Die immer gleichen Jagd-Argumente im Faktencheck
Beutetrieb, «Hobby» als Beleidigung, der teure Staatsjäger, die edle Weidgerechtigkeit: Wer die Hobby-Jagd verteidigt, greift erstaunlich oft zu denselben Argumenten. Eine Analyse zeigt, warum sie alle am selben Denkfehler scheitern.
Wer sich in sozialen Medien mit der Hobby-Jagd befasst, begegnet immer wieder denselben Verteidigungslinien.
Sie klingen unterschiedlich, manchmal philosophisch, manchmal empört, manchmal staatstragend, manchmal andächtig. Doch wer genauer hinsieht, erkennt ein Muster: Es sind im Kern wenige Argumente, und sie scheitern an erstaunlich ähnlichen Denkfehlern.
Dieser Beitrag nimmt die vier häufigsten vor, je in der Form, in der sie tatsächlich kursieren, und prüft sie an der Faktenlage. Am Ende wird deutlich, warum sie zusammengehören.
Argument 1: «Ich folge meinem Beutetrieb, das ist Natur»
Die erste Linie verlegt die Rechtfertigung in die Biologie. Sinngemäss: Der Mensch trage durch die Evolution einen genetisch verankerten Jagd- oder Beutetrieb in sich; ohne die Jagd unserer Vorfahren gäbe es uns gar nicht; also sei die Jagd etwas zutiefst Menschliches und kein Töten aus Lust.
Der Denkfehler: vom Sein auf das Sollen
Das ist ein naturalistischer Fehlschluss. Aus dem, was in der Natur geschieht oder einmal überlebenswichtig war, folgt nichts darüber, was der Mensch heute tun soll. Krankheit, Parasitismus und das Verenden von Jungtieren sind ebenso «Natur», ohne dass jemand sie zu Geboten erklärt. Dass Jagd in der Steinzeit oder Notzeiten dem Überleben diente, begründet kein Recht, heute in der Freizeit zu töten.
Bezeichnend ist, dass die Verteidiger den Unterschied selbst kennen. In einer typischen Variante heisst es, die Gefriertruhe sei gut gefüllt, man müsse gar keine Beute machen, könne bis nächste Woche warten und nicht schiessen, wenn die Bedingungen schlecht seien. Genau das widerlegt die Triebtheorie: Was sich durch Gesetz, Abschussplan und freie Entscheidung vollständig steuern lässt, ist kein Trieb, sondern eine bewusste Wahl. Und eine Wahl muss man ethisch rechtfertigen, nicht mit Genen entschuldigen.
Der zweite Trick: das Wort «jagen»
Eng damit verbunden ist eine sprachliche Volte: «Auch Jagdgegner jagen doch, nach Geld, Erfolg, Glück.» Hier wird «jagen» im übertragenen Sinn (streben) mit «jagen» im wörtlichen Sinn (ein Tier töten) gleichgesetzt. Wer nach Glück strebt, tötet niemanden. Die Gleichsetzung ist kein Argument, sondern ein Wortspiel, das vom eigentlichen Streitpunkt ablenkt.
Das unfreiwillige Eingeständnis
Am Ende widerlegt sich das Argument oft selbst. Wenn betont wird, Jagen sei «Leidenschaft» und «Passion», dann ist genau das eingestanden, was der Vorwurf meint. Leidenschaft und Passion sind starke positive Gefühle bei einer Tätigkeit. Der Streit dreht sich nie darum, ob im Moment des Schusses «Mordlust» empfunden wird, sondern darum, dass eine ganze Freizeitaktivität, in deren Zentrum das Töten steht, Vergnügen bereitet.
Argument 2: «‹Hobby-Jäger› ist nur eine Beleidigung»
Die zweite Linie dreht sich um das Wort selbst. Warum nennt man Priester ohne Weihe nicht «Hobbychristen», ehrenamtliche Politiker nicht «Hobbypolitiker», nicht ausgebildete Mütter nicht «Hobbymütter»? «Hobby-Jäger» sei reine Herabsetzung, gemünzt darauf, dem Jäger Unprofessionalität zu unterstellen.
