Hundert Schweizer Laufhunde in Malvaglia
Während im Bleniotal rund hundert Schweizer Laufhunde nach Morphologie und «Jagdtauglichkeit» bewertet werden, zeigt der Kanton Genf seit 1974, dass eine moderne Wildtierverwaltung ganz ohne Meutehunde, ohne Stöberhunde und ohne abgerichtete Schweisshunde auskommt. Eine Einordnung.
Am vergangenen Sonntag verwandelte sich Malvaglia im Bleniotal in den nationalen Treffpunkt der Schweizer Laufhundzüchter.
Rund hundert Tiere aus der ganzen Schweiz, mit ticinesischer Mehrheit, sowie Teilnehmer aus Nachbarländern und aus Grossbritannien wurden auf dem Ring nach «Morphologie, Jagdverhalten und Rassestandard» beurteilt. Veranstalter war der Club Segugio Svizzero, der die Rasse pflegt und vermarktet. Neu in diesem Jahr: die Gründung des sogenannten «Pool Cinofilo Venatorio Ticino», der die Zusammenarbeit zwischen Hobby-Jägern, Züchtern und Behörden im Kanton Tessin weiter institutionalisieren soll.
Was nach Folklore und Hundeschau klingt, ist in Wahrheit ein zentraler Baustein eines Systems, das Wildtiere zu Beute degradiert und Hunde zu Werkzeugen macht.
Jagdhunde: Werkzeuge, keine Familienmitglieder
Die Hobby-Jagd in der Schweiz funktioniert in weiten Teilen nur deshalb, weil Jagdhunde Wildtiere aufstöbern, hetzen, stellen oder nach dem oft schlechten Schuss der Hobby-Jäger nachsuchen. Schweisshunde finden angeschossene Rehe und Wildschweine, die ihre Halter nicht sauber erlegt haben. Stöberhunde treiben Wildschweine bei Drück- und Treibjagden in panischer Flucht vor die Schützen. Meutehunde stellen Wildtiere, bis ein Schuss aus kürzester Distanz möglich ist, oder verbeissen sich bei Tierkämpfen, die das Tierschutzgesetz eigentlich verbietet.
Wie problematisch der Einsatz von Jagdhunden ist, dokumentiert «Wild beim Wild» seit Jahren. Im hessischen Wehrheim sorgten Schweizer Stöberhunde 2024 für minutenlange Todeskämpfe schreiender Wildschweine, festgehalten auf Video durch Augenzeugen (siehe «Tierquälerei mit Schweizer Hilfe»). Im bayerischen Cham hetzte ein Hobby-Jäger seine Hunde so lange auf gesunde Wildschweine, bis diese erschöpft mit der Saufeder erstochen werden konnten. Das Verfahren endete mit einem Strafbefehl wegen Tierquälerei (siehe Fall Lasse Böckmann). In Davos jagte der Schweisshund eines Vorstandsmitglieds von «Jagd Schweiz» ein Reh durch ein Wohnquartier (siehe Fall Tarzisius Caviezel).
Zwinger statt Familie: Die unsichtbare Tierquälerei zwischen den Jagdsaisons
Was in Malvaglia auf dem Ring zur Schau gestellt wird, sind Hunde im Festtagsmodus: gestriegelt, präsentiert, bewertet. Was nicht gezeigt wird, ist der Alltag dieser Tiere zwischen den Jagdsaisons. Genau weil viele Jagdhunde gezielt auf Aggression, Schärfe und einen extremen Beutetrieb gezüchtet und konditioniert werden, gelten sie ihren Haltern als zu gefährlich für eine normale Familienhaltung. Die Folge: Ein grosser Teil der Schweizer Jagdhunde fristet sein Dasein nicht im Wohnzimmer, sondern in Zwingern, Kellern, Balkone oder an der Leine, oft ohne täglichen Auslauf und ohne sozialen Kontakt zu Mensch oder Artgenossen.
Das Schweizer Tierschutzrecht ist in dieser Frage eindeutig: Hunde müssen täglich im Freien und ihren Bedürfnissen entsprechend ausgeführt werden. Die ganzjährige Haltung an der Kette oder im Zwinger entspricht nicht den Bedürfnissen der Jagdhunde und ist abzulehnen. Der Schweizer Tierschutz STS hält in seinem Positionspapier zu Jagdhunden fest, dass von deren Ausbildung und Einsatz, ausser bei der Nachsuche, rein gar nichts zu halten ist.
Die Realität bei vielen Hobby-Jägern sieht jedoch anders aus. Im jurassischen Kanton wurde dokumentiert, wie Jagdhunde ohne täglichen Auslauf und ohne Aussengehege in einer schlechten Verfassung gehalten werden, mit entsprechend aggressivem Verhalten als direkter Folge der jahrelangen Tierquälerei. Hunde, die für die Jagd verwendet werden, verbringen nicht selten das ganze Jahr ein leidiges und trostloses Leben in einem gesetzwidrigen Zwinger und können sich nur während der Jagdzeit austoben. Manche gehen bei der Hobby-Jagd verloren oder werden getötet.
