Freigesprochen: Der Wolf war es nicht
Neue Zahlen von Identitas und Proviande zeigen: Krankheit, Marktlogik und Klima entscheiden über Leben und Tod der Schweizer Schafe – nicht der Wolf.
Ein Jahr nach unserem ersten Beitrag zum Schafsterben in der Schweiz zeigen die aktuellsten Zahlen ein noch deutlicheres Bild: Der Wolf bleibt für die Schweizer Schafpopulation die kleinste aller Bedrohungen – während gleichzeitig so viele Wolfsrudel wie nie zuvor durch die Schweiz ziehen.
Die Zahlen 2025: Erstmals ein Rückgang – aber auf hohem Niveau
Gemäss den Rohdaten der Tierverkehrsdatenbank von Identitas AG verendeten in der Schweiz:
- 2020: 29’740 Schafe
- 2021: 40’236 Schafe
- 2022: 48’309 Schafe
- 2023: 48’659 Schafe
- 2024: 59’841 Schafe
- 2025: 52’408 Schafe (−12,4 % gegenüber 2024)
- 2026 (Januar bis Juli): bereits 24’870 Schafe
Der langjährige Aufwärtstrend hat sich 2025 damit erstmals nicht fortgesetzt. Dennoch liegt die Zahl weiterhin deutlich über dem Niveau von 2022/2023. Der Schafbestand selbst lag Ende Juli 2025 bei 438’055 registrierten Tieren.
(Hinweis zur Methodik: Die hier verwendete Auswertung vom August 2026 weicht leicht von der 2024er-Zahl ab, die Anfang 2025 medial kursierte, 56’838 Tiere. Die Identitas-Datenbank wird laufend rückwirkend ergänzt, wenn Meldungen nachträglich eintreffen; die aktuelle Auswertung ist entsprechend vollständiger.)
Warum die Zahl 2025 sank und warum das keine Entwarnung ist
Die Blauzungenkrankheit: zweite Welle statt Entwarnung
Die seit Ende August 2024 in der Schweiz grassierende Blauzungenkrankheit (BTV-8 und BTV-3) bleibt ein zentraler Faktor. Bis zur vektorfreien Winterperiode 2024/2025 gingen knapp 2’000 Seuchenmeldungen bei Rindern und Schafen ein. Nach dem saisonal bedingten Rückgang über den Winter meldeten die kantonalen Veterinärämter ab Ende August 2025 wieder deutlich mehr Fälle – unter anderem in der Ostschweiz, wo aktuell hauptsächlich BTV-3 zirkuliert. Auch im Frühjahr 2026 bezeichnen Tierärztinnen das Thema als weiterhin «brennend».
Der Schweizerische Schafzuchtverband (SSZV) registrierte einen Rückgang der gemeldeten Lämmergeburten von rund 30’000 (Januar 2025) auf rund 28’000 (Januar 2026) und diskutiert die Blauzungenkrankheit als mögliche Ursache – über weniger erfolgreiche Trächtigkeiten. Ein direkter Kausalnachweis steht noch aus.
Trockenheit 2026: Rinder zuerst, Schafe folgen
Der aussergewöhnlich trockene Sommer 2026 hat in weiten Teilen der Schweiz zu Wassermangel auf den Alpen geführt. Die Berichterstattung dazu betrifft bislang fast ausschliesslich Rinder: In den Kantonen Jura, Graubünden, Schwyz, Uri, Nidwalden und Obwalden mussten Rinderherden bereits vorzeitig von der Alp geholt werden, teilweise über Wassertransporte per Lastwagen oder Helikopter versorgt oder notgeschlachtet werden.
Der Grund dafür, dass Schafe in dieser Berichterstattung praktisch nicht vorkommen, ist banal: Eine Kuh trinkt bis zu 100 Liter Wasser täglich, ein Schaf ein Vielfaches weniger und kommt mit kargen, trockenen Weiden erheblich besser zurecht. Das heisst nicht, dass Schafe verschont blieben – der leichte Anstieg der Schafschlachtungen im Frühsommer 2026 (siehe unten) fällt zeitlich mit der Dürre zusammen –, sondern lediglich, dass Rinder die dramatischeren Bilder liefern.
Die Schlachtbank
Die Verendungsstatistik von Identitas erfasst nur Tiere, die an Krankheit, Vernachlässigung oder Unfällen sterben. Sie sagt nichts über den grössten Teil des Schafsterbens in der Schweiz aus: die geplante, industriell organisierte Schlachtung.
Gemäss Proviande wurden geschlachtet:
- 2024: 231’615 Schafe
- 2025: 213’517 Schafe
- Januar–Mai 2026: 91’381 Schafe (+2,4 % gegenüber Vorjahreszeitraum; allein im Mai 2026 +12,4 % gegenüber Mai 2025)
Zusammengenommen bedeutet das: 2025 starben in der Schweiz über 265’000 Schafe durch Verendung oder Schlachtung – mehr als 60 % des gesamten registrierten Bestands in einem einzigen Jahr. Die Schlachtung ist dabei kein Unfall und keine Nebenfolge mangelhafter Haltung, sondern der eigentliche Zweck der Schafhaltung als landwirtschaftlichem Betriebszweig. Wer nach den «wahren Tätern» beim Schafsterben fragt, muss diesen Umstand mitdenken: Ein Grossteil der Schweizer Schafe ist von Anfang an für die Schlachtbank bestimmt, unabhängig von Wolf, Krankheit oder Wetter.