Der Denkfehler: die schiefe Analogie
Alle Vergleichsbeispiele teilen ein Merkmal: Sie haben kein Opfer. Beten, Ehrenamt, Autofahren, Kindererziehung, das sind Tätigkeiten, die niemanden töten. Die Jagd unterscheidet sich genau hier. Das Wort «Hobby» unterstellt zudem gar nicht «du nimmst es nicht ernst», das ist ein vorgeschobener Strohmann. Es beschreibt einen Sachverhalt: eine freiwillig, in der Freizeit und zum eigenen Vergnügen ausgeübte Tätigkeit. Da heute niemand mehr jagen muss, um sich zu ernähren, treffen alle drei Merkmale zu. Der Begriff ist deskriptiv korrekt, nicht diffamierend. Wer von «Hobby-Fussballern» spricht, beleidigt auch keinen Sportler.
Wo Professionalität wirklich liegt
Der wahre Unterschied ist struktureller Natur, und er hat sehr wohl mit Professionalität zu tun, nur anders, als der Text suggeriert. Ein Hobby-Jäger kann gut ausgebildet sein und bleibt doch Amateur, weil er freiwillig, ohne Auftrag und zum Vergnügen handelt. Ein Berufswildhüter handelt im staatlichen Auftrag, weisungsgebunden, kontrolliert, rechenschaftspflichtig und nach wildbiologischen Kriterien.
Dass dieser Unterschied messbar ist, zeigen die Zahlen. Im Kanton Graubünden wurden in fünf Jahren rund 3’836 Tiere lediglich angeschossen; bei den Nachsuchen lag die Erfolgsquote teils bei nur 57 Prozent, das heisst, ein erheblicher Teil der angeschossenen Tiere wurde nie gefunden und verendete qualvoll. Und der direkte Effizienzvergleich ist drastisch: Ein professioneller Wildhüter in Genf braucht für den sanitarischen Abschuss eines Wildschweins rund 8 Stunden und maximal 2 Patronen, ein Hobby-Jäger im Kanton Zürich für denselben Abschuss 60 bis 80 Stunden und bis zu 15 Patronen. Das ist kein Werturteil, das ist ein Systemunterschied.
Die Jägersprache: Umdeutung als System
Dass die Umdeutung von Begriffen kein Zufall einzelner Verteidiger ist, zeigt die Jägersprache selbst. Über Jahrhunderte hat sich ein eigenes Vokabular entwickelt, das den Tötungsakt konsequent verschleiert: Ein Tier wird nicht getötet, sondern «erlegt»; es ist kein Lebewesen, sondern ein «Stück»; sein Blut heisst «Schweiss», seine Haut «Decke», die Summe der toten Tiere «Strecke». Ein bauchgeschossenes Reh mit heraushängenden Eingeweiden wird zum «waidwunden Stück». Diese Sprache benennt das Leid nicht, sie übersetzt es in einen geruchlosen Fachjargon. Wie in anderen abgeschotteten Milieus stiftet eine solche Gruppensprache Zusammenhalt nach innen und Distanz nach aussen, und sie erfüllt vor allem einen Zweck: Sie hält die Gefühle auf Abstand, die beim ehrlichen Satz «Ich habe ein Tier getötet» unvermeidlich wären.
Argument 3: «Staatsjäger wären teurer und schlechter»
Die dritte Linie ist die staatspolitische. Sie lautet: Das über 150 Jahre bewährte Revierpachtsystem beruhe auf unbezahltem, ehrenamtlichem Engagement; eine Verstaatlichung der Jagd koste den Steuerzahler Millionen; und ohnehin würde «kein noch so gut bezahlter Staatsjäger die Jagd gewissenhafter ausführen» als der Hobby-Jäger selbst.
Warum das kein Ehrenamt ist
Schon die Prämisse stimmt nicht. Ein Ehrenamt ist eine unentgeltliche Leistung zugunsten anderer. Die Hobby-Jagd ist das Gegenteil: Die Hobby-Jäger zahlen Pacht oder Patent, um jagen zu dürfen, und verlangen dafür eine Gegenleistung, nämlich das Töten selbst. Wer für den Zugang zu seinem Hobby bezahlt, leistet keinen Frondienst, sondern konsumiert ein kostenpflichtiges Vergnügen. Die viel beschworene «unbezahlte Arbeit» ist deshalb nicht selbstlos; sie ist der Eintrittspreis für das eigene Hobby. Ohne das Recht zu töten gäbe es diese Arbeit gar nicht. Damit fällt das Bild vom uneigennützigen Helfer in sich zusammen, noch bevor man die Kosten überhaupt aufrechnet.