Der Mechanismus dahinter ist zynisch: Der intensiv angezüchtete Jagdtrieb ist nur während der Hobby-Jagd erwünscht. Den Rest des Jahres, also etwa zehn bis elf Monate, wird derselbe Trieb durch Zwinger oder Leine zwangsweise unterdrückt. Das ist kein Hundeleben, sondern eine Form von Dauerstress, die sich bei jeder Drückjagd in noch grösserer Aggressivität gegen Wildtiere entlädt. Der Hund wird dadurch gleich doppelt zum Opfer: einmal als gequältes Haustier, einmal als Werkzeug, das wiederum andere Tiere quält.
Schliefanlagen und Wildschweingatter: Die dunkle Seite der «Jagdhundeausbildung»
Die Hobby-Jagd betreibt mit der Ausbildung ihrer Hunde an lebenden Wildtieren eine systematische Tierquälerei. In Schliefanlagen werden Füchse in künstlichen Bauen gehalten, damit Hunde lernen, sie zu stellen. In Wildschweingattern, wie sie auch in der Schweiz diskutiert werden, sollen Hunde an handzahmen Wildschweinen «scharf gemacht» werden. Die Stiftung Tier im Recht hat in einem Gutachten festgehalten, dass die Baujagd den Straftatbestand der Tierquälerei mehrfach erfüllt.
Hinter dem Glanz der Hundeschau in Malvaglia steht somit ein Geschäftsmodell, das Hunde gezielt für das Hetzen und Stellen von Wildtieren konditioniert und dabei oft selbst zu schweren Verletzungen, Aujetzkyscher Krankheit und psychischer Verrohung führt.
Genf: Seit 1974 ohne Hobby-Jäger und ohne Jagdhunde
Wer in Malvaglia stolz Rasseurkunden präsentiert, sollte einen Blick an die Rhone werfen. Im Kanton Genf ist die Hobby-Jagd seit der Volksabstimmung vom 19. Mai 1974 verboten. Rund zwei Drittel der Stimmenden sagten damals Ja zur tierschützerisch motivierten Initiative. Seither erledigen zwölf kantonale Berufswildhüter, die «Police de la nature», alle notwendigen Eingriffe in die Wildtierpopulation. Ohne Meutehunde, ohne Schweisshunde, ohne Stöberhunde.
Die Bilanz nach über 50 Jahren ist eindeutig (siehe Dossier «Wie funktioniert das Genfer Jagdverbot?»):
- Soforttodrate von 99,5 Prozent bei Sanitärabschüssen durch Berufswildhüter, ein Wert, den die Milizjagd in keinem anderen Kanton erreicht.
- Feldhasendichte von 17,7 Tieren pro 100 Hektaren, einer der höchsten Werte der Schweiz, obwohl der Feldhase vor 1974 in Genf vom Aussterben bedroht war.
- Verzehnfachung der überwinternden Wasservögel an den Ufern des Genfersees und der Rhone.
- Praktisch keine Forstschäden, vergleichbare Wildschadenszahlen wie im jagdlich bewirtschafteten Kanton Schaffhausen.
- Gesamtkosten von rund 1,2 Millionen Franken pro Jahr für 500’000 Einwohner, inklusive Schadenprävention und Entschädigung der Landwirte. Pro Kopf weniger als eine Tasse Kaffee.
Genfs Faunainspektor Gottlieb Dandliker hält fest: «Diese Regulation erfolgt ausschliesslich durch Wildhüter, es werden keine Amateurjäger einbezogen.» Die Berufswildhüter arbeiten mit Lichtverstärkern und Nachtsichttechnik, nicht mit Hundemeuten. Dass Wildtiere aus dem stark bejagten Frankreich und dem Kanton Waadt sogar über die Rhone schwimmen, um in Genf «Asyl» zu suchen, ist mittlerweile gut dokumentiert.
Was das für Malvaglia, das Tessin und die ganze Schweiz heisst
Die Schau in Malvaglia inszeniert eine «Tradition», die in einem Schweizer Kanton seit über fünf Jahrzehnten ersatzlos abgeschafft ist. Ohne ökologische Katastrophe, ohne Wildschweinplage, ohne Sicherheitsprobleme. Im Gegenteil: Die Biodiversität ist in Genf höher, die Wildtiere weniger scheu, die Soforttodrate bei den wenigen notwendigen Abschüssen massiv besser als in jagdlich bewirtschafteten Kantonen.
Wer in Malvaglia Hunde nach «Jagdtauglichkeit» bewertet, bewertet im Grunde, wie effizient ein Tier andere Tiere quälen kann, und nimmt dafür in Kauf, dass diese Tiere selbst den grössten Teil ihres Lebens im Zwinger verbringen müssen. Genf braucht das nicht. Luxemburg braucht das in weiten Teilen nicht. Die übrige Schweiz könnte es ebenfalls nicht brauchen. Was fehlt, ist nicht ein neuer «Pool Cinofilo Venatorio», sondern der politische Wille, das Genfer Modell endlich auch im Tessin und in der Deutschschweiz zur Diskussion zu stellen.
Die hundert Laufhunde von Malvaglia sind keine Folklore. Sie sind das Symbol eines Systems, das Wildtiere und Hunde gleichermassen instrumentalisiert und einsperrt. Genf hat den Beweis erbracht, dass es anders geht. Es wird Zeit, diesen Beweis ernst zu nehmen.
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