Rekord-Wolfsbestand, eingebrochene Risszahlen – zwei Fakten, ein Schluss
Während die eine Hälfte der Schafsterben-Statistik mit Krankheit, Markt und Klima erklärt werden muss, zeigt die andere Hälfte – die Wolfsrisse selbst – ein noch klareres Bild.
Der Bestand ist auf Rekordniveau. Nach der dritten Regulierungsperiode (1. September 2025 bis 31. Januar 2026) zählte das BAFU 30 vollständig in der Schweiz lebende sowie 10 grenzüberschreitende Rudel – insgesamt 40, mehr als je zuvor (Vorjahr: 36). Die Stiftung Kora kommt in ihrem Jahresbericht (Monitoringjahr Februar 2025 bis Januar 2026) auf 43 Rudel und schätzt den Gesamtbestand ebenfalls auf rund 350 Tiere. Trotz der Regulierung – 77 bis 89 erlegte Wölfe je nach Quelle und Zeitraum – wuchs die Zahl der Rudel weiter, gebremst, aber nicht gestoppt.
Gleichzeitig sind die Risszahlen eingebrochen – dort, wo Herdenschutz greift. Die vorläufige Rissbilanz 2025 von Pro Natura für den Kanton Wallis zeigt den Unterschied schwarz auf weiss: Von 316 durch Wölfe erbeuteten Nutztieren bis Ende Oktober waren 209 ungeschützt – nur 107 trotz Herdenschutzmassnahmen. Bei geschützten Tieren wurden dort rund 40 weniger gerissen als im Vorjahr; bei ungeschützten Tieren stieg die Zahl dagegen um über 30. Die Gruppe Wolf Schweiz bestätigt den Trend landesweit: In den meisten Kantonen mit Wolfsrudeln liegen die Risszahlen bei weniger als der Hälfte des Vorjahreswerts, in Graubünden und der Waadt besonders deutlich, im Wallis auf dem tiefsten Stand seit mindestens sechs Jahren.
Nicht alle Fachstimmen sind sich einig, was den Rückgang treibt – ein Blick auf die Zeitreihe spricht aber eine deutliche Sprache. Nach dem Rekordjahr 2022 (rund 1’800 Risse, damals erst 19 Rudel) sank die Zahl bereits 2023 auf rund 850 Fälle, ein Rückgang von 29 % innerhalb eines einzigen Jahres. Die proaktive Regulierung – also Abschüsse bereits vor Schadenseintritt – trat aber erst am 1. Dezember 2023 in Kraft, im letzten Monat jenes Jahres, und kann den Rückgang im Jahresverlauf 2023 damit kaum verursacht haben. Der Wolfsbestand wuchs zu diesem Zeitpunkt zudem weiter (25 Schweizer Rudel Ende 2023, gegenüber 19 im Vorjahr) – mehr Wölfe bei gleichzeitig deutlich weniger Rissen. Was zeitlich zusammenfällt, ist stattdessen der Ausbau der Herdenschutz-Finanzierung ab 2022. Auch das BAFU selbst räumt in seinem eigenen Bericht ein, den «Knick» in der Entwicklung «einerseits» mit der (früheren, tieferen) Schadensschwellen-Regulierung, «andererseits» mit dem verstärkten Herdenschutz zu erklären – wobei die zeitliche Abfolge für Letzteren spricht. Die Auswertung des Unternehmens Pro Valladas (publiziert in der NZZ, Marcel Züger), die den Rückgang primär der gezielten Regulierung zuschreibt und auf das österreichische Kärnten verweist, blendet diese Chronologie aus.
Was die Pro-Natura-Zahlen jedoch unabhängig von dieser Debatte belegen: Der entscheidende Unterschied verläuft nicht zwischen «viel Wolf» und «wenig Wolf», sondern zwischen geschützt und ungeschützt. Das arbeitet auch die Gruppe Wolf Schweiz heraus: In Regionen mit langjähriger Wolfspräsenz und etablierten Herdenschutzmassnahmen ist die Koexistenz weitgehend konfliktfrei, während neu besiedelte Gebiete mit schwachem oder fehlendem Herdenschutz die höchsten Rissraten verzeichnen.
Eine Verschiebung der Verantwortung
Die Fakten von 2025/2026 bestätigen und verschärfen den Befund unseres ersten Artikels: Der Wolf trägt an weniger als 2 % der insgesamt verendeten Schafe Schuld und selbst dieser kleine Anteil konzentriert sich überproportional auf ungeschützte Tiere, während geschützte Herden trotz Rekordbestand immer seltener betroffen sind. Die Zeitreihe zeigt zudem: Der grosse Rückgang der Risszahlen fand statt, bevor proaktiv reguliert wurde, und während der Bestand weiter wuchs – der Herdenschutz, nicht der Abschuss, macht den Unterschied. Gleichzeitig zeigt der Blick über die Verendungsstatistik hinaus: Krankheit (Blauzungenkrankheit), Klima (Trockenheit 2026) und vor allem die reguläre Schlachtung prägen das Schicksal von weit mehr Schweizer Schafen als jeder Beutegreifer. Die politische Debatte, die sich fast ausschliesslich um den Wolf dreht, verfehlt damit systematisch, wo die eigentlichen Ursachen liegen.
Mehr dazu: Schafsterben: Die wahren Täter stehen im Stall (Ursprungsartikel) · Val Fex: Wenn das Herdenschutzkonzept löchriger ist als der Zaun · Dossier Hobby-Jäger regulieren, nicht die Beutegreifer · Dossier Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet
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