Die Rechnung, die nie vorgelegt wird
Die Behauptung «Wir kosten den Staat nichts» ist eine Lüge durch Unterlassung. Die externen Kosten der Hobby-Jagd werden nie bilanziert. In der Schweiz ereignen sich jährlich rund 20’000 Wildunfälle mit geschätzten Versicherungskosten von rund 76 Millionen Franken, getragen über die Kaskoprämien aller Autofahrenden. Der Jagddruck erhöht die Fluchtdistanz der Tiere und verschärft diese Unfälle nachweislich. Jagdunfälle schlagen mit rund 300 anerkannten Fällen und etwa 3,6 Millionen Franken pro Jahr zu Buche, finanziert über die Unfallprämien aller Arbeitnehmenden, und das ist nur die Untergrenze, weil pensionierte Jäger, die grösste Risikogruppe, in der Statistik fehlen. Die Jagdverwaltung des Kantons Zürich schreibt jährlich rund 600’000 Franken Defizit.
Hinzu kommen Posten, die in keiner Jagdbilanz auftauchen. Rund die Hälfte der Schweizer Wälder sind Schutzwald; Bund, Kantone und Nutzniesser geben jährlich etwa 150 Millionen Franken für deren Pflege aus, und ein erheblicher Teil davon entfällt auf Verbissschäden, die der Jagddruck nachweislich verschärft, statt sie zu mindern. Dazu die Umweltbelastung durch bleihaltige Munition, die Böden, Gewässer und das Wildbret selbst kontaminiert.
Und schliesslich: Was sich nicht in Franken fassen lässt: Menschen sterben. Das betrifft nicht nur die direkten Jagdunfälle und die über 2’400 Wildunfälle mit Personenschaden, die allein in Deutschland jährlich registriert werden. Es betrifft auch eine Dimension, für die es bezeichnenderweise keine Statistik gibt: Tötungsdelikte mit Jagdwaffen. Die amtlichen Erhebungen schlüsseln Tatwaffen nicht danach auf, ob es sich um eine Jagdwaffe handelte, weshalb niemand die Gesamtzahl kennt. Was kriminologisch hingegen gut belegt ist: Eine Schusswaffe im Haushalt erhöht das Risiko vollendeter Beziehungstötungen und Suizide deutlich. Jagdwaffen gehören zu den grössten Gruppen legal und privat gelagerter Schusswaffen im DACH-Raum. Die in den Medien dokumentierten Fälle, in denen Hobby-Jäger mit ihrer legalen Waffe Partnerinnen, Familienangehörige oder sich selbst töteten, sind damit die sichtbare Spitze einer Dunkelziffer. Dass diese Todesfälle nirgends als Folgekosten der privaten Waffenhaltung erfasst werden, ist selbst Teil des Problems. Wer von einem System spricht, das «nichts kostet», blendet all das aus.
Dem steht das Genfer Modell gegenüber: Seit 1974 managen dort wenige professionelle Wildhüter die Wildtiere ganz ohne Hobby-Jagd, für rund eine Million Franken im Jahr, inklusive Wildschäden. Das entspricht etwa einer Tasse Kaffee pro Einwohner. Wildschäden vergleichbar, Biodiversität höher: Der Feldhase erreicht in Genf 17,7 Tiere pro 100 Hektar, in Zürich nur 1,0. Das «zu teuer»-Argument kehrt sich damit nicht nur um, es zerfällt: Die Hobby-Jagd ist nicht das günstige, sondern das teure System, dessen Rechnung nur jemand anderes bezahlt.
Der Denkfehler: die Verfassungsfeind-Unterstellung
Am heikelsten ist der Schluss des Arguments. Wer das Jagdrecht ändern wolle, müsse sich «fragen lassen, ob er auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung steht». Das ist sachlich falsch und rhetorisch gefährlich. Das Jagdrecht ist einfaches Gesetzesrecht; es per demokratischer Mehrheit zu ändern, ist der Normalfall der Demokratie, nicht ihr Gegenteil. Auch das Eigentum, auf das sich Hobby-Jäger berufen, steht unter dem ausdrücklichen Vorbehalt der Sozialpflichtigkeit (in Deutschland Art. 14 Abs. 2 GG: «Eigentum verpflichtet»). Wer eine Gesetzesreform fordert, nutzt die Rechtsordnung, er greift sie nicht an. Den gleichen Mechanismus zeigt der oft bemühte DDR-Vergleich: Staatlich organisiertes Wildtiermanagement existiert heute in zahlreichen Demokratien, der Verweis auf ein totalitäres System soll den Vorschlag diskreditieren, statt ihn zu widerlegen.
