beweis angeführt. Doch die Fakten widersprechen: Auch im Klettgau, wo Beutegreifer bejagt wurden, scheiterte das Projekt: Im Projektgebiet wurden von 1999 bis 2009 insgesamt 47 Füchse geschossen (Regierungsrat SH, Kleine Anfrage 14/2009). Die Kükensterblichkeit ist primär auf Insektenmangel durch Pestizide zurückzuführen, nicht auf Prädation. Der Fuchs war in der Schweiz nie der Hauptgrund für das Verschwinden des Rebhuhns. Die industrielle Landwirtschaft war es.

Mehr dazu: Dossier: Jagdmythen

Was sich ändern müsste

  • Pestizidreduktion als Priorität: Die EU-Pestizidreduktionsrichtlinie muss konsequent umgesetzt werden. In der Schweiz braucht es verbindliche Reduktionsziele für synthetische Pestizide und Herbizide in Ackerbaugebieten, nicht als Empfehlung, sondern als Gesetz.
  • 10 Prozent ökologische Vorrangflächen: Auf jedem Betrieb müssen mindestens 10 Prozent der Fläche aus der Produktion genommen und als Brachen, Blühstreifen, Niederhecken oder Feldraine der Natur zurückgegeben werden. Brachen sind der wichtigste Lebensraum für Rebhühner und Hunderte anderer Arten.
  • Alle gefährdeten Arten aus der Jagdliste streichen: In der Schweiz werden Waldschnepfe, Alpenschneehuhn, Feldhase und andere Rote-Liste-Arten weiterhin bejagt. Das ist mit dem Artenschutz unvereinbar. Gefährdete Arten gehören auf die Schutzliste, nicht auf die Abschussliste.
  • Agrarpolitik an Biodiversität messen: Die Schweizer Agrarpolitik (AP) muss Biodiversitätsziele verbindlich verankern. Direktzahlungen müssen stärker an ökologische Leistungen geknüpft werden, nicht an Produktionsmenge.
  • Langfristiges Monitoring und Wiederansiedlungsprojekte: Neue Wiederansiedlungsversuche sind nur sinnvoll, wenn vorher die Lebensräume wiederhergestellt sind. Ohne Insekten, ohne Brachen, ohne Wildkräuter gibt es kein Rebhuhn.

Argumentarium

«Das Rebhuhn ist wegen fehlender Fuchsbejagung verschwunden.» Auch im Klettgau, wo Füchse bejagt wurden, scheiterte die Wiederansiedlung. Die Hauptursache des Rebhuhnrückgangs ist der Insektenmangel durch Pestizide, nicht Prädation. In ganz Europa sind die Bestände um 94 Prozent eingebrochen, in Ländern mit und ohne Fuchsbejagung gleichermassen. Den Fuchs zum Sündenbock zu machen, lenkt von der eigentlichen Ursache ab: der industriellen Landwirtschaft.

«Das Rebhuhn kann man durch Aussetzung wieder ansiedeln.» Zwei Jahrzehnte Wiederansiedlungsversuche in der Schweiz (Klettgau SH, Champagne genevoise) sind gescheitert. Aussetzungen funktionieren nicht, wenn der Lebensraum nicht stimmt. Ohne Insekten verhungern die Küken. Ohne Brachen fehlen die Brutplätze. Zuerst muss der Lebensraum wiederhergestellt werden, dann kann über Wiederansiedlung nachgedacht werden.

«Das Rebhuhn war schon immer selten in der Schweiz.» Falsch. Mitte des 20. Jahrhunderts schätzte man den Bestand auf rund 10’000 Individuen. In früheren Jahrhunderten war das Rebhuhn noch weiter verbreitet. Erst die Intensivierung der Landwirtschaft nach 1950 zerstörte seinen Lebensraum systematisch.

«Das Verschwinden des Rebhuhns ist ein lokales Problem.» Der Bestand ist europäisch um 94 Prozent eingebrochen. In der Schweiz faktisch verschwunden, in Deutschland stark gefährdet. Das Rebhuhn ist eine Indikatorart: Wo es verschwindet, verschwinden auch Feldlerche, Braunkehlchen, Kiebitz und Grauammer. Das Problem ist systemisch und direkt mit der EU-Agrarpolitik und der Schweizer Agrarpolitik verknüpft.

«Die Landwirtschaft kann sich die geforderten Massnahmen nicht leisten.» Die EU gibt rund ein Drittel ihres Haushalts für Agrarförderung aus. Die Schweiz zahlt Milliarden an Direktzahlungen. Es fehlt nicht an Geld, sondern an politischem Willen, Biodiversitätsziele ernst zu nehmen. 10 Prozent Vorrangflächen und Pestizidreduktion sind keine Luxusforderungen, sondern Überlebensbedingungen für Hunderte von Arten.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild

Verwandte Dossiers:

Quellenangaben

  • Schweizerische Vogelwarte Sempach (2020): Rebhuhn: eine weitere Kulturlandart verschwunden. Zustandsbericht
  • BAFU / Schweizerische Vogelwarte (2021): Rote Liste der Brutvögel (Rebhuhn: CR) (bafu.admin.ch)
  • BAFU, Eidgenössische Jagdstatistik: Abschuss und Aussetzung Rebhuhn 1933–2025, abgefragt am 21.10.2026 (jagdstatistik.ch)
  • Kanton Schaffhausen / Schweizerische Vogelwarte (2007): Marschhalt bei der Wiederansiedlung des Rebhuhns im Klettgau. Medienmitteilung vom 3. Juli 2007
  • Regierungsrat des Kantons Schaffhausen (2009): Kleine Anfrage 14/2009 betreffend Widen/Rebhuhnprojekt
  • Hallmann, C. A. et al. (2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLOS ONE
  • NABU (2025): Laut werden für das Rebhuhn! Kampagne zum Vogel des Jahres 2026
  • NABU: EU-Beschwerde gegen Deutschland wegen Vogelschutzrichtlinie (Rebhuhn)
  • Rigal, S., Devictor, V. et al. (2023): Farmland practices are driving bird population decline across Europe. Proceedings of the National Academy of Sciences
  • Deutsche Wildtier Stiftung: Wie kann das Rebhuhn gerettet werden? PARTRIDGE-Projekt
  • Umweltinstitut München (2025): Vogel des Jahres 2026. Warum das Rebhuhn ein Symbol für das Artensterben ist
  • Schweizerische Vogelwarte: Brutbestandsindex Rebhuhn ab 1990, Wiederansiedlungsprojekte Klettgau SH und Champagne genevoise
  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG, SR 922.0), Art. 5 Abs. 1 Bst. l

Unser Anspruch

Das Rebhuhn ist nicht an Altersschwäche gestorben. Es wurde ausgerottet, durch eine Agrarpolitik, die Produktionsmenge über Artenvielfalt stellte. 10’000 Rebhühner verschwanden, weil Pestizide billiger waren als Biodiversität. Was in der Schweiz bereits geschehen ist, droht in Deutschland und ganz Europa: der systematische Verlust der Feldvögel. Das Rebhuhn steht stellvertretend für Feldlerche, Braunkehlchen, Kiebitz und Grauammer. Sein Verschwinden ist ein Warnsignal, das niemand ignorieren darf. Dass gefährdete Arten wie Waldschnepfe, Alpenschneehuhn und Feldhase in der Schweiz weiterhin bejagt werden dürfen, zeigt, dass die Politik aus dem Rebhuhn-Desaster nichts gelernt hat. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.