Argument 4: «Weidgerechtigkeit, der Jäger ehrt das Geschöpf»
Die vierte Linie ist die leiseste und wirkungsvollste. Sie kommt ohne Polemik aus und beruft sich auf einen berühmten Vers von Oskar von Riesenthal (1830 bis 1898): «Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild, weidmännisch jagt, wie sich’s gehört, den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.» Die Verteidigung lautet: Nicht der Schuss stehe an erster Stelle, sondern das Beschützen und Hegen; Weidgerechtigkeit sei eine innere Haltung von Demut und Ehrfurcht, die das Wild als Lebewesen mit Eigenwert achte.
Der Denkfehler: das Ideal als Beweis für die Praxis
Der Vers stammt aus dem späten 19. Jahrhundert, der Blütezeit der bürgerlichen Jagdromantik. Er beschreibt ein Ideal, kein Verhalten. Aus der Schönheit eines Selbstbilds folgt aber nichts über die Wirklichkeit. Man kann jede Tätigkeit über ihr edelstes Ideal rechtfertigen; entscheidend ist, ob die Praxis ihm entspricht. Und genau dieser Frage weicht das Argument aus. Die dokumentierte Realität, also angeschossene und nie gefundene Tiere, über 1’000 Anzeigen pro Jahr allein in Graubünden wegen Fehlverhalten der Hobby-Jäger, fehlende Promillegrenzen auf der Jagd, steht in offenem Widerspruch zu «beschützt und hegt sein Wild».
Die Umdeutung von «Hege»
Auch hier trägt ein wohlklingendes Wort die Last. «Hege» meint im Jagdkontext nicht Schutz vor dem Tod, sondern die Pflege eines bejagbaren Bestands, historisch samt Fütterung zur Bestandssteigerung und Bekämpfung konkurrierender Beutegreifer. «Hegen» und «Schützen» werden gleichgesetzt, sind aber das Gegenteil: Wer hegt, bewirtschaftet das Wild für den späteren Abschuss, indem er zum Beispiel auch die Beutegreifer bekriegt.
Der Selbstwiderspruch im Pathos
Am tiefsten reicht der Bruch in der gefeierten Schlusszeile. Wer im Tier ein Lebewesen mit Eigenwert und Anspruch auf Ehrfurcht erkennt, müsste daraus folgern, es nicht zum Vergnügen zu töten, nicht, es besonders ehrfürchtig zu töten. Das Argument übernimmt die Prämisse der Tierethik und zieht die entgegengesetzte Konsequenz. Die religiöse Aufladung überdeckt diesen Widerspruch mit Pathos, statt ihn aufzulösen. Und indem Weidgerechtigkeit zur «inneren Haltung» erklärt wird, verschiebt sich die Debatte von überprüfbarem Verhalten auf nicht überprüfbare Gesinnung, die sich jeder Faktenkontrolle entzieht. Dass es Jäger gibt, die diese Haltung aufrichtig meinen, ändert nichts an der Lücke: Eine gute Gesinnung bewahrt das fühlende Tier nicht davor, ohne Notwendigkeit zu sterben.
Das Märchen vom gesunden Wildfleisch
Hobby-Jäger und ihre Verbände verbreiten hartnäckig das Bild, Wildfleisch sei das gesündeste und natürlichste Lebensmittel überhaupt. So schreibt etwa Jagd Schweiz auf seiner Website, Reh, Hirsch und Wildschwein seien «viel gesünder und naturbelassener als jedes andere Fleisch». Was als Qualitätsversprechen klingt, ist in Wahrheit ein Marketingargument ohne wissenschaftliche Grundlage.
Die Realität sieht anders aus. Wildtiere bewegen sich in Landschaften, die durch Verkehr, Industrie, Landwirtschaft, PFAS-Chemikalien, Pestizide und Schwermetalle belastet sind. Niemand weiss exakt, was die Tiere fressen, welchen Giftstoffen sie ausgesetzt sind und wie mit kranken oder belasteten Tieren umgegangen wird. Eine Bio-Zertifizierung ist für Wildfleisch strukturell unmöglich: Es ist ein unkontrolliertes Naturprodukt, kein kontrolliertes Lebensmittel.
Ein besonders gravierendes Problem ist die Bleimunition. Wird ein Tier mit bleihaltiger Munition geschossen, zerlegt sich das Geschoss in zahlreiche kleine Fragmente, die sich im Gewebe verteilen und selbst mit sorgfältigem Zuschneiden häufig nicht vollständig entfernt werden können. Untersuchungen zeigen mittlere Bleigehalte von rund 5,2 ppm in Wildtierkörpern — etwa das 14-Fache der früheren EU-Annahmen. Für Blei gibt es keinen sicheren Schwellenwert: Jede Aufnahme ist potenziell schädlich.
Der Schweizer Tierschutz STS liess Wildfleischprodukte aus einheimischer Hobby-Jagd auf ihren Bleigehalt untersuchen: In 5 von 13 Proben wurde Blei über dem Richtwert festgestellt, zwei Proben überschritten den für Schlachttiere geltenden Grenzwert von 0,1 mg/kg fast um das Zwei- beziehungsweise Vierfache. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt ausdrücklich vor einem erhöhten Risiko für Personen, die wöchentlich Wild essen, insbesondere in Hobby-Jäger-Haushalten, wo gemäss Schweizer Studien bis zu 90 Portionen Wildfleisch pro Jahr verzehrt werden. Kleine Kinder, Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch sollten laut BfR auf mit Bleimunition erlegtes Wild vollständig verzichten.
Hinzu kommen Zoonosen wie Trichinose, Hepatitis E und Salmonellosen, die beim Verzehr von rohem oder unzureichend gegartem Wildfleisch übertragen werden können. Frankreichs Lebensmittelbehörde ANSES empfiehlt, den Verzehr von Wildfleisch auf maximal dreimal jährlich zu beschränken, und rät Schwangeren sowie Kindern grundsätzlich davon ab.
Wer Wildfleisch als «bio», «gesund» oder «natürlich» vermarktet, ignoriert diese wissenschaftlich belegten Risiken. Das ist keine Meinung, es ist Lobbyarbeit.
Das gemeinsame Muster
Stellt man die vier Argumente nebeneinander, treten dieselben Mechanismen hervor.
Erstens der naturalistische Fehlschluss: Aus Trieb, Urgeschichte oder «so war es immer» wird ein Sollen abgeleitet. Zweitens die Umdeutung von Begriffen: «jagen» wird zur Metapher, «Hobby» zur angeblichen Beleidigung, «Hege» zum Synonym für Schutz, «Ehrenamt» für ein bezahltes Hobby, damit der eigentliche Streitpunkt, das freiwillige Töten, aus dem Blick gerät. In der Jägersprache ist diese Umdeutung sogar zum festen System geworden, das den Tötungsakt durchgängig in Fachjargon übersetzt. Drittens der Strohmann: Der Gegenseite wird ein Vorwurf untergeschoben, den sie nie erhoben hat («Du unterstellst Unprofessionalität», «Beamte dürfen keinen Spass haben»), um ihn bequem zu widerlegen. Viertens die Flucht ins Ideal und in die Gesinnung: Statt der überprüfbaren Praxis wird das schöne Selbstbild (Weidgerechtigkeit, Ehrfurcht) zum Massstab erhoben, das sich nicht widerlegen lässt. Und fünftens, zunehmend, die Delegitimierung der Kritik selbst, bis hin zur Unterstellung, wer die Hobby-Jagd hinterfrage, stehe ausserhalb der demokratischen Ordnung.
Auffällig ist auch, woran es durchweg fehlt: an Belegen. Wo die Verteidiger mit Gefühl, Tradition und Pauschalbehauptungen arbeiten («niemand macht es besser als wir»), steht auf der Gegenseite eine dokumentierte Faktenlage, von der Trefferquote in Graubünden über den niederländischen E-Screener, bei dem rund ein Fünftel der getesteten Waffenbesitzer im Hobby-Jäger-Milieu die psychologischen Mindeststandards nicht erfüllte, bis zur 50-jährigen Bilanz des Genfer Modells.
Die immer gleichen Argumente sind kein Zufall, sondern ein geschlossenes rhetorisches Repertoire. Es soll eine Freizeitbeschäftigung, die Wildtiere tötet, als naturgegeben, sprachlich harmlos, staatstragend und sittlich erhaben erscheinen lassen. Sobald man die Begriffe entwirrt und die Zahlen danebenlegt, bleibt die Frage, der alle vier Argumente ausweichen: Warum soll in einer Gesellschaft mit gesichertem Lebensmittelangebot das Töten von Wildtieren als Hobby noch gerechtfertigt sein, wenn professionelles Wildtiermanagement nachweislich tierschonender, sicherer und günstiger funktioniert?
Mehr zu den einzelnen Punkten in unserem Dossier zur Jagd, insbesondere zur Vollkostenrechnung der Hobby-Jagd, zum Begriff Hobby-Jäger, zur Jägersprache, zur Initiative Wildhüter statt Jäger sowie zu unserer Dokumentation von Kriminalität und Jagd.
LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!
Wir möchten dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote im Newsletter zukommen lassen.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →